Sonnabend, (en v Jammt 1931
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0bechessische Zeitung
Anzeiger für (das frühere kurhessischej Oberhessen
«r.ll 66 Jahre.
Marburg a.8ohn
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Die Europa-Konferenz
Dr. Turtius fordert völlige Gleichberechtigung - Scharfe Rede Grandis
Genf, 16. San. Die Zweite Europäische Konferenz, zu der 27 euro- pällche Minister und in ihrer Begleitung viele hohe Beamte der 27 europäischen Außenministerien erschienen sind, wurde heute vor- mittag in der großen Glasveranda des Döl- ierbundshauses durch den französischen Außenminister Briand, der von der ersten europäischen Konferenz zum vorläufigen geschästs- führenden Präsidenten gewählt worden ist, unter größtem Andrang der internationalen Presse eröffnet.
■ Dor der Sitzung, die mit großer Verspätung begann, war in den Gängen ein fortwährendes Begrüben. Man sah, wie der französische Außenminister Briand spontan auf den deutschen Außenminister Dr. Curtius zutrat und mit ihm einige freundliche Worte wechselte. Weiter bemerkte man, »ne der deutsche Außenminister Dr. Curtius in einem längeren Gespräch mit dem italienischen Außenminister (Staubt verweilte, mit dem er offenbar einige Prozedur- ftagen hinsichtlich des Verlaufs der Europa- konferenz besprach.
Neben Briand hat der stellvertretende Generalsekretär A v e n o 1, der die Aufgaben des KonfttenzsekretSrs wahrnimmt, Matz genommen. Der Direktor des Internationalen Arbeitsamts, Albert Thomas, der der Konferenz ein Memorandum über sein Arbeitsgebiet vorgelegt hat, ist gleichfalls anwesend.
Um 11.30 Uhr erklärte Briand die Konferenz für eröffnet. In seiner Ansprache wies er zunächst auf
di« weiter fortschreitend« Zerrüttung der europäischen Wirtschaft
hm, die, den verantwortlichen Staatsmännern die Pflicht auferlege, gemeinsam nach Mitteln und Wegen zur Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichtes in Europa zu suchen.
Sn der an die Rede Briands anschließenden Aussprache ergriff als erster Redner der deutsche Außenminister
. Dr. Curtius
das Wort.
Dr. Curtius erklärte, es könne nicht seine Aufgabe sein, die Ausführungen des Vorsitzenden über die Notwendigkeit einer europäischen Zusammenarbeit und die Verstellung des europäischen Friedens nochmals zu unterstreichen. Die deutsche Regierung habe ihre Auffassung über diese Frage m ihrer Antwort auf das französische Memorandum vom Mai vorigen Jahres nieder- gelegt. Die Auffassung der deut- l.chen Regierung habe sich nicht geändert.
Deutschland «rstreb« einen gerechten Ausgleich der Interessen auf dem Boden bet völligen Gleichberechtigung. Unter bet Wirtschaftskrise, auf bie bet Dorsitzenbe nähet eingegangen sei, leibe Deutschland in betonterem Maße.
Dr. Curtius wies ferner barauf hin, baß Deutschland 4,3 Millionen Arbeits-
Ie habe, baß es unter einem außerordentlich starken Kapitalmangel leibe und unter einem Kapitalabfluß, für ben keine Gegenwerte vorhanben seien. Deutschlanb sei gewillt, jeben Weg mitzugehen, um gemeinem mit anderen Ländern die Wirtschafls- l r i s e z u b e h e b e n. Er sei der gleichen Meinung wie Briand, daß die jetzige Tagung sich „vr allem mit den Maßnahmen beschäftigen müsse, die geeignet seien, einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu finden, rparum sei er der Meinung, daß bie Kon- llsenz zunächst den Vorsitzenden der Wirt- 'chattskonferenz, C o l i j n, anhören müsse. Er Le* auch bereit, im Rahmen der Konferenz ?der einzelne Wirtschaftsmaßnahmen, z. B. ye Frage der Agrarkredite, zu verhandeln. ■~r- Curtius ging sodann kurz auf die Auf- bie der jetzigen Tagung gestellt seien, nn. Die Völkerbundsoersammlung habe dem ^tudienkomitee den Auftrag gegeben, das ge- amie Problem einer europäischen Einigung drillen. Auf der ersten europäischen Kon- v seien für die jetzige Tagung verschiedene ‘■ibciten in Aussicht genommen worden, so ff -?• die Erweiterung der Büros und eine Entscheidung über die Frage der Hinzu-, "rhuna btx euixo.jiÄtU&Aa HR.U-_
Sltekergaaten. Dr. Curtius erklärte, er fet der Auftassung, daß die jetzige Tagung an diesen Fragen nicht vorübergehen könne, und daß sie unter keinen U m st S n d e n unter den Tisch fallen dürften. Er bat den Vorsitzenden um eine Beantwortung bet Frage, in welcher Weise biefe Fragen letzt behandelt werden sollen.
Der italienische Außenminister
Grandi
erklärte, et benütze die Gelegenheit, um wieder auf die Vorbehalte hinzuweisen, die ferne Regierung im Mat des vergangenen Sahtes in dieser Angelegenheft auf das französische Memorandum votgebtacht habe.
Et hoff«, daß all« Nichtmitglietet des Völkerbundes eingeladen würden, an ter europäischen Union teilzunehmen, im ur- >
eigensten Interesse der Union selber, di« sonst «in einsettig«s Staat«ngruppenge- bild« darftell«. Di« Hinzuziehung von Rußland und bet Türkei liege auch im
Interesse des Völkerbundes selber.
Er wisse zwar nicht, welches bie Antwort dieser Länder auf eine Einladung sein würde: er fet aber sicher, daß diese Staaten es als sehr unangenehm empfinden würden, wenn man sie erst in einem späteren Stadium hin- zuztehen wolle. Die Frage müsse jetzt ge- klärt werden.
Grandi erllärte dann nochmals, was die ttehentfdjc Regierung bereits in ihrer Antwort auf das französische Memorandum getan habe,
daß di« «utopäische Union unmöglich sei, solang« di« gegenwärtig« llngl«ichh«it im
Preissenkung der Markenartikel
- Die letzte^ behördliche Preissenkungs-Maßnahme
Berlin, 16. Ian. Das Reich'swirt- schaftsministerium teilt mit:
Die R e i ch s r e g i e r u n g hat zur Förderung des weitereren Preisabbaus eine Verordnung über Preisbindungen bei Markenartikeln erlassen, die im Deutschen Reichsanzeiger bekannt gemacht wird. Als Markenartikel gelten nach der Verordnung solche Waren, die entweder selbst oder deren Umhüllung oder Ausstattung mit einem ihre Herkunft kennzeichnenden Merkmal (Firma, Wort- oder Bildzeichen und ähnlichem) versehen sind. Der Verkehr mit diesen Waren fällt aber nur dann unter die Verordnung, wenn der Lieferer dem Abnehmer durch Verpflichtungsscheii. (Revers), durch den Inhalt seiner Geschäftsbedingungen ober auf eine anbete Weise verpflichtet hat, die Ware nur zu einem bestimmten Preise an den Verbraucher weiter zu veräußern. Diese Preisbindungen sollen nach dem Inhalt der Verordnung dann hinfällig sein, wenn der festgesetzte Preis gegenüber dem am 1. Juli 1930 geltenden Verbraucherpreis nicht um minbestens 10 Prozentermäßigt ist.
Soweit eine solche Preissenkung bisher noch nicht erfolgt ist, werden also die an dem Verkehr mit Markenwaren beteiligten Wirtschaftskreise (Erzeuger, Groß
händler und Einzelhändler bestrebt sein müssen, sich binnen kürzester Zeit zur Vermeidung des Verlustes des Rechtsschutzes im gegenseitigen Zusammenwirken über den geforderten Preisabbau zu verständigen.
Das Anwendungsgebiet der Verordnung ist sachlich auf preisgebundene Markenartikel besftmmter wichtiger Warengebiete beschränkt. Diese sind, soweit Lebensmittel in Betracht kommen, in der Verordnung ausdrücklich genannt, zum anderen werden sie in einer gleichzeitig mit der Verordnung ergehenden Bekanntmachung gruppenweise aufge- führft Utn eine möglichst fühlbare Preissenkung mit alsbaldiger Wirkung zu erreichen, sieht die Verordnung von einer individualisierenden Regelung ab und trifft allgemeine Vorschriften. Zur Abwendung unvorhergesehener erheblicher wirtschaftlicher Nachteile ist eine allerdings sehr eng gezogene Härtebestimmung aufgenommen. Andererseits bleibt in solchen Fällen, in denen eine Senkung des Preises um 10 Prozent noch nicht für ausreichend zu erachten ist, die Möglichkeit offen, auf Grund der Vorschriften des fünften Abschnittes der Notverordnung vom 26. Juli 1930 weitergehende Maßnahmen zu ergreifen.
RLftungsstand ter europäischen Staaten »ertauben ist. Es müsse mttebingt bie völlig« politisch« mtb juristische Gleichheit aller europäischen Staaten erreicht wetten.
Dies sei unmöglich, solange bie Staaten bet Abrüstungspsiicht, wie sie im Völletbunbs- patt vorgeschrieben sei, nicht genügt hätten. Italien sei bereit, an bet Lösung bet Ab- rüftungsfrage mitzuarbeiten, ba hier bte einzig mögliche Lösung bet Schwie- ngterten liege, unter benen Europa leibet. Das sei bie primäre Seite bes Problems bet europäischen Einigung. Alle anberen Fragen feien, so wichtig unb dringlich sie nn Augenblick auch erscheinen, gegenüber biefer Hauptfrage von sekundärer Bedeutung.
Im wetteren Verlaufe der Aussprache machte der englische Außenministet Henderson ben. Vorschlag, eine Kommission emzusetzen, welche bie in bet Diskussion aufgeworfenen Fragen, insbesondere das Ar- bettsprogramm für die jetzige Tagung, prüfen solle. Dieser Vorschlag wurde angenommen. In der Kommission, die aus sieben Mitgliedern der Konferenz besteht, ist auch Deutschland durch Dr. Curtius Der*-
Politik mit Anleihen
Bor dem Abschluß der polnisch-französischen Milliardenankeihe.
Wie bie im allgemeinen gut unterrichtete Zeitung „Slowo" berichtet, haben bie vermutlich abschließenden Besprechungen zwischen bet polnischen Regierung und bet Firma Schneider-Creuzot über bie Verpachtung bet Bahn Ober* schlefien—Ebingen an bie französische Firma unb über bie Gewährung einer Anleihe von einer Milliarde Francs am 13. Januar in Warschau begonnen. Die Bauarbeiten sollen Anfang 1932 beende: sein. Die Pachtdauer wird, wie bereits gemeldet, 55 Iahte betragen. Die Tarife auf der Linie sollen nicht höhet sein als bie anderen Eisenbahntarife Polens. Die polnische Regierung wird sich verpflichten, für 150 Millionen Zloty Eisenbahn- material für t-ie neue Linie anzukaufen. Die Durchführung der technischen Arbeiten wird in der Hand bei Franzosen liegen unter Mithilfe polnischer Fachleute
Sechzig Jahre Deutsches Reich
Von Prof. Dr. Walter Schneider -Köln.
Die seckzigjährige Wiederkehr des Ta-, ges, an dem nach siegreichen Schlachten des endlich wieder geeinten deutschen Heeres die Tatsache dieser Einigung auch nach außen hin ihre Bestätigung fand, sollte eigentlich unter der Wucht erinnerungs- voller Dankbarkeit für diesen einen Tag den polittschen Hader in Deutschland verstummen lassen. Leider ist dem nicht soi Selbst in Bezug auf das Letzte und Höchste, das uns das Schicksal gelassen hat, die staatsrechtliche Einheitsfvrm unseres nationalen Daseins, ist die deutsche Seele zerrissen und kämpft gegen sich selbst. Mancher möchte den ehrwürdigen (Hamen des „Deutschen Reiches" in den einer „Deutschen Republik" umtaufen, und so den Zusammenhang nut dem Reich, das Bismarck schuf, innerlich zu lösen und Deutschland geschichtslos den westeuropäischen und transatlantischen Freistaaten anzureihen. Wer jedoch eine Ahnung von der Wucht ünd der geheimen Kraft geschichtlichen Denkens für die Gestaltung politischer Ge- S>art und Zukunft hat, wird in ehrlicher
stbesinnung diesen Tag begehen, der zweimal zugleich Ende und Anfang einer mühevollen, in schwerem Ringen von großen Persönlichkeiten heraufgeführten Entwicklung gewesen ist.
Jammervoll war die Erbschaft, die der zwanzigjährige Kurfürst Friedrich Wil- helm von Brandenburg 1640 übernahm. Mer „er beseelte, der größte deutsche Mann seiner Tage, die schlummernden Kräfte seines Staates mit der Kraft seines Wollens". Et nahm in seinen durch ganz Deutschland zerstreuten Gebietsteilen den Kampf gegen die Eigenbrödler in Preußen wie am Rhein auf und zwang sie, sich als Glieder eines Hauptes" zu fühlen. Zugleich rief er in das deutsche Jammerleben die Mahnung „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!" und kämpfte als Reichsfürst ernsthaft gegen Ludwig XIV. Mit Preußens Aufstieg beginnt die Befreiung Deutschlands von fremder Herrschaft. Als Friedrich Wilhelms Sohn sich am 18. Januar 1701 die Krone eines souveränen Königreiches Preußen auf das Haupt setzte, fügte er, halb unbewußt, den Schlußstein in die Herkules- arbeit seines Vaters. Der Sohn und der Enkel vollendeten das Werk. In einer für Deutschland unerhörten Zusammenfassung aller wirtschaftlichen, sittlichen und geistigen Kärste für den Dienst des Staates schuf Friedrich Wilhelm I. den preußischen Beamtenstand. Friedrich der Große zertrümmerte der Sache nach den morschen Bau des Reiches und gab dem Entwicke- lungsdrang des jungen Staates über das deutsche Ziel hinaus europäische Bedeutung, indem er den deutschen Dualismus, der feit den Tagen der undeutschen Po- littk Karls V. klaffte zu einem nicht mehr zu unterdrückenden Problem emporhvb. Aber das Werk der deutschen Einigung blieb auch ihm versagt. Seine Zeit begriff ihn nicht, und dem genialen Oberbau des Staates fehlten noch die tragenden Kräfte zum organischen Emporstreben.
Rach dem Zusammenbruch von 1806 schuf der Freiherr vom Stein das neue Preußen, das der historischen Aufgabe des 18. Januar gewachsen sein konnte. Aber das Steuer wurde ihm aus der Hand gerissen, und die auf Einheit und Freiheit gerichteten Bestrebungen der geizigen Elite und des aufftrebenben Bürgertums Deutschlands schienen in Preußen ihren starrsten Gegner zu finden. Preußen erschien als der Feind der deutschen Einheit und Freiheft.
Dennoch sollte gerade aus der Kaste des preußischen Junkertums der Mann erstehen, in dessen Blut sich die besten Kräfte '■ Preußens als Erbe der Vorfahren mischten, die Kraft des Landadels mit der Lebendigkeit und Geschäftigkeit des liberalen Beamtentums - Bismarck. Er erst überwand jene dynamische Spannung zwi- - scheu dem für den Deutschen so charakte- riftifchen Hang zum individuellen Einzel-