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Marburg «.Lahn

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'' Nr.l 66.3nbtg.

Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberhessen

Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

eutschlands Forderungen an das Ausland

Gleiche Sicherheit für alle Völker Durchführung der allgemeinen Abrüstung Erhaltung der sittlichen und sozialen Lebensgrundlagen des deutschen Volkes

Me traditionelle Äeujahrskundgebung im Reichspräsidentenhaus ging noch mehr als in irgend einem früheren Jahre über den Rahmen des Austausches von Höf­lichkeiten hinaus. Angesichts der beson­deren, schwierigen Lage und der brennen­den Probleme auf allen Gebieten sind so­wohl die Reichsregierung als auch der Reichspräsident auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der deutschen und der inter­nationalen Politik in Worten eingegangen, die in 'Berliner politischen Kreisen gro­ßen Eindruck gemacht haben und allgemein starken Widerhall finden werden.

So viel Gewicht naturgemäß auf die besonderen Sorgen des deutschen Volkes gelegt wird, kommt in den Reden doch das entschlossene Festhalten an der Politik der Zusammenfassung aller positiven Kräfte zum Ausgleich der starken Interessen­gegensätze der Völker und des Fortschrittes der Menschheit zum Ausdruck. Im Rah­men dieser Politik muß aber, wie Reichs­regierung und Reichspräsident übereinstim­mend betonten, dafür gesorgt werden, daß Die sittlichen und sozialen Leben e* grundlagen des deutschen Vol­kes nicht erschüttert werden. Die Pflicht Und die im vergangenen Jahre einge- , tretene Wandlung der Weltwittschafts- lage begründen die Notwendigkeit, der Revision des Poungplanes näher zu treten. An das Ausland richtet sich der Ausdruck der Befriedigung über Die nun endlich bewirkte Räumung der Rheinlands als Fortschritt auf dem Wege ßum wahren Frieden, und ebenso die gleichfalls im Interesse der wahren Be­friedung erhobene Forderung nach Durch­führung des Grundsatzes der Gleichbe­rechtigung und der gleichen Sicherheit aller Völker. Anter deut­licher Anspielung auf die gerade in die­ser Hinsicht so unbefriedigenden Ergeb­nisse der verschiedenen Genfer Konferenzen sprach der Reichspräsident vor dem diplo- mattschen Korps die Erwartung aus, daß Die internationale Zusammenarbeit sich rm kommenden Jahre als wirksam genug er­weise. um das deutsche Volk vor weiteren schmerzlichen Enttäuschungen zu bewahren. Den auf dem deutschen Volke lastenden wirtschaftlichen und seelischen Druck auch mit dem von ihr allein abhängenden Maß­nahmen zu beheben, ist der entschlossene Wllle der Reichsregierung. Der Reichs­präsident warnte in diesem Zusammenhang in eindrucksvollen Worten davor, die po­litischen und persönlichen Gegensätze zu einem Kampf ausarten zu lassen, der das Deutsche Volk zerreißt und zur Bildung eines gemeinsamen Willens unfähig macht.

Diese wohlüberlegten programmatischen Aeußerungen, mit denen die verantwott- lichen Führer des deutschen Reiches bei einem feierlichen Anlaß vor die Well- öffentlichkeit getreten sind, haben Anspruch darauf, überall in ihrer ganzen Bedeu­tung gewürdigt zu werden.

Die Neujahrsempfänge in Berlin

Am Neujahrstage fanden beim Reichs­präsidenten die üblichen Empfänge statt. Gegen 11 Uhr nahm der Reichspräsivent am Portal die Meldung der Wache, die mit Musik vom Brandenburger Tor gekommen war, entgegen. Um 12 Uhr empfing der Reichspräsident im Großen Saale des Reichs- präsidentcn-Hauses das Diplomatische Korps. Dabei hielt der Doyen

Nuntius Orjenigo eine Ansprache.Es ist mir ein Herzens­bedürfnis", so führte er in der llebersetzung u. a. aus,ein treuer Dolmetsch zu sein aller edlen Wünsche des Gedeihens, die meine

erlauchten Kollegen heute für Ihre Person und für die große Nation hegen, deren Ge­schicke Sie, Herr Reichspräsident, mit be­wundernswerter Kraft und Frische lenken. Die Morgenröte dieses neuen Jahres ist leider nicht ohne Trübung.

Die Rot breitet überall ihren Trauer­schleier aus.

Es hat fast überall nicht an hochherzigen Versuchen gefehlt, dieser gewaltigen Welt­krise abzuhelfen. Wir beobachten mit großer Genugtuung die Anstrengungen, mit denen Deutschland die Krise zu überwin­den sich bemüht. Aber die Erfahrung er­bringt immer erneut den Beweis, daß ohne die volle und aufrichtige Eintracht der Na­tionen es unmöglich ist, eine wirkliche wirt­schaftliche Wiedergesundung der Völker herbei­zuführen. Möge die wirtschaftliche Not ein

fl. Tsse,n, 2. Jan Auf einer Anzahl »0« Zechen im Ruyrkohlenbergbau tam es heute früh unter dem Druck von Arbeits­losen, die die Zechentore besetzt hatten, zu wilden Streiks. Während auf ein­zelnen Zechen nur ein TeU der Belegschaft nicht eingefahren ist, ruht auf anderen Zechen des Bezirks die Arbeit voll­ständig. Soweit sich bis jetzt feststellen lieft, werde« von diesem Streik etwa 20 Zechen des Ruhrbetriebs be­troffen.

Anläßlich des zehnjährigen Bestehens der Reichswehr sprach Reichswehr­mini st er Eroener gestern abend auf der Deutschen Welle im Rundfunk über Geschichte, Aufgaben und Leistungen der Reichswehr. Er stellte fest, daft die Wehrverfassung, die uns den zu zwölfjähriger Dienstzeit verpflichteten Berufssoldaten gebracht hat und im Vergleich zu dem Wehrsystem der an­deren Länder die relativ höchsten Kosten verursache, dem Willen des deut­schen Volkes widerspreche. Dann ging er auf den ungeheuren Gegensatz Süschen den Deutschland auferlegten Be- ränkungen im Ausbau seiner Wehr­macht und dem Ergebnis der letzten Gen­fer Abrüstungsbesprechung ein.

Deutschland verlange für sich das gleiche Maft au Sicherheit, das alle anderen Staaten für sich in Anspruch nehmen.

Die Welt dürfe über die Tragweite dieser Frage nicht im unklaren bleiben. Es han­dele sich hier um eine Lebensfrage, nicht nur für uns, sondern auch für den Völkerbund und die Zukunft der Welt. Der Aufbau der deutschen Wehrmacht unter den vorgeschriebenen Bedingungen stelle an die Selbstzucht, die Berufsfreu­digkeit und das Staatsbewußtsein der Reichswehrangehörigen die höchsten An­forderungen. Aus der Auflehnung gegen den äußeren Druck seien Ereignisse wie die

Antrieb werden zu neuen ernstgemeinten Ver­suchen, um die innigere Einigung der Geister, die gegenseitige herzliche Verständigung un­ter den Nationen M erreichen, die allein feste Gewähr bietet für eine gesicherte Freiheit und Ruhe in allen Ländern und einen dauernden Frieden unter den Völkern."

Sodann überbrachte der Nuntius dem Reichspräsidenten noch im Namen der Staats­oberhäupter, die durch das Diplomatische Korps vertreten werden, die besten Wünsche.

In seiner Erwiderung dantte

der R e i ch s p r 8 s i d e n t

zunächst für die dargebrachten Wünsche. Er führte dann u. a. aus:

Mit besonderer Wucht treffen die Aus­wirkungen der Weltwirtschaftskrise bas deutsche Volk. Unsere Hoffnung auf eine

Funktionärkonserenzett tut Ruhrgebiet.

B chUm, *3 Jan. In Den Geschäftsstellen des Bergbau-Jndustriearbeiter-Verbandes, Be­zirk Ruhrgebiet, fanden heute 14 Funktions- konfcrenzen statt, die sich mit der lohnpoliti­schen Lage im Ruhrbergbau befaßten. In allen Konferenzen wurde der Aufruf der Berg­arbeiterverbände gutgeheitzen, in dem die Be­legschaften aufgefordert werden, keine neuen Arbeitsverträge abzuschlietzen, die die vom Zechenverband gewünschte Lohnherabsetzung vorsehen. Einer eventuellen Aussperrung am 15. Januar, so wurde weiter ausgeführt, wür­den die Bergarbeiter mit Ruhe und Entschlos­senheit entgegensehen. Ebenso entschlossen würden sie sich gegen die politischen Streik­parolen der KPD. und der revolutionären Ee- werkschaftsopposition wenden.

des Jahres 1920 und Stimmungen, wie sie im Leipziger Prozeß sichtbar wurden zu erklären. Die Staatsraijon fordere aber ihre strenge Unterdrückung. Die Reichswehr dürfe niemals eine Präto­rianergarde werden, die nach eigenem Gutdünken in die Geschicke des Staates eingreift.

Unabhängig vom Streit der Parteien habe die Wehrmacht nut dem Staat zn dienen.

Die beiden bisherigen Reichspräsidenten hätten dafür gesorgt, daß die Linie der Ueberparteilichkeit auch in Zeiten poli­tischer Hochspannung bisher klar eingehal­ten worden ist. Die äußeren Schwächen der Wehrorganisation gelte es durch die persönliche Tüchtigkeit und den inneren Wert jedes einzelnen Soldaten soweit wie möglich auszugleichen. Nachdem der Reichsminister dann noch Fragen der Ausbildung und verschiedene Re­formen auf dem Gebiet des Straf- wesens eingehender behandelt und sich ferner mit dem Aufbau der deutschen Marine beschäftigt hatte, schloß er unter nochmaliger starker Betonung des Ge­dankens, daß die Reichswehr weder Rechts- noch Linkskurs kennt, mit der Feststellung, daß niemand in Deutschland einen Krieg wolle, aber daß die Landesvertei­digung eine Lebensfrage der Ration sei. Ohne Wehrhaftigkeit und Selbstbehauptungswillen könne kein gro­ßes Staatswesen bestehen

dauernd wirksame Besserung der Lage ist auch von Umständen abhängig, über die wir nicht allein Herr sind.

Mit steigender Spannung erwartet da» deutsche Soll, daß die internationale Zn» sammenarbeit sich im kommenden Jahr al» wirksam genug erweist, um das deutsche Soll vor weiteren schmerzlichen Enttäu­schungen zu bewahren.

Der Ausgleich der starken Interessengegensätze, die allenthalben das Schicksal der Völker bedrohen, kann nicht in Vereinzelung vollzogen werden. Zusammenfassung aller positiven Kräfte zur Beseitigung der Krise und zur Ueberwindung der Hindernisie für den Fortschritt der Menschheit ist die große Friedensaufgabe, an der Deutschland mitzu­wirken entschlossen ist."

Der Empfang der Reichsregierung.

Um 12.30 Uhr empfing der Reichspräsident die Reichsregierung. In Vertretung des be­urlaubten Kanzlers begrüßte Reichswehr­minister G r ö n e r den Reichspräsidenten mit einer Ansprache. Er wünschte zunächst dem Reichspräsidenten Gesundheit und Wohler­gehen im neuen Jahr.Wir sind dem Ge­schick von ganzem Herzen dankbar", so sagte Gröner weiter,in Ihnen ein Oberhaupt zu besitzen, auf das die ganze Welt mit Ver­ehrung blickt und dem die Liebe des ge samten deutschen Volkes gilt.

Seit den Abmachungen über den Renen Plan hat sich in der gesamten Meltwirt- schastslage eine so tiefgehende Wandlung vollzogen, daß die Reichsregiernng vor die ernste Frage gestellt ist, ob das deutsche Soll die in dem Reuen Plan vorgesehenen Lasten zu tragen vermag.

Die Reichsregiernng ist sich ihrer Pflicht be­wußt, dafür zu sorgen, daß die sittlichen und sozialen Lebensgrundlagen des deutschen Volkes nicht erschüttert werden." Gröner er- innerte dann an die Befreiung des Rheinlan­des von fremder Besatzung am 1. Juli des vergangenen Jahres. Er bezeichnete den Ab­zug der Bahnschutztruppen als einen Schritt vorwärts auf dem Wege zur endgültigen Heimkehr des Saargebiets ins Reich. Die be­rechtigten Beschwerden der deutschen Minder­heiten hätten in unserer Oeffentlichkeit einen starken Widerhall gefunden. Die Reichs­regierung werde in der Sorge für das deutsche Volk jenseits der Grenze eine ihrer wichtigsten Aufgaben sehen. Zur Abrüstungsfrage erklärte Gröner:Schmerzlich empfindet das deutsche Volk, daß der Grundsatz der Gleich­berechtigung. der auch für unser Volk einen selbstverständlichen Anspruch hat, noch nicht gewährleistet ist.

Roch immer ist die feierlich übernommene Serpflichtung auf Abrüstung durch dir an- deren Mächte nicht in die Wirklichkeit nm- gesetzt und noch immer muß sich Deutsch­land in seiner Sicherheit bedroht fühlen.

Auch hier wird es Aufgabe der Reichsregie­rung sein, mit allem Nachdruck dafür einzu­treten. daß der Grundsatz gleicher Sicherheit für alle Völker, ohne den eine wahre Be­friedung unmöglich ist. sich durchsetzt."

Der Reichspräsident

stellte in seiner Erwiderung fest, daß von den Wünschen, mit denen er vor einem Jahr diesen Tag begrüßt habe, sich nur der eine erfüllt habe: dem besetzten Gebiet ist die langersehnte Befreiung von fremder Besatzung wiedergegeben worden. Er gedachte sodami der Saardeutschen, die sich ttotz ihrer staat­lichen Trennung mit uns immer eins fühl­ten und ungebrochenen Mutes auf den Tag der Rückkehr ins Vaterhaus warteten. Sodann führte der Reichhpräsident aus:Mit voller Zustimmung entnehme ich aus Ihren Worten, daß die Reichsoeaierung sich der ernsten Lage bewußt ist, die sich infolge der tiefgreifenden Aenderung der weltwirtschaftlichen Verhält­nisse seit der Zeit entwickelt hat, als wir uns aus den von Ihnen hervorgehobenen Grün­den zur Annahme des Neuen Planes ent-

Wilder Streik im Ruhrbergbau

ZehnJahreDeutscheWehrmacht

Ein Rundfunkvortrag des Reichswehrministers