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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«
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^Berliner" Westen 10 D 0 f CtttO tl 0TI
Wann verbietet die Reichsregiemng den Hetzfilm? / 4
Täglich neue Kundgebungen Keine Weihnachtskrise! '
Das Kabinett will prüfen Das Pensionskürzungsgesetz
Der Reichsinnemninister Dr. Wirth hat sich gestern den Film „Im Weste« «ichts Neves- i« seinem Ministerium vor- fiihren lassen. Wie die „Börse«, Zeitung- berichtet, hat der Minister es abgelehnt. de« Film z» »et« biete«. Der Film wird heute mittag dem Reichskabiuett selbst vorgeführt werde«.
Unter Bezugnahme auf die allabendlichen Kundgebungen auf dem Nollendorf- platz gegen den Kriegsfilm „Zur Westen «ichts Neues- fordert die „D.A.Z.-, dah sich die Reichsregier««a endlich einmal um diese Dinge kümmere und dafür sorge, dah dieser Film abgesetzt wird. Die Polizei sei nicht dazu da. das Zentrum eines großen Bezirks der Reichshauptstadt m ei« Heerlager zu verwandeln, weil ein beliebiger Kinobefitzer einen Fllm spiele, de« Tausende vo« Menschen als eine Lerhöhuung des deutschen Soldaten betrachte« ««d ablehnten, gegen de« höchste Behörde« des Reiches Ei«sprach erhoben hätte« «nd der im Ausland als ein Hetzfilm gegen Deutschland vorgeführt werde.
Der Reichsverband Deutscher Lichtspieltheater-Besitzer hat auf einer Vertretertagung folgende Entschließung gefaßt: „Die Delegierten des Reichsverbandes Deutscher Lichtspieltheater-Besitzer lehnen es ab. Filme zu zeigen, die ihre Theater zum Schauplatz politischer Kämpfe machen. Sie bedauern es außerordentlich, daß der Deutschamerikaner Karl 2oentmle 12 Jahre' nach Friedensschluß noch einen Kriegsfilm hergestellt hat, der in Berlin nicht in der gleichen Fassung wie in London und Paris laufen kann." Di« nationalsozialistischen Kundgebungen im
Westen Berlins.
Im Laufe des gestrigen Abends hatten sich mehrere tausend Demonstranten eingefunden, die die eine Hälfte des Wittenberg-Platzes besetzt hielten, während auf der anderen Seite und um den Untergrundbahnhof herum noch mehrere hundert Personen herumstanden. In den Nebenstraßen herrschte reger Personen- und Wagenverkehr. Als Dr. Goebbels gegen i/210 Uhr auf dem Platz erschien, et« kletterten Photographen und junge Burschen Bäume und Laternenpfähle.
Außer Dr. Goebbels waren noch 84 Reichs- lagsabgeordnete der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei anwesend.
llls Erster sprach der SS.-Führer, Reichstagsabgeordneter Himmler (München), der in scharfen Worten gegen die Weiterführung des «filme „Im Westen nichts Neues' Stellung uahm. Dr. Goebbels wandte sich in feinen Ausführungen besonders gegen die Aktion der Polizei. Die Kundgebung wurde mit dem Deutschlandliede abgeschlossen, das auch vor Eintreffen der Abgeordneten mehrmals ange- sümmt worden war.
Eine besonders gefährliche Situation entstand am Schluß der Kundgebung, gegen 10 iihr, durch das plötzliche Erscheinen eines veuerwehrzuges. Die Demonstranten glaubten, daß die Polizei die Feuerwehr zu Hilfe heranoeholt habe, da auch bereits am Bollendorf-Platz
das neue Waflerschleuderauto der Polizei bereitgestanden hatte, und empfingen die Feuerwehr mit großem Johlen und Pfeifen. Die Demonstranten nahmen gegen die Feuerwehr, die nach dem Hause am Wittenbergplatz 8, vor dem die Demonstranten dicht gedrängt standen, alarmiert war, eine drohende Haltung ein. Es stellte sich dabei rechtzeitig heraus, daß es sich um blinden Alarm handelte, und es gelang nach kurzer Zeit, darüber der aufgeregten Menge Aufklärung zu geben. Die Tauentzienftraße war durch ein starkes Polizeiaufgebot zu Fuß und Pferde abgeriegelt, und in den Nebenstraßen standen mehrere Polizeikommandos bereit. Kurz nach 10 Uhr formierte sich ein Demonstrationszug, der sich durch die Ansbacher nach d?r Augsburger Straße bewegte.
Am Kurfürstendamm am Kaffee Uhlandeck nahm Dr. Goebbels auf feinem Auto stehend wieder den Vorbeimarsch der Menge ab, der fast eine Stunde währte.
Ein großer Teil des Zuges jedoch wurde dann in der Uhlandftraße von der Polizei abgedrängt und unter Anwendung des Gummiknüppels aufgelöst, da aus dem Zuge Rufe „Nieder mit der Polizei!" gefallen waren. Der andere Teil des Demonstrationszuges, der aus vielen tausend Menschen bestand, marschierte dann weiter zum Knie.
Eine Rede Dr. Goebbels
Gegen 1/212 Uhr nachts traf Dr. Goebbels mit feinem Auto am Knie ein, von den Taufenden von Nationalsozialisten mit Heilrufen empfangen. In seiner Ansprache erklärte Dr. Goebbels, daß die Nationalsozialisten die Macht mit legalen Mitteln und auf legalem Wege erringen würden. Dr. Goebbels sagte dann für den heutigen Mittwoch Kampfpause an und wies daraufhin, daß
am Donnerstag die Entscheidung darüber fallen werd«, ob der Fllm wettergespiett wird oder nicht.
Wird der Film weitergespielt, so werde man mit noch größerer Energie die Demonstrationen wiederholen, solange, bis der Fllm ver- schwinde. Schließlich forderte der Redner die Anwesenden auf, eiserne Disziplin zu halten und sich nicht zu Gewalttaten hin» reißen zu lassen. Mit einem dreifachen Heilruf auf den Nattonalsozialismus, der von den anwesenden Nattonalsozialisten mit einem gleichen Heilruf auf Goebbels erwidert wurde, schloß die Kundgebung am Knie.
Eine Sitte an den Reichspräsidenten.
Der Führer der Deutschnattonalen Bolks- partei, Dr. Hugenberg, und Dr. Oberfohren, der Borsitzende der deutschnattonalen Reichstagsfraktton, haben cm den Reichspräsidenten von Hindenburg im Namen der Deutschnationalen Bolkspartei folgendes Telegramm gerichtet:
„Dem Herrn Reichspräsidenten! Trotz des Einspruches des Reichswehrministeriums gegen den Hetzfilm „Im Westen nichts Neues", trotz der berechttgten Empörung der gesamten nationalen Bevölkerung werden die Aufführungen des Films unter stärkster Inanspruchnahme der Polizei fortgesetzt. Wir bitten den Herrn Reichspräsidenten, den Führer der in diesem Filme beschimpften Heere des Weltkrieges, den Oberbefehlshaber der jetzigen Wehrmacht, durch persönliches Eingreifen diesem öffentlichen Skandal ein Ende zu machen.
Das Ergebnis der gestrigen mit Spannung erwarteten Reichstagsabstimmungen war, daß die Reichsregierung sich dem Parlament gegenüber erneut durchgesetzt hat. Die außenpolitische Debatte ist in die Zeit nach der Genfer Tagung, also auf Anfang Februar, hinausgeschoben worden. Es ist dem Druck, der von mehreren Setten auf die Christlich-Sozialen ausgeübt wurde, gelungen, auch sie zum Einlenten zu bewegen, und selbst die Wirtschaftspartei, die noch vor wenigen Tagen ein Mißtrauensvotum eingebracht hatte, hat sich jetzt bereitgefunden, im Sinne der Regierungswünsche zu stimmen. Zu dieser Entwickelung dürften nicht zuletzt auch die Bemühungen de» Oberpräsidenten L u k a s ch e l - Oberschlesien beigetragen haben, der gestern im Reichstag« zu sehen war. Er ist rwar nicht, wie Berliner Blätter wissen wollen, mit einer Delegation nach Berlin gekommen, abet er hat es doch, und offenbar nicht ohne Erfolg oersuck)t, den Abgeordneten die schwierige Sttuation in Oberschlesien klarzumachen.
Selbst wenn sich die gestrigen Anträge und die Eeschäftsordnungsdebatte am Mittwoch wiederholen sollten, ist sicher damit zu rechnen, daß sich die gleiche Mehrhett gegen sie finden wird, wie am Dienstag. Dies gilt auch für die Behandlung der Mißtrauensanträge, die damtt ebenfalls als auf Februar vertagt gelten können. Damtt sieht man im Reichstag die Gewähr dafür gegeben, daß nun mit einer Weihnachtskrise nicht mehr zu rechnen ist.
Die deutschnationale Frattion hat int Reichstag drei Mißtrauensanträge gegen die Reichsminister Dr. Eurtius, Dr. Wirth und Treoiranus eingebracht.
Sitzungsbericht
Berlin, 9. Dez. Präsident Lobe teilt nach Eröffnung der heutigen Reichstagssitzung mtt, daß in Zuschriften von Abgeordneten der Bayerischen Volkspattei festgestellt wttd. bei den namentlichen Abstimmungen am Sonnabend feien infolge der neuen Platz- Derteilung einige Versehen vorgekommen. So sind beispielsweise die Stirnrnkatten des hn Reichstag gar nicht anwesenden Abg. Silier (Wittschaftspattei) versehentlich vom Abg. Schwarzer (Bayer. Vpt.) hn Sinne der Bayerischen Volkspattei abgegeben worden.
Hierauf kommt das
Pensionskürzungsgesetz
$ur ersten Beratung.
Abg. Sprenger (Nat.-Soz.): Der Verrat von 1918 war gar keine Revolution, sondern eine Schiebung, mü der die Sozialdemokraten ihre Patteibonzen in Beamtenstellungen unterbringen wollten. Die in der Verfassung festgelegten wohlerworbenen Rechte der Beamten haben durch bie Beamtenabbauverordnung die Sozialdemokraten mtt Füßen getreten, gemeinsam mit ihren schwarzen Koalitionsbrüdern vom Zentrum. Darüber hinaus hat man den Beamten einsettige Opfer zugemutet. (Zurufe: In Italien noch viel mehr!) In Italien handelt es sich nur um die Angleichung an die Valuta.
Vorher war das deutsche Beamtentum unbestechlich. Es ist erst anders geworden, als Sie ($« den Sozialdemokraten) wie die Fassadenkletterer mtt Ihren Par- teibwchbeamten in die Beamtenlaufbahn en,gedrungen sind. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Ist es etwa nicht wahr, daß Scheidemann seinen Ober» bürgermeiftrrpoften den Deutschnationale« verlaufen wollte? (Rufe bei den So« zialdemokraten „Unverschämtheit!")
Der hohe Pensionsttat ist von den Patteien »verschuldet durch den viel zu weitgehen-
Beamtenabbau. Man könnte in der Seit
der Not vorsichtig untersuchen, wie weit man an ehre Kürzung der Eroßpensionen Herangehen könnte. Zu diesem Zweck beantragen wir die Ueberroeiiung der Vorlage an den Beamtenausschuß.
Abg. Laverrenz (Dntl.): Diese Vorlage ist ein ty p i s ch e s Kin b des M ar- risrnus. Die alten pensionierten Offiziere haben sich doch ihre Pension verdient, sie zahlen ihre Steuern und sie haben auch das Recht der freien Meinungsäußerung. Der vorliegende Entwutt versucht in empfindlicher Weise in die oettassungsmäßigen Rechte der Beamten einzugreffen. Eine Verschlechterung der Versorgungsverhältnisse gegenüber dem bisherigen Zustand lehnen wir ab.
Durch «in« PensionskLrzung im Sinne d«r Vorlage würde geradezu der Arbeitswille bestrast. Das Ruhegehalt ist nur «in restlich hinausgeschobener Teil des verdienten Gehaltes.
Wir können die Vorlage, die wiederum einseitig nur die Beamten treffen und die Beamtenrechte aushöhlen will, nicht gutheißen.
Abg. Dr. Krone (Ztt.): In einer Zett der allgemeinen Volksnot müssen Opfer von allen Schichten gebracht werden. Wir dürfen auch an den zu hohen Pensionen nicht vorbeigehen. Dabei wollen wir die wohlerworbenen Rechte der breiten Masse der Beamtenschaft nicht verletzen. Wir haben schon vor mehreren Jahren eine Höchstpensions- grenze geforbert. Wir begrüßen darum den vorliegenden Gesetzentwutt- Der vorliegende Entwutt geht uns in manchen Punkten noch nicht weit genug. Wir halten es für notwendig. daß
verheiratete Beamtinnen mit einer Abfindung entlassen werden, damtt die Doppelverdiener aufhören.
Wir stehen auf dem Boden des Berufsbeamtentums und erwatten von der Durchführung des Pensionskürzungsgesetzes, daß damtt der Beamtenhetze der Boden entzogen wird.
Abg. Mo rath (Dt. Vpt.): Wir lehnen die Vorlage ab, wie wir das immer getan haben. Auch von den Freunden eines solchen Gesetzes wird zugegeben, daß der finanzielle Effekt nur gering ist. Dann soll man doch aber in einer Zeit, in der an sich schon den Beamten der Hauptteil an den finanziellen Opfern für das Reich zugemutet wird, diese neue Beunruhigung der Beamtenschaft vermeiden durch ein Gesetz, das doch nur eine Verbeugung vor der Straße ist. Der Vorsitzende des Richteroereins beim Reichsgericht hat erklärt,
eine solche Pensionskürzung würde dem Vertragsrecht widersprechen.
Doppelverdiener gibt es in allen möglichen Berufsgruppen, man wendet sich aber immer nur gegen die pensionierten Beamten, weil man immer den Weg des schwächsten Widerstandes gehen will. Bei der Einführung einer Höchstpensionsgrenze von 12 000 Mark würde die jährliche Ersparnis für unseren Millionen-Etat nur 110 000 Mark betragen. Wenn man die Beamtenrechte wahren will, bann barf man auch heute keine Ausnahme für bie Hochbesolbeten machen. Die Beamten haben bafflr em feines Gefühl unb auch bie Beamten ber niebrigen Besoldungsgruppen sind in der Abwehr solcher Pläne eins mit den übrigen. Durch solche Vorlagen wird bie Siaatsgefhmung ber Beamten nicht gestärkt. «
Abg. Rauch- München (Bayer. Vpt.): In einer Zett ber größten Arbeitslosigkeit geht es nicht an, baß bie Empfänger von Pension unb Wattegelb anbere Menschen vom Arbeitsplatz oerbrängen. Das wollen wir verhindern. Der vorliegende Entwutt geht aber wett darüber hinaus. Wir werden uns im Ausschuß gegen alle Bestimmungen wenden, bie über ben Zweck, ben Doppelverbienern ein Enbe zu machen, hinausgehen.