Sonnabend, den 6. M1930
Die .Ober-eMche Sctttmg* erscheint sechsmal wöchentlich. Sfr jugifttii monatNch 2.20®9R.attfr schließt. Zustrllungvgebübr, durch di« Post 2.45 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendefekt oder elementare Greigniffe ausfallend« Nnumiern wird kein Ersatz geleistet. Verlag, Dr. §. Hitzeroch. Druck der Unib-Duchdruckerei Job. Ang. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Nr. 54 und Rr.55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion um 10—11 ** »Al—1 Uhr.
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
ZLm Appell des Reichskanzlers
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;vj- Der Rücktritt Dr. Vredts genehmigt
Internationale Handelskammer * Angriffe gegen Curtius /
Die Weltwirtschaftskrise Die große Aussprache
ft. Paris, 6. Dez. Der Verwaltungsrat der Internationalen Handelskammer hielt am Freitag unter dem Vorsitz des früheren belgischen Ministers The uni s eine Sitzung ab, in der die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise behandelt wurde. Deutschland war durch den Präsidenten der deutschen Landesgruppe des Verwaltungsrates der Internationalen Handelskammer Franz v. Mendelssohn und den stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Froh wein, vertreten. Ferner nahmen Vertreter von Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Holland, Indien, Italien, Polen, Tscheschoslo- wakei, Rumänien, Schweden und der Vereinigten Staaten an der Sitzung teil.
Nach den Ausführungen des englischen Vertreters Sir Arthur B a l f o u e r, der darauf hinwies, daß es endlich an der Zeit fei, die Kreditgewährung Rußlands gegenüber einzustellen sprach der franzö- isische und amerikanische Vertreter über die Entwicklung der Weltwirtschaftskrise.
Franz v. Mendelssohn sprach dann über die besonderen Ursachen der deutschen Krise, die einmal in der weitgehenden Kapitalentblößung liege, die Deutschland zwinge, Kredite zu hohen Zinssätzen aus dem Ausland aufzunehmen, ferner in den Wirkungen der schweren Weltwirtschaftskrise. Reben dem technischen Fortschritt stehe das Bestreben vieler Länder, sich wirtschaftlich möglichst unabhängig zu machen. In der Welt sei ein Erzeugungsapparat aufgebaut worden, der mit der Kaufkraft nicht mehr in Uebereinstimmung zu bringen sei. Diese Vorgänge wurden verstärkt durch politisch bedingte Einwirkungen auf den internationalen Zahlungsausgleich. Ein starkes Bewußtsein der Gemeinsamkeit der Industrie sei notwendig, denn die internationale Handelskammer verteidige die gemeinsamen Güter der nationalen und der internationalen Wirtschaft.
Der stellvertretende Vorsitzende des Reichsverbandes der deutschen Industrie F r o h w e i n wies darauf hin, daß man einer besonderen Ursachenreihe der Weltwirtschaftskrise größere Aufmerksamkeit schenken müsie, als es bisher geschehen sei. Es handele sich dabei um die Tatsache, daß auf den warenwirtschaftlichen und weltwirtschaftlichen Beziehungen seit Jahren und besonders jetzt ein ganz enormer Druck laste.
Er habe dabei insbesondere die enormen Zahlungen im Ange, die ans der Kriegsverschnldnng zu leisten seien.
Dieses System werde solange der Wiedergesundung der Weltwirtschaft sehr hemmend im Wege stehen, bis die Wirtschaft als Mittel zur Hebung der Depression in stärkstem Maße benutzt werde. Wenn gegenüber dieser These der Einwand erhoben wird, daß es sich im Verhältnis zu dem gesamten Ausmaß des internationalen Warenaustausches und der Kapitaleinfuhr nur um einen geringen Teil handele, so vertrete er den Standpunkt, daß das Gewicht dieses Teiles ungleich schwer wiege, als es der allgemeinen Wirtschaftslage entspreche, denn bei den iy^-2 Milliarden Reichsmark, die jährlich im Zusammenhang mit dieser Verschuldung, gezahlt werden müßten, handelt es sich um einen Spitzenbetrag, der eine verviel-
sache, daß Sora
von Getreide, Rohstoffen und Halbfertia- waren zu Schleuderpreisen, die unterhalb der normalen Herstellungskosten liegen, auf den Markt werfe, hervorzuheben.
Bisher 50 Tote
Geheimnisvolle Todesfälle
Berlin, 5. Dez. Die sozialdemokratische Fraktion hielt heute abend eine Sitzung ab, i» der beschlossen wurde, gegen die Anträge auf Aufhebung der Notverordnung und gegen alle Mißtrauensan- träge zu stimmen.
Berlin, 5. Dez. 2m Reichstage wurde di« erste Beratung des Haushalts für 1931 in Verbindung mit der Aussprache über die neue Notverordnung und die dazu vorliegenden Anträge fortgesetzt.
Abg. Nippel (Christl.-Soz.) erklärt, man möge über die Anwendung des Artikels 48 denken wie man wolle. Tatsache sei, dah weiteste Kreise des Volkes es begrützen, daß der Reichskanzler sich nicht in unerquicklichen Verhandlungen ergehe^ sondern klar und zielbewußt
fältigende Wirkung ausübe. Er mache diese Ausführungen nicht, um das Problem der interalliierten Schulden und der Kriegsverschuldung überhaupt aufzurollen, sondern er habe sie in Uebereinstimmung mit den Ausführungen anderer Redner gemacht, die diese Dinge auch angedeutet hätten, um zu den wichtigen lleberlegun- gen, die im Rahmen der Tagung angestellt worden seien, efne Ergänzung zu bringen, die er im Intereffe der Weltwirtschaft für unerläßlich halte. Im Anschluß an diese Erörterungen nahm der Verwaltungsrat eine Entschließung an, in der betont wird, daß bei der gegenwärtigen Organisation der Wirtschaft der einzelnen Länder die Interesien weil- gehendst untereinander verbunden seien, und daß '■ .......... ...
eine allgemeine Untersuchung Über Ursache und Wirkung der Krise drin«
gehört. Dringend notwendig ser vor allem auch die Sanierung der Gemeinden. Die Parieiherrschaft auf den Rathäusern habe der Selbstverwaltung das Grab gegraben. Ein Musterbeispiel von Ueberverwcütung liefere die Stadt Bochum. Stadt und Reichspost beschäftigen je 1200 Personen. Während bei der Post auf die 1200 Beamte vier leitende Beamte kommen, habe die Stadt Bochum deren 57. Die Reichspost zahle ihren 1200 Beamten 3Vs Millionen Mark, die Stadt Bochum mehr als "LV- Millionen.
«bg. Drewitz (Wirtschaftsp.):
Mit sozialistischen Erperkmen- ten hat man 1923 den Zustand herbergeführt, daß das verarmte Deutschland wert über seine Verhältnisse lebte. Die Wirtschaftspartei hat sich dagegen gewehrt, daß von den Nachfolgern Luthers und Sch-liebens die angesammelten Reserven verpulvert wurden. Wir sind als Reaktionäre beschimpft worden, well wir gegen die verschwenderische Ausgabenbewilligung und auch gegen die überhöhte Besoldungsordnung ge-
gend notwendig sei.
Rach jedem großen Kriege habe es Krisen gegeben, aber die gegenwärtige Depression unterscheide sich von ähnlichen Krisen der Vergangenheit dadurch, daß sie sich auf die ganze Welt erstrecke. Jnfolgedesien könne nur durch die Zusammenarbeit aller die Wiederbelebung der Geschäfte erzielt werden. Unter den allgemeinen Ursachen und Symtomen der gegenwärtigen Depression seien besonders die beängstigende Arbeitslosigkeit, die anhaltende Stockung der Wirtschaft, verursacht durch die politische Unsicherheit,, die eilweise oder völlige Schließung eines der wichtigsten Märkte der Welt, die schwere Belastung durch nationale Steuern und schließlich die Tat- >jet-Rußland große Mengen Rohstoffen und Halbfertig- ......> unterhalb
ft Brüssel, 6. Dez. Eine geheimnisvolle Epidemie hat d'ie Gegend von Lüttich heimgesucht, die stark mU Kohlengruben, Eisen- und Ziukwerkeu sowie mit chemische« Werke» besetzt ist. Ueber dem ganze« Gebiet hängt seit einige« Tagen ein dichter Rebel. Eine große Anzahl von Personen ist plützttch an den Atmnngsorg««en erkrankt. Alle Patienten klagen über Erstickungs- Erscheinungen. Lungenleidende Personen sind bereits in erschreckend hoher Anzahl dahingerafst worden. So werden in dem Dorf Eugis IK Tote gezäW. Zm Dorf Flemallehant 8 Tote, «ns verschiedenen andere« Orte, meldet man ebenfalls mchrere Tote. Insgesamt solle» bis jetzt etwa 50 Personen gestorben sei«. Die Zahl der Erkranknn- gen geht in die Hunderte.
Anfangs vermutete man, daß die Seuche durch die Gase der Zinkwerke ver- ursacht worden sei. Allein diese Er-
värung muß wieder fallen gelassen werden, denn die Zinkwerke stehen seit mehreren Tagen still. Die Aerzte vermögen die Ursache nicht zu erklären. Im allgemeinen neigt man zu der Annahme, daß der Rebel von Giftgasen unbekannter Herkunft durchtränkt sein müsse. Heute findet eine Versammlung aller Aerzte der Gegend statt, um über die Lage zu beraten.
Der Bürgermeister vo« Engis über die geheimnisvolle« Bergistunge«.
Der Bürgermeister von Engis (Belgien) teilte in einem Fernspruch an de« „Daily Herald" über die dortige Giftgas-Katastrophe mit, daß er selbst an dem geheimnisvollen Vergiftungserscheinungen erkrankt sei. Er fuhr fort: Meine gesamte kleine Stadt von 3500 Einwohnern ist von Panik erfüllt. Niemand weiß, was die Ursache ist. Ich glaube, daß . die Theorie, daß deutsches Giftgas in der Nähe vergraben worden ist und die Luft verpestet, nicht stii^haltig ist. Kein deutsches Gas wurde je in diesem Tale aufgespeichert, und es könnte auf jedenfall nicht die Gegend auf 20 Meilen vergiften. Der; Nebel ist geruch- und geschmacklos.
’ stimmt haben. (Zurufe von deck Sozfy!- demokraten.) -•
Wenn Sie (zu den Sozialdemokraten) mit Ihren Zurufen mir meine« Beruf al» Bäckermeister vorwerfen, so beweisen Sie damit die Großmannssucht des Parteibeamten, der ehrliche Arbeit verachtet (leb- Hafter Vribfall bei der Wirtschaft-Partei).
Wir haben immer die Ausgabensenkung gefordert. Wir haben uns immer bereit erklärt, an der Sanierung der Finanzen des Reiches mitzuarbeiten. .
SBeittt aber die Negierung jede Änderung ihrer Notverordnung ablehnt, dann wird »ns nichts anderes übrig bleibe«, als die ganze Notverordnung abzulehnen.
Wir haben uns keineswegs gegen den Preisabbau gesträubt, aber wir haben auch ehrlich ausgesprochen, daß die Preissenkungsaktion der Regierung Spiegelfechterei ist. Die Unternehmer- und Gewerkschaftsvertreter vereinbarten auf ■ einer im Ministerium veranstalteten Konferenz, durch Konsumvereine, Werkkonsumvereine und Warenhäuser einen scharfen Konkurrenzkampf gegen den Kleinhandel zu führen. Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß eine Preissenkung erreicht wird. Die Voraussetzung ist aber eine steuerliche Entlastung der Wirtschaft.
Abg. Rauch-München (Bayr. Bpt.):
Die Sanierung der Reichsfinanzen ist notwendig, aber sie darf nicht auf Kosten der Länder und Eemeinden'erfolgen. Es muß alles versucht werden, die Arbeitslosigkeit zu vermindern. Es kommt alles darauf an, daß wir Preise, Gehälter und Löhne gleichmäßig senken. Der Beamte selbst hat durchaus kein Interesse an einer Beamteninflation. Die Aufblähung des Beamtenapparates ist in erster Linie durch das Parlament verschuldet worden. Ohne Preisabbau ist em Eehaltsabbau nicht durchführbar.
Abg. Dr. Weber (Deutsche Staatspartei) verliest eine Ervärung seiner Fraktion, die der Besorgnis darüber Ausdruck gibt, daß timten kurzer Zeit das Parlament zwei- malauf sein Eesetzgebungsrecht ver- zi chten müsse. Aber die Not breitester Schichten verlange rasches Handeln und rechtfertige außerordentliche Maßnahmen.
Reichskanzler Dr. Brüning:
Die Regierung hat mit den Parteien Fühlung genommen und hat zu einem hohen Prozentsatz die Wünsche der Parteien verwirklicht. Die letzten 10 Prozent, die in der neuen Notverordnung nicht verwirklicht Snb, würden weder auf diesem noch auf em normalen parlamentarischen
Wege zu verwirllichen sein. • (Zuruf "bei den Naisoz.: Was bedeutet das?).
Daß Parteiforderungen überhaupt nicht 100-prozentig erfüllt werde« könne«, auch Ihre nicht!
Gerade die Kritik der Landvolkpartei an dem Inhalt der Notverordnung hätte bedenken müssen, daß bei einer Einzelabstimmung die Maßnahmen für die Landwirtschaft zu kurz gekommen wären. Man muß auch bedenken, daß das Interesse der Landwirtschaft nicht allein auf hohe Zölle gerichtet ist (Sehr wahr! in der Mitte.) In den Zollerhöhungen sind wir bereits sehr weit gegangen. Wenn Sie aber in der Landvolkpartei glauben, den notwendigsten Sanierungsmaßnahmen der Reichsregierung ihre Zustimmung versagen-, zu »ollen, so kann ich Ihnen nur das einet sagen: bei einer solchen ablehnenden Haltung werden auch alle weiteren denkbaren Zöll- maßnahmen die Sage der Landwirtschaft nicht retten können, denn das erste Problem "ist für