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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Protestnote gegen Polen abgesandt
Kritik an der „matten Haltung" der Reichsregierung - Volksparteiliche Arbeiterschaft fordert rücksichtsloses Vorgehen gegen Polen
Berlin, 28. Rov. Die Reichsregierung bat ihre Beschwerdenote an de» Bölterdnndsrat nach längerer KabiüettsSeratnng heute abend endgültig formuliert und sie «och am späten Abend nach Genf abgesaudt. Die. Rote wird Samstag vormittag in Genf eintreffen. Gleichzeitig find die diplomatische« Vertreter der Reichsregiersng bei den Ratsmächte« beauftragt worden, ihrerseits den Beschwerdeschritt der Reichsregierung beim Völkerbund entsprechend vorzubereiten und den Ratsmächten den Wortlaut der Protestnote zu übergebe«. Wege« dieser diplomatischen Aktion, die in de« nächsten Tragen überall durchgeführt werde» wird, ist mit einer Veröffentlichung des Wortlautes der deutschen Beschwerdenote voraus- fichtlich nicht vor Dienstag oder Mittwoch nächster Woche zu rechnen.
Der Rote find mehrere Anlagen beigefügt, in denen die Berechtigung der Beschwerden durch Aufzählung bestimmter Einzelfälle nach- gewieken wird. Die deutsche Regierung verlangt in der Note, daß der Völkerbund auf Grund der bestehenden Abkommen über die Behandlung der Minderheiten gegen die Verletzung der Rechte eingreife, daß die durch polnischer Terrorakte betroffenen Deutschen entschädigt und die politischen Rechte der deutschen 'Minderheit in Zukunft gewahrt werden. Das Auswärtige Amt hat gleichzeitig den Regierungen jener Staaten, die im Völkerbund vertreten sind — und dazu gehören alle europäischen Großmächte —, durch die diplomatischen Vertreter die Rote überreichen und auch mündlich erläutern lassen.
Das Material, auf das sich die Beschwerde- «ote stützt, ist in zwei Gruppen behandelt: Politische Entrechtung der deutschen Minderheit und Terrorakte gegen einzelne Deutsche. Zu der ersten Gruppe gehört die Feststellung, daß zahlreiche polnische Staatsangehörige deutscher Nationalität nicht in die Wählerlisten ausgenommen wurden mit der Begründung, sie besäßen nicht die polnische Staatsangehörigkeit. Allein in Kattowitz und Königshütte ist 30000 Wählern deutscher Nationalität die Aufnahme in die Wählerlisten verweigert worden.
Der schlesische Woiewode ließ durch Anschlag erklären, daß die Wähler öffentlich oder geheim stimmen könnten. Aber im Wahlbezirk Kattowitz forderte die Bezirkswahlkom- misston die Aufständischenverbände nachdrücklich auf, zu beobachten, welche Wähler geheime Stimmzettel abgäben und dadurch deutscher Gesinnung verdächtig seien.
Zu den Terrorakten in Oberschlesien wird festgestellt, daß die polnischen Behörden das Vorgehen des Schlesischen Aufständischenverbandes wohlwollend geduldet haben, daß der höchste Beamte in Polnisch- Oberschlesien, der Wojewode, Ehrenvorsitzender des Aufständischenverbandes ist, und daß der zu Gewalttaten auffordernde Aufruf der Auf- ständischenverbände von zahlreichen Inhabern öffentlicher Aemter unterzeichnet war. Sn Nicolai waren vier polnische Polizeibeamte Augenzeugen des Heberfalls von 25 Aufständischen auf eine deutsche Wahlversammlung, ohne einzugreifen. Sn Sorau wurden vier deutsche Stadtverordnete beim Verlassen des Rathauses überfallen und so schwer mißhandelt, daß einer von ihnen besinnungslos liegen blieb, ohne daß die Rathauspolizeiwache eingriff. Bei der Mißhandlung eines Deutschen in Kattowitz verweigerte die Polizei eine Untersuchung des Falles und verwies den Mißhandelten auf das Privatklageverfahren.
Besonders schwerwiegend ist der mehrstündige Angriff auf eine deutsche Häusergruppe in Hohenbirken, der ttotz seiner langen Dauer nicht zum Eingreifen der Polizei führte. Nicht weniger ernst ist der Vorfall in Eolassowitz, wo es nicht gelang, die Polizei gegen den Überfall polnischer Aufständischer auf das deutsche Gemeindehaus und die Minderhettenschule zu mobilisieren.
Schließlich haben beiden terroristischen Vorgängen Tausende von Briefen eine Rolle ge
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Die Stu deute» kundgebun« i» Berlin ,
Professoren verlassen in Breslau unter Pfuirufen den Saal
spielt, die ganz offen mit dem Stempel der Aufständischenverbände Angehörigen der deutschen Minderheit zugestellt wurden mit der Drohung, daß sie ihr Testament machen müßten, wenn fie nicht Haus und Hof . verließen. •
Für rücksichtsloses Vorgehen gegen Pole«.
Berlin, 28. Nov. Der Aktionsausschuß der Zentralstelle der Rational- liberalen Arbeitervereinigung nahm am Donnerstag zu der skandalösen Behandlung der Deutschen in Polen eine an die Reichsregierung gerichtete Entschließung an. in der die Reichsregierung aufgefordert wird, von denschärfstcn Mitteln Gebrauch zu machen. Die den deutschen Minderheiten zuteil gewordene Behandlung spotte jeder Beschreibung. Es befremde die deutsche Ar- ft, daß von feiten der Reichsregierung auf Wunsch der Sozialdemokratie in den vergangenen Jahren eine außerordentlich matte Haltung geg/en» über Polen eingenommen worden sei. Die nattonalliberalen Arbeiter forderten, daß die Regierung vom Völker- bund ein energisches Eingreifen verlange. Lehne der Bölkerbund den Schutz der deutschen Minderheiten ab, so dürfte die Mitgliedschaft Deutschlands im Bölkerbund überflüssig sein. Weiterhin wird gefordert, daß für jeden verhafteten Deutschen im deutschen Reichsgebiet ansüss igerPoleinHaftg e- nommen werde, und ihm die gleiche Behandlung zuteil werde, wie den Deutschen in den polnischen Zuchthäusern.
Breslau. 29. Nov. Wie in anderen Städten veranstaltete auch hier die Freie Studentenschaft der Breslauer Universität und der Technischen Hochschule in Breslau am Freitag abend, im Großen Konzerthaussaal eine von 3000 Personen besuchte Protestkundgebung gegen die
Deutschenversolgung in Ostoberschlesien, ll. a. nahmen die beiden Rektoren der Universität und der Technischen Hochschule sowie einige Professoren an der Kundgebung teil.
. Der Referent dies Abends, der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Dr. Kleiner-Beuthen OS., behandelte zunächst die Vorgänge in Ostoberschlesien und griff dann die R'xchsregierung wegen ihres „langen Warten" heftig an.
Daranfhi« verließen die beiden Rek-
Frick gegen das Reichsbanner
W e i m a r 28. Nov. Vom thüringischen Ministerium des Innern wird folgendes mitgettelt: Nach den polizeilichen Ermittlungen hat die Ortsgruppe Gera des Reichsbanners Schwarzrotgold am Bußtag zwischen Kleinsaara und dem Waldrand „In der Käseschänk" bei Gera eine militärische Hebung abgehalten, an der etwa 260 Personen teilgeuom- men haben. Die militärische Hebung fah Marschsicherung, Verbindungsleute und anderes vor. Vor dem Waldrand wur-
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inttetn um
mung zur Auflösung der Ortsgruppe Gera des Reichsbanners Schwarzrotgold auf Grund der erwähnten gesetzlichen Bestimmungen gebeten.
den Schützenlinien auf freiem Felde entwickelt. Er erfolgte ein markierter Angriff auf den Waldrand, der durch Horn- fignale, wie fie früher bei den Felddienstübungen der Infanterie abgegeben wurden, abgebrochen wurde. Aus dem Verhalten der Ortsgruppe Gera des Reichsbanners geht hervor, daß fich diese Ortsgruppe militärisch betätigt und durch ihre Betätigung und ihren Zweck im Widerspruch zu dem Gesetz zur Durchführung der Art. 177 und 178 des Friedensvertrages steht. Das thüringische Ministerium des Innern hat daher pflichtgemäß nach §1 des genannten Gesetzes den Herrn Reichs-
Zeugenvernehmung Fricks im Polizei-
Weimar, 28. Nov. Am Freitag nachmittag erfolgte in Weimar die mehrfach auf Antrag des Reiches verschobene Zeugenvernehmung des Staatsministers Dr. Frick durch den Berichterstatter des
Staatsgerichtshofes. Der Minister sagte u. a. aus, er habe nach seinem Amtsantritt angeordnet, daß ihm die wichtigsten Personalangelegenheiten zur persönlichen Entscheidung Vorbehalten bleiben sollten. Er stehe auf dem Standpunkt, daß bei den Polizeibeamten zwecks Aufrechterhaltung der Zu- verläsfigkeit der Truppe auf ihre deutsche Gefiinnung Wert zu legen sei und daß daher die sozialdemokratische Parteizugehörigkeit ein Boden sei, auf dem fich vielleicht persönliche Eigenschaften entwickelten, die mit den Ausgaben eines Polizeibeamten kaum vereinbar seien. Er denke dabei an extrempazifistische und klassenkämpferische Bestrebungen. Deshalb und weil er die türingi- schen Verhältnisse nicht genug gekannt habe, habe er sich an Vertrauensleute gewandt, besonders an den Abgeordneten Cauckel, dem er die Listen der Bewerber zur Einholung vertraulicher näherer Auskünfte ausgehändigt habe. Das wichtigste aber sei ihm stets der Mann, seine Tüch- ttgkeit und seine fachliche Eignung gewesen. Auf die Parteizugehörigkeit habe er kein entscheidendes Gewicht geigt. Er müsse die Hnterftellung ablehnen, daß er die thüringische Landespolizei in eine nationalsozialistische Parteigruppe habe umbilden wollen. Welcher Partei der Anwärter angehörte, sei in den meisten Fällen nicht genau festzustellen gewesen. Meistens gehörten fie wohl gar keiner Partei an. Ihm seien zahlreiche Einstellungsgesuche von Parteigenossen zugegangen, von denen nur ein verschwindend kleiner Teil angenommen worden sei. Von Hunderten von Gesuchen früherer Offiziere sei nicht ein einziges angenommen.
toten sowie zwei weitere Professoren unter Protestrufen der Studenten den Saal.
Als er dann in beleidigender Weise von dem preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun sprach, verließen weitere Professoren, diesmal von lauten Pfuirufen begleitet, den Saal. Rach weiterer Kritik an der Haltung der Reichsregierung wurde eine Enschließung angenommen, die an den Reichspräsidenten abgehen soll und die der die an der Kundgebung beteiligte Breslauer Studentenschaft gegen die ungeheuerliche Deutschenhetze und gegen die ständige Verletzung der Minderheitenschutzverträge in Ostober- schlefien schärfsten Protest erhebt.
MsttmsStrMtt eter Austritt aus dem Mtecbund
Berlin, 28. Nov. Dr. H u g e n - berg hat namens der Deutschnationalen Volkspartei an Reichskanzler Dr. Brüning folgendes Telegramm gerichtet:
„Die Vorgänge in der Genfer Abrüstungskonferenz entblößen kraß den bösen Willen Frankreichs und der seine Rüstungspolitik stützenden Staaten in der für die Erhaltung des europäischen Friedens entscheidenden Abrüstungsfrage. Sie widerlegen zugleich Kurs und Methoden der bisherigen deutschen Außenpolitik. Angesichts dieser Erfahrungen und angesichts der für die ungeschützte Ostmark durch Polens Terror drohenden Gefahren wiederholen wird heute nachdrücklichst unsere Forderung auf Erklärung des Selbsterhaltungsrechts der deutschen Rü-