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Nr. 279

OVerbellllche 3fftenn. Marburg «. L. Frttkag. Den 28. November 1930

Sette 3

Stets gab es Neugierige, die den Hund betrachteten. Nur anrühren ließ er sich nicht.

GS wurde Frühjahr, tnti) endlich kam der Tag, an dem sich das Gefängnistor für den Dieb öffnen sollte. Da dieser Tag in der Stadt bekannt geworden war, versam­melten sich zur Stunde der Freilassung diele Zuschauer vor dem Lor des Gefäng­nisses. Punkt 12 Ahr rasselten die Schlüs­sel, die Torflügel öffneten sich kreischend, und der Dieb trat ins Freie, überrascht auf die Menschenmenge blinzelnd. Zn die­sem Augenblick stürzte sich Rex mit lautem Freudengebell auf seinen Herrn und sprang an ihm hoch. Der Dieb drückte seinen Hund fest an sich, der chn wild beleckte und sein Freudengebell immer wieder er­schallen lieh. Die Zuschauer brachen in Hochrufe aus.

Dann trat aus ihrer Mitte eine Ab­ordnung auf den Dieb und seinen Hund zu. Ein würdiger Herr erklärte unter all­gemeiner Stille, daß die vorbildliche, sel­tene Treue des Hundes geehrt werden müsse. Die tierliebenden Bürger der Stadt Goshen im Staate New Pott ge­statteten sich, den treuen Hund auszuzeich­nen. Nach diesen Worten überreichte der Herr dem Dieb ein schönes Holland mit einer großen silbernen Plakette, das solle

Ein Mann fährt zum Nordpol . . .

Gedanken zum Start des Kapitäns Wilkins nach Kings-Bay

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3n den ersten Tagen des Dezember wird Kapitän Wilkins mit seinem zu einer Polfahrt ausgerüsteten Untersee­boot nach Kings-Bay starten.

Es muß doch etwas Eeheimnisvolles, viel­leicht Wunderbares sein um den Nordpol und das ihn umaebende Eisgebiet, jene Gegend unsererunbekannten Erde", die Jahr aus, Jahr ein bedeckt ist von Schnee und Eis, über die das kaue flirrende Licht des Polarlichtes strahlt, in der alles tot und leer ist . . .

Immer wieder ziehen Menschen in jette 1400 0C9 Quadratkilometer große,. eisbedeckte, unbekannte Ebene, besessen von Wagemut, Ehrgeiz und Wissensdurst. Mit Hunden ein« gespannt mit Züchten Geschirren vor ebenso leichten Schi'tt.n mit breiten Kufen, sind sie in die Eiswüste eingedrungen. Luftschiffe ha­ben versucht, sie zu überqueren von bdr Ost­küste Grönlands gleiten in diesen Tagen mit heulenden Motoren die ersten Propellerschlit­ten in das Innere des Landes, irn kommen­den Jahre wird auch derGraf Zeppelin" un­ter Eckeners Führung feine Nordpol-Fahrt antreten und

i« diesen Tagen startet Wilkins mit sei­nem Unterseeboot nach der Kings-Bay,

die als Basis für seine Untereisfahrt nach dem Nordpol dienen soll.

Seit Jahrzehnten schon beobachtet die Menschheit staunend diesen Zug nach dem Pol. Am 21. April 1908 ereichte F. A Cook den Nordpol. Nach ihm am "7. April 1909 kam Peary. Byrd folg am 9. Mai 1926 von Spitzbergen aus und über den Pol zurück. Am 11. Mai 1926 startete Nobile, der unglückliche italienische Luftschifführer, gemeinsam mit Amundsen zu einem gleichen Fluge, der in Alaska endete.

In diese Daten eingeschlossen ist eine un­endliche Kette von Mühsal Entbehrungen, Hunger, Frost, Arbeit und Enttäuschung. Äb- geschnitten von jeder Zivilisation, mit den nächsten menschlichen Siedlungen nur verbun­den durch die Wellen des Rundfunksenders, müssen in der grausamen, frostklirrenden Kälte die letzten Vorbereitungen getroffen werden. Es ist nichts da: kein Nagel, keine Latte, kein Tropfen Del, kein Licht, gar nichts. Alles muß erst mit Schiffen und Hundeschlitten her- beigeschafst werden; mühselig werden die Ap- parate montiert und die Maschinen zusam- em I mengebaut. Und dann kommt das Warten,

tage- und wochenlang, bis endlich Wetter ein­getreten ist, das einigermaßen günstig für den Start erscheint . .

Es ist eine lange, lange Reihe von Män­nern, die hinausge^rgen find in die Eiswüste des Polargebietcs. Und

fast ebenso lang ist die Reihe derer, die nicht wieder kamen , . .

Irgendwo in Eis und Schnee ist ihr Grab, über ihre gebleichten Gebeine heult der Sturm, die Kahlheit des Nordlichtes flackert über die Stätte ihres Todeskampfes.

Niemand weiß, welche Qualen sie erlebten, bis der erlösende Tod ihrem Kämpfen ein Ende bereitete. Schilderungen Geretteter aber erzählen davon, wie langsam Glied um Glied abgestorben ist, wie sie unfähig wurden, sich zu bewegen, wie der Hunger in den Eingeroei- oen riß und wie bis zum letzten Augenblick nicht die Hoffnung in Hoffnung in ihnen nicht sterben wollte, wie sie immer, immer noch glaubten, daß die Kameraden aus dem Standlager doch noch kommen würden, sie zu retten. Vis endlich das große, weiße Schwei­gen sie in die Arme nahm und sie hinübertrug in die tiefe, unendliche Stille des Jenseits

So starben viele, sehr viele-- und

doch lassen die Forscher und Gelehrten aller Länder sich nicht abschrecken! Immer von Neuem sind sie hinausgezogen in die Unend­lichkeit der Eiswüste, begeistert von ihrer Auf­gabe, zerfressen von Ehrgeiz. Und jetzt kommt als jüngstes Glied in dieser langen, langen Kette Wilkins, der kaltrechnende, überle­gende Amerikaner.

*

Was Wilkins Expedition so ungewöhnlich macht, daß ist die Tatsache, daß er

Mit einem Unterseeboot unter der (Eie» e decke hindurch bis zum Pol selbst fahren will. Als die Welt von dem Plan des bekannten Fliegers hörte, antwor­tete sie mit [Hallendem Lachen. Aber: ge» robb dieses Gelächter war es, das die Ameri­kaner aufstachelte zu dem "Jetzt gerade!" Europa sagte:Unmöglich!" Gut, Amerika antwortete:Nichts ist unmöglich, wenn ein starker, unbeugsamer Wille hinter der Sache steht!"

Wilkins Polarexpedition wurde über Nacht zu einer nationalen Angelegenheit der U. S. A.! Das Phantastische des Planes begeisterte

den nüchternen Ranker. Er nahm die Pfeife aus dem schmalen Munde und ging an die Arbeit: in einem Jahr waren Boot, Aus­rüstung und Plans fertig! Hätte man anders­wo erst zehnStudienkommissionen" einge­setzt. Reden gehalten, Banketts gegeben, Re­solutionen abgefaßt und die Zeit verstreichen lassen hier arbeitete man!

Der Staat stellte das Boot aus den Bestän­den bet Kriegsmarine zur Verfügung. Samm­lungen, Spenben unb Subventionen ermög­lichen den Umbau unb die Ausrüstung mit all den komplizierten technischen Hilfsmitteln:

mit der Eissäge im dopprltgepanzertem Turm,

den Bohrern, der Schmelzanlage (die selbst 20 Meter dickes Eis auftauen soll), den Druck­bassins. Wissenschaftler und Gelehrte stellten sich unentgeltlich zur Verfügung für die Aus­arbeitung der Fahrtroute, die Zeitungen mach­ten die nötige Reklame.

Und jetzt wird Wilkins in den nächsten Ta­gen starten. Er ist voll von gesundem Opti- mismns, der sich stützt auf eine ausgezeichnete technische Ausrüstung, Polarerfahrung unb sorgfältig ausgewählte Begleiter.Wir wer­ben durchkommen!" Das ist die Antwort, die er zum hundertsten Male den Repor­tern auf ihre Fragen gegeben hat. Er hat vergessen hinzuzufügen:Amerika entartet es von uns!"

Wieder fährt ein Mann zum Nordpol--

wir wissen nicht, der wievielte er ist. Auch ihn lockt, was sie alle nach Norden und nach Süden in die Eisregionen trieb: Forscher­drang, Ehrgeiz und Abenteuerlust! Ist wirklich so viel zu holen für die Wissenschaft aus und unter dem Festeis des Pols? Sicher­lich nicht!

Aber Ruhm und Ehren sind zu holen--

und es gilt, Gefahren zu bestehen, deren Ueberwindung einen ganzen Mann erfordert. Wo es gar keine Schwierigkeiten gibt, dahin lockt es einen Mann wie Wi'k'ns nicht. Aber wo es Kämpfe gibt, auf Leben und Sterben, dahin zieht es ihn! Dahin zog es vor !hm die vielen, vielen anderen. Und wird es nach ihm viele, viele andere noch ziehen. Das große Abenteuer in der weißen, schweigenden Wüste wieder geht ein Mann hin, um es zu bestehen . . .

W. Hoeppener-Flatow.

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Das Wrack derLuise Leonhardt"

in der Elbmündung beim Großen Vogelsand. Die 31 Mann starke Besatzung fand den Tod in den Fluten

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Treue

Skizze von Heinz Ludwig Rah mann.

Was kümmert es den Hund, ob sein Herr König oder Bettler, Sünder oder Geld- briefttäger ist? Er kennt nur seinen Herrn und dessen Güte oder Grobheit. Nichts weiß der Hund von gesellschaftlicher Schich­tung und großen Unterschieden der Men­schen unter sich. Sein Herr ist eben sein König, und sei er auch Gepäckträger.

rufseigenschaft" seines Herrn machte den Hund in der ganzen Gegend berühmt.

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_e gjj 3m Oktober vorigen Jahres hatte man den Dieb wieder einmal erwischt, und es waren ihm acht Monate aufgebrummt wor­den. Rex begleitete seinen Herrn bis ans Gefängnistor und schickte sich an, mit durch das hohe eiserne Tor zu schlüpfen. Doch die Wächter liehen ihn trotz allen Zuredens des Diebes und ttotz allen Bellens des

juintb Daß es Hunden ganz gleich ist, wem sie mitta ihre Treue schenken, bewies der Hund eines :e ©e Verbrechers. Rex war ein schöner, gro- s erd her, schwarzer Neufundländer, sein Herr rötzte ein oft vorbestrafter, notorischer Dieb. Doch )mm# davon wußte Rex nichts, und er liebte !chabe> seinen Herrn, der meisterlich mit seinem Hund umzuzehen verstand, über alles. Aber gerade die wenig sympathischeBe-

Hundes nicht nrit hinein. Das Tor schlug laut hallend vor seiner Nase zu. Da setzte sich Rex vor das Tor und wartete auf seinen Herrn. Die Wächter beachteten ihn nicht.

Der Tag verging. Die Dacht. Am nächsten Tage saß der Hund noch an der­selben Stelle. Mm wurden die Wächter aufmerksam. Sie suchten den Sjunö wegzu­locken. Er hörte gar nicht hin. Schließlich wollten sie ihn wegjagen. Doch Rex er­hob sich nur, um sich ein paar Schritte weiter wieder niederzulassen und unver­wandt auf das GefängniStor zu starren. Wenn sie ihm zu nahe kamen, fletschte er sein gefährlich blitzendes Gebiß.

So vergingen eine Woche, ein Monat. Das Laub fiel von den Bäumen. Es wurde kalt. Die Wächter, die sich längst, über- toäftigt von so viel Treue, nrit dem Hund gut gestellt hatten, ließen chn jetzt in kal­ten Nächten in die warme Wachstube, wo er schlief. Tagsüber unterbrach Rex ab und zu die Wache unb holle sich irgendwo Futter. Auch das brauchte er bald nicht mehr. Das treue Watten des Hundes hatte sich bald in der Stadt herumge­sprochen. 2kun erschienen jeden Tag Leute mit Knochen, Fleischstücken, Wurstenden uüd allerlei Futter vor dem GefängniStor, so daß es Rex me an Futter mangelte.

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Geheimrat Prof. Karl von Eoebel, der Mtmeister der deutschen Pflanzenforscher, wurde zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaflen gewählt.

Söttlnsen bekommt ein Seminar für Völkerrecht und Diplomatie

Göttingen, 27. Nov. Den Bemühun­gen des hiesigen ordentlichen Professors des öffentlichen Rechts, Dr. Herbert Kraus, ist es gelungen, neben dem bereits bestehenden juristischen Seminar den Grundstock für ein besonderes Seminar für Völkerrecht und Diplomatie zu legen. Das neue Seminar wird im ersten Stock des Audi- torium-Eebäudes untergebracht werden. Es ist anzunehmen, daß im Laufe des Winters die Einrichtung fertiggestellt wird und daß das Seminar zu Beginn des nächsten Jah­res in Besitz genommen werden kann. Ne­ben Kiel und Berlin, die beide eine besondere Seminarabteilung für Völkerrecht und Diplomatie aufweisen, wäre nun als dritte Universität nach die in Göttingen zu nennen.

Nobrl-Frstdenspreis für Kellogg und Erz­bischof Söderblom.

Das Nobelkomitee des norwegischen StSr- tntg hat den Nobel-Friedenspreis für 1929 dem früheren amerikanischen Staatssekretär Kellogg und den Friedenspreis für 1930 dem schwedischen Erzbischof Nathan Sö­derblom zuerkannt. Jeder der zuerkann­ten Friedenspreise beträgt rund 194 000 M.

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GnrtKtlmg einer MsmarMmlle im Zannenbers-Aenkmal

Das Tannenberg-Nationaldenkmal bei Hohenstein in Ostpreußen wurde im Laufe die- [es Sommers von rund 70 000 Leuten besucht, von denen 54 000 Einzelgäste waren, während rund 16 000 Besucher das Denkmal in größe­ren Gesellschaften besichtigten. Das National­denkmal wird im nächsten Jahre durch den Ausbau des Turmes III zu einer Bismarckge- dächtnishalle eine Bereicherung erfahren. In dieser Halle sollen die Plaketten von ehemali­gen Bismarckdenkmal in Bromberg Platz fin­den. Auch die Marienburg, das andere große Wallfahrt^iel der Ostpreußenfahrer, hatte in diesem Jahre einen sehr starken Besuch auf­zuweisen.

Schmerzloses Rasieren

durch vorheriges Einreiben mit:

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er feinem Hunde unchängen. Staunend schnallte dieser seinem Hund das Leder­band mit der Silberplatte um. Auf der Plakette stand:Der treue Freund eines Menschen".

Einige Zett später wurde der Dieb, der sich inzwischen durch diese Begebenheit von seinem unehrenhaften Handwett abgewandt hatte und in einem Berufe etwas leistete, auf der Straße von einem Auto überfahren und vor den Augen seines Hundes getötet. Gräßlich klang das Schmerzgeheul des Tie­res um seinen Herrn durch die Sttaßen. Allen Menschen, die es hörten, stockte der Atem. Man schaffte den Toten in seine Wohnung im dritten Stock eines Miet­hauses. Der Hund wich nicht von der Leiche seines Herrn. Er lag in seiner Ecke, winselle und fraß nicht. Seine Augen ftarrten glühend auf den Toten.

Nach dem Begräbnis blieb Rex noch zwei Tage in seiner Ecke liegen, ohne etwas zu fressen. Am dritten Tage stand er auf und lief bis in das fünfte Stockwerk des Hauses hinauf. Dott stand int Flur ein Fenster zur Straße hin offen. Der Hund nahm einen Anlauf und sprang hinaus.

Er blieb zerschmettert auf dem Pflaster liegen. Auf seinem schwarzen Fell glänzte die Silberplakette mit der InschriftDer treue Freund eines Menschen".