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Sonnabend, een 22. Rov. 1930

Bk .Obkrhrsiisch« Zeitung" er- scheint sechsmal wöchentlich. Be- zugspieis monatlich 2.20698 .an* schließ!. Zustellungogrbühr, durch die Post 2.45 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendefekt oder ele­mentar« Ereignisse auffallend« «Hummern wird kein Ersatz g«- leistet. Verlag, Dr. §. Hitzeroch. Druck der Unit>-Duchdruckeret Ioh Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54 mtb Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt «. M. Rr. 5015. - Sprechzett - der Redaktton von 1011 und

1 Uhr.

öbechMsche 3dtuno

Anzeiger für (das frühere knrhefsische) Oberhesfen

Sr.274 oz.Sabrs.

Marburg a.Labn

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Der Reichskanzler bei den Landgemeinden

Gegen die Expansion kommunaler Aufgaben

Berlin, 21. Nov. 3m Sitzungssaal des Reichstages begann am Freitag vormit­tag unter sehr starker Beteiligung die Ver­tretertagung des Landgemeindetages 193 0. Neben dem Reichskanzler waren die Reichsminister Schiele, von Guerard und Tre­viranus erschienen, ferner der preußische In­nenminister Severrng und die Präsidenten der kommunalen Spitzenoerbände. Bürgermeister Lange-Weihwasser schilderte in seiner Be- grühungsansprache die schwierige Lage der Landgemeinden und übte in diesem Zusam­menhang Kritik an dem Eesetzgebungswerk der Reichsregierung.

Darauf nahm

Reichskanzler Brüning

das Wort. Er erklärte, daß die Kritik cha­rakteristisch für die Eesamtstimmung des deut­schen Volkes gegenüber der Arbeit der Reichs­regierung sei. Die Reichsregierung sei sich, der schwierigen Lage der Landge­meinden bewußt. Sie sei sich klar dar­über, daß der erste und stärkste Stotz der furchtbaren Agrar- und 3ndustrie- krise oie Landgemeinden treffe, die ohne steuerliche Reserven seien. Keine Regierung könne jedoch im Handumdrehen alle Aufga­ben meistern. Zweifellos seien den Gemein­den in den letzten 3ahren Lasten auferlegt worden, für die es keine Deckung gab und die zu dem starken Anwachsen der Realsteuern führten. Aber Deutschland sei nicht das ein­zige Land, das in den letzten 3ahren die wirtschaftliche Entwicklung der Zukunff über­schätzt habe.

Auf dem Agrargebiet sei es in den letz­ten Monaten gelungen, di« Preisentwick­lung für di« deutschen Agrarerzeugnisse von der Preisentwicklung des Weltmark­tes abzulenken. In kürzester Frist werde di« Reichsregierung wettere Maßnahmen auf diesem Gebiet« treffe«.

Durch die Wiederaufrichtung der Landwirt­schaft könnte ein grotzer Teil der Arbeits­losigkeit behoben werden und von dort müsse auch die finanzielle Gesundung der Landgemeinden unter allen Umständen kom­men. Der Reichskanzler ging dann im ein­zelnen auf das Gesetzgebungswerk der Reichsregierung ein. Eine wirksame Ent­lastung sei für die nächsten Monate und auch für das nächste 3ahr noch nicht möglich. Man müsse sich darüber klar sein, datz die Dinge erheblich schwerer lägen als im Herbst und Winter 1923.

Wir können, so erklärt« Dr. Brüning, an das Ende dieser Arbett nicht ein Wunder setzen wie das Wunder der Rentenmark. Wir können das deutsch« Volk nur wirder dorthin führen, wo es Hoffnung auf ein« besser« Zukunft haben kann.

Dafür find die Matznahmen der Reichsregie­rung bte erste Voraussetzung. Wer glaubt, bah umerc Schwierigletten nur auf die Reparationslasten zurückzuführen sind, der verschlieht die Augen in gefährlicher Weise vor der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist, datz die wirtschaftlichen Möglichkeiten des deutschen Volkes in den letzten Satiren in Deutschland Ebenso sehr überschätzt wurden wie im Aus­lände. Sicher wäre die Auffassung im Aus­lande anders gewesen, wenn nicht beispiels­weise in der Flnanzwirtschaft durch viele un­nütze Bauten dem Auslande ein völlig fest- mes Bild gezeigt worden wäre. (Lebhafter Beifall!) Der Reichskanzler verteidigte dann die Kürzung der B e a mt en g eh äl­ter und erllärte, man habe dem Berufs- veamtentum den stärksten Dienst erwiesen, Mdem man auch die Beamten zu Opfern für das gesamte Vaterland aufgefordert habe.

Dr. Brüning richtet« weiter an bte Ge­meinden die Mahnung zur Sparsamkett.

Der Ruf der Reichsregierung sei noch nicht Überall hindurchgedrungen, weil die Ueber- wcisungen in alter Höhe weiterslössen und sarantiert waren. Man habe in der K o m - biunalpolitik vielfach geglaubt, auf ein bestimmtes Mah von Einnahmen für alle Mit rechnen und darauf seine Ausgaben etnitellen zu können. Man wird sich in aller Zukunft darauf einstellen müssen, daß man mcht mehr Sahr für Sahr mit höheren lieber« Weisungen rechnen kann, sondern datz man

damit rechnen muh, dah schlechte Sahre auf gute Satire folgen, und datz die Aufgaben im Etat auf eine mittlere Linie ein­gestellt werden müssen und nicht auf den Augenblick einer gesunden wirtschaftlichen Konjunktur. Die Reichsregierung ist mit gu­tem Beispiel oorangegangen. Das ganze Steuervereinheitlichungsgesetz, das der Reichs­rat hoffentlich in der nächsten Woche ver­abschiedet, hat den Zweck, die Steuern und die Veranlagungstätigkeit so zu vereinfachen, datz wieder Klarheit und Rechtssicherheit ein-

tritt, und gleichzeitig Ersparnisse an der Ver­waltung.

Das wird in ganz erheblichem Matze

«ach Durchführung des Gesetzes inner­halb zwei Jahren der Fall sein.

(Unruhe und Widerspruch.) Wenn Sie nicht daran glauben, dann kann ich Shnen aller­dings den Glauben nicht beibringen. Sch darf Sie aber bitten, erst einmal die Gesetze anzusehen, und sich erst dann Shr Urteil zu bilden. Sm übrigen möchte ich damit schlietzen,

Schweres Eisenbahnunglück in Frankreich

Ein Schnellzug entgleist Bisher 3 Tote und 10 Verletzte

ff. Paris, 22. Nov. Ei« schweres Eisenbahnunglück ereignete sich kurz nach Mitternacht, französischer Zeit, zwischen Anceais und Nantes ««- «eit des Bahnhofes Oudo«. Der Schnell­zug ParisSaintNazaire, der die fran­zösische Hauptstadt gegen 16 Uhr vertagt, entgleiste. Die Maschine, zwei Post­wagen und eilt Personenwagen stürzten in die Loire, die zur Zeit starkes Hoch­wasser führt.

Von Nantes eilt^ sofort ein Hilfszug an die llnglücksstelle. Bis zu den frühen Mor­genstunden lagen noch keine genaue Ein­zelheiten vor, da die telephonischen Ver­bindungen zwischen der llnglücksstelle und Nantes unterbrochen find. Man weis ie= doch, daß der Zug in voller Fahrt aus den Schienen sprang. Die Lokomo­tive fuhr nur einige Meter neben den Geleisen her, stürzte sodann um und rollte den Eisenbahndamm hinunter in die Loire. Einen Personenwagen und zwei Postwagen zog fie hinter sich her. Sämt­liche in den Fluß gefallenen Wagen find vom Wasser, das in der jetzigen Zeit einen äußerst hohen Stand hat, vollkom­men bedeckt.

Die Ursache des Unglücks ist eine, infolge der andauernden Regen­fälle hervorgerufene Schienensen­kung. Ein Angestellter des Bahnhofs Oudon, der diese Tatsache feftgestellt hatte, eilte dem Schnellzug einige Hun­

dert Meter mit einer Lampe entgegen und machte verzweifelte Anstrengungen den Lokomottvführer durch Lichtsignale auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Der Unglückliche wurde jedoch vom Zuge erfaßt und zermalmt.

Zu dieser Meldung geht um 7 Uhr M.C.Z. folgende Meldung ein: Die Lo­komotive stürzte in die Loire. Die beiden ersten Wagen legten fich auf die Seite und glitten ganz oder teilweise in den Fluß. Die übrigen Wagen sind mehr oder weniger schwer beschädigt worden. Die vielen Reisenden, die sich in dem ersten Wagen befanden, haben fich nicht freimachen können und den Tod gefunden. Auch der Zugführer ist ertrunken, wäh­rend der Heizer sich durch Abspringen ret­ten konnte.

Man befürchtet, datz viele Täte zu beklage« fiad. Mehrere Reiseade sind verletzt.

Ein Lazarettzug aus Nantes hat fich an die llnfallstelle begeben, um die Verletzten zu bergen.

fk. Paris, 22. Nov. Die Zahl der bei dem Zugunglück in der Nähe bei Nantes ums Leben gekommenen Personen läßt sich noch nicht mit Sicherheit feststellen. Doch scheinen sich die ersten Befürchtungen, daß viele Todesopfer zu beklagen seien, nicht zu bestätigen.

Um 8 Uhr vormittags liegt in Paris an amtlicher Stelle eine Meldung vor, daß bis jetzt drei Tote und zehn Ver­letzte geborgen wurden.

daß entscheidend für die weitere wirtschaft­liche Entwicklung die Durchführung, und zwar in schnellem Tempo, des Gesamtprogramms der Reichsregierung ist. Die Kredit­würdigkeit der öffentlichen Kör­perschaften und die Kreditsicherheit un­serer ganzen Wirtschaft muß wiederhergestellt werden sowohl durch die Einzelmaßnahmen, die die Reichsregierung vorgeschlagen hat, wie aber auch nach der psychologischen Seite hin. Es ist kein Grund vorhanden, zu ver- zweffeln und nur fleptisch zu fein. Wenn man den Mut gehabt hat, auch in bet schwersten Stunde zuzug reifen und zu handeln, dann ist noch nie ein Volk verloren gewesen. (Stürmischer Beifall.)

Der preußisch« Innenminister Severin« begrüßte die Tagung namens der preußischen Staatsregierung und führte u. a. noch aus: 3ch habe gehört, daß im Reichstage die $ er» l'chwendungssucht der Gemeinden fritifiert wurde. Wir schieben uns einander die Verantwortung zu und machen uns ein­ander Vorwürfe darüber, daß wir zu ver­schwenderisch gewirtschaftet hätten. Sch meine: Wir sind allzumal Sünder gewesen. (Heiter­keit und Rufe: Die Landgemeinden nicht!) Meines Erachtens ist der gefährlichste unserer inneren Feinde der Hunger, und den Hunger zu bekämpfen muß unser aller Aufgabe sein. Ein anderer Feind ist der Pessimismus. Der Minister hob hervor, daß er sich gegen

etwaige Pläne auf Rechtlosmachung der Be­amten wenden werde.

Reichsmmifter für Ernährung und Land­wirtschaft Schiel«

bat, gegen alle Resignation, gegen allen Radikalismus -sich zu stellen, nicht zwischen die­sen beiden (Externen herumzupendeln. Die schweren Opfer der Landwirtschaft mußten anscheinend gebracht werden, um die Bevölke- rung aufzurütteln. Das Eine haben wir in der Hast der inbuftriellen Entwicklung heute noch nicht ganz begriffen, daß die Ernährungs­auelle der Nationen auf dem Lande liegt. Sm wesentlichen liegen zwei Grundtatsachen vor: die gewaltige Arbeitslosigkeit, die in diesem Winter eine nie geahnte Höhe ange­nommen hat, und sodann die Verschul- dung der Landwirtschaft. Die letzte Ursache der Agrarftise ist darin zu erblicken, baß unsere Volkswirtschaftspolilik eine Aus­geglichenheit in ber Preisfrage herbeigeführt hat. Aus ber fortlaufenden Unrentabilität der Landwirtschaft, besonders im Osten, resultiert eben die mangelnde Kaufkraft. Eine mit größtem Nachdruck bettiebene Agrarpolitik ist die sicherste Grundlage der deutschen Volks- wtttschaft überhaupt.

UeberDie Landgemeinden im Reich und Staat" sprach dann der Präsident des Deut­schen Landgemeindetages Dr. G e r e k e. So-

(8vttf«tiata sieh« Seite X)

Tagesspiegel

Die Pariser Abendpresse beschäftigt sich eingehend mit der außenpolitischen Rede Dr. Cu rtius'. DerIntran- sigea nt" wirft dem Reichsaußenminister einen herausfordernden Ton vor. Im Gegensatz zu Dr. Curttus habe Tardieu in höflichen Worten gesprochen. Es sei ein Irrtum, wenn der Reichsaußenminister zu sagen wage, dah Deutschland die Beding­ungen erfüllt habe, die ihm auferlegt wor­den seien. MeLiberte- ttnrft dem Außenminister vor. durch seine Ausfüh­rungen nicht dazu beigetragen zu haben, einen Geisteszustand zu schaffen, der den Krieg endlich vergessen ließe. Das Blatt bemerkt ironisch, Curttus habe die Lie­benswürdigkeit gehabt, anzukündigen, daß Deutschland eine Revision der Verträge nur auf friedlichem Wege wünsche. Der Temps- zweifett nicht an dem guten Willen des Reichsaußenministers, der sich in einer ungewöhnlich schwierigen Lage be­finde. Fsieraus erflärc sich auch der Un­terschied im Ton, den er in Genf und in Berlin anschlage. Vor dem Völkerbund spreche er für die internationale Oeffent-

Schacht fordert Moratorium.

Rewqork, 21. Nov. Bei seinem Ein­treffen in Cincinatti wurde Dr. Schacht um seine Stellungnahme zur letzte« Rede des Reichsautzenministers Dr. Curttus ge­beten. Er erklärte, ein Moratorium sei von lebenswichtiger Be­deutung für Deutschländ, das die Re- parationen in ihrer jetzigen Höhe unmög­lich weiter leiste« könne. Ohne ei« Mo- ratorium bestünde die dringende Gefahr, datz Deutschland angesichts seiner drei Milli-nett Arbeitsloser in eine Revolution ymemrrerve.

lichtest und in Berlin lediglich für Deutsch­land. Dr. Curttus habe vergessen, dah es einer ungewöhnlichen Weicherzigkest be­durft habe, um anzuerkennen, daß Deutschland seinen Abrüstungsverpflich­tungen nachgekommen sei. Er vergesse ferner, die nachweisbar festgestellten ge­heimen Rüstungen und die geheimen Verbände mllstärischen Charatters. (!t) Wenn eine Regierung einen so hohen HeereshauShalt, wie den deutschen (!) decke, und wenn man wisse, daß die Reichswehr ein Staat im Staate sei, die ihre eigene Politik und ihre eigenen Mit­tel habe, so hätten diejenigen, die im Namen der deutschen Regierung sprächen, nicht bas Recht, die Ehrlichkeit der An- fttengungen derjenigen Rattonen zu be­zweifeln, die mehr als ihre Pflicht täten, um den Wellfrieden zu bewahren.

Amtliche Washingtoner Kreise äußern fich mit größter Zurückhal­tung über die Curttusrede, lassen jedoch durchölicken, daß die Vereinigten Staaten an der möglichen Verkündung eines Moratoriums nicht interessiert seien, da die amerikanische Regierung weden den Poungplan unterzeichnet habe, noch eine Verknüpfung der Reparattons- frage mit der Schuldenfrage anerkenne. NeuhorkTimes" beglückwünschenoen Reichsauhenminister zu der Versicherung, daß Deutschland den Poungplan nicht zer­reißen werde. Das Blatt erklätt, wenn Curttus von einem Moratorium spreche, so meine er lediglich aufschiebbare Zahlungen. Das sei auch Schachts Standpuntt. der vielfach mißverstanden werde. Deutschlands ehrliche Absichten und guter Wille könnten daher nicht in Frage gestellt werden.

Wie die®. 21. Z." feststellt, erhielten sich in den europäischen Hauptstädten wie auch in Amerika hartnäckige Ge­rüchte, die von dem Ausbruch einer Militärrevolutivn in Sowjet-