Einzelbild herunterladen
 

Nr. 272

DDetDtnifee 3*ttnna. Mardura tu L. Donnerstag, den 20. November 1930

Sette 3

Den Bären schmerzt sein Weisheitszahn

Konfulcr'»n im Zoo - Ein Simulant unter den tierischen Patienten - Der Affe mit der Jodtinktur

Die Geschichte mit Androclus unb fei* nem zutraulichen Löwen ist ja sehr schön lesen, aber der Kuckuck mag wissen, ob sie sich auch wirklich so zugetragen hat. 2luf jeden Fall kann man mit ruhigem Gewissen behaupten, daß unter hundert Leuten, die einen ähnlichen Versuch unter* neunten wollten, neunundneunzig keine Ge* legenheit haben würden, ihre diesbezüg­lichen Erfahrungen der aufhorchenden Menschheit mitzuteilen, weil das große Düstenvieh ihnen trotz des Dorns in der Tatze schon längst den Garaus gemacht hätte.

Selbst unsere Haustiere sind nicht immer davon überzeugt, daß der Mensch ihnen in ihrer körperlichen Not helfen kann. Ein Hund wird sich zwar widerstandslos die Pfote verbinden lassen, doch wenn ein mit Schmerzen verbundener Eingriffs an ihm vorgenommen werden muh, so ist es ent* schieden ratsam, ihm das Maul vorher zuzubinden, damit er keine Gelegenheit hat, feinen Gefühlen durch einen Dih Ausdruck zu verleihen.

Roch weit mehr geboten sind alle Dor* fichtSmahregeln, wenn es sich um unge* »ähnliche und oft ungemütliche Patienten aus dem Tierreich handelt. So wenn, wie neulich, erst in einem Zoologischen Harten ein Där — ein ausgewachsener Grizzly — sichtlich an Zahnschmerzen lei­det. Er teilt dieses zwar seinem Wärter nicht durch irgend welche Gebärden mit, winselt auch nicht so ausdrucksvoll und verständlich wie des seeligen Androclus Löwe, aber seine Fleischpvrtion redet eine ©pracfye, die deutlich genug ist. And weil im Zoo außerdem noch ein Paar Patienten auf den Besuch des Tierarztes warten, so wird dieser schleunigst her beordert.

Meister Petz zeigt wenig Vertrauen zu dem, der ihn von seinen Schmerzen be* freien soll, was ihm in Anbetracht dessen, daß auch die Menschen nicht gern zum Zahnarzt gehen, nicht im geringsten zu verdenken ist. Als ihm gar ein Maulkorb aufgesetzt und eine Eisenkelte um den Hals gelegt wird, damit man ihn in das „Ope­rationszimmer", einen Freilicht* und Luftkäfig schleifen kann, brummt er äußerst mißfällig. Die nächste Phase der vor* bereitenden Behandlung überrascht chn völlig. Plötzlich fliegen zwei Seilschlingen um seine beiden Vordertatzen, und im nächsten Augenblick wälzt er sich auf dem Boden. Der Kampf dauert freilich nicht lange, weil wenige Sekunden später seine Hinterpranken durch Stricke niedergezogen werden. Gegen zweiunddreißig tauziehende Männerfäuste ist schließlich auch der stärkste Grizzly machtlos. Dann wird ihm der Maulkorb abgenommen. Meister Petz' nun ertönendes Protestgebrumm würde zartere Gemüter als die der Wärter und des Tierarztes in die Flucht jagen können. Es dauert aber nicht lange, denn zwei 'Riemen, ■ die um Unter* und Oberkiefer gelegt wer* . den, um das Maul offen zu hallen, er* sticken jeden weiteren lauten Ton.

„Richtig", sagt nur der Tierarzt, nach­dem er Meister Petz gespannt in den offenen Rachen geschaut hat, „ganz hinten im Unterkiefer sitzt ein angegriffener Zahn. Er muß heraus." Wenn das schon aus dem Munde eines Menschenzahnarztes, der mit örtlicher Betäubung und Zange arber* tet, entsetzlich klingt, was mag sich dann der arme Grizzly denken, als der Tier­arzt plötzlich ein schürhakenähnliches, langes Instrument schwingt, es an den

Beran-erliche Sterne

Don Walter Theile, Marburg (Lahn).

Unter veränderlichen Sternen versteht man solche Fixsterne, deren Licht regel­mäßigen oder unregelmäßigen Lichtschwan­kungen unterworfen ist. Während noch um die Mitte des vergangenen Jahrhun­derts kaum 20 solcher Himmelskörper be­kannt waren, ist chre Zahl bis heute auf etwa 4000 angewachsen. Es handelt sich bei diesen merkwürdigen Erscheinungen also um ferne Sonnen, die bald hellere, bald schwächere Strahlen aussenden. Wie kann man nun dieses eigentümliche Ver­halten feststellen? Reben besonders dazu geeigneten Instrumenten, Photometern und lichtelektrischen Zellen, hat sich bis heute ein verhältnismäßig einfaches Ver­fahren erhalten und behauptet. Es beruht auf der Vergleichung des Veränderlichen mit Sternen seiner näheren Umgebung, von denen gleichbleibende Helligkeit vor­ausgesetzt wird. Liegen mehrere Mes­sungen vor, so werden die erhaltenen Werte in ein rechtwinkliges Koordinaten­system eingetragen, dessen wagrechte Achse die Zell und dessen senkrechte Achse bie HellHeit in bestimmten Größenklassen darstellt. Die entstehende Verbindungs* Bnie, die Lichtkurve, gibt dann weiteren Aufschluß über die Gröhe des Lichtwech*

sowieso schon scheußlich schmerzenden Zahn ansetzt und mit einem Hammer darauf zu schlagen beginnt? Sicher glaubt er, diese erbärmlichen kleinen Menschen wollten ihn zu Tode quälen. „Krach Krach!" dröhnt es bei jedem Schlag in seinem dicken Därenschädel. und sein Stöhnen klingt beinahe menschlich Dann plötzlich ein letzter, matter Schlag, und der Zahn fliegt heraus. Aber was für ein Zahn! Der schönste Weisheitszahn, der je gezogen wurde, so lang wie ein Heiner Finger.

Run bringt sich der Arzt schleunigst in Sicherheit. „Du tust gut daran, du er­bärmlicher Zwerg!" sagt der schiefe Blick, den Meister Petz ihm nachschickt. Dann lösen sich die Riemen um die Kiefer, und

auch die Seile um die Pranken geben nach Langsam richtet Meister Petz sich auf sei* nen Schinken auf, wackelt ein wenig be* nommen mit dem Schädel und trottet bann wie ein Leichtbeschwipster durch den Git­tergang seinem Käfig zu.

„Der nächste Pafient, bitte!" Ein Lö­we n k i n d dieses Mal. Roch ungefähr­lich, ein kleines Wollknäul. mit dem alle Kinder spielen möchten. Der Kleine ist aber nicht im geringsten zum Schäkern aufgelegt, und wenn man ihm auf muntern b die Ohren kraulen will, so faucht er ge­reizt und zeigt seine spitzen Zähne. „Auf den Tisch mit ihm!" Hier sind zwar nur zwei Männer zum Halten erforderlich, aber die Gedanken des Löwenbabys schei-

s-)s MM A-ouil to Starten wirt »«Mert

Schloß Uebigau bei Dresden an der (Elbe, bas berühmte Lustschloß August des Starken, bas um 1725 von bem Architekten Cosanber von Göthe im Stile italienischer Hochrenaissance erbaut wurde, gelangt zur Versteigerung. Das Schloß befinbet sich feit 100 Jahren in Privatbesitz.

nen nicht freundlicher zu sein als die Mei­ster Petz'. Er kann sich übrigens über die Behandlung nicht beschweren, denn das Hebel ist nach kurzer Untersuchung entdeckt: „Allgemeine Schwäche. hervorgerufen durch zu rasches Wachstum. Eine Serum­spritze." Als die Radel behutsam sein Fell durchdringt, spuckt der Kleine Gift und Galle. Was ihn freilich nichts nützt, denn der ganze Inhalt wird ihm in den Balg gejagt. Dann trottet er mit hängen­dem Schweif und ein wenig lendenlahm davon. „Wenn ich erst größer bin“, nimmt er'sich vor, „sage ich diesen Ekeln ganz anders meine Meinung."

Auch der kleine Affe, der jetzt an die Reihe kommt, ist alles andere als ent­zückt. Er schneidet fürchterliche Fratzen, während ein Wärter ihn festhält und der Arzt ihm das Hörrohr auf bie Brust setzt. Sicher denkt er. er soll mit dieser fürchter­lichen Kanone erschossen werben. Die Sache läuft aber glimpflicher ab, als er glaubt. „Brvnchialkatarrh", stellt ber Arzt

fest, zückt Iodflasche unb Pinsel unb streicht dem Patienten das schöne weihe Brustfell braun an. „Pfui Teufel!" niest der Affe, als die schreckliche Prozedur beendet ist, klettert rasch seinem Wätter auf die Schul­ter — höher hinauf zu flüchten ist leider nicht möglich — und verschwindet mit hoch­erhobener Rase: „So ein widerlicher Gestank!"

Da hat der Pelikan zur Kunst des Arz­tes mehr Vertrauen. Dor ein paar Wochen erst hat der gute Mann ihn von einer Gräte befreit, die ihm schief im Schlunde stecken blieb. Dieses Mal ist der Fall schwieriger. Man sollte es aber nicht für möglich halten, was einem armen Pelikan in ber Gefangenschaft alles zu­stoßen kann. Der Fisch, der an allem bie Schuld trug, sah doch so harmlos aus wie jeder andere. Unb dann blieb er plötzlich im Schlunde stecken. Wer ahnte denn auch, daß dieses dumme Dieh einen Angelhaken im Maul hatte, ber sich nun wiederum im Halse des armen Pelikans sestkraltt? „Du

sels, sowie über die Zellen ber größten und kleinsten Helligkell.

Der astronomischen Forschung ist es auch schon in mehreren Fällen gelungen, über die nach ber Gestalt ber Lichtkurven in Klassen geordneten Deränderlichen Er­klärungen abzugeben oder Hypothesen auf­zustellen. Bei einigen Sternen wird ber Helligkeitswechsel durch das Dorhanden- sein eines dunklen Begleiters erklätt. Der bekannteste Dertreter dieser Art ist ber 1669 entdeckte und bem bloßen Auge sicht­bare Stern Algol im Perseus, ber jetzt gerade abends aufsteigend int Osten gün­stig sichtbar ist. Zwei Sonnen, eine Helle und eine dunkle kreisen hier umeinander, für uns nur im Lichtwechsel des einen Sternes erkennbar! Zn gleichmäßigen Ab­ständen, genau nach zwei Tagen 11 Std. nimmt dessen Licht periodisch binnen 4 Std. 53 Min. ab, um in derselben Zell sogleich wieder zur Ausgangshelligkeit an­zuwachsen. Dabei ist der Unterschied zwi­schen größtem und fieinftem Licht etwa gerade so groß wie der des hellsten unb schwächsten ber sieben leicht auffindbaren Sterne des Himmelswageirs oder großen Bären. Wenn die Periode bekannt ist, sind wir in ber Lage, diese Sternfinster- msse bis auf bie Minute genau voraus- zusagen.

Bei anderen Sonnen bauert bie peri­odische Lichtänderung länger, hat andere

Ursachen und ist weniger regelmäßig. Zu dieser Gruppe gehört ein Stern im Stern­bild des Walfisch. Er ist der älteste ge­schichtlich erwähnte Veränderliche und wurde von bem friesischen Pfarrer Fabri- cius in einer Augustnacht des Iahres 1596 wahrgenommen, verschwand bann aber bald für bas bloße Auge, um zur größten Verwunderung nach einem Zahr wieder sichtbar zu werden. Die Erschei­nung blieb zunächst ungeklärt, der Stern aber erhielt den Rainen Mira (mira stella gleich wunderbarer Stern). Heute gelingt es natürlich, seine Lichtabnahme im Fern­rohr weller zu verfolgen und selbst das Minimum der Leuchtkraft zu sehen. 3m kleinsten Licht, das nach rund 330 Tagen immer wieder eintritt, ist dieser Stern dann oft weniger als hundert Mal so hell wie im Maximum. Solche Mirasterne gibt es eine ganze Reihe am Himmel, doch hat sich bis heute eine allgemein an­erkannte Hypothese noch nicht durchsetzen können. Man hat bei der Erklärung an Umdrehung von Sternen mll verschieden heller Oberfläche oder auch Wohl an wech­selnde Befleckung, ähnlich ber 11 jährigen Fleckenperiode bei unserer Sonne gedacht.

Eine weitere interessante Gruppe von Veränderlichen bilben bie Eepheiden, so benannt nach dem hellsten Vertreter im Sternbild des CephenS. Bei diesen Ster* neu soll es sich um GaÄuaeln vov grober

wirst es schon schaffen", sagen seine Augen, als er den Schnabel ganz von selbst groß aufsperrt. Der Arzt schafft es wirklich. Er bekommt den Haken mit samt dem Fisch heraus. Erleichtert watschelt ber Pelikan von bannen.

„Ferttg?" Rein! Dort hinten in der Ecke sitzt noch ein Patient. Ein Schwan. Er macht ein recht dunnneS Gesicht, so ein Mittelding zwischen schlechtem Gewissen und Sterbenwollen. „‘Rauf auf den Tisch! Wo fehlt's denn? - „Nirgends!" stellt der Arzt schließlich nach eingehenber Unter­suchung fest. „Du verflixter Simulant!" Gin Schlag macht dem plötzlich kurierten „Kranken" Deine, und der stolze Schwan verschwindet watschelnd und mit Gefauche. „Aber, Herr Dollor, einen Patienten, der derartig gern zu ihnen kommt, könnten Sie ruhig höflicher behandeln!"

Olaf Dorell.

Das 350 jährige Jubiläum der MM LrmdesbilioM

Aus Anlaß des 350jährigen Jubiläums der Landesbidliothek am 20. 11. finden in den Räumen derselben vier Ausstel­lungen statt, die jedermann zugänglich find. Die Ausstellung „Kostbare alte Handschriften und Drucke" soll in der Auswahl ihrer kostbaren Hand­schriften, handschriftliche Dokumente be­rühmter Persönlichkeiten, Frühdrucke unb Einbände, einen knappen allgemeinen Ueberblick über die Entwicklung des Schrift- und Buchwesens vom frühen Mit­telalter bis etwa zur Rokokozeit geben. Die Ausstellung „Die Entwicklung des hessischen Buchdrucks" soll die Entwicklung des hessischen Buchdrucks vor Augen führen. Sie enthält die hes­sischen Drucke seit 1580 fast in lückenloser Vollständigkeit. Die Bibelausstellung bringt eine große Anzahl von Bibeln der verschiedenen Epochen, die einen Gesamt­wert von 200 000 Mark ausmachen. Seltene Stücke von historischer Bedeutung, wie zwei Bibeln mit Philipps des Groß­mütigen eigenhändigen Handbemerkungen, werden der allgemeinen Besichtigung zur Verfügung gestellt. Die vierte Ausstel­lung der Grimms-Erinnerungen bringt in erster Linie wertvolles Material aus der „Kasseler Erimmsammlung".

----*----

Kumt und WiMmüW

= Orden pour le m^rite für Wissen- schäft und Künste. Mit dem Ableben des & Ordenskanzlers Prof. Dr. Adolf v. Har- nack ist das Amt des Kanzlers satzungs­gemäß auf den bisherigen ersten Vize­kanzler Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Max Planck übergegangen, während der bisherige zweite Vizekanzler Geh. Baurat Dr. Ludwig Hoffmann die Stelle des ersten Vi.-ftanzlers übernom­men hat. Zum zweiten Vizekanzler ist von der Ritterschaft des Ordens der Wirkl. Geh. Rat. Prof. Dr. Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf ge­wählt worden.

Mass«, ober sehr geringer Dichte handeln, die sich periodisch zusammenziehen unb ausdehnen. Allerdings mühten solche pul­sierenden Lichtschwingungen nach einer Theorie des großen englischen Physikers Eddington schon nach wenigen Iahrtau- fenben obliegen. Unsere Beobachtungs­zeit ist aber noch zu kurz, um eine solche Abnahme von Perioden schon jetzt ein­wandfrei nachweisen zu können. Alle diese Eepheiden sind Lichtgiganten, hundert- und vieltausendmal Heller als unsere Sonne, die außerdem noch eine merk­würdige Eigenschaft zeigen: je mehr Zeit nämlich ein solcher Stern braucht, um den Helligkeitswechsel einmal durchzu- machen, desto größer ist seine Leuchtkraft. Dieser seltsame Zusammenhang hat zur Aufstellung eines Gesetzes geführt, bem* zufrllge sofort nach Ermittlung der Licht­kurve seine Entfernung abgeschätzt werden kann.

Wir sehen, das Problem ber veränder­lichen Sterne birgt noch große Rätsel und vielleicht wird es eines Tages möglich sein, mit ihrer Hilfe ganz überraschend neue Erklärungen über die unerschöpf­lichen Energiequellen in Weltall zu er­halten, wo Millionen von Sonnen über für uns undenkbare Zeiträume hindurch ungeheure Kraftmengen zu verschwenden schmnen.