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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberheffen

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnnge« für Stadt und Kreis Marburg.

Ist das noch Verständigungspolitik?

Die große außenpolitische Aussprache in der französischen Kammer - Schärfster Widerstand gegen jede Revision Deutschland soll am Boden gehalten werden

Paris, 13. Nov. In der heutigen Sitzung wurde die Diskussion über die Interpellationen betreffend die Außen­politik fortgesetzt. Erster Redner ist der Kommunist Doriot, der sich aus­schließlich mit dem Aoungplan und den Deutschland auferlegten Reparationslasten beschäftigte. Er erklärte, die Repara­tionsforderungen, die man an Deutsch­land stelle, stellten auch in der herabge- , setzten Form Lasten dar, die das Volk ; nicht tragen könne. Der nächste Redner, der Abg. Louis Marin, erklärte, die deutsch-französischen Beziehungen seien die Grundlage für die Befriedung Euro­pas. Die Achtung vor den Verträgen müsse aber durch alle Beteiligten unver­brüchlich gewahrt werden, sonst bestehe Gefahr für die Zivilisation. B r i a n d habe dies früher selbst in einer Bankett- rede bei der Tagung der interparlamen­tarischen Union in Paris scharf zum Aus­druck gebracht. Heute würden aber alle Verträge in Frage gestellt, der Versailler Vertrag, der Locarnovertrag und das . Haager Abkommen.

Es gebe keinen Deutschen, der nicht die Revision des Aoungplanes wünsche.

Marin wies darauf hin, daß die Kam­mer die Ratifizierung der Joungverträge nur angenommen habe, weil der Außen­minister wie der Ministerpräsident von einer endgültigen Regelung gesprochen haben. Nachdem der Aoungplan kaum einige Monate in Kraft sei, werde nun­mehr bereits die Revision gefordert. Im weiteren Verlauf seiner Rede erhebt Ma­rin eine Reihe von Angriffen gegen die Haltung Deutschlands. Er spricht vom Saargebiet, das Deutschland gegen den Vertrag fordere, von dem linken Rhein­ufer, das noch Festungswerke, Kasernen und andere strategische Bauten habe und von der Wiederaufrüstung Deutschlands in moralischer und materieller Beziehung. Marin gibt dann der Befürchtung Aus­druck, daß

Deutschland eines Tages ein Syndikat der Unzufriedenen schaffen könnte.

Als der Abgeordnete von der Tribüne heruntersteigt, klatschen ihm im ganzen Hause nur wenige Abgeordnete Bei­fall. Die Sitzung wird unterbrochen.

Nach Wiederaufnahme der Sitzung er­greift

Außenminister Briand das Wort. In diesem Augenblick ist der Saal zum Brechen voll. Fast sämtliche Abgeordnete sind anwesend, und die Tri­bünen sind bis zum letzten Platz gefüllt. Als Briand langsam von seinem Platze sich zur Rednertribüne begibt, bringt ihm fast das gesamte Haus eine st ü r m i s ch e, außerordentlich lärmende Ovation dar. Es war ein Auaenblick der Erregung, und selbst Briand war außerordentlich bewegt von dieser guten Aufnahme.

Durch diese Kundgebung hatte Briand von vornherein gewonnenes Spiel, und der Gang seiner Rede wurde durch lauten stürmischen Beifall, der bis in die letzten Reihen der Maringruppe hinein- S, begleitet. Besonders Ministerpräsi-

T a r d i e u war es, Der wiederholt das Zeichen zum Beifall gegeben hat.

Außenminister Briand führte aus: Denn wirklich die Kammer mit Marin der Ansicht ist, daß der Außenminister nicht fest genug und nicht klar genug in feinen Gedanken sei, dann dürfe sie nicht fföflem, sich von ihm zu trennen. Durch

lärmende Kundgebungen, durch heftige Worte kann man nicht den Glauben an Festigkeit erweisen. Jedenfalls ist es nicht meine Art, so vorzugehen. Der beste Dienst, den der Außenminister seinem Lande erweisen kann, ist Kaltblütigkeit zu bewahren, besonders in schwierigen Augenblicken. Man liest gewisse deutsche Zeitungsartikel, auch gewisse Reden von angesehenen Deutschen, die lebhafte Ent­täuschung Hervorrufen. Auch ich habe Enttäuschungen nach dieser Richtung zum Ausdruck gebracht, und ich habe es in Genf ausgesprochen. Ich habe niemals der deutschen Delegation gegenüber mich irgendwie zurückgehalten, meine Gedan­

ken zum Ausdruck zu bringen. Aber ich habe geglaubt, ein Anrecht auf gewisse anerkennende Kundgebungen zu haben, ch habe sie leider nicht erlebt.

Ist das etwa ein Beweis dafür, daß der französische Außenminister es an Klar­heit hat fehlen lassen, und daß seine Poli­tik auf der ganzen Linie bankrott ge­macht hat?

Briand erklärte dann, er habe sich über das Ergebnis von Locarno nicht getäuscht: er sei immer der Ansicht gewesen, daß man sich auf gewisse Rückschläge gefaßt machen müsse.

. Die Katastrophe von Lyon

Uebertriebene Ziffern - A?ay rechnet .mit,30 Toterp

Paris, 13. Nov. Wie Havas aus Lyon berichtet, soll die Zahl der bei dem Erdrutsch »ms Leben gekommenen, ein­schließlich der bei den ersten Bergungs­arbeiten tödlich verunglückten 19 Feuer­wehrleute und vier Polizisten 3V nicht übersteigen. Man glaubt nicht, daß unter de« Erdmassen mehr als fünf Ein­wohner liegen. Dagegen find die Be­fürchtungen. daß bei den Aufräunmngs- arbeiten Unfälle vorkommen, noch immer groß, so daß alle Vorstchtsmaßnahmen ge­troffen werden. Bei dem Unglück find drei Telephonfernkabel und drei Tele­phonstadtkabel gerissen.

Die erste Katastrophe, von der das S)DteI du Petit Versailles" betroffen wurde, ereignete sich zwischen 1 und 2 Ahr nachts. Nachdem die AufräumungS- arbeiten bereits ausgenommen waren, stürzten plötzlich mehrere Häusergruppen in der Nachbarschaft zusammen und begruben Bewohner und Hilfsmannschaften unter den Trümmern. Sofort wurde das ge­samte Gelände in einem Umkreis von meh­reren hundert Metern abgesperrt. Die im Absperrungskreis liegenden Häuser muß­ten auf Befehl der Polizei sofort geräumt werden. Kaum war dieser Befehl auSge- führt, als wiederum große Erdmassen nach­rutschten und ein weiterer Häuserblock zu­sammenbrach. Verschiedene Rettungswa­gen, die inzstvischen bereits zum Abtrans­port der Verunglückten eingetrvffen waren, wurden unter den Trümmern begraben.

Man nimmt an, daß die Ursache der verschiedenen Erdrutsche auf die letzte Hochwasserkatastrophe, die das Erdreich gelockert hat, zurückzuführen ist. Ver­schiedentlich wird auch vermutet, daß unterirdische E^hlen, die nicht mehr stand­gehalten haben, das Unglück herbeigeführt haben.

Das Katastrophengelände lehnt sich un­mittelbar an einen hohen Berg. Die riesi­gen Erdmassen, die sich herabwälzen, ver­größern noch die Ausmaße des Unglücks. Es ist unmöglich, auch nur eine annähernde Vorstellung von den Schreckensszenen zu machen, die sich an der Anglücksstelle ab­spielen. Im Scheine von Fackeln, Lampen und Scheinwerfern liefen die mit dem Leben davongekommenen Bewohner der Häuser wie irrsinnig die ganze NacA herum uno suchten nach ihren Familien» angehörigen. Sämtliche Behörden der" Stadt sind im Augenblick an der Analücks«

stelle. Die Polizei hat die Häuser in wei­testem Umfange räumen lassen, da man weitere Einstürze befürchtet.

M:e Havas aus Lyon berichtet, sind auch bis heute abend keine Leichen unter den Erd- und Gesteinmassen von Fouvriers geborgen worden. Befreit wurde lediglich eine Frau, der man durch einen Schlauch in ihrem unterirdischen Gefängnis Luft zu­führen konnte. Von den im Hospital ein« gelieferten Verletzten sind inzwischen zwei gestorben. Sämtliche Häuser der am Abhang laufenden Tramassac- Sttaße sind geräumt worden. 200 Per­sonen, Militär und Arbeiter, sind mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt, die die Nacht über bei Scheinwerferlicht fortge­setzt werden. Man befürchtet noch immer das Nachrutschen des Abhanges, auf dem das Chazeaux-Krankenhaus steht. In den Mauern haben sich schon starke Risse ge­zeigt, weGalb sämtliche Insassen das Ho­spital geräumt haben. Das Hospital ist ein fünfstöckiges Gebäude von über 100 Metern Länge. Die Aufräumungsarbei­ten an der Anglücksstätte dürften, wenn feine weiteren Verwicklungen eintreten, drei bis vier Tage dauern.

fk. L h o n, 14. Nov. Durch die Einsturz- katasttophe sind nach den letzten Feststel­lungen 16 Häuser vernichtet worden und 10 Gebäude sind vom Einsturz unmittelbar bedroht. Die Zahl der Toten wird, wie bereits gemeldet, bisher mit 30 angegeben, sicher ist diese Zahl aber immer noch nicht, well noch immer keine Klarheit darüber besteht, ob noch Leichen unter den Trüm­mern begraben liegen. Der Bürgermeister H e r r i o t hat sich mit dem leitenden Bau­meister an die Anfallstelle begeben und eine genaue Antersuchung des Anglücks eingeleitet. Nach ihren Erklärungen ist das Anglück auf die eigentümliche Ge­ländebeschaffenheit in dem durch die Ka­tastrophe betroffenen Stadtteil zurückzu­führen, wobei noch J>ie gewaltigen Regen­fälle der letzten Zeit das Anglück begün­stigt haben. Es ist damit zu rechnen, daß noch mehrere Häuser einstürzen, die aber von den Bewohnern geräumt sind. Die Zahl der Toten dürfte die Zahl 60 nicht übersteigen, einschließlich der verunglückten Feuerwehrleute und Polizisten. Die An­fallstelle wurde die ganze Nacht von einer gewalttgen Menschenmenge umlagert, und die Polizei "hatte große Mühe, sie von der Anfallstelle fernzuhalten. Cs wird längere Zeit dauern, bis ein endgülftges Ergebnis über die Zakfi der Toten ver- nffenilidht werden Zana

Gegenüber verschiedenen Rednern 8er Interpellationsdebatte stelle er fest, daß seine Außenpolitik keine persönliche, son­dern die Politik der gesamten französi­schen Regierung sei.

Franklin Bouillon habe ihm, Briand, einen Vorwurf daraus gemocht, daß er mit deutschen Persönlichkeiten gesprochen habe, die diese oder jene Aeuherung ge­tan hätten. Nach seiner, Briands. Ansicht, würde der Außenminister seine Plicht nicht erfüllen, wenn er sich nicht b e m ü hen würde, mit Persönlich­keiten eines 60-Millionenvol» k e s zu sprechen. Louis Marin, so fuhr Briand fort, habe um des Prestiges Frankreichs willen eine Politik der Festigkeit verlangt. Jede Nation ver­lange, daß die Klauseln der Verträge, die ihnen günstig seien, in Kraft blieben. Das sei der Zweck der Diplomatie. Für die Minderheiten habe Frankreich seine These durchgesetzt. Durch die Loearno- verträge habe man von Deutschland die feierliche Versprechung erhalten, daß es niemals mit Gewalt die deutsch-polnische Grenze abändern wolle. Frankreich habe stets auf der Seite Polens gestanden.

Die Verträge seien unterzeichnet und würden nicht zerrissen werden, son­dern bleiben.

Mit großer Leichtfertigkeit vom Kriege sprechen, heiße nicht nur -den Krieg ent­fesseln, sondern eine soziale Katastrophe.

Gewisse franzosenfeindliche Kund­gebungen in Deutschland hängen mit der Krise m Deutschland zusammen. Dreiein­halb Millionen Arbeiter befänden sich im Elend und hätten keine Hoffnung auf baldige Besserung. Man dürfe jedoch nicht vergessen, daß es z. B. in Preußen eine Regierung gebe, die urdemokra- t i f cf) und republikanisch sei. Sie allein (!) müsse genügen, um die Annäherungspolitik weiter- z«führen. (!!) Er müsse erklären, daß der Aoungplan nicht durch einen neuen Plan ersetzt werden könne.

Deutschland habe jedoch das Recht auf ein Moratorium.

Ein Antrag hierauf sei ihm, Briand, je­doch noch nicht bekannt, und an dem Tage, an dem dies geschehe, werde Frank­reich sehen, was es zu antworten habe. Briand kam sodann auf seine Initiative für die Schaffung des europäischen Staa­tenbundes zu sprechen. Er warf der Rech­ten vor, ihn von Beginn an lächerlich ge­macht und angegriffen zu haben. Unter ungeheurem Beifall der Kammer schloß Briand seine Ausführungen, indem er mit erhobener Stimme in den Saal schrie, daß er einer langsamen Ver­

giftung die Kugel vorziehe.

Die Nachtsitzung

ff. Paris, 14. Nov. Im Verlauf der Nachtsitzung der französischen Kammer hielt Ministerpräsident T a r d i e u eine Rede, in der er u. a. ausführte: Seit 4 Jahren arbeite ich mit Briand zusammen. Wir beide sind vielleicht in der Ver­gangenheit nicht immer der gleichen An­sicht gewesen, aber wir haben als Außen­minister und als Ministerpräsident mit einander gearbeitet, und es gibt keine Zweideutigkeit.

Tardie« fuhr fort:Den Ausführun­gen Briands über die Locarnooer­träge habe ich nichts hinzuzufügen." Die Räumung der dritten Rheinland­zone, also eines dritten Teiles des de-