Sonnabend,
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®te .Oberhesstsch« 3dhmg' erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2.20GM.auS- schließl. ZustellungSgebühr, durch di« Post 2.45 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendefett »der elementar« Ereignisse ausfallend« Nummern wird kein Ersatz gr- lrtstet. Verlag, Dr. 5. -ttzeroth, Druck der Untv-Duchdrucker«! Zoh. Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54 uud Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 «nd
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Grundlagen der Verständigung?
Kapitän Ehrhardt an RechLerg — Seine Einstellung zu einer deutsch-französischen Einigung
Zm Verlauf der seit einiger Zeit geführten deutsch-französischen Verständigungdebatte hat Kapitän Ehrhardt an Arnold Rech berg einen Brief gerichtet, worin es heißt:
Sehr geehrter Herr Rechberg? Meine bekannte zustimmende Einstellung zu einem deutsch-französischen Bündnis hat folgende wesentlichen Gründe: Das heutige Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich läßt die Zukunftsfrage, ob Kriege oder dauernder Friede das Schicksal dieser beiden Nationen fein wird, offen. (Ein Zustand wie der heutige ist auf die Dauer unerträglich. Unsere Frontgeneration hat, erbittert durch Versailles, Dawesplan, Youngplan, Ruhrbesetzung, tief getroffen in der persönlichen Soldatenehre und der Ehre der Nation mit zusammengebissenen Zähnen die Waffen strecken müssen. Bietet uns Frankreich ehrlich die Möglichkeit, die verletzte Ehre durch Wiedergabe des Degens vor aller Welt wieder herzustellen? Zwei Gegner, die sich als Kämpfer stets achteten, bieten die sicherste Gewähr für ein Bündnis.
Einen solche« bünduissährgen Gegner sehe ich in Frankreich. Sieht ihn Frankreich gleichermaßen in Deutschland?
Die Welt, insbesondere Europa, ist voll Zündstoff. Alle Völker, außer Deutschland und seinen einstigen Bundesgenossen, rüsten in einem derartigen Ausmaße, daß die Kriegsgefahr überall wächst. Keiner traut dem anderen. Deutschland in seiner zentralen Lage, völlig wehrlos, Schlachtfeld, Aufmarsch- und Durchsgangsgebiet bet jedem größeren europäischen Konflikt, muß sich Bundesgenossen suchen. Der stärkste ist der beste.
Ein deutsch-französisches Bündnis ist die einzige Garantie, um Kriege in Europa zu bannen.
Dieses Bündnis würde die Teile der beiden Nationen, die heute noch auf der einen Seite für Rache, auf der anderen Seite für restlose Vernichtung sind, matt setzen und damit ein für allemal die Kriegsmöglichkeit zwischen Deutschland und Frankreich ausschalten.
Die Frage der französischen Abrüstung ist sekundär. Eine angemessen« deutsche Aufrüstung ist für mich das Primäre. Ein pazifistischer wehrloser Bundesgenosse hat für Frankreich zweifellos keinen Wert und bedeutet in der geographischen Lage Deutschlands seine stete Friedensbedrohung. Unter der Voraussetzung, daß es Gustave Hervä gelingt, die französische Regierung zu veranlaßen, sich die von ihm vorgeschlagenen Bedingungen für eine deutsch-französische Einigung zu eigen zu machen, sehe auch ich in diesen Bedingungen die Basis für positive deutsch-französische Bündnisverhandlungen. Ich habe meine Rundfrage über ein deutsch-französisches Bündnis nicht nur an alte Frontkämpfer der Rechten gerichtet. Ueberein- ftimmend habe ich aus allen Lagern die Antwort erhalten:
„Wir wollen eiue deutsch-französische Verständigung, wenn sie ehrlich, vorbehaltlos ist, für Deuschlauds Ehre tragbar und Deutschlands Stellung als Srohmacht politisch und wirtsachft- lich sichert.«
Den Wert des Meinungsaustausches zwischen Männern beider Nationen, die im öffentlichen Leben stehen, sehe ich darin,
daß der Gedanke der Verständigung im- I mer größere Formen annimmt, so daß ein entscheidender Schritt der berufenen Stel- < len schließlich das volle Verständnis der I überwiegenden Mehrheit der beiden Völker, der Führer, der Preße finden würde. Die Staatsmänner, die den Mut zum I
ersten entscheidenden Schritt finden, wird nicht nur dereinst die Geschichte, schon die jetzige Generation als wirkliche Führer ehren.
Ich bitte Sie, diese meine Stellungnahme an Herrn Hervä weiterleiten zu wollen.
Zahlen beweisen!
Ans dieser Grundlage ist eine Einigung unmöglich i
Übersicht über den gegenwärtigen Stand der Militärmächte
Einwohnerzahl
Heeresstärke
Masch.
Gew.
Geschütze
Kampfwagen
Flugzeuge
Krieg
Frieden
leichte
schwere
Deutschland
63,3
100000
100000
1926
88
22
—
—
Frankreich
41
4500000
655 000
37000
1425
1172
91'/, Kompagn.
4667
Belgien
8
600000
69163
4073
588
271
3
234
Polen
29,5
3600000
299041
9700
1284
426
9 , (315 Kwg.)
1000
Tschechoslow.
14,5
1300000
140000
8400
884
412
ca. 100 Kwg.
850
Rumänien
17,5
2000009
144000
14098
1402
174
*
350
Südslawien
13
2000000
144000
8956
1104
178
2 Komp. (?)
492
Italien
42
3500000
638300
4300
1200
650
15 ,
1160
England
45,6
200000
186100
13000
1700
400
16 .
1547
USA
120
3000000
328000
23000
2500
500
25 ,
3000
Sowjetrußld.
153,5
6000000
1200000
23000
2400
600
27 ,
12—1400
Sie fürchten die Revision
Briand klatscht Beifall: Eine Revision stört die Ordnung
Die französische Kammer setzte gestern die Aussprache über die Außenpolitik der Regierung fort. Der kriegsblinde Abgeordnete S c a p i n i (Gruppe Maginot) rief gleich zu Beginn seiner Ausführungen lärmende Proteste auf der Linken hervor, als er den in Gang befindlichen Feldzug der Sozialisten gegen den Krieg und für den „Frieden um jeden Preis" beklagte.
Der Redner untersuchte eingehend die Frage, ob der Völkerbund seine Rolle, den Frieden zu sichern erfüllt habe. Er kam zu dem Schluß, daß der Völkerbund die Gegensätze zwischen den Völkern erst recht aufgedeckt habe, vor allem zwischen den Völkern, die die Revision der Verträge forderten und denjenigen, die diese Revision ablehnten.
Zur deutsch-französischen Annäherung erklärte Scapini,
Deutschland habe di« französische Polstik der Konzessionen mit immer neuen Forderungen. mit den Hitler-Wahlen, Stahl- helmkundgebnngen und geheimen Rüstungen der Reichswehr beantwortet. Die Kammer sei darüber bisher getäuscht worden. (Stürmischer Lärm links.)
Die französische Außenpolitik müsse den Versuch machen, alle früheren Alliierten wieder zusammenzufassen und dem Krieg eine Schranke zu setzen.
Der der Demokratischen Volkspartei ang> hörende Abgeordnete Pezet berührte i.t feiner Rede, welche der in der Diplomatenloge erschienene deutsche Botschafter v. Voesch anhörte, das Reoisionsproblem. Der Abgeordnete behandelte es in scharf ablehnendem Änne. Der Artikel 19 des Vökkerbunds- paktes, der von der Revision der undurchführbar gewordenen Bestimmungen spreche, könne niemals Anwendung finden, denn
di« R«visionsfvrderuugen würden die ganz« Ordnung in Europa in Frage stellen und den Frieden ernstlich gefährden.
Der Danziger Korridor sei für Polen unbedingt notwendig und es könnten höchstens kleinere Erenzberichtigungen oder Derkehrs- erkeichterungen zugunsten Deutschlands ins Auge gefaßt werden. Die deutsch-französische Friedenspolitik müsse nicht trotz, sondern ge-.
Die alten Gegensätze
Genf, 7. Nov. Der Vorbereitende A b- rüstungsausschuß begaim heute die Beratung des Konventionsentwurfes für eine allgemeine Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen. Zunächst wurde auf Antrag Lord Cecils beschlossen, den Artikel des Entwurfes über die Festsetzung der Effektivstärke der Landstreitkräfte durch Vorschriften hinsichtlich der S e e - streitkräfte zu ergänzen. In der Dis- kußion sprachen u. a. wiederholt die Vertreter Großbritanniens, der Vercin'.gten Staaten. Japans, Italiens und Rußlands. Es zeigte sich gleich, daß die alten Gegensätze weiterbestehen trotz der Ergebnisse der Londoner Flottenkonferenz. Die Vertreter Frankreichs und Italiens hielten ihre früheren Vorbehalte aufrecht, daß nämlich die Beschränkung der Effektivstärke zur See nach den gleichen Bedingungen vorgenommen werden müßten, wie sie in dem Konoentions- entwurf für die Landstreitkräfte vorgeschlagen werden. Schließlich wurde beschlossen, die Diskussion hierüber vorläufig auszusetzen, um den besonders interessierten Mächten Gelegenheit zu geben, am Nachmittag unter sich noch einmal diese Frage zu besprechen.
rade wegen der aufgetretenen Schwierigkeiten und Interessengegensätze weiter verfolgt werden. Frankreich könne dazu beitragen, Deutschland von der fixen Idee seiner Einkreisung zu befreien, wogegen Deutschland die Besorgnisse Frankreichs um seine Sicherheit zer- ftreuen könne. Falls Deutschland sich an einer friedlichen Organisation Europas nicht beteiligen wolle, müsse man diese Organisation fo stark machen, daß Deutschland gegen seinen Willen hineingezwungen werde.
Die Ausführungen Pezets fanden wiederholt die lebhafte Zustimmung des ganzen Hauses mit Ausnahme der äußersten Rechten. Auch Außenminister Briand klatschte dem Redner wiederholt Beifall. Als der Abgeordnete die Tribüne verließ, wurde er vom Ministerpräsidenten Tardieu und Außenminister Briand beglückwünscht.
Darauf wurde die Debatte auf nächsten Donnerstag vertagt.
In einem längeren Aufsatz über die Abrüstungsfrage kommt der außenpolitische Leitartikler des „Po Polo d' Italia« zu dem Schluß, daß das einzige Hindernis der Abrüstungskonferenz die Politik Frankreichs sei. Bei der Abrüstungskonferenz dürfe der Sicherheitsbegriff nicht mehr auf Frankreich und seine Anhänger beschränkt bleiben, sondern müßte grundsätzlich auf alle Staaten, also auch auf die abgerüsteten, ausgedehnt werden, was die logische Doraussetzung für ihre Wiederaufrüstung darstelle.
Das Gefühl der Sicherheit könne kein Dorrecht Frankreichs bleiben, sondern sei für alle Staaten und für alle Dölker eine Frage auf Leben und Tod. Das Dlatt glaubt, daß die Forderung Deutschlands, Oesterreichs, Angarns und Bulgariens nach endlicher Erfüllung der allgemeinen Aorüstungsverpflichtung heute von der Mehrheit der Diegerstaaten, darunter Encstand, Italien und Amerika, unterstützt werde, ganz abgesehen von Rußland und der Türkei. Jeder Dertrag, der von einem der Partner nicht erfüllt werde.
Tagesspiegel
Franklin Bouillon, sattsam bekannt durch seine früheren Kundgebungen einer ausgesprochen reakttonären Auffassung, die er hinter der Ettkette eines Linkspvlttikers verbirgt, hat in der französischen Kammer Grundsätze entwickelt und dafür Beifall aus dem Regierungslager geerntet, die jeder Entwicklung zur Dernunft und zur Derständigung Hohn sprechen. Er sieht in dem Bedürfnis des deutschen DolkeS nach Reinigung von der Kriegsschuldlüge nichts weiter als Machenschaften, um von den vertraglichen Verpflichtungen loszukommen, insbesondere sich seiner Zahlungen zu enüedigen, und er empfiehlt ein Verfahren, wonach man etwaige deutsche Ansprüche auf ein Moratorium oder dergleichen einfach mit dem Hinweis ablehnen sollte, daß der deutsche Staatshaushalt nicht in Ordnung sei und an allen Schwierigkeiten Schuld trage. Mit gleicher Intransigenz spricht er sich gegen jede Abänderung territorialer Besttmmungen aus, bezeichnet die Grenze Polens als diejenige Frankreichs und ihre Wahrung als J>ie beste Garantie für den Frieden«.
Für diese Bekundungen des nackten Machtwillens, wie man ihn schroffer kaum in den ersten Rachkriegstagen gehört hat, erntete Franklin Bouillon neben hefttgen Widersprüchen der Linken ebenso hefttgen Beifall, und zwar aus dem Lager der Regierungsparteien. Rachttäglich haben diese zwar in ihrer Presse eine gewisse Zurückhaltung an den Tag gelegt und den radikalen Blättern den Dortritt in der Behandlung der Franklin-Bouillonschen Ausführungen gelassen, aber es bleibt nicht minder unerfreulich, daß solche. Auffassungen überhaupt heute noch anderswo als bei den Chauvinisten der äußersten Rechten Beifall finden konnten — einen Beifall, an 'dem sich sogar der langjährige Dertteter Frankreichs bei den Abrüstungsarbeiten, der Sozialist Paul Dvncour beteiligte.
Wenn in Franklin Bouillons Rede Frankreichs Wille auf Mißachtung der Derttäge zum Ausdruck gekommen sein sollte, dann ist es erst recht Aufgabe der deutschen Außenpolitik, diesen Tatbestand auch auf der Abrüstungskonferenz feftzu- stellen. Da sich dazu auf der vorbereitenden Abrüstungskonferenz, die sich leider nicht mit der Stärke der einzelnen Heere beschäftigt, kaum Gelegenheit bietet, so haben unsere Dertteter in Genf mit denkbarstem Rachdruck dafür zu sorgen, daß sobald wie möglich das Datum der endgültigen Abrüstungskonferenz anberaumt wird, um Frankreich dann zu zwingen, vor der ganzen Well auch das formelle Rein auszusprechen. Die Konsequenzen, die sich daraus für Deutschland ergeben, sind absolut eintourig. Darüber wollen wir Franklin Bouillon nicht im Unklaren lassen.