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Nr. 260

D»«DeNnte Zeit«««. Wart«« a. L. Mittwoch, beit 5. November 1930

«Sehr

Kleine Vorlagen im Stadtparlament

Die Tagesordnung der gestrigen Etadtver- ordnetensitzung umfaßte acht kleinere Vor- lagen, deren Erledigung trotzdem mehr als zwei Stunden in Anspruch nahm. Längere Aussprachen erforderten die Bürgschaftsüber­nahme für ein Baudarlehen des Spar- und Bauvereins und die Anftage mehrerer Stadt­verordneter wegen der etwas verschobenen Unterrichtszeit der Berufsschule. Die Geneh­migung einer neuen Satzung für das Wohl­fahrts- und Jugendamt sowie Wahl von meh­reren Unterausschüssen wurden zurückgestellt.

Mitteilunge».

Stadto.-Vorsteher Rohde gab Mitteilung von Eingaben einiger Ortenbergbewohner, in welchen um Befreiung von der Stegumlage gebeten wird. U. a. gaben die Betreffenden an, der Steg habe durch die Lage ihrer Woh­nungen für sie weniger Interesse, auch seien sie in schlechten finanziellen Verhältniffen. Die Eingaben wurden zur Kenntnis ge­nommen.

llebernahme von Bürgschaften.

Weiter lag ein Antrag des Magistrats vor, einige Bürgschaften für Anleihen des Mar­burger Spar- und Bauvereins zu übernehmen, welche dieser zum Bau der Kleinwohnungen im Afföller aufnehmen mußte. Oberbürger­meister Müller befürwortete die Vorlage, denn der Spar- und Bauverein habe Woh­nungen gebaut, was sonst wohl der Stadt überlassen geblieben wäre. Die Landespfand- briefanstalt verlange für alle von ihr gege­benen Anleihen Bürgschaften öffentlicher Be­hörden. — Stadtv.C.W.Schneider wandte sich gegen die Vorlage und war der Ansicht, daß die Stadt die Sache auf den Pelz be­komme, wenn die Anleihen einmal gekündigt würden. Die Wohnungsnot in Marburg sei wich halb so schlimm, wie sie hingestellt werde. Im nächsten Jahr sei voraussichtlich der Be­darf in Marburg gedeckt. — Die Stadtv. Hilde mann und Fischer setzten sich für die Vorlage ein. Letzterer betonte, daß eine Kündigung der Anleihen nicht zu befürchten fei. Bezüglich der Wohnungsnot habe oer- zenige, der einen Einblick gewinnen könne, andere Ansichten. — Oberbürgermeister Mül­ler führte aus, datz noch 2—ZZimmerwohnun- tzen viel benötigt würden. — Stadtv. Mül­ler-Eigner setzte sich für die Vorlage des Spar- und Bauvereins ein, dem man ohne Sorge eine Bürgschaft geben könne. — Stadtv. Sonnenschein gab für die Mehrheit seiner Fraktion die Erklärung ab, daß sie wohl zur Bürgschaftsleistung bereit sei, jedoch müsie die Bürgschaft innerhalb der 50-Prozentgrenze gelegen sein. — Nachdem sich noch Stadtv. T r i e s ch m a n n für die Vorlage ausgespro­chen hatte, erfolgte Zustimmung zur Magistratsvorlage.

Geländeoerkauf.

Der Magistrat hatte beantragt, dem Ver­kauf eines 84,98 Ar großen Geländes an der Schlosier- und Neuen Kasselerstraße an den Spar- und Bauverein zum Preise von 40 000 jt zuzustimmen. In der Begründung wurde ausgesührt, datz der Spar- und Bau- verein hier im nächsten Jahre einen größeren Wohnungsblock errichten wolle.

Stadtv. Prause begrüßte die rege Bau­tätigkeit des Vereins und fragte an, ob'der Grundstückspreis im Interesse der Niedrighal- tung der Mieten nicht etwas erniedrigt wer­den könne. — Oberbürgermeister Müller führte aus, daß der Bodenpreis schon so niedrig als möglich gehalten sei. Gegen die Bebau­ung der Parzelle beständen keine Bedenken. — Stadt. Weber forderte auch mehr Entgegen­kommen dem Spar- und Bauverein gegenüber,

damit die Mieten nicht zu hoch würden. Uebrigens füge sich die östliche Giebelwand des neuen Kleinwohnungshauses schlecht in das Landschaftsbild. Dieser Zustand könne jetzt noch geändert werden. — Stadtv. Dö- r i n g stand der Vorlage fteundlich gegenüber, wünschte jedoch, daß sie nochmals im Fi­nanzausschuß geprüft würde. — Die Stadtverordnetenversammlung war mit diesem Vorschlag einverstanden.

Line Anftage wegen der Berufsschule.

Mehrere Stadtverordnete hatten eine An­ftage wegen der Unterrichtszeit in der gewerblichen Berufsschule ge­stellt, die von Stadtv. Döring begründet wurde. Die Schulstunden für die Lehrlinge wären jetzt auf die Zeit von 7.30—1.30 Ufr gelegt worden (früher von 7—1 Uhr), womit sich das Handwerk nicht einverstanden erklären könne. Viele Lehrlinge kämen mit den 7-Uhr- zügen hier an und trieben sich dann bis zum Schulbeginn um 168 Uhr auf der Sftatze herum. Auch mittags fei der spätere Schul- schlutz wegen des Mittagesiens für die Meister­frauen sehr ungünstig. — Bürgermeister Votz begründete in längeren Ausführungen den neuen Schulbeginn eingehend. Aus Gründen der Schulordnung sei die jetzige Regelung er­folgt. Es handele sich doch auch nur um die paar Winterwochen. — Stadtv. Wagner wünschte, daß im Jntereffe einzelner Eewerbe- zweige, die vor Weihnachten stark beschäftigt seien, die Weihnachtsferien etwas vorverlegt werden möchten. — Bürgermeister Votz sagte Berücksichtigung dieser Wünsche zu. — Nach­dem sich noch Stadtv. Textor gegen den neu

Ein schwerer Winter steht vor der Tür. Die noch immer zunehmende Arbeitslosig­keit bringt ungezählte Familien in Not und Sorge. Die Arbeitslosenunterstützung, so wertvoll sie für die Betroffenen ist, reicht kaum aus für Miete und Ernäh­rung. Wer nicht noch hier und da etwas dazu verdient, hat nichts für Kleidung, Wäsche, Schuhe. Und dieser zufälligen Verdienstmöglichkeiten werden immer we­niger. Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, umso schwerer drückt die Not in den betreffenden Familien. Die öffent­liche Fürsorge tut, was sie kann. Aber ihre Mittel sind auf das äußerste be­schränkt durch die allgemeine Notlage, durch die abnehmende Steuerkraft, durch die Belastung der Gemeinden mit der Er­werbslosenfürsorge der aus der Versiche­rung ausgeschiedenen.

Da ist es Sache der privaten Fürsorge, zu helfen. Der Stadtverband Marburger Frauenvereine ruft Marburgs Frauen auf, zu helfen.

Das Erste, was geschehen soll, ist eine Sammlung von abgelegten Kleidern, Wäsche und Schuhen, die in vielen Haushaltungen ungenutzt liegen. Eine Nähstube mit geschulten Kräften und solche mit freiwilligen Hilfskräften wird die geschenkten Sachen sichten und zweck­mäßig verarbeiten. Auch wird die Mög­lichkeit gegeben, daß bedürftige Frauen sich selbst unter Anleitung Kleidungsstücke Herrichten können. Die Schuhe werden,

eingeführten Schulbeginn gewandt hatte, ver­fiel die zum Antrag erhobene Anfrage des Stadtv. Döring usw. der Ablehnung.

Die Bilanzen der gewerblichen Betriebe.

Es lag ein Maaisftatsantrag vor, die Bi­lanzen der gewerblichen Betriebe für das Ge­schäftsjahr 1929/30 zu genehmigen. — Stadtv. Triefchmann gab einen längeren Bericht Uber die Revision des Betriebsausschusies. — Oberbürgermeister Müller teilte mit, datz die Wirtschaftlichkeit in dem be­sagten Geschäftsjahr gestiegen sei, insgesamt habe man einen Bruttoüber­schutz von 550 000 Jt erzielt. Im ein­zelnen sei der Ueberschuß beim E-Werk von 217 000 auf 218 000 Jt gestiegen. Die Strom­abgabe war um 90 Prozent gesteigert, wäh­rend die Straßenbahn einen Ueberschuß von 24 000 Jt erzielte. Bei dem Gas- und Eis­werk wurden ebenfalls Ueberschüsie erzielt, während beim Wasserwerk der Ueberschuß ge­genüber dem Vorjahr etwas zurückging. — Stadtv. Wagner bat um Prüfung der Ta­rife für diejenigen Betriebe, welche Gas, Elettrizität usw. in ihren Betrieben benötig­ten. — Stadtv. Prause regte am den 10--Z- Tarif bei der Straßenbahn aus Gründen der Rentabilität auch nach 10 Ubr abends einzu- führen. — Damit war die Aussprache erledigt.

Hausoerkauf.

Ohne Aussprache stimmte man zu, datz das Haus, das die gewerblichen Betriebe für den früheren Bezirksmonteur Brechnitz in Münch­hausen gekauft haben, für 7000 Jt verkauft wird. Nachdem die Ueberlandanlage auf den

so weit sie es noch wert sind, ausgebeffert. Die so fertiggestellten Sachen sollen zu bil­ligen Preisen verkauft oder in dringend­sten Notfällen durch die Bezirkspfle­gerinnen verteilt werden.

Schon vorhandene Rähstuben. die gleiche Zweck« verfolge«, de, kirchlich»« Fra«en- hilfe, des Vaterländischen Frauenvereins nnd andere sollen dnrch diese Sammlung nicht geschädigt werde«. Der Stadtver­band richtet seine Bitte an di« Haus­frauen, die bisher keinen schon bestehenden Hilfsstellen ihre Sachen zugewendet habe«. Auch die Brockensammlung wird in ihrer andersartigen Sache nicht davon berührt.

Es wird gebeten um alle Art Kleidungs­stücke, Wäsche, Schuhe, die noch irgendwie zu verarbeiten sind und zu verwenden. Sehr erhöht würde der Wert der Gabe, wenn die Sachen soweit als möglich sau­ber und geflickt, die Schuhe ausgebessert übergeben würden. Aber auch ohne das werden sie angenommen. Sie können täg­lich abgegeben werden, in der zu diesem Zweck errichteten Nähstube im ersten Stock der Stadtsäle, morgens von 10—12 und nachmittag von 3—5 Uhr.

Wer lieber möchte, daß die Sachen ab­geholt werden sollen, richte eine Karte mit der Bitte um Abholung an Frau Oberbürgermeister Müller, Barfüßertor 1.

Kreis übergegangen ist, liegt kein Interesse mehr an dem Eigentum des Haukes vor.

Der Zuschlag zur Erunderwerbssteuer.

Weiter lag ein Antrag des Magistrats vor, von neuem die Erhebung eines Zuschlags zur Erunderwerbssteuer zu beschließen. Es han­delt sich um keine neue Steuer, sondern um die Weitererhebung des bisherigen Satzes von 5 Prozent.

In der Aussprache wandte sich Stadtv. C. W. Schneider gegen jede Erhöhung der Realsteuern. Der sowieso schon stockende Erundstücksmarkt dürfe nicht erschwert, son­dern müsse gefördert werden. Auch der Kauf­männische Verein mache gegen jede Erhöhung bezw. Erneuerung der Steuer Front. Die Ab­stimmung ergab Annahme des Magistrats­vorschlages.

Anfragen.

Stadtv. Döring hatte die Anfrage ge­stellt, ob die Straßenbeleuchtung Im Ge­fälle, am Cappelerberg usw. im In­teresse der Anlieger nicht verbessert werden könne. — Oberbürgermeister Müller ent­gegnete, daß in diesem Jahre bereits 10 000 Jt für diesen Zweck ausgegeben seien. In diesem Jahre könne nichts mehr unternommen werden.

Die sozialdemokratische Fraktion fragte durch Stadtv. Eckel an, welche Maßnahmen zwecks Beschaffung einer Winterbeihilfe für die Wohlfahrtserwerbslosen von der Stadt er­griffen seien, worauf Oberbürgermeister Müller antwortete, daß geplant sei, Kohlen zu beschaffen und Beihilfen zu Kartoffeln zu gewähren. Im übrigen sei auf den Aufruf der Marburger Frauenverbände hinoewiesen. — Stadtv. P i s c a t o r bemerkte noch, daß auch die evangelischen Gemeinden bereits in dieser Angelegenheit tätig seien.

Die Not der Zeit drückt heute Jeder­mann. Sie ist in jedem Haushalt zu spüren. Aber noch ist da ein großer Un­terschied der Notlage. Wer in gesicherter Lehensftellung steht, soll wissen, wie gut er es hat und gern helfen, so viel er kann.

Winterhilfe des Stadtverbandes Marburger Frauen-Vereine.

* Der kaufmännische Stellen»« markt läßt nach den Beobachtungen der kaufmännischen Stellenvermittlung des DHB. im Monat Lcktober noch keine Besserung erkennen. Der Bewerber» zugang, wahrscheinlich eine Auswirkung des Metallarbeiterstreiks. Aber auch sonst wurde im ganzen Reich ein noch immer starker Zugang an gekündigten Kauf­mannsgehilfenbeobachtet. Inwieweit diese neuerlichen Zugänge eine Folge des von der Reichsregierung programmatisch vor» geschlagenen allgemeinen Gehalts- und Lohnabbaues sind, läßt sich nicht genau nachweisen. ES ist aber anzunehmen, daß die Reuzugänge Kündigungen betreffen, die dem Zwecke der Abänderung der An­stellungsbedingungen erfolgten. Diese Kündigungen dürften also nicht unbedingt zu Entlassungen führen. Die Lage wird durch folgende, für die Kaufmännische Stellenvermittlung des DHV. errechneten Meßzahlen, gekennzeichnet: Andrangszif­fer (Bewerber auf eine gemeldete offene Stelle) 32,3 im Oktober 1930 gegenüber 32,5 im September 1930.

Aufruf an -re Marburger Hausfrauen

(Nachdruck verboten.)

etranW

Ein deutscher Küstenroman von Alfred M a n n s.

33. Fortsetzung.

Gerhard trat nun zu Fresen und reichte chm die Hand. „Mr habt gehandelt wie ein rechtschaffenerMann--" hier traf

'ihn Donas verängstigter Blick, die sich frster an die Schwester schmiegte.

„Dona kann zu mir kommen, sobald sie will," entgegnete Ewert. „Sie soll es bei mir nicht schlechter haben als hier--

—" unsicher unterbrach er sich--„denn

das Mal---“

Da schob Peter Oltrogge Gerhard zur Seite und legte dem Halligmann beide Hände auf die Schultern. „So, Mann, nun seht mir einmal recht fest in die Augen. Das könnt Ihr doch? Und nun antwortet mir: Könnt Ihr beschwören, daß Eure erste Frau das gleiche Mal wie Fräulein Dona hatte?"

Fresen wand sich unter den Blicken. Fimmel!" stieß er dann hervor, „macht ihr einem ein gutes Werk schwer. Macht mit dem Strandgut, was ihr wollt. Nein, ich will nicht schwören, ich gehe jetzt zu Hilke und erzähle ihr von dem Unsinn, den wir vorhatten."

Damit schritt er zur Tür.

„Grüße die Hilke," sagte Eeke.

Ewert wandte sich um. „Will ich tun. Aber eins sage ich Euch, Bäuerin, wenn Ihr wieder anfangt, dann helfen wir mit, die ganze Bande, und unser Knecht auch, und wenn wir da einen Pfennig für neh­men, bann will ich meinen alten vierjäh­rigen Haushahn mit allen Federn fressen."

16. Kapitel.

Lange Zeit sprach keiner ein Wort. Alle hatte« das volle Bewußtsein eines großen

Erlebens. Dieser Mann, der hier eben noch stand und sie alle anlog, war von Haus aus liederlich veranlagt und war nun in den Händen der ehrenhaften Hilke über sich selbst und manchen stets braven aber unversuchten Mann hinweggewach­sen) denn was er sagte, das meinte er auch.

Die Wahrheit ist ein ethisches Funda­ment, sie wurzelt im Wesenskern eines je­den guten Menschen, aber es gibt eben keine Prinzipien, die für alle Fälle passen.

Die fünf Menschen im Zimmer blickten sich an und sagten sich: Vor einer solchen Lüge müssen wir uns beugen.

Keiner verspürte Lust, das Ergebnis weiter zu erörtern, doch mit Unruhe er­kannte Beta die ernste Falte auf der Stirn der Mutter.

Peter hatte bereits nach Ewert das Zimmer still verlassen. Man sagte sich heute, nichts mehr, und doch wußte ein jeder, daß in den nächsten Tagen die große, in den Charakteren begründete Aussprache kommen müsse.

Aber am übernächsten Tage geschah erst noch etwas anderes, die Eröffnung von Uwe Folkerts Testament in des Deichvogts Hause, wohin sich der Notar bemüht hatte

Eeke war hinbestellt. Sie ahnte, daß Uwe Folkert ihr einen Teil seiner ge­ringen Ersparnisse vermacht hatte. Das ging ihr gegen das Gefühl; denn sie fürchtete, daß dadurch die zarte Zuneigung Uwes zu ihr in den Staub des Alltags getreten würde; dazu war sie ihr zu gut

Wie sie vermutet, so kam es. Der alte Deichvogt hatte der Frau Eeke Onken fein Barvermögen vererbt sowie Haus und Land. Die Wirtschaftettn erhielt ein kleines Nebenhaus und reichlich Gatten­land.

Eeke war zuerst entschlossen, die Erb­schaft abzulehnen, aber bann fiel ihr

zweierlei ein. Die Leute würben sich über einen alten Toren lustig machen unb über bie Abweisung, bie ihm noch nach seinem Tobe wiberfuhr, unb bann: hatte bas Anbeuten dieses Mannes, bessen halbes Leben nur Liebe unb Treue für ben On- kenhof barstellt, eine solche Kränkung ver- bient, wie es bie Zurückweisung bes Ver­mächtnisses gewesen wäre?

Sie schwankte noch, als bei Notar ben Nachsatz bes Testaments vorlas, der so et­was wie eine Erklärung barstellte:

„Mein bester Freunb war Focke Onken. Die Freunbschaft vererbte sich nach seinem Tobe auf Kinb unb Kinbeskinb. Ich alter Mann habe in seinem Hause eine Hei­mat gehabt, so lieb, baß ich sagen kann, auch im Alter ist mir kein Tag zur Last gewesen. Wenn ich mit achtzig Jahren noch gern lebte, so baute ich bas bem On- tenhofe. Ich zahle eine Schuld, wenn ich meinen Heinen Besitz Frau Eeke Onken vermache, bie es mir nach meinem Tode utt antun barf, bie Gabe auszuschlageu."

Nun zögerte Eeke nicht länger. Sie nahm bie Erbschaft an, unb es stellte sich bann heraus, baß niemand etwas ande­res gedacht hatte, als daß Uwe Folkert dem Onkenhofe fein Eigentum verschrei­ben würde. Es gab auch keinen Menschen, der ein unsauberes Wort über die Sache gesprochen hätte.

So ganz gering war die Erbschaft gar nicht einmal. Zehntausend Mark in siche­ren Papieren, dazu Haus und Land.

Für die Wiederaufbauarbeiten am Du« keuhofe war das nicht viel, aber es hätte für ben Anfang gute Dienste geleistet, wenn nicht Eeke auf ben gewissen Ertrag bet kommenben Ernte hin ben ihr überall bereitwilligst gebotenen Krebit für Dünge­mittel, Maschinen und Sämereien in An­

spruch genommen hätte. Es war eben alles noch im Werden, und bie Wette la­gen ausnahmslos in bem wohlgerichteten Voben. Für bieses Jahr zum ersten mal hatte bie betriebsame Frau auf einen Bar­überschuß gehofft.

Ihre Rechnung ging so: Aus Kredite durfte sie sich stützen, so weit der Wert der unverschuldeten Liegenschaften reichte, wo­bei sie die neuen Kulturen nicht in An­satz brachte. Eine Vernichtung dieser Kul­turen hatte sie nie in Betracht gezogen, und dennoch bewahrte sie ihre bis auf die Knochen solide Geschäftsführung vor Aus­dehnung der Kredite auch auf bas unsag­bar mühsam, aber erfolgreich bem Boden abgerungene Gartenland.

Heute morgen lagen die Dinge für Eeke nun so: Verkaufte sie das Haus und die Ländereien, wie sie die Sturmflut gelassen hatte, so war sie schuldenfrei, aber sie mußte als gänzlich Verarmte den Hof verlassen, für den sie alles, aber auch alles außer den beiden Töchtern hinten ange­setzt hatte.

Nun, nach der Erbschaft, lag es anders. Die Schulden konnte sie jetzt bezahlen, das Haus blieb ihr; sie war nicht heimat­los, dafür hatte Ohm Urne gesorgt. Aber zum Aufbau fehlten ihr jegliche Mittel. Ganz, ganz von unten an mußte sie wie­der beginnen. Gewiß, da war noch die Netzflechterei, aber der Leerschuß mußte für die Amortisation bleiben, er konnte nicht in die Landwirtschaft gesteckt werden.

Eeke Onken war auch mit der Erbschaft eine arme Frau.

Das Strandgut lag aber sicher bei der Bank als Kontoguthaben und im Tresor unter bem Namen „Dona Onken".

IFottjetzung folgt)