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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Mer 200 Lote in Alsdorf

der Wamsten Katastrophen in derSrschtchte des Bergbaues - Roch immer sind annähernd 100 Bergleute eingeschlossen

Severins wieder Innenminister in Preußen - Waentig rurlickgetreten

Nach Mitteilung des Oberbergamtes Bonn waren

bis 8 Uhr von den bei der Eruben- kaiastrophe in Alsdorf Getöteten 137 geborgen. Man vermutet, daß noch 60 bis 100 Tote in der Grube sich be­finden.

Die Stollen sind, soweit sie nicht durch Zu­bruchgehen verschüttet find, wieder befahr- bar, und gasfrei.

Ob die Zahl der noch in der Grube eingeschlossenen Bergarbeiter wirklich 124 beträgt, ist noch nicht sicher, da immer noch keine genaue Feststellung der am Dienstag früh eingefahrenen Be­legschaft möglich war. Um die noch immer vor dem Verwaltungsgebäude wartenden Angehörigen über die' in den Kranken­häusern untergebrachten Verletzten zu unterrichten, hat die Verwaltung g » druckte Listen mit den Namen der Verletzten im Ort verteilen las­sen. Zur Ablösung der Hi'fsmannschasten find von der Zentralrettungsstelle der Ruhr weitere Mannschaften eingetroffen. Die Freilegung der zu Bruch gegangenen Strecke schreitet rüstig vorwärts.

Allein zwischen 12 Uhr wurden 30 Tote geborgen.

Ein älterer Bergmann, der am Dienstag früh bereits eingefahren war, aber durch einen Nebenschacht sich in Sicherheit brin­gen konnte,' ist am Nachmittag mit den Rettungsmannschaften wieder eingefah- ren, um nach seinen beiden Söhnen, die ebenfalls in der Frühschicht eingefahren find, zu suchen. Auch eine Mutter ist im Ungewissen über das Schicksal von zwei Söhnen, während der dritte, der ebenfalls in der Frühschicht eingefahren war, am Abend wohlbehalten zu ihr zurückkehren konnte. Die oberirdischen Aufräumungs­arbeiten, an dem eingestürzten Verwal­tungsgebäude und dem Förderturm, schreiten fort. Mit einer großen Anzahl von Schweißgeräten wird die Eisenkon­struktion des Seilturmes auseinander ge­nommen.

Bis heute früh 6 Uhr wurden ins­gesamt 150 Tote der Erubeukata- strophe geborgen.

Den Rettungsmannschaften gelang es im Laufe der Nacht das Revier III auf der 360-Metersohle halb zu durchsuchen. Die Reviere IX und X auf der vierten Sohle find dagegen noch immer nicht zugänglich.

Man m«6 daher mit einer Erhöhung der Totenzahl um weitere 100 rechnen.

Auch unter den Trümmern des Ueber- tagebaues sollen sich noch Tote befinden. Hier schreiten die Aufräumungsarbeiten nur langsam vorwärts. Alle Toten weisen furchtbare Verletzungen durch die Schleu­derkraft des Luftdruckes und vielfach auch grauenhafte Brandwunden auf.

Soweit bisher festgestellt werden konnte, sind die Munitionslager auf den verschiedenen Sohlen im Takt nur die Türen find eingedrückt.

Danach scheint die Annahme einer Dyuamttexplofio« falsch zu sei«.

Ueber die Ursache herrscht immer noch keine Klarheit, wenn überhaupt, wird man sie erst nach Tagen feststellen können. Rach der Ansicht von Sachverständigen, gibt man der Möglichkeit, daß sich von einer tiefer liegenden Sohle eine K o h $ lenstaubexplosion entwickelt hat, den Vorrang. Es kann aber auch sein,

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Blick auf die Anna-Erube in Alsdorf. Der Pfeil bezeichnet die Fördertürme der Grub» Anna 11 die jetzt eingeftürzt sind

Die erste Eruben-Katastrophe von unge­heuren Folgen verzeichnete man 1869 auf einer Zeche in Sachsen. 268 Tote wurden damals aus den geborstenen Schächten heraus­geholt. Wenige Jahre später, im Jahre 1876, starben auf der Lothringer Zeche Karolin - gen 147 Bergleute den Vergmannstod. Dann heute Deutschland viele Jahre Ruhe. Erst 1894 drang wieder schreckliche Kunde aus dem Saargebiet. 180 Tote forderte eine Erpben- Katastrophe auf der Zeche Camphausen, und die Zahl der Verletzten wurde mit über 100 angegeben. 4 Jahre später holten Ret­tungsmannschaften aus der Zeche Karo- l i n e n g I ü ck im Ruhrgebiet 119 tote Knap­pen aus dem Schacht. Mit dem Anbruch des neuen Jahrhunderts und mit der Ausdehnung des deutschen Bergbaus mehrten sich auch die Katastrophen. Viele werden sich noch des ver­heerenden Unglücks erinnern, das 1907 die Zeche Reden im Saargebiet heimsuchte. Die 148 Toten dieser Katastrophe waren furchtbar entstellt

Die gräßlichste Erubenkatastrophe aber, die Deutschland je heimgesucht bat, ereignete sich

1908 auf der Zeche Radbod im Ruhrgebiet. 2m Verlauf der schwierigen und gefährlichen Rettungsarbeiten wurden nicht weniger als 360 Tote geborgen. Großzügige Hilfs­aktionen wurden eingesetzt, und von allen Seiten eilten Rettungsmannschaften an die Unglücksstelle. Wenige Jahre später, im Jahre 1912, forderte eine Schlagwetterexplosion in Bochum 117 Tote.

Die jüngsten Katastrophen find noch allen Zeitgenossen in frischem Gedächtnis. 1923 san­ken die Fahnen in Deutschland auf Halbmast, als die Zeitungen von der Kohlenstaubexplo­sion in der Heinitzgrube bei Beuthen berich­teten. 112 Tote waren hier zu beklagen. 1925 versetzte die Kohlenstaubexplo­sion auf der Zeche Minister Stein bei Dortmund das westdeutsche Jndustrierevier in größte Bestürzung. Die Stadt Dortmund hatte 135 Tote zu betrauern. Der letzten großen Eruben-Katastrophe in Deutschland, des Koh­lensäureeinbruchs bei Hausdorf in Schle­sien im Juli 1930 wird sich noch jedermann entsinnen. Die 151 Toten find im Neuroder Revier noch nicht vergessen.

daß über Tage eine Explofion erfolgt ist, die in die Erde geschlagen und dort eine Kohlenstaubexplosion hervorgerufen hat. Kohlenstaubexplosionen über Tage im Schachtbereich kommen öfters vor.

Durch die Inbetriebnahme eines Blink­schachtes, dessen elektrische Förderung ge­stört war, konnte die Bergung der Toten im Laufe der Nacht beschleunigt werden, doch ist sie auf der vierten Sohle schwierig, da die Wasserhaltung nicht in dieser Tiefe arbeitet. Die Art des Unglücks dürfte in der deutschen und in der internationalen Geschichte des Bergbaues einzig dastehen.

Es ist bisher «och nie vorgekommen, daß durch eine Explosion ein Schacht vollständig zertrümmert wnrde und umliegende Gebäude so schwer be- schädigt wurden.

Der Sachberater für das Erubenverfiche- rungswesen im freien Bergbauarbeiter­verband, Schudy, hat sich an die lln- glücksftätte begeben. Bei den Rettungs­

arbeiten hat sich auch der Arbeiter-Sarna- ttterdienst von Alsdorf besonders hervor­getan. Die Rettungsarbeiten unter Tage leitet die Hauptrettungsstelle Essen. Ein gewerkschaftlicher Betriebsrat berichtet über die Aussagen dreier Schwerverletz­ten, wonach sie

eine Flamme den Schacht herunter kommen sahen.

Leute der 250-Meter-Sohle berichten da­gegen der Explosionsdruck sei von un­tenher von der 360-Meter-Sohle gekom­men. Diese Angaben machen das Unglück noch rätselhafter.

Die ganze Nacht über waren die Schacht­tore von den Angehörigen der Bergleute, deren Schicksal noch ungewiß ist, belagert.

Bon den Tote« unter Tage find bis

6.45 Uhr 134 an die Oberfläche be­fördert worden.

n den Krankenhäusern wurden bis jetzt 8 Verletzte gezählt. Die unterste

Sohle ist vollkommen zerstört und

alle dort beschäfttgten Arbeiter dürften den Tod gefunden haben. Von dort allein wurden 85 Tote geborgen. Auf der Sohle 3 und 4 ist die Zerstörung ebenfalls sehr groß.

Hier befinden fich ungefähr 80 Leute, die noch nicht geborgen werden konn­ten. Es besteht die Befürchtung, daß keiner mehr lebend gerettet werden kann.

Bis 2.20 Uhr nachts waren 105 Tote zu Tage befördert

und es wurde eine fiktive Vermißtenzahl von 124 angegeben. Ein Unsicherheits­faktor für die Feststellung der Geretteten und der noch Verschütteten ist das tägliche Schwanken der Zahl der angetretenen Ar­beiter. Die Markenkontrolle ist zerstört und die Zahl der Vermißten hat nach der 'inzwischen herbeigeschafften Liste noch nicht mit Sicherheit festgesteltt werden können. Die gegen Abend aufgebotenen Freiwil­ligen sind mit der Aufschließung der zu Bruch gegangenen Stollen beschäftigt.. In­zwischen sind aus dem Ruhrgebiet weitere Mannschaften der Zentralrettungsstelle eingetroffen.

Wie von einem Mitglied der Verwal­tung des Eschweiler Vergwerksvereins mitgeteilt wird, nimmt man jetzt an, daß die Explosion auf der 360-Meter-Sohle er­folgt ist,

weil dort das Sprengstofflager lag, das etwa 1000 Kilogramm Spreng­stoff umfaßte.

Diese 360-Meter-Sohle ist die dritte Sohle. Die vierte Sohle liegt mit 460 Metern noch darunter. Die Belegschaft von Anna II beträgt 2000 Mann und verteilt sich auf drei Schichten. Die Nachtschicht war um 6 Uhr ausgefahren. Wie eine stehen gebliebene Uhr zeigt, erfolgte die Explosion um 7.31 Uhr. Ueber die Ursache gehen die Vermutungen noch auseinander. Das Sprengstofflager kann sich durch Tempera- turüberhöhunq entzündet haben. Es kann auch eine kleine örtliche Schlagwetterent­zündung die Veranlassung gewesen sein.

Zm Krankenhaus in Bardenberg find bisher 80 Verletzte eingeliefert. Vier Bergleute find inzwischen ihren Ver­letzungen erlegen.

Im Nordfelde, das sich unweit der Grube Adolf befindet, ist die Wasserleitung be­schädigt. Die Wasserzufuhr, die normal 2 Kubikmeter in der Minute beträgt, kann aber nach Mitteilung der Verwaltung durch die Maschinen der Nachbargruben gesichert werden. Seit 14 Uhr sind die Belegschaften van Anna I und III wieder bei der Arbeit, um die Kokerei zu speisen. Bei den zwischen Förderturm und Ver­waltungsgebäude gelegenen Ban, ver völ­lig zerstört wurde und unter dessen Trüm­mern man nach Tote vermutet, handelt es fich, wie man erfährt, nicht um den Waschraum, sondern um den Lampen­raum.

Schon früh am Vormittag war es einem Betriebsführer, später auch einem Beamten der Bergaufsichtsbehörde und einem Direktionsmitglied gelungen, von Grube Anna I nach Anna II durchzugehen und bis zum Unglücksschacht selbst vorzu­dringen. Sie konnten aber keine Anhalts- juntte über die Ursache der Katastrophe eftstellen. Alle Annahmen über Kohlen­taub-, Sprengstoff- und Schlagwetter-