Strittig, ten 17. Skt. 1930
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Brüning vor dem Reichstag
Das Urteil der Berliner Presse
Berlin, 16. Okt. Auf der Tagesordnung der heutigen Reichstagssitzung steht als erster punkt die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung. Damit verbunden sind die Notverordnung vom 26. Juli, das Schuldentilgungsgesetz und 21 Anträge, die von den verschiedenen Parteien auf Aufhebung der Notverordnung, Aufhebung oder Revision des Young-Planes, auf Durchführung der Feme- Amnestie und in anderen innen- und auhen- politischen Fragen gestellt sind sowie die Beratung der Mißtrauensanträge.
Präsident Lobe teilt das Ergebnis der gestern vorgenommenen Schriftführerwahl mit und erteilt dem Reichskanzler das Wort.
Reichskanzler Dr. Brüning wird von den Kommunisten mit dem Ruf empfangen: „Nieder mit dem Hungerdiktator!" Er beginnt seine Rede mit einem Hinweis auf
Senkung der Kohlenpreise ab 1. Dezember
Berlin, 16. Okt. Reichskanzler Dr. Brüning gab heute im Reichstaq bekannt. datz die Ruhrkohlenindustrie in Erkenntnis der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge ihm ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit erklärt habe, trotz der «och nicht erleichterte« Selbstkostenlage mit einer durchschnittlich 6prozentigen Senkung der Kohlenpreise voranzugehen, die am 1. Dezember wirksam werden soll. Der Reichskanzler betonte, datz dieser bedeutsame Schritt umso mehr von ihm anerkannt werde, alg die Lage der deutschen Kohlenwirtschaft infolge ihrer mangelnden lassi- zität bei Anpassung an die jeweilige Marktlage in der gegenwärtigen Konjunktur besonders schwierig sei.
Die Rede des Reichskanzlers Dr. Brüning in der gestrigen Reichstagssitzung wird von der Berliner Presse eingehend besprochen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" und der „Dör- senkurier" weisen darauf hin, daß alle Parteien des Reichstags, wenn Staatspolitik und nicht Parteipolitik ausschlaggebend wäre, dem Brüning-Programm zustimmen müßten. Dieses Programm enthalte, so schreibt die DAZ. im Grunde nichts anderes als das Selbstverständliche und Notwendige. Besonderer Unterstreichung bedürften die prägnanten und eindrucksvollen Sätze über die Außenpolitik und die Wehrmacht. Das „Berliner Tageblatt" nennt die Rede ein Bekenntnis zur Politik der Befreiung durch Erfüllung. Zwischen den Zeilen liege der deutliche Hinweis für das Ausland, wie sehr diese unbeirrbare Derständigungspoli- tik^durch die Haltung der Reparationsgläubiger erschwert sei. Die „Vossis che Zeitung" weist besonders darauf hin, daß-üie Erklärung nichts über die Republik und ihre Verfassung enthalte. Die Regierung werde an der Verfassung nicht rütteln, aber es sei ein Entgegenkommen an die Rechte, daß sie dies nicht ausdrücklich hervorhebe. Der „Vorwärts" nennt die Erklärung Brünings bemerkenswert bescheiden. Zu dem Appell an das Vertrauen des Inlandes zur deutschen Wirtschaft und Regierung schreibt das Blatt: Das wäre sicherlich wünschenswert, aber sowohl die Zusammensetzung des Kabinetts als auch sein Programm machen es recht schwer. Das Blatt wiederholt die vor einigen Tagen gemachte Aeuherung, daß die Sozialdemokraten sich von ihren polittschen Gegnern nicht das Gesetz des
Handelns vorschreiben lassen. Die „Germania" schreibt, hinter der Regierungserklärung stehe ein Wille, der Vertrauen verdiene. Sie wecke keine Illusionen und mache keine Versprechungen, aber sie lasse auch die Hoffnung, daß bei gutem Willen und Anspannung aller Kräfte die ungeheuren Schwierigkeiten überwunden werden könnten. Der „Lokalanzeiger" spricht von einer Dankerotterklärung Brünings. Der eingetretene Zusammenbruch des Poungplanes werde von Brüning genau so geschildert, wie die Rechte ihn vor» ausgesagt habe. Die „Deutsche Tageszeitung" überschreibt ihren Kommentar: „Worte? Taten!" Me Regierung habe sich zu einer ungewöhnlichen Kraftleistung aufgerafft. Das Blatt bezeichnet die Zusage auf steuerlichem und finanziellem Gebiet als anerkennenswert. Richttg sei auch daß Voraussetzung aller revisionspolitischen Ziele die Ordnung int eigenen Hause sei. Aber aus dem Verhalten einer Reihe Regierungsmitglieder fei der sichtliche Eindruck entstanden, daß Me Herstellung der inneren Ordnung weniger Voraussetzung der Revisionstendenz als vielmehr der Erfüllungstendenz sei. Die „Dörsenzeitung" bezweifelt, daß das Regierungsprogramm mit Hilfe der SPD., die bisher jede Sanierung der deutschen Wirtschaft vereitelt habe, durchzuführen sei. Die Anzeichen eines Linkskurses der Reichspolittk mehrten sich in beängstigendem Ausmaße. Gerade deshalb wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Kanzler gesagt hätte, wie er sich die parlamentarische Durchführung seines gramms denke. Aber er sei all diesen brennenden Fragen aus dem Wege gegangen.
die schwere Wirtschaftskrise, die sich nicht auf Deutschland allein beschränke. „Sie werden von der Reichsregierunq nicht erretten", so erklärt der Kanzler, „daß sie sich mit den Dingen der Vergangenheit beschäftigt.
Die Reichsregierung legt ein Wirtschaftsund Finanzprogramm vor, mit dem sie die schlimmsten Wirkungen der wirtschaftlichen Krise zu heben gedenkt. Voraussetzung für die Durchführung dieses Wirtschasts- und Finanzreformprogramms ist die Aufrechterhaltung der Notverordnung, die die Reichsregierung am 26. Juli 1930 erlassen hat.
Die Reichsregierung fordert die Ablehnung der Anträge auf Aushebung der Notverordnung. Diese Notverordnung ermöglicht die Balanzierung des Reichshaushaltes und damit eine Durchführung der Sozialpolitik. (Lärmender Widerspruch b. d. Kommunisten.) Die Reichsregierung wird sich der Beratung der Notverordnung im Reichstagsaussckutz nicht widersetzen. Sie enthält unentbehrliche Lorschriften über die Eemeindefinanzierung und die Länderhaushalte. Neue Einnahmequellen sind durch sie erschlossen. Wichtige Teile der Sozialversicherung haben eine Ee- ftaltuna erhalten, die eine Rettung der Sozialversicherung erst möglich macht. Nicht zuletzt ist das Werk der deutschen Osthilfe durch sie in Angriff genommen.
Das Defizit des laufenden Jahres wird auf eine Milliarde geschätzt. (Hört! Hört!)
Mit neuen Steuern und Lasten ist die Not nicht zu beheben. Daher hat die Regierung sich bisher mit Anleihen beholfen. Aber inzwischen hat der Geldmarkt sein Gesicht verändert. Viele deutsche Kapitalisten haben in Verblendung und mangelnder Staatsgesinnung ihr Geld ins Ausland gebracht. (Lebhaftes Hört! Hört! Rufe b. d. Kommunisten: »Da drüben (rechts) sitzen die Kapitalverschieber!") Hätte das Treiben dieser Elemente nicht unsere Finanzen auf das schwerste geschädigt, dann wäre der deutsche Geldmarkt wohl
in der Lage gewesen, unseren dringendsten Finanzbedarf zu befriedigen. So waren wir genötigt, uns an das Ausland zu wenden.
Vom Ausland haben wir die erforderliche» Mittel zu befriedigenden Bedingungen erhalten unter der Voraussetzung, datz die Ermächtigung zur Aufnahme und Tilgung der Anleihen durch Gesetz planmätzig festgelegt wird.
Ich richte an Sie, meine Herren, die Aufforderung, dasselbe Vertrauen zur deutschen Wirtschaft und Regierung zu haben wie das Ausland. Die Reichsregierung hat ihr Sanierungsprogramm bereits veröffentlicht. Seine Grundlage ist ein vollkommen ausgeglichener Haushalt für 1931, die Selbst- ständigmachung der Arbeitslosenversicherung, Sparsamkeit auf allen Gebieten, auch bei den Gehältern (Unruhe), Vereinfachung des behördlichen Apparates, besonders auf dem Gebiet der Steuerverwaltung, sowie die Vorbereitung eines endgültigen Finanzausgleichs, durch den den Gemeinden auch die Verantwortung für die Einnahmen auferlegt wird.
Die Reichsregierung will keine dauernde Senkung des Reallohnes, sie will aber das unhaltbar gewordene deutsche Preisaebäude unter allen Umständen ins Wanken bringen. Das ist nicht zu erreichen, wenn nicht auch eine gewisse Beweglichkeit in die Gehälter und Löhne gebracht wird. (Unruhe links.) Alle Sichten des deutschen Volkes müssen Opfer bringen. (Rufe bei den Kommunisten: Aher die Besitzsteuern werden gesenkt!) Dazu brauchen wir auch die Mithilfe der Beamtenschaft. (Abg. Torgler (ÄommJ: Das ist immer wieder der alte Schmus.) Die Beamtenschaft wird das Opfer bringen trotz der Hetze mancher Kreise gegen das Berufsbeamtentum. (Unruhe links. Rufe bei den Komm.: Ste- gerwald! Abg. Möricke (Komm.) erhält einen Ordnungsruf.) Die Negierung wird ungerechte Angriffe auf die Beamten abwehren. Sie nimmt für sich in Anspruch, datz sie sich an sozialer Gesinnung von keiner ihrer Vorgän
gerinnen übertreffen lätzt. (Lärmender Widerspruch bei den Kommunisten.) Aber wir können nicht Sozialpolitik im luftleeren Raum machen. Eine blutleere Volkswirtschaft und ein zusammengebrochener Staatshaushalt wären nicht mehr in der Lage, die Sozialpolitik weiter durchzuführen. Die Regierung wird alles tun, um möglichst viele Arbeitswillige und Arbeitsfähige wieder zu Arbeit zu bringen. Unter allen Umständen aber wird sie eine ausreichende Unterstützung der Arbeitslosen sicherstellen, Sie wird das Arbeitsschutzgesetz wieder vorlegen, dazu ein Kerg- arbeitergesetz, eine Neuregelung der Unfallverhütung und Sozialversicherung. Der Entwurf eines Tarifvertragsgesetzes geht seiner Vollendung entgegen. Unsere Preispolitik wird vor allem einen wichtigen Schritt zur Wiederherstellung des weltwirtschaftlichen Gleichgewichts bedeuten.
Senkung der Kohlenpreise.
Die Kohlenpreisbildung ist für die Selbstkosten der ganzen Produktion grundlegend. Die Ruhrkohlenindufttie hat sich bei den von der Regierung eingeleiteten Verhandlungen jetzt bereit erklärt, vom 1. Dezember ab die Preise um 6 Prozent zu senken. Ich erkenne diesen bedeutsamen Schritt umso mehr an, als die Lage der deutschen Kohlenwirtschaft infolge ihrer mangelnden Elastizität bei Anpassung an die jeweilige Marktlage in der gegenwärtigen Konjunktur besonders schwierig ist. (Beifall bei der Mehrheit, Unruhe links.) Wenn nötig, wird die Regierung auch zu Zwangsmaßnahmen greifen. (Lachen links.)
Hilfe für die Landwirtschaft.
Besonders leidet die Landwirtschaft. Ihre Not ist zurückzuführen auf den Weltmarkt. (Zuruf b. d. Komm.: „Oldenburg schmunzelt da drüben!" — Heiterkeit. — Abg. Torgler (Komm.): „Zehn Minuten für die Großagrarier kein Wort für die Berliner Metallarbeiter!) Die Regierung betrachtet es daher als ihre Aufgabe, die Ueberschwemmung Deutschlands mit ausländischen Agrarprodukten einzudämmen. Ferner ist eine Hebung des
Verzehrs des Roggens, des Produkts unserer heimischen Scholle notwendig. (Veif. rechts.) Die Magazinisierung wird fortgesetzt werden. Ein Spritbeimischungszwang für Treibstoffe soll eine Verwertung des Kartoffelüberschusses ermöglichen. Aber der Selbstbehauptungswille der Landwirtschaft muß der Regierung zur Seite stehen. Von den Kreditintituten erwartet die Reichsregierung eine be anders pflegliche Behandlung der landwirtschaftlichen Betriebe. Durch die Reichstagsauflösung ist die Verabschiedung des Osthilfe-Eesetzes verhindert worden; aber die Reichsregierung hat alles getan, um die notwendige Hilfe möglichst schnell durchführen zu können. Die Voraussetzung für dauernde Hilfe im Osten ist die Wiederherstellunng der landwirtschaftlichen Rente. (Lärm bei den Komm.) Höchstes Ziel aller deutschen Innen- und Außenpolitik ist die Wiedererringung der nationalen Freiheit.
Generaloberst Heye beurlaubt
Berlin. 16. Okt. Amtlich wird mit- geteUt: Generaloberst Heye hat gebeten, den znm 30. November 1930 festgesetzten Termin seines Ausscheidens aus dem Dienste auf den 31. Oktober vorzuverlegen. Im Hinblick auf die jetzt politisch besonders bewegte Zeit halte er es im-Zn- teresfe des Heeres für notwendig, datz dis llebergabe der Geschäfte an seinen Nachfolger jetzt beendet werde, damit nieder klare Befehlsverhältnisse in der Heeresleitung geschaffen werden. Der Reich7- präsident hat dem Antrag stattgegeben. Generaloberst Heye ist seinem Antrag gr- mätz bis zum Tage seines Ausscheidens beurlaubt worden. Die Geschäfte der Heeresleitung versieht inzwischen Generalmajor Frhr. von Hammerstein-Equord.
(Großer Lärm bei den Nationalsozialisten. —- Abg. Dr. Goebbels (Natsoz.) ruft: „Festungsstrafe gibt es für nationale Willensbekundung !" — Abg. Strasser (Natsoz.) erhält wegen eines Zurufs einen Ordnungsruf.) Der Weg dazu kann nur der Weg des Friedens sein, eine Abenteurerpolitik lehnt die Reichsregierung ab. (Beifall in der Mitte.) Nachdem die internationalen Sachverständigen ihr Urteil abgegeben haben, ist die deutsche Wirtschaftslage von Monat zu Monat schlechter geworden. Wir erleben eine Arbeitslosigkeit und einen Preissturz von nie geahntem Ausmaß. Der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich ist in voller Absicht die Aufgabe zugewiesen worden, im Fall von Schwierigkeiten rechtzeitig Maßnahmen zur Behebung dieser Schwierigkeiten zu treffen. Die deutsche Reichsregierung ist damit durchaus einver- standen, sie bedauert aber, daß diese Gedanken- gange auf der anderen Seite bisher wenig Widerhall gefunden haben. Die Reparations- Öt darf nicht dazu führen, daß das
che Volk seiner sittlichen und sozialen Grundlage beraubt wird.
Versailles und Abrüstung.
Die unmittelbare Aufgabe der deutschen Reichsregierung ist es, zunächst Ordnung im Hause zu schaffen. (Zurufe rechts: Erst Brot!) Das ist auch die Voraussetzung jeder gesunden Außenpolitik. Wir müssen eine Berücksichtigung unserer be- drängten Wirtschaftslage verlangen. Unsere junge Generation lebt in völliger Ungewißheit über ihre Zukunft. (Lebhafte Zurufe rechts: „Er merkt aber auch alles!" — „Jetzt kommt die Poesie!")
Die Tatsache, daß man jetzt nicht einmal die Bedingungen des Versailler Vertrages, die zu unseren Gunsten sprechen, von der Gegenseite eingehatten hat, ist nicht zu bestreiten. Die Versailler Vettragsbestimmung, daß der erzwungenen Abrüstung Deutschlands die freiwillige der andern folgen werde, ist bisher nicht ein gehalten worden. (Abg. Dr. Goebbels (Rat.-Soz.): „Und Sie bestrafen den Wehrwillen mit Festung!") Die Reichsregierung muß unter diesen Um-