Sonnabend, W11. Ski, 1930
Di« ,/Oberhessischt Ztttrirx" et- ftfceint leit'«mal wLchtntUch. Te- Msprelr monatlich 2.2C®9R.au4- sjüeßl, 3uflellunp#getitt, dvrch hie Post 2.45 GM.Aür ettra durch Streit Maichmendffrkt oder eit« mentaie Ereipniste auitatatte Nummern wird kein ärjct pt» leistel. Derlap Dr. §. ^ifetctU Druck der Unib.-Tuchdruch erei zoh. Aua- Koch. Markt 21/23. Zernsvrecherr Nr. 64. u. Sir. 66 Postscheckkonto: Amt Frankfurt 4. M Nr. 5016. — Svrech-eit >ei Redaktion von 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
llntrr dem Zwang der Geldnot
eanzlerbrivrechungon unlrr stinwriS auf den Aberbrütkungßkrrbil - Sle Entscheidung der Bolksvarlri bortagk
VoranMung kör den Kredit...
Der Ueberbrückungskredit für das Reich, der von einem Konsortium unter Führung - des amerikanischen Bankhauses Lee, । Higginson «. Co. gewährt wird, ist, I wie der „Börsen Courier" berichtet, per« I fekt geworden, wenn er auch noch nicht |i formell unterzeichnet ist. Der Kredit be- I läuft sich dem Blatt zufolge aus 125 Millionen Dollar. Die Verzinsung beträgt 4% Prozent, dazu kommt 114 Prozent Provision p. a. Die Laufzeit ist zwei Fahre, jedoch hat das Reich das Recht, in der Zwischenzeit zu jedem halbjährlichen Termin zurückzuzahlen und zwar auch teilweise. Voraussetzung für den Kredit ist die vom Parlament zu be- schliegende Bildung eines Til» gnngsfonds nach früherem Muster.
Reue Goldausgaben der Reichsbank.
Berlin, 10. Okt. Wie der D.H.D. «fährt, hat die Reichsbank am Freitag- morgen wiederum Gold abgegeben und zwar sind diesmal zwei Sendungen abge- zangen. Für die Bank von Frankreich sind 35 Millionen 91=31 und für die Niederländische Bank 17 Millionen 91=31 verschickt worden.
I Die Reichstagsfraktion der Deutschen || Volkspartei hielt am Freitag nach- II mittag eine Sitzung ab, die bis in die || späten Abendstunden dauerte. Die Bell ratungen und Beschlußfassung über das |I Regierungsprogramm wurden auf Mon- || tag vertagt. Inzwischen sollen eingelei- || tete Verhandlungen über das Programm || mit anderen Parteien fortgesetzt werden. II Die Fraktion setzte einen Ausschuß ein, || der Vorschläge zur Ausgestaltung des Reil gierungsprogramms machen soll.
Cs wird ausdrücklich versichert, daß I ein Antrag auf Abberufung des | Reichsaußeuministers Dr. Curtius nicht Vorgelege« habe.
Den Beratungen ging eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler und dem Parteiführer der Deutschen Volkspartei Dr. | Ccholz voraus, in der Brüning dem Abgeordneten Dr. Scholz seine Auffas- | sungen über die innenpolitische Lage darlegte. Aufgrund dieser Besprechung hat : 1 dann die Reichstagsfraktion der Deutschen | | Volkspartei ihre Beratungen ohne Be- 11 schlußfassung abgebrochen. Insbesondere hat man es daraufhin bis auf weiteres unterlassen, von Reichsaußenminister Dr. Curtius das Ausscheiden aus dem Kabinett zu verlangen. Die Verhandlungen, die die Deutsche Volkspartei mit den übrigen Regierungsfraktionen zu führen gedenkt, sollen sich sowohl auf den sachlichen Inhalt des Regierungsprogramms wie auf dessen parlamentarische Behandlung erstrecken. Von dem Verlauf und Ausgang dieser Verhandlungen dürfte die volksparteiliche Reichstagsfraktion vermutlich ihre weitere Haltung abhängig Machen.
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Die Tatsache, daß die Fraktion nickt den Rücktritt ihres Ministers fordert und ein solcher Antrag überhaupt nicht gestellt worden ist, wird in der parteioffiziösen Mitteilung ausdrücklich unterstrichen, und Swar auf Wunsch des Staatssekretärs a. D. Schmidt, den man zu Unrecht nachgesagt habe, daß er die Bewegung für die Zurückziehung des Ministers geführt habe.
Wenn noch kein Beschluß über die Stellung der Fraktion zum Kabinett Brüning
zustande kam, sondern zunächst mit anderen Gruppen, namentlich denen, die rechts von der D. V. P. stehen, verhandelt werden soll, hat das seinen Grund vor allem darin, daß die besonnene Richtung in der Fraktion sich erheblich durchgesetzt hat.
Der Kanzler hat Dr. Scholz offenbar ziemlich unumwunden erklärt, daß das Kabinett die Abkehr der Deutschen Bolkspartei mit dem Gesamtrücktritt beantworten werde.
Dazu kommt noch, daß die kreditpolitische Lage durch einen Rücktritt des Kabinetts
(außerordentlich erschwert werden würde und das gerade in dem Augenblick, da der Ueberbrückungskredit vor dem Abschluß steht. Die Verantwortung für diese Entwicklung hat die Fraktion augenscheinlich nicht auf sich nehmen wollen.
In einem Teil der Berliner Presse wird behauptet, die Neigung zu einer Flucht aus der Regierung bestehe augenblicklich in erster Linie bei den Veamtenvertre- tern der Deutschen Volkspartei, da sie sich durch die Gehaltskürzung und andere Punkte des Regierungsprogramms am stärksten belastet fühlen.
Ein Aktionsprogramm des RMslandbundes .Diese Maßnahmen erüagrn keinen Auiichnb"
Das Präsidium des Reichslandbundes hat an die Reichsregierung die vom Bundesvorstand am 23. September festge- legten Ziele der Wirtschaftspolitik überreicht. In Bezug auf das überreichte agrarpolitische- Aktionsprogramm betont das Präsidium, daß die darin enthaltenen Forderungen unerläßlich seien und '
in kürzester Frist durchgeführt
werden müßten, „wenn die Lage der Landwirtschaft sich nicht vollends zu einer Katastrophe und damst zu einer Gefahr für den Staat und die öffentliche Ordnung auswachsen soll". Das Begleitschreiben schließt mit folgendem Appell an die Reichsregierung: „Diese Maßnahmen vertragen keinen Aufschub und müssen daher, falls parlamentarische Möglichkeiten hierzu in allerkürzester Zeit nicht gegeben sind, durch Inanspruchnahme des Artikels 48 der Reichsverfassung durchgeführt werden, lieber den Ernst der Lage sollte die Reichsregierung nicht länger im Zweifel sein. Wir sprechen daher die bestimmte Erwartung aus, daß die Reichsregierung ungesäumt die erforderlichen Schritte unternimmt und gegebenenfalls dem Herrn Reichspräsidenten umfassende Notverordnungen unterbreitet."
Auf dem Gebiete der Zoll- und Handelspolitik wird gefordert, daß die Reichsregierung
einen grundsätzlichen Wandel in der Zoll- und Handelspolitik
vollzieht, eins Notwendigkeit, auf die der Reichslandbund seit Jahren hingewiesen hat. In erster Linie müsse die Zollautonomie für landwirtschaftliche Erzeugnisse restlos und in kürzester Frist wieder hergejjellt werden.
Weiter wird die Forderung auf sofortige Erhöhung der Weizenvermahlung s q u 0 t e auf 100 Prozent, auf Ersetzung der Vermahlung der Beimahlung, sowie weiter die Forderung auf Beimischung von inländischem Mehl zu ausländischem Weizenmehl und auf Beimischung, von Roggen- und Kartoffelmehl zu Weizenmehl erhoben. Zur Hebung des Absatzes für heimische Erzeugnisse wird vorgeschlagen, daß ein Teil der Zuschüsse an die Arbeitslosenfürsorge in Gutscheinen auf Roggenbrot, Kartoffel, Milch, Fett und Mol- kerciprodukte zu erfolgen hat. Entlastung der Ausgabenseite des Landwirts wird u. a. auf dem Gebiete der Düngemittelpreise der Frachten, der gesamten Kredit- und Steuerpolitik in einer Fülle von Einzelvorschlägen gefordert.
Bei der Steuerpolitik werden alle gegen die Landwirtschaft gerichteten Einheits- steuererperimente abgelehnt, dafür aber Einstellung aller Zwangsmaßnahmen und Beseitigung der Steuerrückstände, wie auch Entlastung bei laufenden Steuern gefordert.
Die WMllung der S.B.D.,
Die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Breitscheid Müller und Wels hatten, dem ^Vorwärts" zufolge, gestern nachmittag mit dem Reichskanzler eine längere Unterredung.
Unter der Ueberschrift „Was wird wer- dew' schreibt das Blatt:
Die Sozialdemokratie will zunächst de« Versuch machen, auf dem Wege de, ordentlichen Gesetzgebung diejenigen Bestimmungen der Notverordnungen zu beseitigen, gegen die sich der Widerstand der Massen richtet.
Diese Haltung der Sozialdemokratie bezweckt, den Versuch von Kommunisten und Nationalsozialisten,- ein wüstes Durcheinander zu schaffen und dadurch den Boden für die Diktatur zu bereiten, zu vereiteln.
Die restlose Aufhebung der nun einmal seit Wochen in Kraft befindlichen Notverordnungen, ohne daß etwas anderes, an ihre Stelle gesetzt wird, würde die schwerste Erschütterung der öffentlichen Finanzen bedeuten. Die Sozialdemokratie wird sich deshalb dafür einetzen, daß ein Weg beschritten wird, durch den den Notverordnungen die Eiftzähne
ausgebrochen werden, ohne daß solche Gefahren auftreten, wie sie durch eine restlose Aufhebung der Notverordnungen entstehen müßten. Die Sozialdemokratie wird verlangen, daß die Notverordnungen in einem Ausschuß des Reichstags beraten werden, der in sachlicher Arbeit Abänderungen vorzunehmen hat.
Die deutschen Städte zum Regierungsprogramm.
Berlin, 10. Okt. Bom Deutschen Städtetag wird unter anderem mitgeteilt: Der engere Borsland des Deutschen S t ä d t«r a g e s hat sich mit dem Finanz- und Wirtschastsprogramm der Aeichsregie- rung beschäftigt. Die Städte sind bereit, an der Durchführung der notwendigen Reformen mitzuarbeiten. Sie haben ihrerseits aus eigener Initiative schon eine weitgehende Abdrosselung laufenderAusgaben eingeldtetund auch durch die Einrichtung der Kreditzuschüsse sichergestellt. Alle ihre Bemühungen, zu einer Senkung der Ausgaben zu kommen, sind aber durch die Entwicklung der Wohlfahrts- l a st e n vergeblich gebliebem , Ihre dringendste Sorge ist daher, daß in dem Finanzprogramm der Reichsregierung eine sofortige wirksame Hilfe für die untragbar gewordenen Lasten der Wohlfahrtserwerbslosen fehlt
SagtStoteoel
Heber die innerpolitische Lage in Deutschland äußert sich eine Reihe Pariser Morgenblätter, wobei sie ihr Hauptinteresse der Sitzung der Deutschen Volkspartei zuwendem Der „Petit Pari- |ien“ hält die Lage Dr. Curtius' für äußerst kritisch. Es sei nicht unmöglich, daß die Gegner der bisherigen Außenpolitik die Oberhand gewönnen und den Außenminister zwängen, vonf einem Posten zurückzutreten. Selbst wenn es Dr. Curtius noch einmal gelingen sollte, seine Parteifreunde zu überzeugen, so schaffe das die Tatsache nicht aus der Welt, daß eine starke Unzufriedenheit gegen ihn sowohl in seiner eigenen Partei als auch in einer Reihe anderer bestehe. Die Auswirkungen dieser Unzufriedenheit werde man bei 'der nächsten Abstimmung im Reichstag feststellen können. Auch das „Oeuvre" hält es für nicht ausgeschlossen, daß der Reichsauhenminister gezwungen werde, von seinem Posten zurückzutreten. Diese Annahme sei umso berechtigter, als ein Teil der Bolkspartei, der mit dem Finanzprogramm Brünings nicht zu frieden sei, auf einen Bruch der Partei mit dem bisherigen.Kabinett hinarbeite.
Ein Berliner Mittagsblatt will wissen, daß die vorgestern im Pressedienst der Bolkskonservativen Partei erschienene Polemik gegen Dr. Curtius im Kabinett noch ein Rachspiel haben werde, da die Vermutung naheliegt, daß sie auf den Reichsminister Treviranus zuruck- geht. Von gut unterrichteter Seite erfahren wir hierzu, daß Minister Treviranus dem Artikel vollkommen fernsteht und ihn selbst auf einen Angriff auf sich empfindet. In Kreisen der Bolkskonferva- tiven Partei ist man der Auffassung, daß Minister Treviranus mit der Zustimmung zu dem Bericht des Außenministers im Kabinett zu weit gegangen sei, und daß das auch der Artikel zum Ausdruck bringen soll. Unter diesen Umständen kann natürlich keine Rede davon sein, daß er zu irgend welchen Weiterungen int Kabinett führt.
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Bekanntlich hat Litauen neben anderen Versprechungen auch die Aufhebung der Pressezensur während des Wahlkampfes im Memel- gebiet zugesagt. Wie dieses Versprechen eingehalten wird, zeigt ein Blick in die memelländischen Zeitungen. In der „Memelländischen Runschau" vom Donnerstag, dem 9. Ottober, heißt es in einem Wahlartikel: „Endlich kann auch ein freies Wort gesprochen werden. Der Kriegszustand im Memelgebiet, der jetzt vier Jahre andauert, ist eine Maßnahme". Was für eine Maßnahme der Kriegszustand ist, nämlich eine völlig ungerechtfertigte, das durfte nicht gesagt werden, das hat der Kriegszensor trotz des litauischen Versprechens in Genf aus dem oben angeführten Satz herausgestrichen. Auf diese Weise werden auch die Wahlreden der Kandidaten der memelländischen Mehrheitspartei „bearbeitet", so daß oft die unsinnigsten Entstellungen herauskom- nten. Weiter heißt es in dem erwähnten Blatt: „Hoffentlich kann jetzt den Memel- läudern die Wahrheit gesagt werden und es kann ihnen vorgehallen werden, worauf es jetzt, bei'dieser Wahl, in letzter Stunde ankommt". Es folgt eine Zensurlücke, da der lttauische Zensor die Wahrheit offenbar nicht vertragen kann. Ganz besonders hat es die litauische Kriegszensur auf die Reden der memelländischen Abgeordneten, die in Genf die Memelbeschwerde vertre- ten haben, abgesehen. Sowohl in der "Wahlrede des Schulrats Meyer als auch in dem Bericht des Abgeordneten Gubba über das Genfer Ergebnis klaffen zahlreiche Zensurlucken. Dagegen dürfen sich die litauischen Propagandaredner in den Wahlversammlungen in hämischen und herabsetzenden Bemerkungen über das Genfer Ergebnis und die offenbare Ohn-