Montag, »en 6. Skt, 1930
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Das englische Luftschiff „R101" vernichtet
Das neuste und größte Luftschiff der Welt auf seiner ersten Fernfahrt zu Boden gedrückt und explodiert. An Bord befanden sich 5 Offiziere, 33 Mann Besatzung und 16 Passagiere. Sämtliche Passagiere und 30 Mann der Besatzung sind verbrannt.
fk. Paris, 6. Okt. Das englische Luftschiff „R. 101", das grösste Luftschiff der Welt, das am Sonnabend abend zu einer Fahrt nach Indien aufgestiegen war. ist in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag in der Nähe von Beauvais, etwa 150 Kilometer von Paris entfernt, verunglückt. Das Schiff flög in der Dunkelheit gegen einen Hügel und explodierte. Bon 54 Personen, die sich an Bord des Luftschiffes befanden, verbrannten 46 bei lebendigem Leibe.
Die englische Luftfahrt hat mit der Explosion des „R. 101“ einen furchtbaren Verlust erlitten. Neben dem L u f t - fahrtminister und dem Ches der Zivilluftfahrt ist die Elite der englischen Luftfahrer umgekommen.
Aus aller Welt treffen in London zahlreiche Beileidskundgebungen zu der Explosion des „R. 101“ ein. Auch Reichsautzenminister Dr. C u r t i u s hat dem englischen Auckenminister Henderson ein Beileidstelegramm übersandt.
Der Hergang der Katastrophe.
lieber chie furchtbare Lustschiffkatastrophe bei Beauvais wurden in Paris folgende Einzelheiten bekannt: \
Gegen zwei Uhr morgens wurden die Bewohner von Beauvais 'durch den Lärm mehrerer Motoren aus dem Schlafe geweckt. Ms die Leute die Fenster öffneten, bemerkten sie das große englische Luftschiff „R. 101", das sehr niedrig flog und von Nordwesten her aus der Richtung Abbeville kam. Trotz des Regens und dichten Nebels zeichnete sich das Luftschiff mit seinen roten und grünen Eignallichtern deutlich vom Nachthimmel ab.
Es schien schwer gegen die Regenböen an- znkämpfen. Plötzlich ertönte eine furchtbare Explosion. Man sah riesige Flammen emporsteigen und das Luftschiff stürzte ab.
Die Bewohner von Beauvais und die Bevölkerung von Alonne, das etwa 4 Kilometer südöstlich von Beauvais liegt, liefen querfeldein der Unglücksstelle zu, konnten sich aber wegen der ungeheuren Hitze, die der Brand entwickelte, dem Luftschiff nicht nähern. Man sah nur einige gespensterhafte Schatten hin und her lausen, es waren ein paar Leute der Besatzung des Luftschiffes, die ihr Leben retten konnten. Alle Behörden des Departements fanden sich am Platze der Katastrophe ein. Die Offiziere des 51. Infanterieregiments und die Gendarmerie organisierten den Ordnungs- und Hilfsdienst. Der französische Luftfahrtminiestr Laurent Eynac reiste sofort nach der llnglücksstelle.
Um 9.10 U^r vormittags waren 42 Leichen geborgen. Bon diesen befanden sich 25 in der mittleren Kabine.
Luftfahrtminister Eynac stattete den Toten im Namen der französischen Regierung einen Besuch ab. Einem Vertreter der Agentur Havas erklärte er, daß die französische Luftfahrt angesichts dieser Katarstophe mit der englischen mittrauere. Er sei aber auch persönlich in Trauer versetzt, da seine beiden Freunde, Lufttahttminister Lord Thomson und Safton Brancker, die er beide anläßlich der internationalen Luftfahrttagung schätzen gelernt habe, ums Leben gekommen seien.
Die Toten sind in Särge gebettet. Alle bei den Leichen gefundenen Gegenstände wurden bei den Särgen zusammengelegt, um die Identifizierung zu erleichtern. Zum Zeichen der Trauer ist der Flugtag, der heute in ßenlis hätte stattfinden sollen, abgesagt wor- Siegen und Sturm haben nachgelassen.
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Aus den Trümmern des Hintere» Teils des Luftschiffes weht noch der Union Zack.
Als sich die Katastrophe ereignete, versahen zwölf Mann den Dienst im Luftschiff, während alle anderen schliefen. Im Innern der Führergondel wurde die verkohlte Leiche eines Mechanikers gefunden, der noch einen Schraubenschlüssel in der Hand hielt. Die acht geretteten Passagiere befanden sich in der mittleren Kabine, während die übrigen in den Seitenkabinen untergebracht waren. Zwei der Geretteten erklärten, daß sich während des Absturzes ein über ihnen befindlicher Wasserbehälter öffnete und daß sie dadurch vor dem Flammentode bewahrt wurden. Der Vorderteil des Luftschiffes ist völlig zusammengedrückt, während der Hintere Teil noch teilweise erhalten i st. Bewohner der Umgegend berichten, daß sie in einem Umkreis von mehr als zwei Kilometern Aluminiumtrümmer gefunden hätten. Die Unglücksstätte ist von einer riesigen Menschenmenge dicht umlagert, trotzdem es in Strömen regnet.
Der britische Militärattache in Paris ist an der Unglücksstelle eingetroffen und läßt im Einvernehmen mit den französischen Behörden die Identifizierung der Leichen vornehmen. Bisher konnten nur 15 Leichen identifiziert werden.
Der Bericht des Bordingenieurs.
Von der Katastrophe des englischen Luftschiffes R 101 gibt der Bordingenieur Leach folgende Schilderung: Im Augenblick der Katastrophe schlief, abgesehen von den Wachen und den Piloten, alles an Bord. Die Motoren arbeiteten glänzend und die Annahme der Bewohner der Ortschaft um Beauvais, wonach die Motoren schlecht funktionierten, stimmt nicht. Das Luftschiff war mitten in einen Regensturm geraten.
Dreimal neigte es sich dem Erdboden zu, bis eine äußerst starke Regenbö es zu Boden drückte. In diesem Augenblick ereignete sich die Explosion.
Nach den Schilderungen des Bordingenieurs Leach ist das Heck des „R. 101", als das Unglück eintrat, gebrochen, worauf das Luftschiff abstürzte. Der Führer versuchte, als das Luftschiff sich neigte, es mit aller Gewalt
wieder hoch zu bekommen, doch das Steuer ve r s a g t e.
Unter den Toten befindet sich ebenfalls Major Scott, der das Luftschiff „R. 100" bei seinem kürzlich nach Kanada unternommenen Flug führte und der auch das Luftschiff „R. 34" bei seinem ersten Flug über den atlantischen Ozean befehligte. Das schwierige Rettungswerk nahm seinen Anfang als der Tag anbrach. Zahlreiche Feuerwehrleute und Gendarmen drangen in die Trüm- mermassen ein und fanden zunächst vier nackte und verbrannte Körper, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren. Sie wurden auf Bahren gelegt und an einer Hecke in eine Reihe gestellt. Die Hecke wurde schnell größer, da bet dem weiteren Rettungswerk immer mehr Leichen gefunden wurden, doch ist es noch nicht möglich, die letzten zu finden. Es wurden BrettersSrge herbeigeholt und die Leichen zum Rathaus von Alonne gebracht. Die letzte Nachricht von „R. 101", die man um 1,50 Uhr erhielt, die im Hinblick auf das bald darauf erfolgte Unglück von erschütternder Tragik ist, lautet: „Zur Zeit befinden sich die Passagiere nach einem aus« Sezeichnetem Mahl, und nachdem sie ihre ligarre geraucht haben, im Begriff schlafen zu geben."
Die Ursachen des Unglücks sind noch nicht eindeutig festgestellt. Es gibt drei Versionen. Rach der ersten soll das Luftschiff in mehrere Luftlöcher geraten und sich so dem Erdboden genähert haben, bis der Zusammenprall erfolgte. Rach der zweiten die von mehreren diensthabenden und geretteten Mitgliedern der Besatzung vertreten wird, soll die durch den Wind im Innern des Schiffes her- oorgerufene Zerreitzung der elektrischen Leitung einen Kurzschluß hervorgerufen haben. Die Easmasien des Ballons feien im gleichen Augenblick explodiert. Nach der dritten endlich handelt es sich um das Versagen des Höhen- fteueis, das wie einst bei der Sturmfahrt des deutschen Luftschiffs „Graf Zeppelin“ über den Ozean dem ungeheuren Druck des vom Wind geschüttelten Luftriesen nicht habe standhaften können.
Der gerettete englische Ingenieur Leach hat, wie Havas aus Beauvais berichtet, im Laufe des Sonntags noch erklärt, datz die Explosion des Luftschiffes R. 101 zweifellos auf das Zerreißen von elektrischen Leitungsdrähten zurückzuführen sei. Gestern um 21 Uhr brannten die Tanks noch lichterloh. Die gemischte englisch-französische Untersuchungskommission wird heute unter der Leitung eines Engländers ihre Arbeit ausnehmen.
Ueber das Luftschiff „R. 101" selbst und die technische Konstruktion werden uns von. einem ausgezeichneten Fachmann, dem Dozenten an der Technischen Hochschule in Berlin, Dr. Thalau, der das Schiff noch kürzlich in Cardington besichtigt hat, folgende Angaben gemacht:
Das zerstörte Schiff ist nicht dasselbe, das bereits die Ozeanfahrt nach Amerika zurückgelegt hat. Es befand sich erst jetzt auf seiner ersten großen Fernfahrt, die über Aegypten nach Indien führen sollte.
Bei seiner Prüfung war es als unbefriedigend in Geschwindigkeit und Nutzlast befunden worden. Deshalb wurde es umgebaut, und zwar schnitt man es auseinander und fügte eine weitere Zelle ein, um die Tragfähigkeit zu vermehren. Außerdem wurde in der Motoranlage eine Aenderung vorgenommen. Der fünfte Motor war ursprünglich nur für Rückwärtsfahrt eingerichtet, da man damals in der Technik von Oelmotoreu, deren Steuerung umstellbar ist, noch nicht soweit vorgeschritten war. Dieser Motor ist nun inzwischen ebenfalls auf Rückwärtsfahrt umgestellt worden. Dafür wurden zwei umstellbare Seitenmotoren eingebaut. Aus diese Weise hatte man auch die Geschwindigkeit erhöht. Das Luftschiff machte bei der Besichtigung einen ausgezeichneten Eindruck. Es ist eine Stahlrohrkonstruktion, vom englischen Lustfahrtministerium selbst gebaut, von dem es bann ja auch in Dienst genommen wurde.
Bei Bau und Umbau wurde das Problem der Sicherheit immer wieder in den Vordergrund gestellt. So wurden beispielsweise 2Vä Jahre lang ärodynamische Versuche zur Feststellung der besten Schiffsform und zur Erforschung des Zusammenwirkens von Steuerflächen und Schiffskörper durchgeführt. Die wichtigsten Belastungsfälle wurden durch Messungen am fahrenden Schiff und in Windkanälen durchprobiert; für die Festigkeitsrechnung wurden allein etwa 300 verschiedene Fälle durchgerechnet. Alle Sicherheitsgrundsätze find bei der Konstruktion konsequent durchgeführt worden, so beispielsweise in der Vermeidung jeglicher exzentrischen Anschlüffe einzelner Teile des Gerippes, der Vermeidung unkontrollierbarer Kräftespiele, ferner schwer oder gar nicht zu berechnender Konstruktionen. Die Engländer sind soweit gegangen, Be- lastungsversuche im Maßstab 1:1 an einer ganzen Zelle bis zum Bruch durchzuführen. Da es früher schon vorgekommen ist, daß sich Luftschiffe vom Ankermast losrisien, so die „Shenandoah“ und das englische Luftschiff „R. 33“, so wurde eine besondere Befestigungskonstruktion ausgebildet, und außerdem waren Dehnungsmeßgerate eingebaut, die dem Wachhabenden jederzeit anzeigten, ob die höchst zulässige Ankerkraft etwa überschritten wurde. So haben die Engländer eine Unmenge Mühe und Geld in ihren Luftschiffbau hineingesteckt. Sie haben sich damit eine führende Stellung auf dem Gebiete der Luftdruckkonstruktion erkämpft.
Ihre Sorgfalt geht wohl nicht zuletzt auf die Katastrophe des Luftschiffes „R. 37“ zurück, bei der vor etlichen Jahren auch etwa 20 Menschen den Tod fanden.
Zweifellos ist die Katastrophe des „R. 101“ die schwerste Luftschiffkatastrophe, die sich bisher ereignet hat, wobei man auch berücksichti-