Sonnabend, den 4. Skt. 1930
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Overheffen
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Das Urteil im Leipziger Prozeß
ff. Leipzig, 4. Okt. Im Hochverratsprozeß gegen die Ulmer Reichswehroffiziere verkündete der Vorsitzende, Reichsgerichtsrat Baumgarten, folgendes Urteil: Die Angeklagten werden wegen gemeinschaftlicher Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens nach § 86 des Strafgesetzbuches je zu einer Festungshaft von 1 Jahr 6 Monaten kostenpflichtig verurteilt. Auf die erkannte Strafe werden 6 Monate, 3 Wochen der Untersuchungshaft angerechnet. Gegen Scheringer und Ludin wird auf Dienstentlassung erkannt.
Die Forderungen der Sozialdemokraten
Eine dehnbare Entschließung - Vorläufige Tolerierung des Kabinetts Brüning ?
In der gestrigen Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion wurde eine Entschließung angenommen, {n der zu Anfang betont wird, daß die Demokratie durch Nationalsozialisten und Kommunisten bedroht sei. Wörtlich heißt es dann weiter:
„Die Sozialdemokratie kämpft für die Demokratie, um die Sozialpolitik zu schützen und die Lebenshaltung der Arbeiterschaft zu heben. Die Krise kann nicht gelöst werden durch Minderung der Kaufkraft der Massen, sondern nur durch 'N-" beitsbeschaffung. Ebenso unerläßlich ist der Kampf der Fraktion im neuen Reichstag zur Herbeiführung eines Notgesetzes über eine Herabsetzung der Arbeitszeit, die es ermöglicht, die Erwerblosen wieder in Arbeit zu bringen.
Die politische Unsicherheit birgt die Ge- fähr ernster politischer Verwicklungen in sich. Sie hat die Flucht des deutschen Kapitals gesteigert und bindert den Zustrom ausländischen Kapitals. Sie verschärft die Wirtschaftskrise. Nur die Sicherung eines streng verfassungsmäßigen Regierens ermöglicht die notwendige Arbeitsbeschaffung zur Milderung des wirtschaft- liF>en Niederganges. Die sozialdemokratische Reickistagsfraktion wird unter Wahrung der Lebensintereffen der arbeitenden Masten für die Sicherung der parlamentarischen Grundlage und für die Lösung der dringendsten finanzpolitischen Aufgaben eintreten.
Die Sozialdemokratie hält an den Grundsätzen der bisherigen Außenvolitik fest, die zur Befreiung des Rheinlandes und zur Herabsetzuna der Revarations- lasien aefübrt bat. Sie lehnt alle außen- und bandel«uolitischen Erverimente ab, die die roiTttoaftlidien Bestebunaen stören und ui einer neuen akuten Verschärfung der Krise fiibren würden.
Die S<i^iasdemokratisck>e Reichstaasirak- tion, entschlossen, die volitiichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Arbeiterschaft mit größter Energie zu verteidigen, wird auf dem Wege der ordentlichen Gesetzgebung die
Gedanken aus, daß angesichts der augenblicklichen Unmöglichkeit, eine parlamentarische Mehrheit für irgend eine Regierung herbeizuführen, niemand weiß, was auf eine Regierung Brüning folgen würde. Die Sozialdemokratie wird also zwar die Aufhebung gewisser Bestimmungen der Notverordnung fordern, damit sind aber auch bereits Verhandlungsbrücken gebaut, und so wird dann die Entschließung uns im ganzen dahin interpretiert,
die Möglichkeit zu einer Tolerierung des Kabinetts durch t>ie Sozialdemo-
* kratie
wenigstens für die erste Zeit biete.
Die Frage wird sein, ob die Sozialdemokratie auch damit einverstanden ist, daß der Reichstag sehr schnell wieder vertagt wird. Die ersten Sitzungen des neugewählten Parlaments werden mit ge- schäftsordnungsmäßigen Dingen genügend .r«m»eUllt lehr In seiner-ersten Sitzung
Ein neues Volksbegehren?
Dr. Goebbels kündigt ein Volksbegehren auf Auflösung des Preußischen Landtags an
fk. Berlin, 4. Okt. 2m Fliegervereins- haus in der Chausseestraße fand am Freitag abend eine nationalsozialistische Versammlung statt, die so stark besucht war, daß eine Parallelversammlung im großen Saale des benachbarten Patzen- Hofer-Ausschanks stattfinden mußte. Die beiden Versammlungen waren schätzungsweise von 8000 Personen besucht. Es sprachen Dr. Goebbels und Loebelmann. Das Thema der Rede von Dr. Goebbels lautete' „Die politische Lage und was sollen wir jetzt tun?" Dr. Goebbels betonte, die Nationalsozialisten wollten sich nicht weiter als Minderheiten betrachten lasten. „Wir find", so sagte der Redner u. a., „heute nicht mehr die zweitstärkste Partei, sondern vielleicht die stärkste Partei in Deutschland, denn bei einer jetzt stattfindenden Wahl würden wir mindestens mit 150 Mann in den Reichstag einziehen Wir machen weiter Oppofition."
Dr. Goebbels wandte stch dann der Lage in Preußen zu und führte aus: „Heute habe ich die preußische Verfassung gelesen, die ich, obgleich ich sie immer angriff, niemals kannte, und fand dabei auch einen Pastus, de: besagt, daß auch in Preußen Volksbegehren möglich
find. Um ein solches durchzubringen, brauchen wir 4,8 Millionen.
Wir werden in den nächsten Tagen ein Volksbegehren einleiten, das die sofortige Auslösung des Preußischen Landtages verlangt.
und wir werden es bestimmt durchbringen, denn bereits bei den Reichstagswahlen entschieden sich 4,1 Millionen für uns in Preußen. Dann könnten am 10. Dezember Neuwahlen stattfinden. Danach werden wir das preußische Innenministerium und den Posten des Berliner Polizeipräsidenten besetzen. Von Preußen aus ist der Verfall des Reiches unter Erzesinski, Braun und Genossen vor sich gegangen, und von Preußen aus wird das dritte Reich unter Führung von Adolf Hitler und Goebbels emporsteigen."
Goebbels forderte dann die Menge auf das Westel-Lied in faschistischer Art mit erhobener Rechten zu singen, das in dem Satze: „Bald flattern Hitlers Fahnen über den Barrikaden, die Zeit der Knechtschaft dauert nur noch kurze Zeit" gipfelt. Unter riesigem Beifall der Menschenmenge und von den Frauen mir vielen Rosen beschenkt fuhr Goebbels davon.
Beseitigung der für di» breiten Mas
sen des Volkes unerträglichen Bestimmungen der Notverordnungen fordern und erwartet von allen Arbeiterorganisationen stärkste Aktivität für die schweren bevorstehenden Kämpfe und die Bereitschaft, ihren Kampf außerhalb des Parlaments mit allen geeigneten Mitteln zu unterstützen."
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Die Besprechungen des Reichskanzlers mit den Vertretern der Parteien nähern sich ihrem Ende. Nach Absicht der interessierten Kreise ist die Klärung durch die Sitzung der sozialdemokratischen Fraktion bereits wesentlich gefördert worden. Von unterrichteter Seite erfahren wir über die Stimmung, die in dieser Sitzung zum Ausdruck kam, daß man nicht daran denkt, gleich nach Zusammentritt des Reichstages an einem Sturz der Regierung mitzuwirken. Man geht dabei offenbar von dem
erfolgt der immer recht langwierige Namensaufruf, am zweiten Tage kommt dann die Bildung des Büros an die Reihe, besten Wahl zunächst einige Schwierigkeiten voraussehen läßt, da die Nationalsozialisten die zweitstärksten Partei sind und noch ungeklärt ist, ob die übrigen Fraktionen ihnen den ersten Vizepräsidenten bewilligen werden. Der Reichstag wird dann erst an die eigentlichen Aufgaben Herangehen können und dabei vor allem die Ermächtigung für den Aeberbrückungs- kredit und das sicher zu erwartende Mißtrauensvotum zu erledigen haben.
Wenn es dann noch gelingt, eine Einigung über die Notverordnung herbeiznführen, so würde schätzungsweise gegen Ende der ersten Parlamentswoche die Frage der Vertagung akut werden.
In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß auch hierüber in den Unterhaltungen des Kanzlers mit den Fraktionsführern bereits gesprochen worden ist. Es wird darauf ankommen, ob die Sozialdemokra- ten oder wenigstens der größte Teil ihrer Fraktion für die Vertagung zu gewinnen sind. Die Interpretation, die ihrer Entschließung von beteiligter Seiet gegeben wird, rechtfertigt vorläufig den bereits erwähnten Optimismus im Regierungslager. Dabei ist freilich nicht zu übersehen, daß die Führung in der sozialdemokratischen Fraktion sich gestern zwar stark durchgesetzr hat, daß die Entschließung aber offenbar nicht einstimmig angenommen worden ist, und auch nichts über das Stimmverhältnis mitgeteilt wird. Es läßt sich also im Augenblick noch nicht feststellen, wie stark die Minderheit in der Fraktion ist.
Tagesspiegel
Die sozialdemokratische Ent« s ch l i e ß u n g wird von der Presse sehr verschieden beurteilt. Die meisten Zei- hingen unterstreichen, daß die Entschlie- hung klarer sei, als die anderer Parteien. Me „Germania" bezeichnet sie als maßvoll. Sie scheine dahin ausgelegt werden zu müssen, daß nichts verbaut werde. Die Sozialdemokraten schienen die bereits festgesetzten Notverordnungen nicht zu Fall bringen zu wollen. Die V. Z. spricht von Sünden der Sozialdemokraten, die zwar durch die Entschließung nicht wieder gutgemacht würden. Es bestehe aber die Hoffnung, daß in der nächsten Zukunft Fehler vermieden werden. Der Wortlaut lasse keinen anderen Entschluß zu, als den» das Kabinett Brüning gewähren zu luj wenn es sich innerhalb der Grenzen der Verfassung bewege und das Recht des Parlamentes respektiere. — Auch das „Berliner Tageblatt" glaubt, daß die Sozialdemokraten die parlamentarischen Auseinandersetzungen nicht mit einer Kampfansage an das Kabinett Brüning eröffnen werden. Diese Meinung der ge< nannten Blätter kommt indirekt auch in dem Kommentar des „Vorwärts" zu der Entschließung zum Ausdruck, der, in der Hauptsache nur den Wortlaut erläuternd, mit keinem Wort die Regierung Brüning erwähnt. Die Sozialdemokraten suchten den Ausweg aus der Krise, so sagt das Blatt. Im Mittelpunkt ihrer Erwägungen stehe die Rot des arbeitenden Volkes und die Not seiner Interessen.
Wesentlich anders urteilen die übrigen Blätter. Die „Deutsche Tageszeitung" und die „Bö r s e n - Zeitung" sprechen von sozialdemokratischen Drohungen. Die erstere bezeichnet die Entschließung als eine entschiedene Absage an die Regierung Brüning und eine Drohung mit der proletarischen Faust. Auch die „Börsen-Zeitung" sieht in ihr eine Drohung mit stärkster und nicht allein auf das Parlament beschränkter Opposition. „Lokal-Anzeiger", „Tag" und „Deutsche Allgemeine Zeitung" bezeichnen die Entschließung als Halbheit, Verlegenheit und Kompromiß. Die „D. A. Z." nennt es besonders interessant, daß keine ernsthaften Einwendungen gegen das Programm der Regierung vorgebracht werden.
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Die parlamentarische Lage für das Kabinett Brüning ist schwierig. Wenn die Sozialdemokraten wirklich bereit sind, — wie dies in ihrer Fraktionssitzung am Freitag zum Ausdruck kam — dem Finanz- Programm in seinen wesentlichsten Grundzügen zuzustimmen, so braucht die erst« parlamentarische Aktion im neuen Reichstag nicht zu scheitern. Die Notverordnungen könnten mit einigen geringen Abänderungen mit Hilfe der Sozialdemokraten angenommen werden. Wie wird sich aber die Sozialdernokratte bei einem Mißtrauensvotum gegenüber der Reichsregierung in ihrer heutigen Zusammensetzung verhalten. Die Frage bleibt offen. Jedenfalls steht fest, daß ein Mißtrauensvotum im neuen Reichstag nicht abgelehnt werden kann, wenn nicht die Sozialdemokraten geschlossen gegen den Mihttauens- antrag stimmen. Eine Stimmenthaltung der Sozialdemokraten könnte der Regierung nichts nützen, da die unbedingte