Mittwoch, een 1. SN. 1930
. ie jDberbe|fif<t>e 8<thmg" et- sechsmal ivöchenllich. 95» fugsprsis monatlich 2 .2VGW.au» schließ!. ZnstrllnngsgrbLbr, durch dir Post 2.45 GM. fifit etiva durch Streik, Maschinendefekt oder «le» mentffte Lreignisi» ausfallende Simmuern wird kein Srsat p» eistet. Verlag Dr. §. Litzeroth. Druck bei Unw.»Buchdr«ck crei Job. Ang- Koch, Marke 21/23 fiernsprechet! Nr. 64. u. Nr. 65. Postscheckkoneo: ®«e fitanksn« a. M. Nt. 6015. — Sprech,eie :et Nedattion von to—il «ed
1.1—1 Ute
(DbtthcWc
****** V| H HM chM» ww*
ÄWlUMMk 8 I H g ■ B H | eontetieimng
Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Re.B0 s;.Mkg. MllkdMgü.Llchn
Set Anzeigenpreis beltdge für den 11 qespale. Zellenmillimeeet 0.ÜS GM.,sog.kleine Anzeigen nnd Familienanzeigen bei Parzabltmg 0.07 IM. amtliche und au«* wärtige Anzeigen 0.10 GM. Bei schwierigem Katz sowie bei Platz» borschrist SOI, Aufschlag. — Sammeian,eigen 100 °f, Aufschlag. ReNam.-MkMm. 0,40 GM. Jeder Rabatt gilt al« Darrabatt.
Ziel 5 Taa»
Offertea-Gebfihr 25 Pfg. Belege werben berechnet. Erffillmegso« Marburg.
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Brünings Wirtschasts- und Finanzprogramm
900 Millionen Fehlbetrag für 1930 — 1 Milliarde Ausgabensenkung für 1931 — Grundlegende Steuervereinfachung Kürzung der Beamtengehälter um 6 Prozent - Fortdauer der Ledigensteuer
2.
3.
Soll die Besteuerung der Kleingewerbetreibenden in ähnlicher Weise wie bei der Landwirtschaft vereinfacht werden. Die Grundlage muh hier der Eewerbe- ertrag bilden. Durch diese beiden Matz- nahmen, für Landwirtschaft und Kleingewerbetreibende, wird es gelingen, die Zahl der zur Einkommensteuer zu veranlagenden Steuerzahler auf eine Million zu beschränken.
Wird durch die Vermögenssteuer-Freigrenze auf 20 000 RM. die Zahl der vermögenssteuerpflichtigen Personen von 1,7 Millionen um mehr als die Hälfte herabgesetzt werden. Die darin für die Verwaltung entstehende Ersparnis wird den zunächst rechnerisch eintretenden Ausfall (zirka 16 Millionen) auf die
I Der Abschnitt II steht bei Ländern und Gemeinden sowie bei den Körperschaften des öffentlichen Rechtes entsprechende Gehaltskürzungen wie im Reiche vor. Weiter soll die Durchführung einheitlicher Spargrundsätze durch Vereinbarungen über eine Mitwirkung des Reiches bei der Haushaltsaufstellung gesichert werden und das Haushaltsrecht der Länder und Gemeinden den strengen Grundsätzen des Reiches angepaht werden. Schließlich stnd Mahnahmen zur Gestaltung einer sparsameren Rechtspflege und Verwaltung vorgesehen.
Der Abschnitt III beschäftigt sich mit der Vereinfachung des Steuersystems.
Die Reichsfinanzverwaltung kostet, so wird ausgeführt, über 500 Millionen Mark, der llnkostenkoeffizient beträgt mehr als 41/2 Prozent. Es müsse danach gestrebt werden, zu einer wesentlichen Verbilligung der Finanzverwaltung zu gelangen. Zn
Höhung der Eesamtsteuerlast der Landwirtschaft kommt ebenso wenig in Frage wie eine progressive Flächen-
Dauer erheblich übersteigen. Für daß,.. _ landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Vermögen sowie das Grundvermögen soll die Einheitsbewertung künftig nur alle sechs Jahre vorgenommen werden. Die Zustellung der Einheitswertbescheide soll durch die Offenlegung der Einheitswerte ersetzt werden. Dadurch werden an Stelle von 10,6 Millionen Bescheide nur noch 1,6 Millionen zuzustellen sein.
4. Soll die Umsatzsteuer bei Unternehmen mit weniger als 5000 Mark Umsatz fortfallen.
5. Soll das Steuervereinheitlichungsgesetz erneut vorgelegt werden, um die Voraus, setzungen für eine organische Regelung der Realsteuern und deren Senkung zu schaffen.
6. Soll zur Erleichterung und Verbilligung der Zivilversorgung und zur Verhinderung von Gründungen im Auslande eine Senkung der Verkehrssteuern erfolgen.
Senkung der Realsteuern.
Abschnitt V enthält die Vorschläge für die Senkung der Realsteuern, für die 400 Millionen aus der Hauszinssteuer vorgesehen sind, die durch die Neuregelung der Woh- nungswirtschast frei werden. Das Aufkommen an Realsteuern ist von 600 Millionen in der Vorkriegszeit auf 2200 Millionen im Jahre 1930 gestiegen. Eine organische Senkung der Rcalsteuern ist vor Verabschiedung des SteuervereinheitlichungsgesMes. dessen baldige Erledigung jetzt erstrebt wird, nicht
Die Berliner Morgenblätter beschäftigen sich fast alle eingehend mit dem neuen Wirtschafts- und Finanz Programm der Reichsregierung. Sie würdigen im einzelnen die Sanierungsvorschläge und nehmen je nach Parteistellung I dafür oder in mehr oder minder scharfer Form dagegen Stellung.
Die „Germania" bezeichnet das Pro- I gramm als einen Appell an die Ver- I nunft und ein Dokument der deutschen Not, die hart und drückend ist. Es sei aber auch ein Dokument des entschlossenen I Willens, mit dem Aufgebot aller guten Kräfte unseres Volkes die schwere Not zu meistern und der Zukunft ein besseres Gedeihen für Staat und Wirtschaft abzuringen. Eine zielbewußte Führung sei am Werke, die nicht nur die Symptome unserer gegenwärtigen Not sehe, sondern durch eine schöpferische Umgestaltung auch ihre Wurzeln $u beseitigen suche.
Die „Dörsenzeitung" schreibt unter der Aeberschrift „Ein Schritt vorwärts": Es ist zu begrüßen, daß man endlich den Mut aufgebracht hat, die Reichsfinanzen unabhängig zu machen von der Entwicklung des Bedarfs für die Er- werbsosenfürsorge. Weiter bezeichnet es das Blatt als bedeutungsvoll, daß endlich daran gegangen sei, auch die Grundlagen für eine Gesundung der Länder- und Gemeindefinanzen zu schaffen. Das Blatt glaubt, daß durch diesen Plan die Grundlagen des Derttauens der Reichsregierung im In- und Auslande wieder hergestellt werden können.
Der „B ö r s e n k u r i e r" weist darauf hin, daß auch er mancherlei Bedenken gegen Einzelpuntte habe, aber darauf komme es jetzt nicht an. Man habe sich die Frage vorzulegen, ob die große Linie des Kabinetts mitgemacht werden soll, oder ob man lieber neues Feilschen der Parteien sehen möchte. Der Plan bleibe ein schmerzlicher, aber ein notwendiger Eingriff.
Auch die „Deutsche Allgemeine Zeitung" sieht gewisse Mängel in dem Regierungsprogramm. Es sei, was in gewisser Beziehung auch Borteil biete, fast zu revoluttonär und organisch ausgebaut. Alles in allem aber bedeute es eine geeignete Grundlage für die letzten Entschei» 1 dunaen. die in den nächsten Wochen au 1
das Blatt, die Zeiten sind vorbei, da das auch nur rethorische Spiel mit der verschleierten oder unverschleietten Dittatur eben nichts war als ein Spiel.
Stark ablehnend stehen die oppositionellen Blätter dem Regierungsprogramm gegenüber. Der „Dor wärts" bezeichnet als Bilanz: Gehaltskürzung für die Beamten, Herabdrückung der Arbetter- löhne, Dersackungspolttik gegenüber der Arbeitslosenversicherung, Abbau von sozialen und kulturellen Ausgaben, Drosselung des Wohnungsbaues, aber 400 Millionen Steuererlaß für die Realsteuer- Pflichttgen. Das Ziel der endgültigen Sanierung werde auf diesem Wege nicht erreicht werden.
Der Lokal-Anzeiger" und der „T a g" weisen darauf hin. daß eine plötzliche Sanierung ohne Ermäßigung der Reparationen nicht durchführbar sei. Das gesamte Programm, so sagt der „Lokal- Anzeiger", berührt mit keiner Silbe und keinem Gedanken das Grundübel der deutschen Wirtschaft. Der „Tag" schreibt, das deutsche Volk werde alle Opfer auf sich nehmen, wenn sie offen der Freiheit dienten. Jede Maßnahme, jeder äußere Zwang sei berechttgt, wenn eine Politik der Befriedung und Befreiung damit gefördert wird.
Die ersten Pressesttmmen
Danach findet Brüning keine Mehrheit
Berlin, 30. September. Die Reichregierung veröffentlicht jetzt die angekündigte umfassende Vorlage zur Sanierung der Reichsfinanzen und Gesundung der deutschen Wirtschaft.
In der Einleitung weist die Vorlage auf die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und ihre Ursachen hin. Zunächst gilt es, so heißt es dann, einen geordneten und ausgeglichenen Etat für das kommende Jahr aufzustellen, damit das erschütterte Vertrauen in unsere Finanzwirtschaft wieder hergestellt und damit unserer Wirtschaft neuer Wille, sich zu betä- ttgen und Arbeit zu schaffen, gegeben wird. Die Unterstützung der Arbeitslosen ist ein Notbehelf, sie behandelt nur die Folgen und beseitigt nicht die Ursachen. Eine umfaßende Vereinfachung, vor allem des Steuerwesens, ist eine Notwendigkeit.
Richt höhere Steuern, sondern allein Sparmaßnahmen,
Entlastung, die Wiederherstellung des Vertrauens sind die Grundideen, dre uns führen müssen. Darauf find unsere Vorschläge aufgebaut.
Im Abschnitt I werden sodann die Vereinfachungsvorschläge für den Reichshaushalt im einzelnen dargelegt. Für 1930 mutz mit einem Fehlbeträge von 750 bis 900 Millionen gerechnet werden, 300 davon für die kommenden Anforderungen der Arbeitslosenfürsorge, etwa 450—600 Millionen Rückgang der Einnahmen. Die Abdeckung soll in den nächsten drei Jahren aus einem besonderen Fonds erfolgen, dessen Bildung durch Gesetz sichergestellt wird und der die Beschaffung eines Ueber- brückungskredites, seine Verzinsung und Rückzahlung gewährleistet. Durch die Gesamtheit der zu treffenden Mahnahmen wird die Ausgabenseite 1931 gegenüber 1930 um rund eine Milliarde gesenkt. Die I Senkung soll erfolgen: I
L durch Gehaltskürzung. Die Bezüge des I
Reichspräsidenten, des Reichskanzlers, I der Minister und der Abgeordneten I werden um 20 Prozent, diejenigen der I Beamten, Versorgung-.-, Wariegeld- und Ruhegeldempfänger um 6 Prozent gekürzt. Die Senkung erfolgt ab 1. April 1931 unter Wegfall der Reichs- I Hilfe auf drei Zahle. Bezüge unter 1500 Mark jährlich werden nicht gekürzt. Man rechnet mit einer Erspar- I nis von 120 Millionen. Bei der Reichsbahn und Reichsbank kommen ent- I sprechende Kürzungen in Betracht.
2. durch Kürzung der Ueberweisungen, die in Höhe von rund 100 Millionen I bei Senkung der Beamtengehälter in I Ländern und Gemeinden möglich find. I Durch Rückgang der Einnahmen tritt voraussichlich eine weitere Kürzung der Ueberweisungen um rund 288 Millionen ein.
3. soll der Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben bei der Arbeitslosenversicherung künftig ohne Inanspruchnahme des Reichshaushaltes sichergestellt und der Anteil an der Krisenfürsorze auf 420 Millionen begrenzt werden, und
4. find Abstriche im Reichshaushalt in Höhe von 300 Millionen gegenüber 1930 bei den Einzeletats vorgesehen, denen die beteiligten Ministerien bereits ihre Zustimmung gegeben haben und die schon durchgeführt werden.
Der Ausgleich im Haushalt 1930 fetzt die Fortdauer der Ledigensteuer und des 5- prozentigen Einkommensteuerzuschlages voraus. Durch stärkere Belastung des Tabaks sollen 167 Millionen gewonnen Werden. Im übrigen werden neue Steuer« velaftungen vermieden.
einem Gesetzentwurf zur Vereinfachung des Steuersystems sei
1. eine vereinfachte Besteuerung der Landwirtschaft vorgesehen. Die Reichs- Vermögenssteuer soll künftig für Vermögen bis zu 20 000 RM. fortfallen. Die Erundvermögenssteuer, die Reichsvermögenssteuer und die ersten 10 Prozent der Einkommensteuer sollen durch die Erundvermögenssteuer abgegolten werden, der der Einheitswert, also ein Ertragswert zugrunde gelegt wird. Da bei der Einkommensteuer und Rerchs- vermögenssteuer Schuldzinsen bezw. Schulden abgezogen werden, nicht dagegen bei der Erundvermögenssteuer, soll künftig bei der Einheitssteuer ein Teil der Schulden abgezogen werden können. Wie bei der Erundoermögrns- steuer sollen die Länder und Gemeinden, denen die Einheitssteuer allein zufällt, deren Höhe bestimmen. Eine Er
fassen sein werden, um Wirtschaft, Volk und Staat ungefährdet über den Winter zu bringen.
Die „Deutsche Tageszeitung" betitelt ihre Stellungnahme „Zustimmung und Zweifel". Sie hält die Einheitsbesteuerung für die Landwirtschaft in der vorgeschlagenen Form für ein ungemein gefährliches Experiment. Der allgemeinen Grundtendenz, endlich eisern zu sparen, könne man zusttmmen. Aber man werde an mehr als einem Punfte Vorbehalte zu machen haben, die sich gelegenüich bis zur Ablehnung steigerten.
Die „Vosfische Zeitung" schreibt, zweifellos sei der Wille zu spüren, das 1 gr6tonitt Iv {ng .jnz-lne
I gehende Maßnahmen' zur Neuregelung der 4u lassen. Regierung Wohnungswirtschaft vorgesehen. Im Heus- mc^t 8er-a&€ Haltsjahr 1931 sollen bis zu 215 000 Woh-
^ogramm rm Reichstag eine I Zungen erstellt werden, davon 165 600 ^örhett zu finden. Anter Hinweis auf I Kleinwohnungen aus Hauszinssteuermit- die Aeußerungen über Absichten der Re- teln und 50 000 aus dem Kapitalmarkt, gierung, mit Artikel 48 zu regieren, sagt | Außerdem sind 40 Millionen für Siedlungsgebäude vorgesehen. Zur Finanzierung dieses Programms sind 400 Millionen aus Hauszinssteuermitteln und 400 Millionen im Wege der Einzelbeleihung oder durch Anleihen eingesetzt. Zur Er« zieluim tragbarer Mieten sollen Zuschüsse aus Hauszinssieuermitteln gewährt werden. Die Verwendung öffentlicher Mittel für den Wohnungsbau soll bis zum 1. April 1936 im wesentlichen abgebaut werden. Man hofft, durch die Maßnahmen auf dem Gebiete des Wohnungsbaues und der Siedlung die Zwangswirtschaft weiter lockern und schließlich ganz aufheben zu können. Außerdem sind gewiße Lockerungen des Mieterschutzes vorgesehen. Die endgültige Aufhebung des Wohnungsmangelsgesetzes soll am 1. April 1934 erfolgen, Reichsmietengesetz und Mieterschutzgesetz sollen am 1. April 1936 endgültig außer Kraft treten.