Mnslas, »tn 30. sm. 1930
ie ^Oberhrssijch« Zeitung" et- cheint sechsmal wöchentlich. De» ugspreis monatlich r^V KM.au«- 'chließl. Zustellungsgebübr, durch di« Post L4L SM. Für etwa durch Streik. Maschinenbsfett oder eie» mentar« Ereignisse ausfallend« Nummern wird kein Ersar ge» eist«. Verlag Dr. §. Lttzerotb. Druck bei Unld.-Duchdruck erei Job. Aug. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 64. u. Nr. 65. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 6015. — Sprechzeit
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Anzeiger fiir (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Md der Reichstag ausgrschaltet?
Stufe BerWMchmg des Stünins<$togrammS — Beginn »er BerwMnngen mit »en Wrleien
ft Berlin. 30. Sept. Die Reichsregierung wird am heutigen Dienstag zunächst mit dem preußischen Ministerpräsidenten und anschließend mit de« Parteiführern verhandeln. Es kann lein Zweifel darüber bestehen, daß die Regierung entschlossen ist, nötigenfalls ohne das Parlament zu regieren. Sie wird jedoch versuchen, alle parlamentarischen Möglichkeiten zur Annahme des Arbeitsbeschaffungsprogramms und ihre, sonstige,, Pläne auszuschöpfen. Trotzdem kann weiter kein Zweifel darüber bestehen, daß die Regierung entschlossen ist, auch gegen das Parlament zu entscheiden. Die Reichsregierung hat ein umfassendes Arbeitsprogramm beschlossen. Die Durchführung dieses Programms ist davon abhängig, ob das Kabinett die erforderlichen Ueberbrük- kungskredite erhält. Der Reichs- bankpräfident Dr. Luther hat diese Kredite vorläufig zugesagt. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm wird in seinem Inhalt heute veröffentlicht werden. Man spricht davon, dah in dem Programm u. a. die Verpflichtung der Arbeitslosen zur Dienstleistung enthalten ist.
Der preußische Ministerpräsident Dr. Otto Braun, der heute nach Berlin zurückkehren wird, hat im Verlaufe des heutigen Nachmittags vor der Sitzung des preußischen Kabinetts eine Besprechung mit dem Reichskanzler Dr. Brüning, in deren Verlauf außer der politischen Lage u. a. die Beschlüsse der Reichsregierung über das Arbeitsbeschaffungspro- x/amm erörtert werden.
An der Besprechung der Reichsregierung über das künftige Arbeitsbeschaffungsprogramm war u. a. der preußische Finanzminister Dr. Höpker- Aschoff maßgebend beteiligt. Er hat, wie wir zuverlässig erfahren, auch den Antrag auf Herabsetzung der Ve- amtengehälter um 10' Prozent gefordert. Das Reichskabinett hat diesen Antrag abgelehnt, und eine Herabsetzung der Beamtengehälter um 6 Prozent beschlossen.
Die Verhandlungen der Regierung mit den Parteiführern werden am Dienstag abend beginnen. Die Reichsregierung beabsichtigt, außer den Führern der Sozialdemokratischen Partei, Otto Wels, Müller und anderen auch einen Vertreter der Nationalsozialistischen Arbeiter- Partei zu empfangen. Der Empfang des nationalsozialistischen Vertreters, der wahrscheinlich der Minister Dr. Frick sein wird, ist auf die Forderung des Ministers für die besetzten Gebiete, Dr. Tre- viranus, und des Reichsernährungsministers zurückzuführen. Eine praktische politische Bedeutung für die künftige politische Konstellation mißt man entgegen den anfänglichen Erwartungen dem Empfang des nationalsozialistischen Vertreters — in Regierungskreisen — nicht zu.
Nachdem das Programm nunmehr fertiggestellt ist und das zweite Stadium, das der parlamentarischen Fühlungnahme, beginnt, beschäftigt man sich in politischen Kreisen naturgemäß stärker mit der Frage, wie sich die Mehrheitsverhältnisse im neuen Reichstag gestalten werden, der bekanntlich in 14 Tagen zum ersten' mal zusammentritt. Die Berliner Presse sieht die Möglichkeit einer Mehrheit noch nicht, und so spielt in ihren Betrachtungen der Gedanke, den Reichstag möglichst wenig zu bemühen, eine erheblichere Rolle als -bis
her. Der „Berliner Vörsen-Cou- rier" hatte ja bereits gestern darauf hingewiesen, daß im Falle äußerster Not auch die Verfassung äußerste Möglichkeiten vorgesehen habe. Nach seiner Ansicht müßte das Kabinett erwägen, ob es nicht versuchen muß, zeitweilig das Parlament zu vertagen und in eigener Verantwortung das notwendige Reformwerk zu vollenden. Die „Deutsche Zeitung" spricht in diesem Zusammenhang von einer „Verschwörung gegen den Reichstag". Sie will wißen, das man den Reichstag sofort nach seinem Zusammentritt wieder bis Anfang nächsten Jahres zu vertagen beabsichtige, und zwar mit Hilfe der Sozialdemokraten.
Ebenso wie dieses Blatt fordert die l „Deutsche Allgemeine Zeitung" auf das dringlichste, zunächst mit der I
äußersten Rechten zu verhandeln. Erst wenn dieser Versuch scheitern sollte, komme eine andere Lösung in Frage. Sie dürfte auch dann weder die offene noch die stille Große Koalition sein. Herr Dr. Brüning, so fährt das Blatt fort, würde die Umbildung des Kabinetts nicht rtzr- meiden können. Stürzt ihn eine Mehrheit des Reichstages, so wird es keinen anderen Ausweg geben als den weiteren Schritt auf dem vom Reichspräsidenten schon mit dem ersten Ministerium Brüning betretenen Wege, nämlich die Bildung eines von den Parteien vollkommen unabhängigen Kabinetts der Sanierung. Der Entschluß, über allzu kleinliche Interpretationen der Verfassung hinauszugehen, wäre dann nicht zu vermeiden. Das deutsche Volk wünscht nicht, nach
RotmaßnaSmen -er Reichsbahn
Sfrcthmg der Arbeitszeit
Berlin, 29. Sept. Zu den Verhandlungen zwischen Reichsbahnverwaltung und Eisenbahngewerkschaften über die notwendigen Einschränkungen auf personellem Gebiet erfahren wir folgendes:
Um planmäßige Entlassung von Arbeitern in größerem Umfange in der Bahnunterhaltung und in den Werkstätten zu vermeiden, hat die Reichsbahnhauptverwaltung mit den Gewerkschaften für das Vierteljahr Oktober bis Dezember 1930 folgende
Vereinbarung getroffen:
1. Die Arbeitszeit in der Vahnunterhaltung wird im Monat Oktober 1930 von neun auf acht Stunden herabgesetzt. Außerdem wird im Monat November 1930 eine Feierschicht eingelegt werden.
2. In den Reichsbahnausbesserungswerken werden in den Monaten Oktober bis Dezember 1930 je 1,66 Feierschichten, gleich insgesamt 40 Arbeitsstunden, eingelegt werden. Die Arbeitszeit bleibt von 836 auf 8 Stunden gekürzt.
Die Deutsche Reichsbahngesellschaft bekundet durch den Abschluß dieser Vereinbarung ihr ernstliches Bestreben,
planmäßige Entlastungen vo» Arbeitern in größerem Umfange in der Bahnunterhaltung und den Ausbesterungswerken in der Zeit vom 1. Oktober 1930 bis 31. Dezember 1930 z« vermeiden und wird das
Gleiche auch für die Zeit bis zum 31. März 1931 zu erreichen bestrebt fein.
Sollte es sich Herausstellen, daß gleichwohl nach dem 31. Dezember 1930 Entlastungen erforderlich werden, so rechnet die Deutsche Reichsbahngesellschaft auf die grundsätzliche Bereitwilligkeit der Gewerkschaften, zur Vermeidung von Entlastungen nötigenfalls durch weitere Vereinbarungen mitzuwirken. Obwohl der Reichsbahn durch die Arbeitsstreckung eine rationelle Betriebsführung erschwert wird, hat sie sich doch dazu im Interesse des Personals und der Vermeidung einer Erhöhung der Arbeitslosenziffer entschlossen.
Brotoerkauf nach festem Gewicht.
Berlin, 29. Sept. Nachdem sich her- ausgestellt hat, daß trotz des im Gesetz zur Aenderung des Gesetzes über die Vermahlung von Inlandsweizen vom 24. Iulr 1930 angeordneten Handels mit Brot nach festem Gewicht das Brot wie bisher ni cht nach festem Gewicht verkauft wird, hat der preußische Landwirtschaftsminister dem Amtlichen Preußischen Pressedienst zufolge die Orts^>vlizeibehör» den angehalten, Polizeiverordnungen zu erlassen, durch die angeordnet wird, dah Brot im Gewicht über 250 Gramm nur nach festem Gewicht verkauft werden darf.
diesen oder jenen Paragraphen weiter ins Unglück, sondern durch entschlossenes Handeln des Reichspräsidenten und der Männer seines Vertrauens zur Rettung des Staates geführt zu werden."
Interessant ist auch die „G e r m a n i a". Sie stellt an den Beginn der allgemeinen polittschen Auseinandersetzung den Satz: „In Deutschland muß Ordnung bleiben unter allen Umständen". Das Blatt lehnt den Rat Seipels, mit den Nationalsozialisten zusammenzugehen, ab und vertritt die Ansicht, daß die künftige Entwicklung der Deutschen Reiches ein Problem der Führung fei. Gelingt es, schließt die „Germania", unter starker Führung eine in- nerpolittsche Stetigkeit zu erzielen, dann werden die Depressionen überwunden werden, unter denen wir gegenwärtig leiden, und dann werden auch die geistigen und materiellen Ansätze in Fortfall kommen, deren sich die Nationalsozialisten bei dieser Wahl bedienen konnten. Das Parlament steht vor einer historischen Aufgabe: Es muß entscheiden, ob es dieses Problem der Führung anerkennt und ob es der . Führung den notwendigen Raum schaffen
will, den sie braucht, um das Reich aus der Not der Zeit mit allen Mitteln und weitest gehenden Vollmachten herauszuführen. Die nächsten Wochen werden zu erweisen haben, ob die Parteien zu dieser Einsicht fähig sind.
Die Beisetzung des Prinzen Leopold von Bayern.
fk. München, 30. Sept. Die Leiche des Prinzen Leopold von Bayern ist am Montag einbalfamiett und in Generalfeldmarschallsuniform aufgebahrt worden. Zahlreiche Persönlichkeiten des bayerischen Adels, Militärs, Künstler usw. trugen sich in die aufliegende Kondolenzliste ein. Herrliche Kranzspenden wurden abgegeben. Unter anderem auch von der bayerischen Regierung, von den verschiedenen Offiziersvereinigungen Msw. Mit Rücksicht darauf, daß Reichspräsident von Hindenburg sein Erscheinen zu den Beisetzungsfeierlichkeiten zugesagt hat, wird die Bestattung, die für Donnerstag vorgesehen war, auf Freitag festgesetzt. Hindenburg, der am 2. Oktober seinen Geburtstag feiert, wird am 3. Oktober in München eintreffen und noch am Abend wieder nach Berlin zurückreisen.
AgeWegel
Das Kabinett Brüning steht vor der schweren Aufgabe, sein eben fettiggestelltes Programm in die Tat umzusetzen. Dabei ist in einzelnen Fällen vorauszusehen, daß hinter der Regierung keine Mehrhett steht, sodaß die Durchführung des Programms gefährdet wäre. Deshalb wird in Regierungskreisen die Möglichkeit erwogen, die dringendsten Gesetze ohne lsas Parlament zu erlassen, falls der Reichstag die Aufnahme des Aeber- brückungsttedites z. B. verzögett. Es liegt in der Entscheidung des Kanzlers, ob er versucht, wenigstens einige Desttmmungen des Programms mit Hilfe des Reichstages durchzubringen, oder ob das ganze Pro- gramm auf Grund des Arttkels 48 in Kraft treten wird. Dazu wäre allerdings eine Vertagung des Reichstages nötig, die Brüning mit Hilfe der Sozialdemokraten zu erreichen hofft. Am die Durchführung des Programms zu gewährleisten, müßte der Reichstag eine Pause von mindestens zwei Monaten machen. Reichskanzler Brüning wird über diesen Punkt mit Ministerpräsident Braun verhandeln und dabei wahrscheinlich auch über die Frage einer eventuellen Mitarbeit der S. P. D. an der Regierung sprechen. Wie wir dazu aus gut unterrichteter Quelle hören, mehren sich im sozialdemvkrattschen Lager und vor allem von feiten der freien Gewerkschaften die Sttmmen, die vor einer Mitarbeit an der bürgerlichen Regierung Brüning warnen. Die Vertagung könnte jederzeit aufgehoben werden, wenn ein Drittel des Reichstages die sofortige Einberufung verlangt. — Falls aber dieser letzte Ausweg keinen Erfolg haben würde und eine Realisierung der Pläne Brünings im Rahmen des Parlaments nicht möglich sein sollte, bliebe einmal der Weg eines Volksentscheides, den der Reichspräsident ausschreiben müßte, oder man denkt an die Einberufung einer Art Nationalversammlung, die die Verfassung ändern sollte. Da aber die Mehrheitsverhältnisse nicht anders wären als im jetzigen Reichstag, würde dieser Weg höchstens eine Verzögerung bedeuten.
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Im Zusammenhang mit der erneuten Beittagserhöhung um 2 Prozent für die Arbeitslosenversicherung, die vom Reichskabinett zur vorläufigen Sanierung der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung geplant ist, erscheint eine Zusammenstellung der Harvardblätter doppelt interessant, die von führenden amerikanischen Volkswittschaftlern herausgegeben wird und sich auf einwandfreies statistisches Material stützt. Danach sind die Ausgaben für soziale Zwecke in Deutschland von Jahr zu Jahr gesttegen und betragen heute etwa ein Zehntel des gesamten Volkseinkommens, während sie im Jahre 1913 nur ein Fünfundzwanzigstel des Einkommens darstellten. Während nämlich 1913 die damals bestehenden vier sozialen Versicherungen: Kranken-, Invaliden-, Angestellten- und Anfallversicherung insgesamt eine Summe von 1440,7 Mill. RM. erforderten, erhöhte sich dieser Dettag im Jahre 1929 auf 6530 Millionen, allerdings unter Einschluß der inzwischen ins Leben gerufenen Knappschaftspensionsversicherung und der Erwerbslosenfürsorge. Diese Summe stellt 453,3 Prozent des Vorkriegsaufkommens dar. Zn gleicher Zett stieg der Lebenshaltungsindex auf 150 Prozent. Rechnet man noch die sonstigen Ausgaben für soziale Zwecke, wie die Wohlfahrtsfur- sorge und die Versorgung der Kriegs- opfer, hinzu, so ergibt sich die Tatsache, dah im Jahre 1929 in Deutschland rund 9,6 Milliarden Mark für soziale Zwecke aufgebracht werden muhten, die sich im laufenden Jahr durch die mehrfachen Erhöhungen der sozialen Lasten auf über 10 Milliarden gesteigert haben dürften. Dagegen waren es 1913 nur 2,14 Milliarden Mark. Im allgemeinen muß sich der Ar-