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Oberhessische Zeitung. Marburg a. L. Montag, den 29. September 1930

Nr. 228

wären zweifelsohne schon verhungert, hätte nicht der Amerikaner eine gutmütige und hilfsbereite Natur. Vielleicht ist es auch der Gedanke an die unsichere eigene Zu­kunft, der in Amerika so mildtätig stimmt. Selten werden deswegen Verwandte und Freunde einen Erwerbslosen im Stich lasten, wenn er nur infolge der allgemei­nen Wirtschaftslage, also unverschuldet in Not geraten ist. Die Miete wird meistens gestundet und von Verwandten und Freunden Geld geliehen, obgleich es nur zu oft recht fraglich ist, ob der Verleiher je wieder sein Geld bekommt, weniger aus böser Absicht als vielmehr aus der Ver- gehlichkeit des Schuldners. Das Leben spielt sich in Amerika nämlich mit einer leichtsinnigen Oberflächlichkeit ab. so datz es einen Deutschen manchmal geradezu in Erstaunen setzen mutz. Geht es dem Ame­rikaner einigermatzen gut, d. h. hat er stän­dige Arbeit, dann wird nach Herzenslust angeschafst, natürlich alles nur auf Kredit und Abzahlung. So kommt es, vatz schon in normalen Zeiten kaum ein Hausstand ganz schuldenfrei ist, wenn man möglicher­weise auch ein Sparkonto oder sogar ein Lhecking-Account auf der Bank hat. Um so schwerer wird dann natürlich auch das ganze Eeschäftsleben bei eintretender Wirt- schaftsdepression betroffen. Die Firmen, die in normalne Zeiten auf Abzahlung verkauften und das müssen die meisten schon der starken gegenseitigen Konkurrenz wegen, bekommen während des Tief­standes natürlich keine weiteren Abzah­lungsgelder mehr herein und müssen schließlich den Bankerott anmelden, wenn die Geschäftsflaute zu lange anhält. Wie ernst die jetzige Wirtschaftslage ist, kann man am besten daraus ersehen, datz in einer einzigen Erotzstadt Amerikas von et­wa einer Million Einwohnern im Laufe des Juli in einer Woche mehr als 60 Kon­kurse angemeldet wurden.

Die Stellungslosen in Amerika

Von Felix Sckmidt -Cleveland. Ehrenmitglied desBundes der Ausländsdeutschen

Am schlimmsten werden bei einer 2ßtib schaftskrisis hierzulande die erst kürzlich aus Europa Eingewanderten getroffen, welche die Sprache noch nicht beherrschen und mit den Verhältnissen noch nicht recht vertraut sind. Den Verwandten und Freunden, aust^deren Veranlassung sie her­über gekommen find, fallen sie jetzt, wo diese vielleicht selbst schon seit Monaten ohne Verdienst sind, naturgemätz doppelt schwer zur Last.

Wie lange die augenblicklie Geschäftsflaute noch anhalten wird, lätzt sich nicht sagen. Optimisten behaupten, datz sich die Ge­schäftslage im Herbst allmählich wieder bestern würdethe business will pick up doch diese Hoffnung spricht man ja bereits seit März aus. Pestimisten wieder­um erklären, falls nicht irgend ein Krieg ausbricht und wieder eine blühende Kriegsindustrie geschaffen wird, sei mit einer Besserung der gegenwärtigen Krisis nicht vor Ablauf eines Jahres zu rechnen, da der Jnnenmarkt sich mit Waren völlig eingedeckt habe es kann ja wegen der teilten Laoe au<6 niemand etwas kau­fen und der Außenhandel unter den Wirren in China und Indien leide. Au- tzerdem habe sich die amerikanische Ge­schäftswelt jetzt durch den neuen Tarif selbst vom Außenmarkt abgeriegelt, da die an­deren Erotzmächte mit einer gleichen Zoll­erhöhung für die Einfuhr amerikanischer Waren antworten würden.

Es wird aber auch gemutmaßt, daß sich die amerikanischen Kapitalisten und Un­ternehmer die Fortdauer der augenblick­lichen Depression wohl noch für eine ganze Weile leisten könnten, um diese Gelegen­heit dafür auszunutzen, den amerikanischen Unionen Gewerkschaften endgültig das Rückgrat zu brechen. Fest steht jeden­falls, daß die unmittelbare Zukunft im Wirtschaftsleben Amerikas recht trübe Ausblicke für weite Kreise der Angestellten und Arbeiter eröffnet.

Die Vereinigten Staaten befinden sich zur Zeit in einer schlimmen Wirtschafts- krisis, die sich, wenn sie nicht bald gemil­dert wird, unter Umständen sogar kata­strophal für viele Stellungslose auswir­ken mag. Die Zahl der Erwerbslosen in Amerika geht in die' Millionen. Ganz ge­nau lätzt sie sich bei dem häufigen Orts­wechsel hierzulande allerdings nur schwer angeben. Gut Unterrichtete sprechen aber von etwa 10 Millionen Erwerbslosen, und das dürfte kaum zu hoch gegriffen sein, denn Betriebe, die früher Hunderte be­schäftigten, liegen zur Zeit ganz still, und andere mit früher Tausenden von Ange­stellten arbeiten jetzt kaum mit dem zehn­ten Teil der Belegschaft des Normalbe­triebes.

Wie fristen nun die Erwerbslosen in Amerika, wo es doch keine gesetzliche Er- werbslosen-Fürsorge irgend welcher Art gibt, ihr Dasein? Sie müssen eben zuse­hen, wie sie sich durchschlagen und am Le­ben erhalten. In fast allen Großstädten Amerikas wird man jetzt in weniger be­lebten Straßen und an Straßenecken auf Schritt und Tritt um einenDime" (10 Cents) oder einenNickel" (5 Cents) an­gebettelt, und fast immer von Leuten, denen man die Not auf den ersten Blick ansieht. Unter ihnen befindet sich so man­cher, der es sich im Leben wohl kaum hat träumen lassen, daß er noch einmal würde betteln gehen müssen. Die in den größeren Städten bestehendenCommunity-Fonds" müssen sich entweder mit Aufrufen an die Oeffentlichkeit wenden ober aber ihr Un­terstützungswerk bedeutend einschränken. DieCommunity-Fonds" sind durchweg private Wohlfahrtseinrichtungen, wie überhauvt fast das ganze Wohlfahrtswesen in Amerika in Privathänden ruht und nicht wie in Deutschland von den Kommu­nen durchgeführt rvird. Hunderte, wenn nicht sogar tausende von Erwerbslosen

Die Oelfunde bei Hannover

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Bohrtürme im hannoverschen Erdölgebiet.

Der gewaltige Erdölausbruch auf der Gewerkschaft Elwerath bei Nienhagen stellt sich als die Erschließung einer neuen bedeutenden Erdölsonde heraus, wie sie bisher in Deutschland noch nicht angetroffen wurde. Es laufen stündlich bis zu 16 Tonnen selbständig aus. Damit erhalten die Behauptungen des amerikanischen Slmagnaten Sinclair, der sich zur Zeit zur Gründung einer deutschen ölgesellschaft in Berlin aufhält, bedeutend gröhers Gewicht.

Ein «llttus gibt Audienz

Die Königin der Rächt.

Kakteen sind jetzt bei Pflanzenliebhabern große Mode. Kaum eine Familie, in der nicht ein Familienglied Kakteenzüchter ist. Es gibt große Gärtnereien, die fast ausschließlich Kakteen ziehen. Ich sah in einer solchen große Gewächshäuser, in denen nur Kakteen der ver­schiedensten Arten standen, von kleinen, steck­nadelknopfgroßen Sämlingen an bis zu ganz alten Exemplaren der schönsten und wunder­samsten Arten, von denen viele nur in Ge­wächshäusern gedeihen.

Vor 40 bis 60 Jahren war die Liebhaberei für Kakteen nicht so allgemein. Meine Eltern waren große Blumenfreunde, die viele Blu­men zogen, doch erinnere ich mich nur weniger Kaktuspflanzen. Einen großen Phylloactus (Blätterkaktus) hatten mir, der uns allsom­merlich mit seinen herrlichen, großen, roten Blüten erfreute, und einen Felsenkaktus, ein bizarres, felsenähnliches Gewächs, das nie blühte. Aber einen Kaktus hatten wir, der sah das ganze Jahr unscheinbar und häßlich aus, mit seinen graugrünen, schlangenartig wach­senden, fingerdicken, eckigen Aesten, aber wenn er blühte, war es das schönste, was man sich denken kann. Das war die Königin der Nacht, (Cereus grandiflorir), deren Blüten sich abends öffnen, nur eine Nacht blühen und morgens welk am Stock hängen.

Das ganze Jahr stand dieser Kaktus mit seinen kahlen Aesten unbeachtet an einem son­nigen Fenster, verdeckt von einem großen, viel­ästigen Eummibaum und gepflegt von meiner äkteren Schwester, die ängstlich darauf achtete, daß ihrer Königin nichts zuleide und sie nicht berührt ober gar verstellt würde. Wenn sich im Frühjahr dann die kleinen Knospen wie kleine weiße Seidenflöckchen zeigten, die meh­rere Monate zur Entwicklung bis zur Blüte brauchten, freute sich die ganze Familie auf das kommende Ereignis. Die Blüte mit ihren rein weißen, seidigen Blütenblättern, den ro­sabräunlichen, wie ein Strahlenkranz die Blü­tenblätter umgebenden Kelchblättern, den tie­fen, innen ins Grüne sich färbenden Kelch, den gelben Staubfäden, ihrem feinen Duft ist märchenhaft schön und lohnt reichlich die Mühe und Geduld, die man das ganze Jahr mit der unschönen Pflanze haben muß. Wenn gar mehrere Blüten in einer Nacht sich öffne­ten, war es ein zauberhaft schöner Anblick. Dann wurden schnell alle Bekannten davon be­nachrichtigt, daß die Königin der Nacht bei uns blühe. Dem Marburger Borani- ker, Professor Wigand erzählten wir einmal davon, aber er wollte nicht so recht glauben, daß die Pflanze echt sei. Als nun einmal vier Blüten in einer Nacht sich öffne­ten, benachrichtigten wir ihn, und, als er kam, war er ganz überrascht und meinte, schöner sei seine im Gewächshaus auch nicht. Das war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Von diesem alten Kaktus zog ich mir einen Ableger, der aber meine Geduld auf eine hohe Probe stellte und erst nach langen, langen Jahren zu blühen anfing, dann aber gleich zwei Blüten in einer Nacht hatte. Wir mach­ten mit unseren Kindern ein kleines Garten­fest zu Ehren dieses Ereignisses, mit Lampi­ons und Pfirsichbowle und viele Bekannte kamen, um die Königin der Nacht blühen zu sehen. Sie stand im Haus auf der Diele und gab Audienz. Alle Stunde ging man zu ihr hinein, um den Fortschritt beim Oesfnen der Blüten zu bewundern.

Seitdem haben wir jedes Jahr ein oder mehrere, manchmal wie dieses Jahr, sogar vier Buten gehabt, die jedesmal wieder wie ein Märchenwunder anmuten und bei denen man nur bedauert, daß sie beim Aufgang der Sonne sich schließen und morgens welk am Stock hän­gen. E. V.

Um Ne WeheiMak« Ausstellung

Zum preußischen Verbot der Ausstellung des Welfenschatzes im Berliner Schloßmu- seum dürfte folgende authentische Informa­tion des Frankfurter Konsortiums interessie­ren: Der Welfenschatz wurde durch Vertrag an die drei Frankfurter Firmen verkauft. Der größte Teil der Kaufsumme ist bereits an den Herzog in Deutschland durch deutsche Banken bezahlt worden, der Rest wird auf gleiche Weise bezahlt. Dies zur Richtigstel­lung der Pressebehauptungen, der Herzog habe bisher lediglich eine Bevorschussung von Schweizer Banken erhalten. Das Konsor­tium legt ferner Wert auf die Feststellung, daß vor Beginn jedweder Verkaufsverhand­lung dem Reich ein mehrmonatliches Ver­kaufsrecht eingeräumt war. Zum Zustande­kommen der Ausstellung wäre es notwendig, daß die Reichsregierung nunmehr Ausstel­lungsräume zur Verfügung stellt, welche be­züglich der Lage des Gebäudes dem Schloß­museum ebenbürtig sind. Andernfalls würde das Konsortium eine Schädigung seiner Po­sition befürchten und bedauerlicherweise auf die Ausstellung verzichten müssen. Selbstver­ständliche Voraussetzung bei einer Berliner Ausstellung wäre auch, daß als Veranstalterin die betreffende Reichsstelle fungieren würde, da die drei Firmen als Aussteller nicht in Erscheinung treten wollen. Was den noch verfügbaren Bestand des Welfenschatzes an­geht, so wird von kunsthistorischer Seite an­erkannt, daß 6et aller Schönheit der nach Cleveland verkauften Stücke damit doch in keiner Weise dem Welfenschatz der geschlossene Charakter genommen ist.

RuWerender Lautsprecher

Eine interessante Entscheidung des Ober­landesgerichts.

Bekanntlich gibt es heute in jeder deutschen Stadt vor den meisten Radioläden Laut­sprecher. die tagaus, tagein als Reklame für das Geschäft unentgeltlich Musik spenden, die meist mehr laur als schön über die Straße schallt. Für die Passanten ist diese Art Re­klame zur Not noch zu ertragen, aber die Um­wohnenden und mögen sie noch so große Mu­sikliebhaber sein, werden allmählich die Ner­ven verlieren. Einige solcher Leidensgefähr-

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Im Zeichen derVölkerverföhrmng!"

Ein Hetzplakat, das anlählich der polni­schenAnti-Deutschen Woche" in allen Städten Polens angeschlagen wurde. Sein Text lautet:Mach, datz du fortkommst, Preutze, sonst werden wir dir ein zweites Grünewald bereiten." Grünewald nennen die Polen die Schlacht bei Tannenberg, wo 1410 die deutschen Ordensritter vernich­tend geschlagen wurden.

ten hatten sich vor einiger Zeit in Zweibrücken dazu entschlossen, gegenihren" Radioladen Klage zu erheben und erst einmal einen Straf­befehl gegen den Ladeninhaber wegen fortge­setzter Ruhestörung zu erwirken. Das zustän­dige Amtsgerichr gab der Klage statt, womit sich jedoch der Ladeninbaber nicht einverstan­den erklärte mit der Begründung, daß heute in Hunderten von Radiogeschäften in allen deutschen Städten solche Radiokonzerte aufge- fiihrt würden. Er legte also Berufung ein, doch bestätigte die nächste Instanz den Straf­befehl wegen Vorliegens fortgesetzter Ruhe­störung, und das bann angerufene Oberlan- besgericht in München schloß sich ebenfalls die- sem Standpunkt an. Die Revision wurde aus dem Grunde abgewiesen, weil die Betätigung der Lautsprecher nach Zeit, Örtlichkeit, Dauer» und Lautstärke nicht weiter gehen dürfe, als der Allgemeinheit ohne Unbilligkeit zugemutet werden dürfte. Die Verwendung eines Laut­sprechers sei den Gewerbetreibenden zwar nicht verwehrt, soweit dies durch gewerbliche Be­dürfnisse und Interessen gerechtfertigt sei, diese wirtschaftlichen Interessen müßten aber mit den berechtigten Interessen der Allgemein­heit in Einklang stehen.

Rimdfllnkpirateit.

Daß es eine Industriespionage gibt, ist bekannt. Sie versucht, die Fabrikationsge­heimnisse anderer Fabriken ausfindig zu machen und sie scheut, wie es sich während des Ruhrkrieges mehrfach erwiesen hat, auch vor Gewalttätigkeiten nicht zurück. Neuer­dings aber ist eine neue Art von Geschäfts­piraten aufgetaucht. In gemeinsamer Arbeit mit den europäischen und amerikanischen Post­behörden ist die englische Post, unterstützt von der Londoner Geheimpolizei, eifrigst be­strebt, jeneRundfunkpiraten" abzufassen, welche die transatlantischen Gespräche ab­horchen und die so erfahrenen Geheimnisse an Interessenten verkaufen oder selbst zu Spekulationszwecken ausnutzen. Der geeig­netste Platz für die Abhörer der transatlan­tischen Eeschäftsgespräche scheint Holland zu sein. Vielleicht aber auch sitzt ihre Zentrale in einem anderen Hafen Nordwesteuropas. Die Londoner Kriminatpolizer neigt zu dieser Annahme, weil sie mehrfach feststellen mußte, daß aus diesen Hauptverkehrsplätzen Europas überraschende Börsenaufträge und Käufe ge­tätigt worden sind, die eine genaue Kenntnis von bestimmten Gesprächen voraussetzten, die jeweils in der Nacht vorher zwischen Mren­den europäischen und amerikanischen Bankiers oder ihren Vertrauensleuten geführt worden sind. Noch ehe von diesen die spekulativen Ausnutzungen der Gespräche vorgenommen werden konnten, hatten die Abhörer bereits ihrerseits ihre Kaufaufträge gegeben und sehr hohe Gewinne gemacht. Es wird auch sehr schwer sein, wirklich erfolgreiche Gegenmittel gegen diese Art von Spionage anzuwenden. Man plant jedoch, ent neues System zu schaf­fen, wonach in einem ganz bestimmten Ge­heimturnus die Wellenlängen unaufhörlich wechseln.

SochschulnachrWen

X Der Musikwissenschaftler Dr. Konrad Ameln in Kassel ist vom Kultusminister beauftragt worden, in der evangelisch-theolo­gischen Fakultät der Universität Münster die evangelische Kirchenmusik in Vorlesungen und Hebungen zu vertreten.

X In Pöcking am Starnberger See (Ober­bayern) ist der frühere Direktor der Akademie der Tonkunst in München, Professor Hans Bußmeyer, im Alter von 77 Jahren ge­storben.

X Der außerplanmäßige a. o. Professor Dr. Sarais Eepprrt in Gießen ist vom 1. Oktober 1930 an zum außerordentlichen Professor der Mathematik an der dortigen Universität ernannt worden.