Einzelbild herunterladen
 

Meniag.

te» 29. Skvt. 1920

üie jDberbejfifcbe Zettuvg" rr- cheinl sechsmal wöchentlich. Le. ,«g«prei« monatlich 2 220® 92t.au» Ichließl. Znstrllunxrgebübi. dnrri die Post 2.45 GW. Für etwa durch Streit. Waschin en defekt oder eie» men rar» Ereignisse ausfallend« Nummern wird kein Ersar ge­eist«. Verlag Dr. §. Litzervtb. Drnik der ltniv.-Buchdruckerei Job. Ang. Koch. Mark, 21/23 Fernsprecher: Nr. 64. n. Nr. 65. Postscheckkonto: Am, Frankfurt a. W Nr. 6016. - Sprech,ei, er Redaktion von 10-11 und

1,11 Ubt,

0berl,effische

***** Ai Ti mA ****

SWMfitier fr fr fr II BMMWW

Anzeiger für (das frühere knrhefsifche) Oberheffen

Rk.228 8I.8Mk.

Marburg n. Mn

Der Anzeigenpreis beträgt für den 11 gespult. Zeilenmillimeter 0.08 GM., sog. kleine Anzeigen nnd Familienanzeigen bei Barzablung 0.07 39Kn amtliche und aus­wärtige Anzeigen 0.10 GM. Bei schwierigem Satz sowie bei Platz- borschrkst 50»|. Aufschlag. - Sammelan,eigen 100 °l, Stuf- schlag. ReNanu-Millim. 0,40 GM Jeder Rabatt gilt al« Barrabalr

Ziel 5 Tage-

Offertes-Gebühr 25 Pfg

Beleg« werden berechnet. Erfüllung«»« Marburg.

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

Hitler über seine Ziele

RevisidN btt »feiltet Nrrteagtt und btt Nomgvllmtt - RliikgM btt Kerridors mb Wtiguno brr KrtegSschuldlügr

Die Sonntagsblätter des H e a r st tan­ze r n s veröffentlichen in sehr großer Auf­machung eine Artikel Adolf Hitlers, der mit den Worten beginnt:Möge die Welt sich nicht täuschen.

Entweder wird Deutschland wieder eine freie Nation, oder es verzweifelt an der Zukunft und wird in die locken­den Arme des Bolschewismus getrieben.

Das ist keine Phrase, keine Drohung, keine Prophezeiung, sondern eine Feststellung von Tatsachen" Die Verantwortung hier­für, so heißt es weiter, liege bei den Staa­ten, die Deutschland unmögliche Friedensbedingungen und un- tragbare Lasten aufgezwungen hät­ten. Das Ergebnis der Reichstagswahl fei ein Signal für die nahende Empörung der deutschen Seele. Deutschland befinde sich in einem Fieberzustande, und das Fieber werde zwangsläufig steigen. Der Ver­sailler Vertrag stelle eine plumpe und un­geschickte Operation an einem Patienten dar, der überhastet zusammengeflickt worden sei und nunmehr die gefährlichen Symp­tome einer Blutvergiftung zeige. Der Patient könne nur gerettet werden, wenn die Wunden wieder geöffnet und die eigentlichen Krankheitsursachen beseitigt würden. Das Volk habe den Glauben an Versprechungen und das Vertrauen zu üen alten politischen Führern der Parteien verloren.

Die Nationalsozialisten forderten die Revision des Versailler Vertrages und des Youugplanes, die Rückgabe des polnischen Korridors und die Be­seitigung der Kriegsschuldlüge.

Wenn Deutschland leiden müße, dann sei es schon besser, daß es Leiden auf sich nehme, indem es nein sage. Die Qualen unter dem Ja erstreckten sich auf Genera­tionen. Das Dulden unter einem Nein würde sicherlich kürzer sein. Hitler kündigt weiter an, daß die Nationalsozialisten in den nächsten Monaten 70 000 Versamm­lungen einberufen würden, da sie über keine ausreichenden Presseorgane verfüg­ten. Die Republikaner versuchten jetzt, das steigende Gefühl der Volksempörung zu unterdrücken. Aber der Schlag, den sie bei den Wahlen erlitten hätten, sei nichts gegen den ' lag, den sie noch erleiden würden.

Hitler r bet lleberzeugung Aus­druck, daß spätestens in izH Zähren Neuwahlen stattfinden würden. Er erwartet dann eine« weiteren unge­heueren Stimmenzuwachs der Natio- nationalsozialisten, sodaß sie nicht ge­waltsame Maßnahmen zu ergreifen brauchten, um die Kontrolle über die

Regierung zu erringen.

Andere mögen Gewalt anwenden, um uns an der Regierungsübernahme zu ver­hindern. Wir denken an keinen Putsch. Die Wahl hat uns den Weg zur Macht gewiesen." Hitler verwahrt sich dann weiter gegen den Votewurf, Atheist und Feind des Besitzes zu sein. Der Na­tionalsozialismus habe nichts mit dem Marxismus zu tun, da er den Wert der Einzelpersönlichkeit anerkenne. Abschlie­ßend weist Hitler darauf hin, daß Europa ich jetzt in der schwersten Krise seiner Ee- chichte befinde. Der Artikel schließt mit den Worten:Ihr könnt Deutschland nicht zugrunderichten oder bolschewisieren und gleichzeitig glauben, daß das übrige Europa unversehrt bleibt. Mein Ver­trauen zum deutschen Volke ist unbegrenzt seine Freiheit, mein Zielt"

Hitler über Italien und Deutschland.

Rom, 27. Sept. Die römische Abend­presse veröffentlicht eine Unterredung, die Hitler dem Vertreter der Turiner Gaz- zetta del Popolo gewährte. Darin führt Hitler aus, die Arbeitslosigkeit fei eine Folge der ungezählten Milliarden, die Deutschland in den letzten zehn Jahren an Frankreich gezahlt habe. Sie dienten dazu, den frtnzösischen Militarismus zu nähren und mit Hilfe des Baus der Transsahara­bahn die schwarzen Truppen gegen Ita­lien heranzuführen. Deutschland und Ita­lien mit ihrer Ueberbevölkerung seien Frankreich gegenüber in derselben Lage. Jh Politik entwickle sich in paralleler Richtung. Ein Konflikt sei deshalb aus­geschlossen.

SfirgttMe Einigung in Braunschweig

Braunschweig. 27. Sept. Die Ber- haudluugen der hinter der Bürgerlichen Einheitsliste stehenden Parteien und der Nationalsozialistischen Dentschen Arbeiter­partei zum Zwecke der Regierungsbildung in Brannschweig haben zu eine, Einigung geführt. Die Regierung soll statt bisher drei nur noch von zwei Ministern gebildet werden. Von den Bürgerlichen wird der frühere Finanzminister Dr. Küchenthal vorgeschlagen werden. Der nationalsozia­listische Ministerkandidat ist Amtsgerichts­rat Dr. Anton Franze« in Kiel.

DieBraunschw. Landesztg." veröffent­licht das Programm des bürgerlichen Blockes und der NSDAP. Danach fordert u. a. der bürgerliche Block Aufstellung einer genauen Bilanz des Staatsvermögens, auf Grund deren zu prüfen ist, ob das Land

Zur Südtiroler Frage erklärte Hitler, so teuer ihm tuch die Südtiroler Brüder seien, sie seien ihm nicht teurer als die Millionen Deutscher, die unter pol­nischer. tschechischer, südslavischer und bel­gischer Herrschaft lebten. Die Freundschaft zwischen zwei großen Nationen dürfe nicht durch die Südtiroler Frage gestört werden. In einem mit Deutschland befreundeten Italien würden die Südtiroler eine bes­sere Behandlung haben als in einem gegenüber Deutschland gleichgültigen. Man müße Italien dankbar sein, daß es gezeigt habe, daß der starke nationale Staat die einzige Rettung gegen den Bolschewismus sei.

Braunschweig noch als lebensfähig ange­sehen werden kann. Prüfung der Frage, ob die Entfernung eines sogenannten Par­teibuchbeamten ohne Ruhegehalt erfolgen kann, Beseitigung der Nebenbezüge der Staatsbeamten, Aufhebung des Minister­pensionsgesetzes. Die Minister erhalten nur Uebergängsbezüge.

Von den nationalsozialistischen Forde­rungen ist hervorzuheben, Herabsetzung des Ministergrundgehalts von 18 000 auf 12 000 M, Säuberung der Landesverwal­tung von Beamten und Angestellten, die ohne besondere Vorbildung und Eignung nur auf Grund ihres Parteibuches in den Staatsdienst gekommen sind u. a. m.

Die Wahl der Regierung im Landtag dürfte kommenden Mittwoch erfolgen.

Argentinien will wieder in den Völkerbund.

ft Newyork, 29. Sept. Der neue Macht­haber Argentiniens, General llriburu, bat eine Erklärung abgegeben, aus der geschlossen wird, daß Argentinien wieder in den Völker­bund zurückkehren will.

Banderbttt und die Bettelbriefe

etteninilfr eines SeflnrmillieimtS auf einet DeiMfendteite

Wir haben jetzt augenblicklich Hausse in amerikanischen Milliardären. Da ist H e n r y Ford, der reichste Mann der Welt, und da ist jetzt auch Herr Vanderbilt, ameri­kanischer Eisenbahnkönig, Chef des berühmten Hauses, dem es auch nicht viel schlechter geht als dem Kollegen von der Automobilbranche. Herr Vanderbilt ist jetzt in Berlin.

Es gefällt ihm, sagt er, hier sehr gut. Er hat Deutschland bereist so schnell ein paar Städte und seine Eindrücke sind wundervoll, es ist eine der schönsten Reisen, die er je unternommen hat, sagt er.

Aber eines ist schlecht hier in Deutschland, das gefällt ihm weniger, das sind die vielen Bettelbriefe, die er bekommt. Sie zählen nach Tausenden. Ein Berliner Post­amt hat für ihn einen Sonderdienst einrichten müssen und zwei Sekretäre sind Tag und Nacht beschäftigt, diese Rekordpost zu erledigen und sie haben nicht ihre Freude daran, sie möchten sich natürlich auch lieber ein bißchen umsehen und Berlin genießen.

3a, das kann man ihnen nachfühlen, das ist freilich unangenehm. Und Herr Vanderbilt gibt freundlichst ein Interview und sagt folgendes: es heißt, es gebe in Deutschland eine schwere Wirtschaftskrise, wir haben zwar nichts davon gesehen (!), aber es wird wohl so sein, die wirtschaftlichen Verhältnisse sind in allen Ländern nicht so, wie sie sein sollten.

Er hat also von der Wirtschaftskrise nichts gesehen, wie sollte er auch, er lebt ja nicht

von der Unterstützung eines deutschen Ar­beitslosen. Aber seine Sekretäre, die sehen sie, denn sie müssen täglich einige tausend Bettelbriefe in den Papierkorb werfen.

Freilich, es gibt immer und überall Leute, die gern eine Gelegenheit ergreifen, billig zu Geld zu kommen, es gibt solche Leute sogar im reichen Amerika. Aber unter den vielen Tausend, die ihre Briefe an Herrn Vander­bilt persönlich schreiben, gibt es wohl doch sehr viele, die morgen nichts mehr zu essen haben und die sich einfach denken: du versuchst es einmal, ehe du dir einen Strick kaufst. Und diesen Leuten geht es nicht so erbärmlich schlecht, weildie wirtschaftlichen Verhältnisse in allen Ländern nicht so sind', wie sie sein sollten". Es geht ihnen vielmehr deshalb so schlecht, weil das deutsche Volk helfen muß, den Dollarmilliardären die Kassen zu füllen. Und das sollten die vielbeschäftigten Se­kretäre aus den vielen tausend unange­nehmen Bettelbriefen herauslesen und , es ihrem Chef gefälligst mitteilen, damit er viel­leicht doch etwas von der wirtschaftlichen Not" merkt.

Es wäre nämlich viel wichtiger, daß Herr Vanderbilt solches Wissen aus Deutschland mit nach Hause nehmen würde, als die viele-: schönen Eindrücke, die er sonst gesammelt hat. Er sollte sich einen Riesen-Nekord-Spiegel laufen für sein Schloß in Kalifornien und sich die vielen tausend Bettelbriefe dahinterstecken zur gefälligen Beachtung.

MeSfofegel

Das Reichskabinett hat auch am Sonnabend wieder zwei Sitzungen abge­halten. Es ist möglich, daß das Kabinett am Montag noch einmal zusammeuttitt, um den Text der Veröffentlichung zu über­arbeiten. Jedenfalls rechnet man damit, daß das Programm offiziell nicht vor Montag abend bekanntgegeben wird. An amtlicher Stelle ist eine Bestätigung der Informattonen, die dieVossische Zei­tung" über das Programm veröffentlichte, nicht zu erlangen. Man kann aber anneh­men, daß eine Reihe von Einzelheiten zu­trifft, zumal Mitglieder des Kabinetts sich ja bereits im Sinne ähnlicher Maß­nahmen vor der Öffentlichkeit ausge­sprochen haben. . Der Lleberbrückungskre- dit beträgt übrigens nicht 900 Millionen, wie man aus derVossischen Zeitung" vielleicht herauslesen könnte, sondern we­niger. Wenn das Blatt das Defizit der Arbeitslosenversicherung, das von reichs- toegen zu decken ist, mit 300 Millii nen an­gibt, so ist dazu zu bemerken, daß ICO Millionen davon aus der Krisenfürsorge herrühren. Im übrigen wird man gut tun, die offizielle Veröffentlichung des De- gierungsprogramms abzuwarten, da sich erst dann ein abgerundetes Bild der Maß­nahmen gewinnen läßt, mit denen die Reichsregierung die gegenwärtige Not­lage bekämpfen will.

Auf die in den letzten Tagen immer dringender werdenden Rufe der Presse an die Regierung, endlich ihr Programm bekanntzugeben, erteilt das Zenttums- organ, dieSermania, eine viel be­achtete Antwort. Das Blatt greift sich einen Artikel des früheren Reichsfinanz­ministers Dr. Reinhold heraus, in dem dieser sagte, daß gerade jetzt eine starke Führung notwendig sei. Darauf erwidert dieGermania" zunächst mit der Gegen­frage, ob die Regierung vielleicht Maß­nahmen von solcher Tragweite, wie sie er- toartet werden müßten, einfach übers Knie brechen sollte. Mit ein paar schlagwort- artigen Erklärungen sei in der gegenwärti­gen Lage wirklich nicht geholfen. Die Re­gierung müsse gründliche Arbeit leisten. Es helfe nicht Nervosität, sondern allein kaltes und ruhiges Blut. Wenn die not­wendige Vorarbeit abgeschlossen sei, dann sei allerdings der Augenblick gekommen, wo die Regierung unbedingt die Führung Übernehmen müsse.

Inzwischen kündigt das sozialdemokra- ttsche Zentralorgan, derV o r w ä r t s". bereits eine ablehnende Haltung seiner Pattei gegen die noch gar nicht bekannten Beschlüsse der Regierung an. Das Blatt bezeichnet selbst die Frage, ob die Re­gierung auf Rettung durch die Sozial­demokratie hoffe, als wenig wahrscheinlich, zumal ihre Entwürfe nach dem. was bisher darüber bekannt geworden sei, ohne jede Rücksicht auf die Auffassung der Sozial- demokratte und der Gewerkschaften auge- fettigt worden seien. Das Blatt wirft dann die Frage auf, was geschehen solle, wenn jeder Versuch einer parlamentari­schen Lösung scheitere, und antwortet dar­auf, daß dies im Augenblick noch niemand zu sagen vermöge.

In einem Leitartikel derTimes" wird festgestellt, daß man in Londoner Kreisen hinsichtlich des Zusammenbruches der i ta - lienisch-französischen Flotten­verhandlungen ernste Besorgnisse hege. Ohne die Regelung der Streit- fragen zwischen Italien und Frankreich über die Seerüstungen gebe es keine Hoff­nung auf allgemeine Abrüstung. Die letz­ten Völkerbundsverhandlungen hätten ge­zeigt, daß die öffentliche Meinung der Welt mit der Verzögerung der Abrüstungs­arbeit unzufrieden sei. Die allgemeine Llnruhe, die in den letzten Monaten in Europa zugenommen habe und durch den Ausgang der deutschen Wahlen und die Zeugenaussage Hitlers vor dem Reichs­gericht noch etwas verstärkt worden sei.