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Nr. 223

vverhesfkfche Zeitung. Marburg a. L. Dienstag, den 23. September 1930

Seite 3

Die Wirren in China

Der Brief eines Marburgers

Nachstehend veröffentlichen wir den Brief eines Marburgers, der als Kaufmann des I. E. Farben-Konzerns in China lebt und hier ein anschauliches Bild gibt von den Wirren in China. Herr N. schreibt u. a.:

Seit Monaten kämpft der Süden gegen den Norden oder man kann auch sagen: Nanking gegen Peking. In Nanking herrscht das Erbe Sun Pat-sens mit Chang Kai-schek, der eine Schwester Sun Pat-sens zur Frau hat. in Pe­king sind es die Generale Feng und 5)en. Die Kämpfe spielen sich im nördlichen Honan, in Shensi und Shantung ab, also kurz gesagt im nördlicheren China, von Shanghai und Han- kow weit entfernt, aber nicht unweit von Tsingtao-Tsinanfu. Beide Parteien haben den Kampf auf Messers Schneide gebracht und sind zu erschöpft (an Geldern 'und Kriegs­material), um zum entscheidenden Schlag aus­holen zu können und kein Mensch weiss, wie lange dieser Zustand noch anhält. Jede Partei hat für sich natürlich alle verfügbaren

t P e n an de* Kampffront zusammen- Zeschart und dadurch ganze Provinzen ihres Militärs entblösst. Gerade diesen letzteren Zu­stand kann sich aber Nanking nicht erlauben da das mittlere China mit Räuberban­den derart durchsembt iit dass bereite diese einer Regierung zur Gefahr werden können. Trotzdem hat die Nanking-Regierung das un­tere und mittlere Pangtse-tal dieser Gefahr ausgesetzt, wohl in der Hoffnung, den Kampf durch verstärkte Truppenmacht im Norden schnell entscheiden zu können.» So kam es denn zu den Zuständen, die heute dO'Provin­zen Hupeh mit der Hauptstadt Hänkow, Hu­nan mit der Hauptstadt: Changsha und Ki-> angfi mit der Hauptstadt Nanchangfu zu wah­ren Räuberstaaten gemacht haben.

Räuber oder Kommunisten sind hier meist eutlasienes Militär, denen man das Er­wehr als Abfindung belassen hat.

Erlischt die Macht irgendeines Generals, sa­gen wir des bekannten Wu Pei Foo, fanft er seine Soldaten nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen, dann mutz er sie entlassen und dabei handelt es sich um Tausende und Zehntau­sende. So kann man es denn verstehen, daß sich in den Bergen Honans gut organisierte Räuberbanden von tausenden Mitgliedern bilden, die sich ihren eigenen Räuberhäupt­ling wählen und im übrigen ein gefundenes Fressen für die bolschewistische Propaganda sind. Diese Leute finden die schwachen Punkte Nankings heraus, sie wissen, datz Hunan von Militär entblößt ist.

Zehntausend Mann haben sie bewaffnet mit Gewehren und Maschinengewehren, .es sollen auch einige Feldgeschütze vorhan-

Generalmajor Adam, oisher Chef des Stabes des Gruppenkom­mandos 1, ist mit Wirkung vom 1. Oft. ab zum Chef des Lruppenamts als Nachfolger von General Hammerstein ernannt worden.

de» gewesen sein zehntausend weitere Köpfe find mit Schwerter«, Messern und anderen Mordswaffen ausgestattet, die für den Nahkampf ansreiche«.

Ihr erstes Ziel war Changsha, die Haupt­stadt der Provinz, die augenblicklich, (das war Ende vorigen Monats) nur etwa 3000 Solda­ten reguläres, aber in Punkto Zuverlässigkeit recht zweifelhaftes Militär hatte. Zudem hatte Hunans Gouverneur die Löhnung dafür verwandt, Changsha, seiner Resi­denz, ein besseres Aussehen zu geben, muster­gültige Straßen zu bauen und diese mit mo­derner elektrischer Beleuchtung zu versehen und vieles mehr. Damit aber hatte er nur seinem persönlichen Ehrgeiz gedient, aber sei­ner Rcgierrmg nicht, denn als die Räuber in mehrfacher llederzahl, (allerdings schlechter be­waffnet) erschienen, liefen die Regierungs­truppen zur Hälfte über.

Changsha liegt nicht unweit von Han- kow und hat etwa 3010 Europäer, Kauf­leute mit Frauen und Kindern, darüber hinaus aber find die Missionen sehr stark vertreten. Als die Lage um Changsha kritisch wurde, evakuierten die Europäer die von ihnen be­wohnte Changsha-Insel und zwar wurden die Frauen und Kinder sofort nach Hankow ab­transportiert, während den Männern Eele- genhet: geboten wurde, auf englischen, resp. amerikanischen Kanonenbooten die Entwick­lung der Dinge abzuwarten und zu beobach­ten. Natürlich konnte jeder nur das aller

Notwendigste mitnehmen, in einer Blechkiste wurden die wichtigsten Geschäftsbücher geret­tet.

Ueber Nacht wurde «ach kurzem Gefecht die Stadt eingenommen, die gute Feld­befestigungen hatte, die von einem ehe­maligen deutschen Offizier, der der Nan­king-Regierung zugeteilt ist, gebaut wurden.

Nach seiner Aussage hätte eine deutsche Maschinengewehrkompagnie aus­gereicht, die Stellung zu halten, aber das chi­nesische Militär, das nicht bezahlt war, liess sich auf eine Verteidigung garnicht ein.' Die Kommunistenöande überfiel die Stadt und liess erst ihre Wut an allen Missions­

anwesen aus, die sämtlich geplün­dert und in Flammen gesetzt wur' de n, mit Ausnahme der Liebenzeller, da diese inmitten einer armen chinesischen Bevöl­kerung lebte und ihr Brand auch deren Hütten gefährdet hätte.

Dann wurden alle Regierungshäuser dem

Erdboden gleichgemacht und dasselbe Schicksal traf auch die Geschäfte und La­gerhäuser der meisten englischen, amerika­nischen und vor allen Dingen der japani­schen Firmen.

Die drei Kanonenboote der fremden Mächte hatten sich einige Kilometer ausserhalb der Stadt festgemacht und zwar dort, wo die Standard Oil Compagnie ihre Tanks stehen

Elektrizität aus dem Meere

Die 2000 w lange Röhre ist auf das Meer hinausgeschleppt worden, um bis zu 600 m Tiefe ver­senkt zu werden.

Die Riesenröhre des französischen Phyfikers Prof. George Claude ist in den Golf von Mon- tonzas bei Kuba versenkt worden. Sie soll der billigen elektrischen Kraftgewinnung aus dem Wärmegefälle der See dienen, ein Plan, dessen Gelingen von umwälzender Bedeutung für die Elektrizitätsversorgung der Welt sein würde.

hat. Zwei Tage und Nächte sah man den Feuerschein über der Stadt, erst am dritten Tag wagte ein Kanonenboot eine Exkurstons­reise in die Stadt, es wurde gleich unter Ma­schinengewehrfeuer genommen und hatte im Handumdrehen 5 Verwundete. Es wurde na­türlich ordentlich wiedergefeuert, aber die Wirkung kleiner Kanonenboote ist nur be- schräntt, anderseits läßt das niedrige Wasser bei Changsha grössere Kriegsschiffe nicht zu.

Auch das japanische und ei« italienisches Kriegsschiff beteiligten sich am Bockvarde- ment.

Die Räuber verhafteten alle Chinesen, die in europäischen Firmen arbeiteten, soweit sich diese nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten. Unsere sämtlichen Farbenhändler ka­men in Hankow an, sie hatten sich ein Boot gemietet für teures Geld und waren 3 Tage die kurze Strecke gefahren, die mit einem Passagierdampfer in VA Tagen erledigt wird. Es kam zu einer grossen Metzelei, teilweise soll man seine Opfer garnicht getötet, sondern einfach gefesselt bis zum Sterben der Sonnen­glut ausgesetzt haben. Unsere kleineren Office­angestellten nahmen Zuflucht in den gemein­sten Cooliewohnungen und tauchten als ärm­stes Gesindel im grotzen Haufen unter. Alle Weissen konnten gerettet werden, auch ein italienischer Priester, der den Räubern in die Hände gefallen war. er wurde von treuen I chinesischen Christen mit 2000 Dollar Lösegeld freigekauft, soll aber unglaublichen Belästi­gungen ausgesetzt gewesen sein.

Nach zwei Tagen Plündern und Morden ist die Bande wieder ausgerückt, die inzwischen auf 40 000 Mann angewachsen war, alles na­türlich armes Gesindel, das mitplündern wollte. Die Regierungstruppen haben in­zwischen Verstärkung bekommen und zwar muhte Jchang schnell eine Division abgeben und heute haben sie wieder die Stadt besetzt, die Lage jedoch bleibt zweifelhaft ernst, da man dem Frieden ebensowenig traut wie dem Rückzug der Kommunisten oder der Zuverläs­sigkeit der Jchang-Division. Vielleicht will man die Truppen nur in eine Falle locken, um bei gegebener Zeit Changsha von Neuem ein­zunehmen oder aber die Räuberbande plant einen Ueberfall auf eine der anderen benach­barten Städte.

Hankow liegt wie schon gesagt nicht weit von Chansha oder richtiger gesagt Chang­sha liegt nicht weit ab von Hankow und Er­eignisse, die in Changsha sich abspielen, müssen ihre Schatten auf Hankow werfen, umsomehr Hankow sehr viel grösser ist und mit Wu-chang auf der anderen Flutzseite in allen politischen Auseinandersetzungen als Zentrale des Pangt- setales eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Hatte es bereits der Nanking-Regierung an Truppen gefehlt, um die Provinzialhauptstadt Changsha zu behaupten, so waren auf der an­deren Seite in Hankow selber nur so viele verblieben, wie zur Aufrechterhaltung der öf­fentlichen Ordnung notwendig waren. Das war ein Regiment. Nun ist Hankow mit seinen Konzessionen weniger der Platz der Un­ruhen, als vielmehr das auf dem anderen Pangtseufer liegende Wu-chang und ferner die Jndustrievorstadt Hanyang.

Kommunistische Propaganda wurde na­türlich hier wie in allen größeren Plätzen Chinas feit Lahre« getrieben, die Ereignisse aber in Hankows unmittelba­rer Nähe, (denn schon die Dörfer wenige Stunden von Hankow entfernt, waren von Kommunisten besetzt, ebenso die Eisenbahn­übergänge) gaben Anlaß zu verstärkter Arbeit. Die Folgen konnten nicht ausbleiben: Die Ausländer, namentlich wieder die Missionare, soweit sie nicht in den ftemden Konzessionen lebten, verließen ihre Wohnungen, um sich in Hankows Konzessionen sicherer zu fühlen, selbst­verständlich taten Tausende von wohlhabenden Chinesen dasselbe Belagerungszustand ist von 6 Uhr erklärt und um 9 Uhr soll man sich tun­lichst nicht mehr auf der Straße sehen lassen, ba man gewärtig sein muß, auf Schritt und Tritt verfolgt, angehalten und visitiert zu werden. Jeden Tag werden soundsoviele Kom­munisten verhaftet, ein Teil geköpft.

Trotzdem haben die Konsulate für die Sicher­heit ihrer Landsleute bereits Vorsichts­maßregeln getroffen die vor allen Dingen uns Deutschen am Herzen liegen, da wir keine eigene Konzession und auch keinen militäri­schen eigenen Schutz uns leisten können, was doch wenigstens den Engländern möglich ist, die hier ihre Konzession vor 2 Jahren auf­gaben resp. aufgeben mutzten; eigene Nieder­lassungen haben nur noch die Japaner und Franzosen. Wir Deutschen haben nun die Auswahl, uns auf ein italienisches Kanonen­boot zu flüchten, doch dieses ist so klein, dass nur ein Teil und dann natürlich die Frauen und Kinder Platz finden würden. Dann ist als weiterer Zufluchtsort uns das Kasino des französischen Militärs angeboten worden. Als dritter Ausweg wurde vorgeschlagen, daß die Deutschen sich im deutschen Konsulat sammeln, da man annimmt, daß ebenso wie in Changsha die Kommunisten die deutsche Flagge respektieren, merkwürdig aber wahr. Anscheinend werden wir hier wie Leidens- genoffen behandelt. Inzwischen haben die ein­zelnen Nationen ihre Streitkräfte verstärkt, so liegen am Bund außer den sonst üblichen kleinen Kanonenbooten ein mobe; ter eng­lischer Schlachtkreuzer ein altes französisches

Kriegsschiff, ein japanischer Kreuzer und bret japanische Zerstörer, autzerbem haben die Eng­länder 150 Mann eines in Shanghai statio­nierten regulären Bataillons nach hier gelegt. Mich als alten Krieger bringen diese Zustände nicht so sehr aus der Ruhe, aber beeinflußt wird man von der Nervosität der Mit­menschen, die teilweise auch recht begreiflich ist, denn es ist für Mütter kleiner Kinder wenig erbaulich, immer auf dem Sprung zu sein, mit Kind und Kegel auf ein Kriegsschiff zu wandern und dafür das Notwendigste immer gepackt zu halten. Dir zur Beruhigung wiederhole ich, dass alle Unruhen mit ver­einzelten Ausnahmen in grotzen Städten ohne Schaden des Privateigen­tums und Lebens der Europäer, vornehmlich der Deutschen, verlaufen sind.

Was uns die nächsten Wochen bringen, bleibt abzuwarten. Geschäftlich ist der Scha­den enorm, denn bei der grotzen Unsicherheit kauft kein Mensch. Keiner trägt das Risiko von Jnlondverschiffungen. Ein recht trauriger Zustand, der aber nicht zu ändern ist. *

' Mamin-Mr

Eine bedeutsam« Erfindung.

Es ist eine wissenschaftlich allgemein aner­kannte Tatsache, datz jede Zufuhr von Vi­tamin bei der menschlichen Nahrung vom gesundheitlichen Standpunkt aus nur sehr begrützt werden mutz. Bei der Zubereitung von Bier wurde bisher das im Malz und be­sonders in der Hefe reichlich vorhandene Vi­tamin durch den Brauprozetz zerstört. Wich­tige Ergänzungsnährstoffe gingen demnach für die menschliche Ernährung verloren. Nun hat Fritz Lur-Hösbach bei Aschaffen­burg, dem für frühere Erfindungen bereits 200 Patente erteilt wurden, eine autzerordent- lich wichtige Erfindung gemacht, die die Zerstörung der Vitamine beim Brauprozetz auf einfach st em Wege verhindert. Zahlreiche erperimentelle Versuche in den letzten Monaten in Weihen- stephan haben die praktische Verwendbarkeit der Lurschen Erfindung bewiesen. Ein grötze- rer Brauoersuch wurde nun vor kurzem erst­mals in Aschaffenburg, und zwar in der Bavariabrauerei, oorgenommen. In Fach­kreisen war man auf den Ausgang dieses ersten grotzen Versuches naturgemäß sehr ge­spannt. Man darf nun nach Abschluss die­ses Versuches die erfreuliche Feststellung machen, datz der Versuch in jeder Beziehung glänzend gelungen ist. Die wissenschaftliche

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Generalleutnant von Blomberg, Befehlshaber im Wehrkreis I, wird am 1. Okt. auf die Dauer von zwei Monaten zur Armee der Vereinigten Staaten von Amerika zum Studium von Heereseinrich--. hingen und Schulmethoden abkommandiert.

Untersuchung hat ergeben, datz das nach dem von Lur erfundenen Verfahren hergestellte Vitamin-Bier ausserordentlich vitaminreich ist. Was aber die breite Oeffentlichkeit besonders interessiert, ist die Beantwortung der Frage: Wie schmeckt das Vitamin-Bier? Am vergangenen Montag wurde in der Bavaria-Brauerei erstmals Vi­tamin-Bier zum Ausschank gebracht. Die Meinung all derer, die dieses neue Bier in mehr oder weniger grösseren Mengen pro­bierten, ist nun einstimmig die, datz das Vi­tamin-Bier geschmacklich ausserordentlich gut ist, und zwar ähnelt es den im Rheinland hergestellten Bieren, speziell dem berühmten Dortmunder Bier. Aber auch die Frage der Bekömmlichkeit tarnt nur in bestem Sinne beantwortet werden: man ist sich allgemein darüber einig, datz das Vitamin-Bier ebenso bekömmlich wie geschmacklich gut ist.

Die ßanbtagsabg. Frau Kirschmanu-Röhl f.

Köln, 22. Sept. Die der sozialdemo-, kratischen Fraktion angehörende Landtags--. Abg. Frau Kirschmann-Röhl ist gestern nach kurzer, qualvoller Krankheit im Aller von 42 Jahren gestorben. Sie war Vertreterin der SPD. für den Wahlkreis KölnsAachen.