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Dienslag, den n sm. 1930
- ic -Obcrhcsilichc Zeitung" n» chctnt sechsmal wöchentlich. De ugspreis monatlich2 .2VEM.au«. schließt. Zustevungegebübr, tvrch di« Post 2.45 SM. Für etwa durch Strell. Maschinen defekt oder eie» men ton Sreignist« ausfallende Nummern wird kein @tfct xe- etstet. Verlag Dr. §. Litzeroth. Druck d«, Unid.-Buchdruckerei Soh. Aug- Koch. Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 65. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 6015. — Sprech zeit et Redaktion von 10—11 tmb 1,1—1 Ubr.
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Anzeiger für ldas frühere kurhessische) Oberhessen
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Genf 22. Sept. Die heutige Fortsetzung der Aussprach, des 6. Ausschusses über die Minderheitenfrage gestaltete sich zu einer bedeutsamen, grundsätzlichen Auseinandersetzung, in die Reichsaußenminister Dr. Eurtius mit einer eindrucksvollen Rede eingriff.
Die Debatte wurde eingeleitet durch längere Erklärungen des griechischen Außenministers Michalakopoulos, der nachzuweisen uchte, daß ein zu weitgehender Minderheiten- chutz „gegen die Interessen des Friedens" und zegen den Bestand der neuen Staaten ver- toße. Michalakopoulos trat für die allmähliche gewaltlose Assimilierung der Minderheiten ein.
Der polnische Außenminister Zaleski erhob grundsätzliche Bedenken gegen den Entschließungsentwurf der deutschen Delegation. Er erklärte, die darin zum Ausdruck gekommene Auffassung widerspreche der Ansicht der Mehrheit des Äusschuffes. Zaleski schlug der deutschen Regierung vor, mit gutem Beispiel voranzugehen und jetzt schon zu erklären, daß sie bereit sei, sofort einen allgemeinen Minderheitenvertrag zu unterzeichnen, und daß sie sich verpflichte, sich ausnahmslos allen Vorschriften des geltenden Verfahrens zum Schutz der Minderheiten zu unterwerfen.
Reichsminister Dr. Eurtius stellte hierauf zunächst die Auffasiung über den von der deutschen Delegation überreichten Entschließungsentwurf richtig. Die deutsche Delegation beantrage nicht die sofortigeAenderung der Madrider Beschlüsse, aber ihre Reform scheine sich doch am Horizont abzuzeichnen.
Dr. C u r t i u s betonte nachmals das Z»- teresie, das für den Völkerbund und die Minderheiten an einer möglichst vollkommenen Aufklärung der Oesfentlichkeit über die Lage der Minderheiten bestehe. Deutschland wünsche, daß soweit als möglich sowohl nach der grundsätzlichen Seite als auch nach einzelnen Beschwerdepunkten hin in den Veröffentlichungen des BLlkerbundssekretariats Aufklärung ge- gebe» werde. Auf seine beiden Vorredner bezugnehmend, gab Reichsminister Dr. Curtius zunächst seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß der griechische Außenminister die längst als abgetan betrachtete Assimilierungstheorie wieder vorgebracht habe. Die Assimilierung stehe im Widerspruch zu den Jnter- (esien und Aufgaben des Völkerbundes, wie dies vom englischen Vertreter in der März- Tagung vorigen Jahres ausdrücklich festgestellt worden sei. Der alleinige Zweck, den Deutschland mit dieser Debatte anstrebte, sei völlig erreicht worden. Die Oesfentlichkeit und die Minderheiten insbesondere hätten die Gewißheit, daß der Völkerbund sich der Minderheitenfrage annehme und die allgemeine offene Aussprache habe zu einer Klärung der Auffasinngen geführt. Zu den Ausführungen des polnischen Vertreters erklärte Dr. Curtius, daß der Unterschied zwischen damals und jetzt eben darin bestehe, daß durch die Verträge ein neuer Geist geschaffen werden sollte. Um weiter zu kommen, sei es richtiger, für Sie Bellerung der Verhältnisse in der Gegenwart zu sorgen, als sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Deutschland sei bereit, über die Ausdehnung des Grundsatzes der Minderheitenschutzverträge positiv zu verhandeln, wobei in erster Linie Europa in Betracht kommen würde. Allerdings sei zu bemerken, daß die Minderheitenschutzverträge zunächst einmal ein Servitut für die ne« geschaffenen Staaten Ost- und Südeuropas darstellten, die ohne dieses Servitut hätten überhaupt nicht ins Leben trete» könne».
Am Schluß ergriff als deren Wortführer nochmals der französische Außenminister Briand das Wort zu einer fast einstündigen Rede, in der er offensichtlich versuchte, die gespannte Atmosphäre zu mildern. Er erklärte, es sei eine ernste Gefahr, daß von verschiedenen Seiten versucht werde, die Minderheiten dem Völkerbunde zu entfremden unter dem Vorwand, daß der Völkerbund
ihnen nicht helfen könne oder wolle. Man müße aber den Minderheiten klarmachen, daß der Völkerbund und das Sekretariat seine Aufgabe voll und uneingeschränkt erfüllt habe. (??) Briand beglückwünschte sodann die deutsche Abordnung zu dem Geiste des Entgegenkommens, den sie bisher gezeigt habe und unterstrich, daß der deutsche Antrag nur als eine Anregung, nicht als ein formeller Entschließungsentwurf eingebracht worden sei. Da jedoch keine anderen Vorschläge vorlägen, so habe der Berichterstatter die deutschen Vorschläge zur Grundlage seines Berichtes nehmen müssen. Der deutsche Antrag könnte aber in der Oesfentlichkeit dahin aus- gelegt werden, als ob der Völkerbund erst jetzt nach elf Jahren feftstelle, daß es überhaupt Minderheiten gäbe und daß in diesen elf Jahren für dis Minderheiten nichts geschehen sei. Das sei völlig unzutreffend. (?)
Der Völkerbund habe „im Rahme» der bestehenden Verträge" seine Aufgaben voll ersüllt. Dieser deutsche Vorwurf sei daher ungerecht.
Eine Abänderung der Madrider Beschlüffe lehnte Briand weiterhin als verfrüht ab.
Die Erklärung des südslawischen Außenministers Marincowitsch zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Schärfe und llnnach- giebigkeit aus. Selbst wenn der Völkerbundsrat eine Abänderung des in Madrid beschlossenen Verfahrens beschließen würde, würde seine Regierung diese dennoch ablehnen und nur dann ihre Zustimmung geben, wenn die Verpflichtung zum Minderheitenschutz auf
sämtliche Staaten ausgedehnt würde. Die heutige Ungleichheit zwischen den durch Minderheitenvertrag gebundenen und freien Staaten dürfe nicht noch vergrößert werden. Die südslawische Regierung lehnte den deutschen Entschließungsentwurf ab, da darin eine unberechtigte Kritik am Völkerbundsrat und der Versammlung enthalten sei.
Der italienische und der englische Vertreter beantragten sodann den Abschluß der Eeneralaussprache mit dem Hinweis, die Gegensätze in der Minderheitenfrage seien so groß, daß ein Ausgleich nicht zu erwarten sei und die Aussprache sonst einen uferlosen Verlauf nehmen werde.
Zum Schluß sprach der schweizerische Bundesrat Motta, der kurz die Aufgaben, die ihm als Berichterstatter für die Vollversammlung überwiesen worden waren, umriß. Wenn es das Ziel des deutschen Antrages gewesen sei, die Aufmerksamkeit des Völkerbundes erneut auf die Wichtigkeit des Minderheitenproblems hinzulenksn, so sei dieses Ziel voll erreicht worden Nicht nur die 6. Kommission, sondern darüber hinaus die gesamte Oeffent- lichkeit sei den Debatten der letzten Tage mit großer Aufmerksamkeit gefolgt.
Ei« schumrzer Tag an der Nervqorker Börse.
fk. N e w y o r k, 23. Sept. Der Montag war an der Newyorker Effekten-Börse ein schwarzer Tag. Ueber eine Milliarde Dollar gingen dnrch wild Verkäufe verloren.
Vor-eninnerpo!ttiWnAusemanbeMungen
Kanzler und Meten - KabinetMMW als Verhandlungsgrundlase
denen Dr. Brsitscheid in einem Genfer Interview schon jetzt erklärt habe, daß die anderen Parteien dafür nicht zu haben sein würden. Der „Vorwärts" hatte gesagt, es komme jetzt für die Sozialdemokratie darauf an, ihre taktische Stellung auszunutzen. Dazu bemerkt die „Germania": „Vor lauter Taktik ist das deutsche Volk in seine ganze Not geraten. Wir sind der Meinung, daß sich diese Methoden wirklich überlebt haben. Die Parteien bereiten sich anscheinend auf das Feilschen vor, oas leider die Charakteristik der letzten Parlamentszeit gewesen ist. Törichter könnte der neue Reichstag seine Arbeit nicht beginnen."
*
Di« Stellung der SPD.
In einer Unterredung äußerte sich der frühere Reichsfinanzminister Dr. Hilfer- d i n g über die Stellungnahme der S. P. D. zur gegenwärtigen Lage, daß man im sozialdemokratischen Lager erstaunt sei, daß die Erklärungen der Sozialdemokratie, sie wolle sich in dieser Stunde der Verantwortung an der Gestaltung der Regierungsgeschäfte nicht entziehen, im bürgerlichen Lager bisher so wenig Widerhall gefunden haben. Sie könne sich selbstverständlich nur dann zu einer Entscheidung finden, wenn darüber Klarheit geschaffen würde, wie sich die bürgerlichen Parteien zur Frage einer Koalition mit den Sozialdemokraten stellten. Hilferding erklärte weiter, daß die Einstellung der Sozialdemokratie gegenüber den Notverordnungen heute anders sein müsse, als es im vorigen Reichstag der Fall war. Es sei zu bedenken, daß die Notverordnungen zum größten Teil inzwischen durchgeführt seien, namentlich die Verordnungen, die sich auf die Sanierung des Etats und die Osthilfe beziehen. Man würde also einen heillosen Wirrwarr schaffen, wenn man diese Verordnungen insgesamt aufgeben würde. Die Sozialdemokratie werde jedoch ihre Zustimmung zu den Notverordnungen und ihre loyale Haltung gegenüber dem Kabinett Brüning davon abhängig machen, daß die Regierung die Notverordnungen baldigst in Gesetze verwandle und einzelne Bestimmungen in sozialdemokratischem Sinne ändere. Die Sozialdemokratie werde im neuen Reichstag also von Fall zu Fall entscheiden müssen, ob sie das Kabinett Brü- nina unterstützt oder nickt."
Berlin, 23. Sept. Die für heute 16 Uhr angesetzte Kabinettssitzung wird in politischen Kreisen als der eigentliche Auftakt der kommenden innerpolitischen Auseinandersetzungen gewertet. Sie hat die Aufgabe, mit der Beratung der Gesetzesvorlagen, die dem neuen Reichstag vorgelegt werden, die Grundlagen für Besprechungen zu liefern, die der Kanzler nun, voraussichtlich Mitte der Woche, mit den Führern der Parteien weiterführen wird. In den Kreis dieser Besprechungen sollen, wie von unterrichteter Seite betont wird, alle Parteien einbezogen werden, von denen man vielleicht annehmen kann, daß sie zu sachlicher Mitarbeit bereit sind. Der Kanzler wird also außer mit den Parteien, die das Kabinett bisher stützten, b e st i m m t mit den Sozialdemokraten verhandeln. Man nimmt an, daß die Sondierungen sich auch auf die Rechtsopposition erstrecken werden. Dabei ist jedoch bisher keineswegs davon die Rede, daß es um Koalitionsverhandlungen geht. Vielmehr scheint der Kanzler unter Verhandlungen über die „Sachliche Mitarbeit der Parteien" zu verstehen, daß er versuchen will, über den Inhalt der Gesetzesvorlagen eine Einigung zu erzielen, die es einem Teil der bisherigen Opposition erlaubt, ihnen im Reichstag ihre Zustimmung zu geben.
lieber die Art dieser Verhandlungen und die Taktik, wie man sie sich in Zentrumskreisen denkt, ist ein Leitartikel in der heutigen Abendausgabe der „Germania" recht aufschlußreich, der sich mit den Forderungen auseinandersetzt, die der „Vorwärts" am Sonntag angeme'ldet hat. Die „Germania" stellt fest, daß die Anhänger des Zentrums durch die Wahl gezeigt hätten, daß sie zum Reichskanzler Dr. Brümng das Höchstmaß von Vertrauen haben. Das Blatt knüpft daran den Rat für di» Sozialdemokratie, sich nicht auf das hohe Roß zu setzen und nicht in demselben Augenblick, in dem sie durch den „Vorwärts" Vernunft predigt, Parteiforderungen aufzustellen, von
Tagessptegel
Fast im gleichen Sinne, wie wir es gestern in unserem Leitartikel taten, geht die „D. A. Z." in ihrer letzten Nummer auf die Wahlen am 14. September ein. Die Zeitung schreibt unter der Aeberschrift „Handel n!“ u. a. wie folgt:
Das Wahlergebnis ist eine Politische Tatsache. Wir müssen das Beste daraus zu machen suchen. Der Wille des „souveränen" Volkes, der am 14. September mit der elementaren Kraft einer Natur-. gewalt manche Hemmungen überwand, kann unschwer gedeutet werden. Es bäumte sich durch den Wahlzettel von Millionen gegen das Fortdauern der berühmten „Berliner Sauwirtschaft" auf, ein Begriff, der inzwischen durch die Schuld aller Beteiligten zum unveräußerlichen Bestände der Gedankenwelt im Lande draußen werden mußte. Es ist in keiner Weise wunderbar, daß dieselben Massen zwei Tage nach der Wahl, den Reichspräsidenten von Hindenburg im Manöverfelde mit stürmischer und überschwänglicher Begeisterung empfingen. Es stst nicht erstaunlich, daß der Wahltag selbst in vollendeter Ruhe und Ordnung verlief, und nicht merkwürdig, daß dieses Volk, das eben „revolutionär" gewählt hatte, am vergangenen Montag in allergrößter Seelenruhe an seine gewohnte Arbeit ging. Nichts anderes wollte es am 14. September, in stiller Empörung deutlich machen, als seine Verachtung der Regierung s Methoden des letzten Jahrzehnts, des geschäfttgen Polittkerthps, der sich herausgebildet hat, des Mangels an Derantwor- tungsbewußtsein, der unwürdigen Behandln» g durch das Ausland; mit einem Wort: die Abwesenheit einer sauberen, starken und gerechtem Staatsführung ist der letzte Grund für ein Wahlergebnis, das alle bisherigen Vorstellungen über Koalttionen und parlamentarische Kulissenschiebere« über den Haufen warf.
Soll die parlamentarische Demokratie nicht nur auf dem Papier stehen, so muß nach ihrem Grundgesetz verfahren werden. Das Kabinett Brüning hätte danach zunächst den soforttgen Rücktritt zu erklären gehabt. Vollkommen eindeutig hatte das Volk dem ihm vom Reichspräsidenten erteilten Auftrag widersprochen. Diese Demission, — schon als politische Geste keinesfalls wertlos —, ist unterblieben, weil die Verantwortlichen, und man muß ihnen recht geben, eine noch schwerere Erschütterung der inneren, und äußeren Lage Deutschlands befürchteten. Das Kabinett entschloß sich, feine sachliche Arbeit fortzusetzen und den neuen Reichstag vor die Entscheidung über sein Reformprogramm zu stellen. Freilich muh unseres Erachtens größter Wert darauf gelegt werden, daß die Oeffenüichkeit im Zn- und Auslande sobald wie möglich über den grundsätzlichen Inhalt dieses Re- formprogramms, das der Ministerrat am Dienstag beschließen will, unterrichtet wird. Bis zum 13. Ottober ist es noch weit, und die Vorgänge im Wirtschaftsleben zeigen auf das eindringlichste, daß es jetzt auf Schnelligkeit undEnt-. schlossenheit des Handelns vielleicht noch mehr ankommt als auf die rage de Perfectton, die sonst eine schätzenswerte Eigenschaft der Reichsverwaltung ist."
Die Montagssitzung des Völkerbundes, in der der deutsche Vorschlag für die künftige Behandlung derMl'nderhei- tenfrage erörtert wurde, wird in der Pariser Presse als einen Sieg Arlands und einer Niederlage Dr. Curtius' hingestellt. Man gefällt sich allgemein darin, die höhnischen Bemerkungen des polnischen Außenministers Z a- leskc hervorzuheben, ebenso wie diejenigen Driands, als er von einer neuen Art diplomatischer Abwickelungen sprach.
Pertinax betont im „E ch o d e P a r i s", daß die Gegenerklärung des Reichsauhen-.