Montag, den 22. 6c»t. 1930
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ec Redaktion von io—11 und H4—1 Ubr.
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Anzeiger für (das frühere knrhesfische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Bor fchwierisen Entfchei-unsen
Morren MinettSMuns - Bor be» BerMbtnngen mtt ben Parteien
Am kommenden Dienstag wird sich das Reichskabinett z« einer Sitzung zusammenfinden. in der vor allem das Problem der Arbeitslosenversicherung zu dem Reichsfinanzminister einen neuen Reformvorschlag vorlegen wird, und die Deckung des Defizits im laufenden Etat, das rund 300 Millionen beträgt, zur Debatte stehen werden. Dabei wird der Reichsfinanzminister, wie wir bereits berichte« konnten, dem Kabinett den Vorschlag unterbreiten, einen Leistungs- abbau bei der Arbeitslosenversicherung vorzunehmen und zwar eine Verkürzung der Unterstütznngsdauer von 26 auf 20 Wochen. Weiter scheint der Gedanke einer nenen Beitragserhöhung um 1 Prozent in Erwägung gezogen worden zu sein, die ungefähr eine Erhöhung der Einnahmen um 140 Millionen bringen würde aber wieder für den Ausbau der Krifennnterstützung Verwendung finden müffelt, die etwa mit 200 Millionen mehr belastet würde, wenn bei den Hauptunterstützungsempfängern ein Lei- stungsabba« in der Zeit vorgenommen würde. Dabei hofft man, durch strengere lleberwachung der Bedürftigkeit, die ja bei der Krisenfürsorge schon immer besteht, aber bei der Arbeitslosenversicherung erst wieder eingeführt werden mutz, weitere Ersparnisse erzielen zu können. Trotz all dieser Matznahmen kommt man doch nicht um die Tatsache herum, datz immernoch ein Defizit von 300 Millionen für den Etat 1930 besteht, für dessen Deckung keine Mittel vorhanden sind. Wenn bis zum Februar keine Dek- kung vorhanden ist, wird das Reich erneut in Kassenschwierigkeiten kommen, die kaum vermieden werden können, wenn nicht eine neue Steuerquelle erschlossen wird. Ersparnisse am alten Etat sind kaum noch zu erzielen, da sich schon die kürzlich vorge- nommette Streichung von 132 Millionen in der Praxis als äutzerst schwierig durch- führbar herausgestellt hat.
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Die Frage der Regierungsbeteilignng der NSDAP.
Der „Angriff" bringt i« seiner Sonntagsausgabe einen offenbar von Goebbels stammenden Artikel, der stch mit der Frage der Beteiligung der NSDAP, an der Regierung befatzt.
Es heitzt darin «. a.: „Man täu sche sich im Lager der Mitte nicht über unsere Absichten. Die na- ttoaalsozialistische Bewegung hat keineswegs den Ehrgeiz, sich vor den bürgerlichen Parteikarrea spannen zu lassen. Wir werden Verantwortung nur übernehmen, wenn wir das Volk und Nation auch verantworten können. Was die sogenannte Republik als antastbar anfieht, das ist für uns nicht heilig und anbetenswert. Die Nationalsozialistische Bewegung will eine Umwälzung des Bestehende» und sie ist nicht gekommen, nm Faulendes zu halten, sondern es noch zu stoheu. Wir stehen unserer so plötzlichen Macht mit nüchternem
Verstand gegenüber, jeden Augenblick bereit, sie zu benutzen. Wir können regieren, wir können Opposition treiben."
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Die ersten Anträge der kommunistischen - Reichstagsfraktion.
Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat die neugewählte kommunistische Reichstagsfraktion beauftragt, einen A n - trag aufEinstellung dergesamten Poungzahlungen einzubringen. Die kommunistische Reichstagsfraktion wird ferner dem neuen Reichstag ein umfassendes Sparprogramm oorlegen. das Anträge auf Streichungen bei den Ausgaben für Reichswehr. Polizei. Justiz, bei den Gehältern
der Minister und oberen Beamten usw. vor- sisht. ferner die stärkste Besteuerung der Besitzenden verlangt.
Die „Rote Fahne" vom Sonnabend veröffentlicht die Rede des Parteiführers Thälmann vor den Berliner Parteifunktionären der KPD., in der Thälmann diese und noch weitere Anträge der KPD. ankündigt, sowie kommunistische Anträge auf Auflösung des Landtages in Preußen und in anderen Ländern des Reiches.
Landvolkadgeordneter Höfer gegen Fraktionsgemeinschaft dec Rechten.
Der Reichsführer der christlich-nationalen Bauern- und Landvolkpartei, der thüringische Staatsrat Höfer, nimmt in der Zeitung „Thüringer Landbund" zum Wahlergebnis
Curtius vor dem Genfer Mikrophon
Sie Genier Serüanbiungen - Sautriogung der AbmitunMnuniWn
Berlin, 21. Sept. Am Sonnabend abend wurde Reichsautzenministet Dr. Curtius ' im Senderaum der Genfer Rundfunkgesellschaft von Chefredakteur Dr. Rauscher befragt. Auf verschiedene Fragen erklärte Dr. Curtius u. a., datz die oberschlesischen Beschwerden in Genf zu unserer Befriedigung entschieden worden seien. In der Frage des Saarbahnschutzes habe Deutschland den Vorschlag des Berichterstatters, des italienischen Vertreters Scialoja, angenommen und habe so das, was Deutschland forderte, ohne neue Zugeständnisse erreicht. Zum P a n - europaproblem erklärte er, datz die deutsche Regierung die Gemeinsamkeit der europäikchen Interessen durchaus bejahe. In den Studienausschutz des Völkerbundes sollten jedoch nach deutscher Ansicht auch die Türket, Rußland und die Vereinigten Staaten ausgenommen werden. In der Frage des Minderheitenschutzes sei es der deutschen Regierung darauf angekommen, das in Madrid durchgesetzte neue Verfahren auszubauen. Dem Minderheitenschutz habe er seit Beginn seiner Tätigkeit die allergrößte Aufmerksamkeit gewidmet. Der Kern des Problems sei nicht die rechtliche Verbriefung, sondern die praktische Verwirklichung der Rechte der Minderheiten. Erhöhte Bedeutung habe der Minderheitenschutz durch das Paneuropaproblem gewonnen, die die Annäherung Euro- I pas gehe nicht nur über die Beseitigung der Zollgrenzen, sondern in erster Linie durch die I
Befriedigung der Minderheiten vor sich. Zur Abrüstungsfrage erklärte er, datz Deutschland nach wie vor auf allgemeiner Abrüstung bestehen müße. Die Abrüstungsmühle mahle zwar langsam, aber ste stehe doch nicht still. Es sei ein Fortschritt, datz die deutsche These diesmal von Henderson und Scialoja anerkannt worden sei. Zu den Wirtschaftsfragen erklärte Curtius, datz die deutsche Regierung hier auf dem österreichischen Standpunkt stehe, daß man zunächst regionale Lösungen versuchen müsse. Die englischen Wünsche bezüglich einiger Zollerleichterungen würde Deutschland nicht zurückweisen können. Deutschland müsse verhindern, daß England vom Kontinent abgedrängt, in einen englischen Protektionismus gestoßen werde und um das britische Weltreich eine hohe Zollmauer errichte.
ff. London, 22. Sept. Wie der Korrespondent des „Daily Herold" meldet, haben die Delegierten Englands, Frankreichs und Deutschlands eine stillschweigende Vereinbarung erreicht, datz die Vorbereitende Ab- rüstungskommission vom 3. November bis Weihnachten tage und datz im November nächsten Jahres die Allgemeine Abrüstungskonferenz abgehalten werden soll. Diese Vereinbarung sei besonders der Rede Hendersons in der Bölkerbundsoersammlung zu danken.
Stellung. _ In diesem Aufsatz lehnt er eine Fraktionsgemeinschaft oder eine Arbeitsgemeinschaft mit den Volkskonseroativen und dem Christlich-Sozialen Volksdienst ganz energisch ab. Der berufsständische Gedanke solle in der Landvolkfraktion vollkommen teilt erhalten bleiben, damit die Fraktion in ihrer parlamentarischen Tätigkeit nicht durch fraktionelle Kompromisse gebunden sei.
Keine Beteiligung des Christlich-Sozialen Volksdienftes an einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft.
Die Pressestelle des Christlich-Sozialen Volksdienstes wendet sich gegen immer wieder auftauchende Mutmaßungen, daß die 14 Abgeordneten des Christlich- Volksdienstes einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Volkspartei Wirtschaftspartei, Landoolkpartei und Konservativen Volkspartei beitreten würde Die Reichsleitung erklärt, daß darüber die Reichstagsfraktion des Volksdienstes entscheiden werde, die am 3. und 4. Oktober zusammen- trete. Für den Volksdienst käme entsprechend seiner grundsätzlichen Einstellung eine derartige bürgerliche Sammelfraktion nicht in Betracht. Er sei weder eine „bürgerliche" noch eine „konservative" oder „Rechtspartei" im alten Sinne. Für ihn sei allein das sachliche Arbeitsprogramm der aeaenwärtiaen
und jeder künftigen Regierung maßgebend. Daraus ergebe sich, daß die Form jedes Zusammenarbeitens mit anderen Fraktionen sich sachlich und zeitlich der Abwicklung dieses Arbeitsprogramms anpassen werde. Die Unterordnung der Volksdienstfraktion unter eine fremde parlamentarische Führung komme da- hei nicht in Frage .
glotte»Mrl«mNimgen ab- gebrochen
ff. London, 22. Sept. Londoner Blättern zufolge sind die französisch-italienischen Verhandlungen in der Flottenfrage als gescheitert anzusehen, da Franfreich einen italienischen Vorschlag abgelehnt hat, der ihm eine erhebliche Ueberlegenheit bis zum Jahre 1936 sichern sollte.
In Rom wird das Gerücht auf das bestimmteste dementiert, wonach Italien in Frankreich eine Anleihe aufzulegen gedenke.
Revolutio» in Chile.
ft Newyork, 22. Sept. „Affoziated Preß" meldet, daß in Concepcion (Süd- chile) gegen die Regierung des Präfiden- tex Zbanez ein Aufstand ausgebrochen fei.
Ser Kampf um Mr Wahle»
von Drinnen und Draußen.
In zwei Artikeln ist in diesen Spalten das Ergebnis der Wahl betrachtet worden. Es wurde gezeigt, daß die Wahlen
von einschneidender sachlicher Bedeutung seien, denn man kann nicht das Eintreten vieler Millionen für eine Anschauung auf Agitation allein zurückführen, daß sie darum volle politische Beachtung in der Haltung der Parteien verdienten, wenn man nicht ein weiteres Ansteigen des „Radikalismus" will.
daß eine Verjüngung und Umstellung der bürgerlichen Parteien, deren Bedeutung doch auch für die Zukunft klar zu Tage liegt, notwendig sein wird, denn die Jugend hat in weiten Kreisen kein Verständnis mehr für politische Begriffe, die in vergangener Zeit uns fruchtbar waren, sie sieht sich vor neuen Fragenstellungen,
daß das Ausland die Bedeutung der Wahlen vielfach besser erkannt hat als manche Kreise bei uns,
daß leider das alte Spiel unserer Linksparteien mit Hilfe des Auslandes auf uns einwirken zu wollen wieder in vollem Gange ist.
Die beiden letzten Tatsachen erheischen neue Feststellungen. Wer sich erinnert, daß vor dem Kriege das Ausland sein Arsenal an Waffen gegen Deutschland sich meistens aus einer gewissen linksradikalen Presse holte, wird nicht erstaunt sein, zu sehen, wie auch heute wieder der Versuch, das Wahlergebnis in seiner Bedeutung zu fälschen, von Ausland und Linksdemokratie gemeinsam betrieben wird. Es handelt sich vor allem um die Tendenz, dem Ausland, besonders dem wirtschaftlich an uns interessierten, die Gefahr deS^Putsches an die Wand zu malen.
Da wird nicht nur in kommunistischen Siern auch demokratischen Zeitungen über ffenfunde in Thüringen und militärische Hebungen gesprochen und die grausigsten Folgen ausgemalt. Der Erfolg bleibt nicht aus, die Meldungen werden im Auslands nachgedruckt und noch unterstrichen. Seit Jahren sind ja „Waffenfunde" ein beliebtes Thema. Wilde Gerüchte erzeugen an der Börse eine Panik, die den Franzosen rechtkommt. S i e sind es denn auch, die die Verkaufsordres geben, sei es aus wirklicher Furcht, sei es aus politischer Berechnung. Die politische Sensationspresse bläst ins Feuer, unterstützt von der sozialistischen Auslandspresse, die in Hitler wie in Mussolini natürlich einen besonderen Feind sieht. Die Poung-Anleihe fällt, und es entsteht vorübergehend Panikstimmung, die deutschen Interessen wirllich verhängnisvoll werden könnte.
Erfreulicherweise ist sofort von Reichskanzler Brüning und der preußischen Regierung gegen diese Art, künstlich Putschstimmung zu erzeugen, Stellung genommen worden. Die preußische Regierung stellt fest, daß in der Bevölkerung feine Waffen vorhanden seien, und daß Polizei und Reichswehr intakt seien. Namentlich in England ist man den Gerüchten alsbald entgegengetreten. „Financial News" wie die „Times" bemerken, daß die deutschen Werllrapiere jetzt nicht weniger gut gesichert seien als vor der 'Wahl. „Daily Telegraph" u. a. heben hervor, daß keine Flucht vor der Mark eingesetzt habe. Auch in Amerika hat sich die Börse beruhigt auf eine kategorische Erklärung der „Associated Preß" aus Berlin hin.
Es handelt sich hier um ganz bestimmte Schachzüge, die „Weltsensation" des Hitler-Sieges gegen uns auszunutzen im In- und Ausland. Die öffentliche Ordnung und Sicherheit ist nicht bedroht, das weih man ganz genau, aber es soll im Ausland so aussehen.
Die Frage der Beurteilung der Wahlen im Auslande findet weiter, namentlich in