Sonnabend, den 20. Sept, 1930
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Winnise PutschgerüÄtc im Auslgnbe
Durchsichtige Börse
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London und Rewtzvrk - Annsntlnniische Telefongespräche - Das Berliner Dementi
Berlin. 19. Sept. I« Berlin sind Nachrichten eiagetroffea, wonach in New- york und in London die wildesten Gerüchte über angebliche Unruhen in Deutschland umgehen. Natürlich ist an diesen Gerüchten kein wahres Wort. Weder in Berlin noch irgendwo im Reiche haben sich Unruhen ereignet. Zn Berliner politischen Kreisen hält man die Gerüchte für Börsenmanöver, die sich auch an der heutigen Berliner Börse ja bereits ausgewirkt haben. Interessierte Börsenkreise des Aus- landrs haben sich offenbar die Sensations- meldnngen über Putschgerüchte zunutze gemacht, die auf ein kommunistisches Berliner Blatt zurückgehen und von einem Teil der übrigen Presse i« großer Aufmachung übernommen wurden. Demgegenüber kann nur wiederholt betont werden, daß man an allen maßgebenden Regierungsstellen die UeVerzengung hat, daß auch von Putschgefahr nicht die Rede sein kann, schon deshalb nicht,'weil die Machtmittel des Staates ausreichen würden, jeden Putschversuch im Keime zu ersticken, wenn ein solcher tatsächlich irgendwo wirklich ernstlich unternommen werden sollte. Das hat ja auch Reichswehrminister Eroenex in seiner gestrigen Rede in Kissingen zum Ausdruck gebracht. Aber auch für Vorbereitungen zu einem Putschversuch liegen an de« amtlichen Stellen, die die Dinge mit Anfmerksamkeit verfolgen, keinerlei ernsthafte Anzeichen vor. Unter diesen Umständen kann man die Oeffentlichkeit nur dringend warnen, durch eine unnötige Nervosität Börsenspekulanten Gelegenheit zu Manöver« zu geben, die nur geeignet find, die deutschen Interessen und namentlich die deutsche Wirtschaft zu schädigen.
Sachlich gesehen ist die politische Lage doch /rugenblicklich so, daß das Reichskabi
aus Berlin hörten, datz die politische Lage in Deutschland zwar ungeklärt sei, aber von öffentlichen Unruhen keine Rede sein könne.
Ueber den Ursprung der Gerüchte sind verschiedene Vermutungen im Umlauf, so unter anderem, datz die an der Börse gestern eingetretene Senkung der deutschen Werte der Ausdruck der Besorgnis gewisser Walstreet-Firmen sei, die befürchteten, datz es, wenn die deutschen Nationalsozia l i st e n ans Ruder kommen sollten, nicht nur zu Progromen gegen Juden, sondern auch zu einer S a b o t i e - rung der internationalen Finanzverpflichtungen Deutschlands kämmen werde.
Zum ersten Punkt bringt „Newyorker Tribüne" eine Berliner Meldung der
| „Assoziated Pretz", datz nach der Auskunft eines Berliner Reisebüros viele I u - Iden nach der Schweiz und Holland gereist seien. Zu dem zweitem Punkt meldet der Pariser Korrespondent der Newyorker Times, wie er von maß- gebender Seite erfahre, erörterten deutschamerikanische Gläubiger die Möglichkeit, datz Deutschland aus wirtschaftlichen und politischen Gründen gezwungen sein werde, eine Revision seiner Reparaticknsver- pflichtungen zu verlangen. Diese Erörterungen, die auch in den Vereinigten Staaten wegen der grotzen Kapitalanlage in Deutschland interessieren dürften, seien veranlatzt durch die Erfolge ver Hitler- leute und die Gefahr einer Diktatur und des wirtschaftlichen Chaos.
AuverMmte Sprache Wens
Mm droht mit Krieg
ff. Paris, 20. Sept. Der Sonderberichterstatter des „Echo de Paris",der sich auf einer Rundreise durch die Randstaaten Polens und Ostpreußens befindet, veröffentlicht eine Unterredung mit einem polnischen Abgeordneten, Dr. Sur- cynski, der als treuester Anhänger Pilsudskis gilt, und desien Auslassungen demnach, nach Auffassung des Blattes, kaum von derzeitigen Pilsudskis abweichen dürfte.
Der Abgeordnete erklärte, dah der
Versailler Vertrag bei näherem Zusehen Polen noch nicht volle Genugtuung gegeben habe. (!)
Die „polnischen Brüder" Schlesiens, der Grenzmark und Ostpreutzens seien unter der Herrschaft Deutschlands geblieben. Trotzdem achte Polen den Versailler Ver
trag, obgleich er nur ein Kompromitz darstellen kann. Polen sei für den Frieden und die Aufrechterhaltung guter Beziehungen mit seinem Nachbarn. (!)
Es kann aber nur eine Antwort an
die Nachfolger des „Teutonischen Ordens" geben, wen« diese sich eia- bilde« sollten, die Grenzen angreifen zu können, und diese Antwort sei der
Krieg.
Deutschland begehe einnen grotzen Fehler, wenn es an der Widerstandsfähigkeit Polens zweifele, denn in diesen Tagen sei die Armee die Nation und die Nation die Armee. Er wünschte, dah das auch in Genf bekannte werde, und datz man dort wisse, datz Polen den Krieg führe, wenn es sich darum handle, die Unantastbarkeit der Landesgrenzen zu schützen.
nett zunächst einmal abwartet, bis die Fraktionen des neue« Reichstages sich konstituiert haben und bis ein Ueberblick über die Willensbildung der Parteien möglich ist. Inzwischen arbeitet das Kabinett seine Vorlagen aus, über die dann nach Zusaminentritt des Reichstages mit den Fraktionen z« sprechen sein wird. Dah der Kanzler sich big dahin über die Ansichten der Parteiführer unterrichten wird, wie eres in seinen bisherigen Unterhaltungen ja schon zum Teil getan hat, ist selbstverständlich. Scho« dieses BUd dex augenblicklichen politischen Situation dürste genügen, um zu zeigen, dah die Entwicklung einen absolut normalen Verlauf nimmt.
fk. N e w y o r k, 20. Sept. Infolge von ltzerüchten über einen angeblich bevorstehenden Putsch der deutschen Nationalsozialisten, herrschte gestern Vormittag in den amerikanischen Finanzkreisen Beunruhigung, die zu zahlreichen telephonischen Anfragen bei der deutschen Botschaft in Washington und beim Generalkonsulat in Newyork führten un> mehrere transatlantische Telephongespräche von Newyork und Chicago nach Hamburg und Berlin veranlaßten. Die Beunruhigung wich jedoch einer besseren Einsicht, als Nachmittags die „Assoziated Pretz"
ei« kategorisches Dementi aus Berlin verbreitete, und auch Finanzkreise direkt
Antrag auf 8an6taoWlöfuno
Berlin, 19. Sept. Abg. Ladendorff hat namens der Fraktion der Wirtschaftspartei im preußischen Ltndtag einen Antrag eingebracht, wonach der Landtag mit sofortiger Wirkung aufgelöst werden soll.
Der Antrag wird wie folgt begründet: Nach dem Ergebnis der Reichstagswahlen steht fest, datz hinter der heute in Preuhen herrschenden Regierungskoalition nicht mehr annähernd die Mehrheit des Volkes steht. Die nationalsozialistische Partei, die im preußischen Landtag noch nicht Fraktionsstärke besitzt, ist in Wirklichkeit heute die zweitgrößte Partei Preußens.
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Die bürgerülben Einigung^ ptrhnnbiungcn
Neues Finanzprogramm.
Wie wir erfahren, finden in diesen Tagen zwischen einzelnen Persönlichkeiten von der Staatspartei bis zu den Volkskonservativen, Verhandlungen über eine feste Zusammenfassung der Liberalen und der gemäßigten Konservativen in Form einer engen Zusammenarbeit der Fraktionen im neuen Reichstag statt. Ein fol=. cher Block soll nicht gegen die Sozialdemokratie, sondern mit ihr zusammen arbeiten.
Die Erfolgausstchten dieser Verhandlungen werden jedoch selbst von den Persönlichkeiten, die an ihr teilnehmen, sehr.skeptisch beurteilt.
Viel mehr Erfolg versprechen Einigungsverhandlungen geringeren Ausmaßes, so zwischen Staatspartei, Wirtschaftspartei und Deutscher Volkspartei. Nebenverhandlungen zwischen Staatspartei und Bauernbund mit dem Ziel einer Fraktionsgemeinschaft befinden sich noch im Anfangsstadium.
Mit Rücksicht auf die veränderte politische Lage, die sich durch den Ausgang der Wahlen ergeben hat, ist Finanzminister Dietrich daran gegangen, ein. völlig neues Reformprogramm auszuarbeiten, das die Wünsche der Sozialdemokraten und der Volkskonservativen besonders berücksichtigen muß, um diese Parteien zur Zustimmung zu bewegen. Der Reichsfinanzminister will mit einem fertig ausgearbeiteten Programm bereits vor den Reichstag treten, um alle Verwirrungen in dieser Frage von vornherein auszuschalten.
Der Reichspräsident wieder in Berlin.
Berlin, 19. Sept. Der Herr Reichspräsident ist heute abend mit dem 9.42 Uhr am Anhalter Bahnhof fahrplanmäßig eintreffenden Zuge aus dem Manövergelände wieder nach Berlin zurückgekehrt.
Mbrmnchl und Staat
Der Kanonendonner in den Haßbergen ist verstummt. Das Rasseln der Maschinengewehre ist in die Stille des friedlichen Landes eingegangen, die Hörner haben „Das Ganze Halt" geblasen und für die Truppen, die in den letzten Tagen bei Regen und Wind die unerhörtesten Strapazen aushielten, gibt es jetzt Ruhe. Die Hindenburg-Manöver sind aus. Der Reichspräsident ist wieder daheim und in den Kasernen der an den Manövem teilgenommenen Regimenter ist wieder Werktag. Die kleine deutsche Reichswehr hat in den jetzt hinter uns liegenden Aebungen in vollster Oeffentlichkeit gezeigt, dah sie eine wackere und gut disziplinierte Truppe ist, nach besten Kräften bestrebt, die schwachen Verteidigungsmöglichkeiten, die Deutschland durch den Versailler Vertrag belassen worden sind, soweit auszubauen, wie dies nur irgend möglich ist. Was die „militärische Kraft" Deutschlands im Ernstfälle leisten könnte, haben die Aebungen in den Hahbergen gezeigt, alles, was die moderne Kriegstechnik an Qlb* Wehrwaffen kennt, hat das Auge des „Schlachtenbummlers" gesehen, aber er weih, daß die so gefährlich aussehenden Tanks kleine Automobile in Pappe und Leinwand getarnt, daß die großen Geschützrohre, die sich so drohend aus dem Gestrüpp feindwärts richteten, Attrappen waren. Kläglichkeiten über Kläglichkeiten, wohin man sehen konnte, markierte Flugzeuge, Abwehrmaßnahmen gegen Waffen, die nur durch bunte Fähnchen gezeigt wurden, überall da Ersatzrequisiten, wo das Verbot der vertraglichen Verpflichtungen die Schlagfertigkeit und die Verteidigungsmöglichkeiten der deutschen Reichswehr zu einem Gespött der wirklich wehrfähigen mit richtigen Tanks, Bombenflugzeugen, schwerkalibrigen Geschützen ausgerüsteten Nachbarnationen macht.
Man kann sich zu der Frage der ausländischen Militärattaches stellen wie man will, jedenfalls wäre es gut gewesen, wenn sich eine möglichst große Anzahl ausländischer Milftärs einmal diese Aebungen der Reichswehr angesehen hätten. Sie hätten das Gute dieser Truppe, die Exaktheit ihrer Organisation, ihre gute Ausbildung, die vorzügliche Taktik der Leitung anerkennen müssen, aber auch das Andere, die Anmöglichkeit ihrer Berteidi- gungsstellung gegen die Heere all der Länder, die frei von den Fesseln eines Zwangsvertrages ihre militärische Stoßkraft auf die Voraussetzungen ausbauen können, die die moderne Kriegstechnik gestattet. Hier war dem Ausland Gelegenheit gegeben, sich über all das zu informieren, was in den letzten Wochen Gegenstand des höchsten Interesses in den Zeitungen des In- und Auslandes war. Hier konnte man sehen, wie weit tatsächlich die Reichswehr eine „Bedrohung des europäischen Friedens" darstellt und wie hirnverbrannt alle Aeberlegungen sein müssen, die von den geheimnisvollen und daher doppelt gefährlichen Rüstungen Deutschlands zu dem ersehnten zweiten frisch- fröhlichen Weltkrieg faseln.
Wem der Augenschein nicht genügte, konnte aus der programmatischen und sehr deutlichen Rede Groeners die Lockerung eines Gespinstes erkennen, das vernünftige Menschen wohl kaum ernst genommen hatten: „Während unsere westlichen Nachbarn in den letzten Wochen zwei große Manöver durchgeführt haben, an denen je etwa 50 000 Mann, also soviel wie die ganze Reichswehr teilnehmen, haben sie bei uns eine einzige Infanterie- und eine Kavalleriedivision, haben sie Tankattrap-