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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

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Das Ausland horcht auf!

Fort mit der Torheit und dem Verbrechen des Versailler Vertrages"

ff. Newyork, 17. Sept. Die einfluh- reiche Hearst-Presse, die über mehr als 20 Zeitungen im ganzen Lande verfügt, ver­öffentlicht einen grohaufgezogenen Leit­artikel über den Ausgang der deutsche« Reichstagswahlen. Rach einem kurzen Hinweis auf den Wahl- gewinn der radikale« Flügelparteie« heiht es wörtlich:

Eine Gefahr, die jetzt selbst Halb- «linde sehen, hatte Europa scho« lange vorher erkennen sollen. Der Versail­ler »ertrag, der dazu bestimmt war, die deutsche Nation verbluten zu lassen, ist ebenso dumm wie brutal. Erzieht alljährlich Hunderte von Eoldmillione« «ad damit das Lebensmark aus der deut­sche« Zadustrie. Er bedeutet lange Ar­beitszeit für jede« Deutsche«. Entmuti- guug für Volk u«d Einzelme«fchen. Keine Ration wird das auf die Dauer aushal- tenl Wenn die Alliierten i« Versailles mit voller Ueberlegung die Bolschewisie- rung Deutschlands gewollt Hütten, hatten sie es nicht besser und erfolgreicher tu« könne«. Jetzt ist es an der Zeit, die Torheit «ad das Verbreche« des «ersailler Vertrages unge- schehe« za machen und die schwere untragbare Last vom Rücken des dentschen Boltes zu nehmen. Es wird zu spät sei«, wen« sich Deutschland wirklich Ruhlaud «ad der bolschewistischen Politik zuwen­det.-

Die Aeutzerungen der Abendblätter in Rom zum deutschen Wahlergebnis enthal­ten offene Hinweise auf die Möglich­keit einer Aenderung der Frie- densverträge. DasLavoro Fafcista" erklärt u. a., dah das deutsche Volk die Politik Etresemanns entschieden verleugnet habe. Die Tage, die auf die Rheinlandräumung folgten und noch mehr die Wahlen zeigten, dah

die deutsche Demokratie erschöpft sei mrd der Geist eines neue« Deutschland gahre.

Don Paris ertönten Alarmrufe und schwarze Prophezeiungen für die Zukunft der internationalen Beziehungen. Ein junges Volk, das mit Fähigkeit und Wil­len ausgerüstet sei, wie das deutsche, könne nicht unterdrückt werden und nicht dazu verurteilt sein, ohne Unterbrechung die Irrtümer zu büßen, zu denen seine Regie­renden es führten. Wenn Frankreich am Rhein das Gespenst der Vergeltung sehe, so brauche es deshalb nicht Alarm für die Ruhe Europas zu schlagen. Ein sicheres Europa wird es erst an dem Tage geben, an dem jedem Volk die historische Eerech- Ägkeit gewährt wird, die sich aus dem Le­ben der Arbeit und der Macht der Völker «gibt. In diesem Zusammenhang gibt das Blatt die bekannten Worte Mussolinis wieder, wonach

kein Vertrag ewig sei, weil eben die Welt nicht stillstehe.

Diese orte des Duce, so schrieb derLavoro Fafcista" zeigten deutlich die Linie der Ärlienischen Politik in Europa. An diese

Worte sei heute erinnert, wo die Geschichte

I Deutschlands vor einer entscheidenden I Wendung stehe.

Aehnlich lautet die Stellungnahme des halbamtlichenGiornale d'Jtalia. Das neue Deutschland sei unruhig; es zerre an der eisernen Kette der Verträge, die auf dem gesamten Wirtschaftsleben der Nation mit dem Poungplan laste, bis zum Ende des Jahrhunderts lasten müßten. Es versuche, dieses harte Opfer abzuschüt­teln und zeige das Gesicht der nationalen Verzweiflung. Viele Millionen deutscher Wähler lehnten die gegenwärtige Ord­nung in Deutschland und die Verträge ab und verneinten die Politik von Locarno. Frankreich erkläre, der Frieden sei in Ge­fahr. In dieser Lage aber könne Ita­lien mit Ruhe abwarten. Seine Ansicht über den Wert der Verträge sei kürzlich in einer Weise, die nicht klarer sein konnte, von dem Chef der Regierung zum Ausdruck gebracht worden.

Eine bemerkenswerte englische Stimme zum Wahlergebnis.

DerManchester Guardian" hat als einziges Blatt den Mut, das Ergebnis der Reichstagswahlen auf die Behandlung Deutschlands durch die Alliierten seit dem sogenannten Versailler Frieden zuruazu- führen. Das Anwachsen der extremen Par­teien sei nicht allein ein Protest gegen die wirtschaftliche läge, sondern auch gegen die unwürdige Stellung Deutschlands gegenüber dem Ausland, gegen die Besetzung des Rhem- landes, deren Ende viel zu spat gekommen sei, gegen die zahlreiche Härten, Ilnmensch- lichkeiten und Erniederungen, gegen den Bruch des internationalen Versprechens der allgemeinen Abrüstung und gegen das Versagen des Völkerbundes und der Mächte hinsichtlich des Schutzes der Min­derheiten, ganz besonders in Polen.

" Wo steht der Feind?

Wirth gegen die Rechtsfront Er appelliert an die Welt

Reichsinnenminister Dr. Wirth sprach am Dienstag im Rundfunk über die politische Lage nach den Wahlen.

Der deutsche Radikalismus habe eine Schlacht gewonnen, aber die Regierung be­haupte das Schlachtfeld: sie regiere, sie bleibe im Amte, sie fahre fort, die Prob­leme der Finanzen, des Wirtschaftslebens, des sozialen Lebens weiter nach sachlichen Gesichtspunkten vom Staatsintereste her zu vertreten. Der Regierung Brüning, hinter der heute 209 Abgeordnete ständen, fehlten 80 Stimmen an einer Mehrheit. Selbst bei völliger Neutralität der Sozialdemo­kratie fehlten ihr immer noch 17 Stimmen.

Eine bloße Neutralität der Sozial­demokratie wäre also nicht ausreichend, um die Regierung vor einem Mißtrauens­votum zu sichern. Der Begriff der großen Koalition könne nur in dem Sinne gefaßt werden: komme der Reichstag zu einer arbeitsfähigen Mehrheit, die sich im Laufe der Dinge politisch auswirken könne? Dazu müße zunächst ein sachliches, klares und möglichst einfaches Programm die Möglichkeit einer Orientierung im Reichs­tage schaffen.Wir setzen", so betonte der Minister,den ganz klar zum Ausdruck kommenden radikalen Strömungen in un­serem Volke ein klares, sachliches Wirt­schafts- und Finanzprogramm entgegen. Gegen einen Block der reinen Negation gegen Nationalsozialisten, Kommunisten und gegen Hugenberg können verfassungs­ändernde Gesetze durch ein Ermächtigungs­gesetz nicht verabschiedet werden."

Der Minister erörterte dann die Mög­lichkeit einer sogenannten Rechtsfront, für die er 244 Stimmen herausrechnete. ' Sie könnte politisch nur wirksam werden.

we«n Bayerische Volkspartei und Zen­trum dazu träten; das fei politisch aber nicht diskutierbar. Eine solche Entwicklung liege also außerhalb der politischen Möglichkeiten.

Eine überlegene Staatsführung werde jedoch auch die Radikalen zu meistern ver­stehen. Aber man müsie bedenken: Was das deutsche Volk in einer 12 Jahre lan­gen harten Schule des Leidens, des Opfer­bringens, des Ertragens von Lasten ge­leistet hat, das laste sich auf die Dauer von keinem Volke ertragen. Wer draußen in der Welt nicht sehe, daß die Grenze für das deutsche Voll gekommen sei. der möge

sich einmal prüfen, ob er selbst einmal jung gewesen sei. Die deutsche Jugend wolle eine Hoffnung haben. Deshalb möchten die Staatsmänner aller Nationen sich innerlich einmal überlegen, ob letzt nicht die Zeit gekommen sei,

die Probleme des deutschen Volkes im Rahmen der großen, alles umfastenden Weltwirtschaftskrise erneut einer Prü­fung zu unterziehen.

Was nutze alles Sprechen von Pan-Eu- ropa, von der Solidarität aller Kultur­völker der Welt. Die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenarbeiten könne im deutschen Volke nur unter der Mit­wirkung aller Völker geschaffen werden.

Die Taktik Brünings

Berlin, 16. Sept. Unter dem Vor­sitz des Reichskanzlers Dr. Brüning trat heute das Reichskabinett in einen Mei­nungsaustausch über die durch die Wahlen geschaffene politische Lage ein. Es bestand die einmütige Aufastung, daß die Reichs­regierung das im Sommer in Angriff ge­nommene Programm einer sachlichen Ar­beit zur Lösung der wirtschaftlichen, fi­nanzpolitischen und sozialpolitischen Auf­gaben mit allem Nachdruck so weit zu för­dern hat, daß dem neuen Reichstag be­stimmte Vorlage« zugeleitet werde« kön­nen.

Von maßgebender Seite erfahren wir, daß Reichskanzler Brüning es ablehnen werde, sich ein Regierungsprogramm in Koalitionsverhandlungen aufdrängen zu lasten. Das sei der Sinn seiner Ankündi­gung, daß er zunächst mit der Forderung der Anerkennung der Notverordnung vor den Reichstag treten werde.

Der Reichskanzler wird sowohl die na­tionalsozialistischen Forderungen die auf Besetzung des Reichsinnen- und Reichs­wehrministeriums bei gleichzeitiger Spren­gung der preußischen Koalition hinauslau­fen, ablehnen. Der Reichskanzler glaubt für ein Programm, das den poetischen Notwendigkeiten angesichts der schwieri­gen Lage des Reiches Rechnung trage die Unterstützung der Sozialdemokratie schon deshalb bekommen wird, weil die Sozial­demokraten andernfalls mit einer Los­lösung des Zentrums von der preutzlschen

Koalition rechnen muffen. Tatsächlich ist sich der Reichskanzler mit dem Führer des preußischen Zentrums, Dr. Heß, vollkom­men einig darüber, daß das Zusammen­arbeiten zwischen dem Zentrum und den Sozialdemokraten in Preußen die Mehr­heitsbildung im Reich erleichtern mutz.

Das Zentrum legt zwar Wert darauf, datz es die Führung der Reichspolitik in der Hand behält und begründet seinen An­spruch mit dem für das Zentrum guten Wahlergebnis, aber das Zentrum wird sich nicht gegen eine Beteiligung der Sozial­demokratie an der Reichspolitik wenden.

Hitler:Der Kampf geht weiter!"

München, 16. Sept. Sn dem überfüll­ten Gebäude des Zirkus Krone sprach heute abend Adolf Hitler über das ThemaNach dem Siege Bindet den Helm fester!" Hitler bezeichnete in seiner Rede den Stim­menerfolg der Nationalsozialisten bei den Wahlen vom 14. 9. als einen Anfang im Kampfe uum die Erringung der M a ch t i m S t a a t auf dem legalen Boden der Verfassung und erllärte ferner, datz die Nationalsozialisten Revolutionäre seien, aber nicht Revolutionäre im Sinne eines Putsches, einer Revolution oder eines Umsturzes, son­dern Revolutionäre des Geistes., Bemerkens, wert war außerdem, datz Hitler in seiner Rede etwaige Koalitionsmöglichkeiten in keiner Weise erwähnte, sodatz daraus zu schließen ist, daß die Nationalsozialisten sich in dieser Richtung jedenfalls freie Hand vorbehalten wollen. Hitler richtete weiter ernste Worte an die S.A.- und S. S.-Leute, die er mahnte, weitere Opfer zu bringen, wenn das Ziel erreicht werden soll. Der Kampf dürfe keine Sekunde erlahmen; darum müsse das Wort Sieg heute wieder aus den Köpfen gestrichen und an seine Stelle wieder das Wort Kampf gesetzt werden. -

Sn derKreuzzeitung nimmt Graf Westarp Stellung zum Wahlergebnis. Er kommt zu dem Schluß, daß dre Bildung einer Großen Koalition unmög­lich sei, weil die bisherigen Parteien einer Großen Koalition nur 280 Stimmen auf­bringen würden, während dre absolute Mehrheit 289 beträgt. Dagegen ergebe sich bei Zusammenfassung von, Zentrum, Bayrischer Volkspartei, Natlvnalsozia- listen, Deutschnationalen, den <ms der DABP. hervorgegangenen Parteien, der Wirtschaftspartei, der Deutschen Bauern­partei und der Deutschen Volksparter erne Mehrheit von 337 Sitzen.

Die Regierung Brüning «»erde sich nicht der Aufgabe entziehen dürfen, über diese Mehrheitsbildnsg in Ver­handlung einzutretea, «»enn sie alle parlamentarischen Möglichkeiten aus- fchöpfen will.

Voraussetzung dieser Regierungsbildung fei die Loslösung des Zentrums von der Sozialdemokratie in Preu- ß e n, die auch von den Konservativen ge­fordert sei. Das Zentrum habe ost auSge- sprachen, daß es sich berufen fühle, cmdere Parteien zur Verantwortung zu erziehen. Die Nationalsozialisten bretea sah chm jetzt als Erziehungsobjekt dar. Man werde es ihnen im, Ernst ge­sprochen nicht ersparen können, den Nachweis zu führen, ob sie, Hier so über­raschend gewonnenen Stärke entsprechend, gewillt und fähig sind, verantwortlich an der Leitung der äußeren und inneren Po­litik tellzur^hmeu.