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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Schöne und große Worte in Genf
Briand verteidigt seinen Paneuropa-Plan — Henderson fordert endlich praktische Arbeit in der Abrüstungsftage
Genf, 11. Sept. Die Völkerbundsversammlung hat heute vormittag ihre Sachberatungen mit der allgemeinen Aussprache ausgenommen.
Der französische Außenminister
Briand
erklärte zunächst, daß er in zweifacher Eigenschaft vor die Versammlung trete, als Delegierter Frankreichs und als Mandatar von 28 europäischen Staaten, in deren Namen er der Völkerbundsversammlung eine Mitteilung zu machen habe.
Briand fuhr fort:
Ich habe Vertrauen in den Völkerbund, der einer der wichtigsten Dämme gegen die Gefahr des Krieges ist und in das Bewußtsein der Völker immer tiefer eindringt.
Der Völkerbund ist wegen des angeblich langsamen Fortschreitens seiner Arbeiten zahl- reichpn Angriffen und mannigfacher Ironie ausgesetzt, worden. Aber der Kelloggpakt, die Eeneralakte über die Schiedsgerichtsbarkeit und die zahlreichen regionalen Abkommen find wirksame, nicht zu unterschätzende Beiträge der Organisierung des Friedens.
Alle dies« Bemühungen werden, wenn sie nicht als Gegenstück die Einschränkung und sogar, wenn möglich, die Beseitigung der Rüstungen haben, etwas Unbestimmtes, Undefinierbares bleibe«.
Es war, um nur von meinem Lande zu reden, gegenüber der Tatsache, daß der Friede befestigt und die Sicherheit organisiert wird, unmöglich, gewisse Ziffern, gewisse Ausnahmen aufrecht zu erhalten. Wir sind dabei auf Schwierigkeiten gestoßen; wir haben lange Wochen in London verhandelt und einen er- fteulichen Anfang erzielt. Ich stehe hier in Verhandlungen mit dem Vertreter eines be- fteundeten und benachbarten Landes, durch die hoffentlich weitere Möglichkeiten geschaffen werden. Ich habe mich, so rief Briand mit starker Betonung aus, in den Gedanken geradezu verbohrt, daß. solange ich bin und wirke, es keinen Kreis geben darf. Mit der Bemerkung, daß der Völkerbund sich mit allen, die internationalen Beziehungen berührenden Strömungen in Fühlung halten muffe, leitete Briand auf die europäische Frage über.
Briand bezeichnete seinen Plan als eine weitere große Anstrengung im Dienste des Friedens.
Soweit alle Bemühungen, den Frieden zu kichern, im Rahmen des Völkerbundes geschehen müßten, werde auch diese Idee vom Geiste des Völkerbundes getragen. Eine Reihe von Tatsachen zwänge geradezu zu einer engeren Zusammenarbeit der europäi- chen Völker. Es läge in der Logik dieser Tat- ache, daß die Völker, auf deren Territorium ich der Weltkrieg abgespielt habe und die zeute immer noch unter den Folgen des Krieges litten, sich zu einer gemeinsamen Anstrengung zur lleberwindung dieser Folgen aufrafften. Briand führte weiter aus, dag er von Anfang an die Schwierigkeiten der Verständigung über seine Idee ins Auge gefaßt habe. Drese müßten im Interesse des Friedens überwunden werden. In ihrer Antwort auf sein Memorandum hätten die 27 europäischen Staaten sich grundsätzlich in bejahendem Sinne geäußert und die kürzlich von ihm einberufene Konferenz dieser Staaten habe ihm einmütig de» Aufäag gegeben, die Frage der europäischen Einigung vor den Völkerbund zu bringen.
Er habe die lleberzeugung, daß der Böl- krrb««d de« Plan gleichfalls sei« Zustimmung gebe, handele es sich doch um di« Verwirklichung eiset Idee, die auch de« Ziel«« des Völkerbundes entspräche.
Es fei selbstverständlich, daß keine Organisation neben dem Völkerbund geschaffen werden soll, sondern daß die euro- jpäischen Einigungsbestrebungen, deren ökonomische Bedeutung er immer wieder hervorhob, nur im Rahmen des Völkerbundes verwirklicht werden könnten. Auch könne selbstverständlich leine Rede davon sein, daß die geplante Vereinigung sich gegen andere Staaten oder Etaatengruppen richte. Die Bundesversammlung habe jetzt das Wort, ter hoffe, daß sie
im Verlauf dieser Tagung den europäischen Völkern zurufen werde: Marschiert weiter, ihr seid auf dem Wege zum Frieden!
Der englische Außenminister Henderson hat in der Rachmittagssttzung der Völkerbundsversammlung am Donnerstag die angekündigte große Rede gehalten, die sich unerwarteterweise zu einem ungewöhnlich scharfen Vorstoß gegen die bisher noch immer nicht erfolgte Abrüstung der Siegermächte gestaltete.
Hendersons Erklärungen sind durch ihre ungewöhnlich scharf formulierte Forderung der Erfüllung der Abrüstungsbestimmungen der Friedensverträge und des Völkerbundsvertrages das Ereignis des Tages.
Henderson sagte zur Abrüstungsfrage u. a.: Nach der Auffassung der englischen Regierung seien Sicherheit und Abrüstung eng verbunden.
Nichts könne die Völker stärker vor dem Ausbruch eines neuen Krieges schützen,
als ei» allgemeines AbrSstimgsaSkom- men.
Die Sicherheit sei undenkbar, so lange das gegenwärtige Wettrüsten andauere. Das ganze englische Volk fei sich darüber einig, die Maschinerie des Völkerbundes in der Sicherheitsfrage nur dann weiter auszubauen, wenn die Abrüstung aufhöre, eine leere Phrase zu sein, und endlich Wirklichkeit werde. Auf diesem Grundsatz werde die künftige englische Politik aufgebaut sein. Von allen Maßnahmen für die Sicherheit sei die Abrüstung bei weitem die wirksamste. Die Ziele des Völkerbundes würden niemals erreicht, wenn nicht die Mächte sich entschlössen, auf Grund eines internationalen Abkommens zur allgemeinen Abrüstung zu schreiten. Die Schöpfer des Völkerbundsvertrages hätten niemals an seine internationale Zusammenarbeit geglaubt, wenn die nationalen Rüstungen bestehen blieben. Deshalb sei in Artikel 8 des. Völkerbundsvertrages die Verpflichtung zu einer all-
Polens rücksichtsloser Kampf Streiflichter auf die polnische Minderheitenpolitik
„Manche st er Guardian" veröffentlicht an hervorragender Stelle ein in den Besitz des Blattes gelangtes politisches Geheimdokument, das, wie das Blatt hervorhebt, die von der deutschen Minderheit in Polen an den Völkerbund gerichtete Beschwerde rechtfertigt, daß die polnischen Behörden in der Anwendung des Agrarreformgesetzes durch politische und Rassenerwägungen beeinflußt werden und gegen die deutschen Landbesitzer diskriminieren. In dem von „Manchester Guardian" veröffentlichen „streng vertraulichen" Schreiben des Wojewoden La- mot von Pommerellen an den Präsidenten des Bezirkslandamtes in Eraudenz wird dieser
angewiesen, wie er bei der E n t e i g - nung großer Güter in den verschiedenen Grenzgebieten im Fahre
1930 vorgehen soll.
„Manchester Guardian" weist daraufhin, daß aus dem Schreiben hervorgeht, datz das Vezirkslandamt einen Plan der Ent- eigung im Interesse der Agrarreform allein entworfen hatte, datz die Sicherheits- behörden damit jedoch nicht zufrieden waren und eine Revision des Planes verlangt hatten, damit er als Waffe gegen die deutsche Minderheit verwandt werden kann. Das Blatt kommt
zu dem Schlutz, datz das Schreiben endgültig beweist, datz die polnische Landreform ganz und gar auf Grund politischer und militärischer Erwägungen erlassen worden sei.
Es sei bemerkenswert, eine wie große Rolle besonders strategische Erwägungen bei der Agrarpolitik spielten.
Manchester Guardian" weist ferner daraufhin, datz die polnische Regierung in ihren Antworten auf die Petitionen der deutschen Minderheit stets betont, datz sich die polnischen Behörden bei der Anwendung des in Frage kommenden Gesetzes nur durch wirtschaftliche Erwägungen leiten ließen und daß deutsche und polnische Landbesitzer gleichmäßig behandelt würden. Das Blatt betont, daß jede Diskriminierung gegen die deutsche Minderheit eine Verletzung des von Polen unterzeichneten Vertrages sei, der die Rechte der Minderheiten unter die Garantie des Völkerbundsrates stellt. „Manchester Guardian" bemerkt, das amtliche polnische Domument komme in einem geeigneten Augenblick. Es wird, so erklärt das Blatt» in Zukunft schwierig sein, die polnischen Beteuerungen, datz die Agrarreform unparteiisch durchgeführt wird, hinzunehmen. Hier ist eine Angelegenheit, die zu untersuchen der Völkerbundsrat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat.
gemeinen Herabsetzung und Beschränkung der nationalen Rüstungen ausgenommen worden.
Scho« 11 Jahr« werde die Abrüstungsfrage oh«« Fortschritt behandelt. Jetzt sei der Augenblick gekommen, endlich zu handeln. Die Abrüstungsbestimmungen des Bölkerbuubsvertrages bildeten einen Teil der Friebensverttäge. Jede Regierung fei durch diese Verpflichtungen gebunden. In den Berhandlunge« im Jahre ISIS sei diese Verpflichtung ausdrücklich wieder sestgelegt und feierlich sodann von neuem in der Schlußakte des Locarno-Vertrages bestätigt worden.
Vor zwei Jahren habe die Völkerbundsversammlung feierlich festgestellt, daß der gegen« wattige Stand der Sicherheit den Abschluß eines allgemeinen Abrüstungsabkommens erlaube?
Die Völker beginne«, an Treu und Glaube« der Regieruuge« zu zweifeln.
Die Londoner Flottenkonferenz fei zweifellos ein Erfolg auf dem Wege zur Abrüstung. England habe sich in dem Londoner Abkomen endgültig verpflichtet, die Schlachtschiffe um 25 vom Hundert zu vermindern und bis 1936 neue Schlachtschiffe nicht zu bauen. England hoffe, daß beim Zusammenttitt der Weltabrüstungskonferenz weitere wesentliche Herabsetzungen der englischen Seestreitkräsie erreicht sein würden.
Die Herabsetzung der Rüstungen einzelner Mächte sei keine Erfüllung der internationale» Abrüstungsverpflichtungen, nur wenn ein allgemeines Abrüstnngsabkom- men für die Land-, See- und Luftstreitkräfte abgeschlossen sei, könnten die Friedensverträge «nd der Bölkerbundsvrrtrag als erfüllt angesehen werden. Rur dann werde der Friede Europas gesichert sein. England ermatte, datz der Abrüstungsaus- schutz endlich zu einem praktischen Ergebnis gelangen werde, datz die Regierungen ihren äteitretern Anweisungen geben würden, die
einen Erfolg der Abrüstungsverhandlungen sicherten. England erwarte ferner die Einberufung der Weltabrüstungskonferenz zum Jahre 1931. Es betrachte die Abrüstungsftage als die lebenswichtigste und dringendste von allen politischen Fragen, die jetzt erörtert würden.
Die Regierungen hätten die Pflicht, den nächsten Krieg unmöglich zu machen, der noch schrecklicher sein würde als der letzte Krieg. Die englische Regierung rufe deshalb alle in Genf vertretenen Regierungen auf, ihre Kräfte gemeinsam zur Erreichung des Zieles einzusetzen, für das der Völkerbund geschaffen worden sei.
Die französischen Blätter z« Hendersons Ant- wort an Briand.
Die Antwort des englischen Außenministers Henderson auf die große Paneuroparede Briands wird in der französischen Presse verschieden beurteilt. Während die paneuropafeindlichen Blätter, wie das „Echo de Paris", in den Ausführungen Hendersons verächtliche Bemerkungen sehen wollen, die den Zweck hätten, die Paneuropa-Angelegenheit als einen gewöhnlichen Zwischenfall darzustellen, bemühen sich andere Blätter möglichst dis für Briand vorteilhaften Sätze aus der Rede des englischen Außenministers herauszuschälen. Trotzdem mutz auch das „Journal" festftel- len, datz es kaum zwei Reden gegeben habe, die sich schärfer gegenübergestanden hätten. Während sich Briand besonders darin gefallen habe, seine Ausführungen durch seine grotze Redekunst auszuschmücken, habe Henderson mit harten Hammerschlägen seine und die englische Ansicht entwickelt, der man eine gewisse Verschlagenheit nicht absprechen könne. Der „Petit Parisien" sieht in den Ausführungen Hendersons nicht, was die Verwirklichung des Paneuroplanes erschweren oder gar verhindern könnte. Briand habe vielmehr ausführlich betont, daß ein Paneuropa die Abrüstungen nur beschleunigen und erleichtern könne.
Abwarten!
Saarbrücken, 11. Sept. Der Sonderberichterstatter der Saarbrücker Zeitung „Die Volksstimme" will erfahren haben, datz sowohl in der Sitzung der kleinen Kommission des Völkerbundsrates wie auch in der Besprechung, die die Regierungskommission des Saargebietes über die Bahnschutzfrage abgehalten hat, folgendes vereinbatt worden fei:
1. Der Bahnschutz wird nicht sofort, aber am 1. Januar 1931 abziehen.
2. Der Beschluß der Regierungskommission vom Jahr« 1926 über die Heranziehung fremder Truppen im Bedarfsfall« bleibt bestehen.
3. Du Regiermgskommission bringt das Landjägerkorps auf die Sefls stärke und schafft sich eine Art technischer Nothilfe.
Der Bettchterstatter des „Journal" in Genf berichtet über die gestrige Fühlungnahme zur Ablösung der 250 französischen Soldaten im Saargebiet, der Vorsitzende der Regierungskommission, Wilton, habe erklätt, daß es garnicht schwierig sei, diese Soldaten zurückzuziehen. Unter diesen Umständen wurde die Annahme der deutschen Forderung am Freitag, also vor den Reichstagswahlen, angekündigt werden.
Havas meldet aus Genf, die französische Regierung würde grundsätzlich nicht gegen die Zurückziehung der französischen Bahnschutztruppen aus dem Saargebiet sein, unter der Bedingung, datz die Regierungskommission des Saargebiets sich in der Lage erklärt, die Kontinutät des Wirtschaftslebens im Saargebiet mittels geeigneter lokaler Kräfte zu sichern und nötigensfalls auf die französischen Truppen in Saarge- münd zurückzugreifen.
Deutschland rollt die Minderheitenfrage auf.
Genf, 11. Sept. Reichsaußenminister Dr. Eurtius hat beim Präsidenten der Völkerbundsversammlung den Antrag gestellt, den