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Mittwoch »en io. Sept. 1930

2k ^DbcrtxHitoe Setttmg «. chevtt sechsmal wöchentlich. Le- ,:»Kq>ttiS monatlich 2LVEM.au-- schitteßl. Znstellung-gebübi. durch dk Post 2^5 SM. Für etwa durch Stroit, Majchtnendefekt oder ele­mentar» EretMtste au-falleude «nmmern wird kein Srfa«- p«- «»stet. Verlag Dr. §. Kttzrroth. Druck bet Unid.-Bnchdru«keret Ioh. Ang. «och. Markt 21/28 Fernsprecher: Rr. 54. tu Kr. 65 Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M Skr. 5015. Sprech,eit eer Redaktion von 1011 und

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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

Nr. 212 65.3nted. Raldurs n.8a»n

Der AnMgenpretS beträgt für oen 11 qespalt. Zeilenmillimeter 0.08 SM., sog. kleine Anzeigen tm» Familienanzeigen bei Barzahlung 0.0» GM- amtlich« und auS- wärtiqe Anzeigen 0.10 GM. Bei schwierigem Satz sowie bei Platz» Vorschrift 50»,. Aufschlag. Saimnelanzeigen 100 °(, Auf­schlag. Neklanu-Millim. 0,40 GM. Jeder Rabatt qllt als Barrabatt.

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

BrlMkungWftand in ganz Argentinien

Unglaubliche Berwimmg in Buenos Aires 20 Sole infolge eines ..RlßverilünbuM"

Buenos Aires, 9. Sept. Der Be- tagerungszuftand ist über das ganze Land verhängt worden. Zn Buenos Aires find zwei Männer, die als Anstifter der letzten nächtlichen Strahenkämpfe festgenommen wurden, auf der Plaza de Mayo öffent­lich durch Erschießen hingerichtet worden. Weitere Hinrichtungen werden erwartet. Eine große Anzahl von Perso­nen, darunter fehs frühere Abgeordnete, die Mitglieder der Zrigoyen-Partei find, wurden verhaftet. Angesichts der strengen Presie- und Kabelzensur sind Nachrichten höchstens auf telephonischem Wege erhält­lich. Den ausländischen Zeitungskorre- spondenten ist von dem Chef ber Presse­abteilung der Regierung mitgeteilt wor­den, daß, solange die Presiezensur bestünde, keinerlei Berichte aus Argentinien gesandt werden dürften, die nicht zuvor amtlich zensuriert und genehmigt worden seien. Zuwiderhandlungen wür­de« mit sofortiger Ausweisung bestraft werden. Die Zensur findet Anwendung auf Meldungen durch Kabel, Telegraph und auch Telephon.

Associated Preß" erfährt telephonisch aus Buenos Aires, daß die Straßen­kämpfe der vergangenen Nacht tatsächlich einem tragischen Irrtum zuzuschreiben waren, der sieben Tote und 56 Verwun­dete kostete. Die Stadt befand sich wäh­rend der ganzen Nacht in einem Zustand der unglaublichsten Verwirrung. Die ganze Bevölkerung war von einer Panik erfaßt, die durch das falsche Gerücht von einem gegenrevolutionären Angriff auf das Postamt hervorgerufen wurde. Die dort aufgestellte Wache sah sich durch das Gerücht veranlaßt, die Straßenlaternen in der Umgebung auszuschießen, um die Ver­teidigung zu erleichtern.

Diese Schüsie wurden von der Wache des benachbarten Negierungsgebäudes für einen gegenrevolutionären An­griff gehalten.

Sie eröffnete infolgedessen mit Maschinen­gewehren und Artillerie das Feuer gegen das Postamt, alarmierte die Zivilisten und bewaffnete sie schleunigst zur Bekämpfung der angeblichen Gegenrevolution. In al­len Stadtteilen kam es in der Folge zu Schießereien.

Die Menge stürmte und plünderte He Waffenarsenale, um sich in den

Besitz von Waffen zu setzen.

Als sich das Gerücht verbreitete, daß sich die im Hafen liegenden Kriegsschiffe der Gegenrevolution angeschloffen hätten, be­gann die Artillerie, den Hafen zu beschie­ßen. Ein Zerstörer wurde von einer Gra­nate getroffen.

Die Stadt behält trotz der erngetretenen Ruhe ihr krisenhaftes Aussehen bei. Starke Truppenabteilungen sind an stra­tegischen Stellen konzentriert, die Kaval­lerie patroulliert in voller Kriegsaus- rüftung auf den Straßen. Marineabtei­lungen find von den Kriegsschiffen gelan­det. Mancherseits wird mit dem Wieder­auflammen der Kämpfe gerechnet, zumal da die offizielle Darstellung, daß die nächt­lichen Unruhen auf ein Mißverständnis zurückzuführen find, nicht überall geglaubt wird und Unstimmigkeiten zwischen den tatsächlichen Ereignissen und ihrer offiziel­len Darstellung festgestellt wurden.

WieNewyork Times" aus Buenos Aires erfährt, ist der Befehl ergangen, Jrigoyen, der in den 25 Meilen ent­

fernten La Plata-Baracken krank darnie- derliegt, wieder zu verhaften und ihn unverzüglich hier in das Polizeiprä­sidium zu bringen.

Nach einer Meldung derAffociated Preß" aus Buenos Aires hat das Mini­sterium des Inneren heute befohlen,

daß alle Senatoren und Abgeord­neten die während der Amtszeit Zrigoyens Minister waren, verhaftet werden.

Außerdem hat das Ministerium des In­nern bekanntgegeben, daß im Hinblick auf die Störungen der Ordnung durch bewaff­nete Bürger und die Notwendigkeit, die Ordnung wieder herzustellen, sowie Leben und Eigentum zu sichern, jede Person, die öffentlich Waffen trägt, vor ein Kriegs­gericht gestellt wird. Fünfzehn Personen sollen wegen Plünderns standrechtlich er­schoßen werden. Vier Postbeamte sollen bereits hingerichtet sein, da sie die Vertei­diger des Postamts meuchlings beschoffen.

Der Bahnschutz im Saargeviei blecht!

Stirn» weicht ons Sie übliche Netichlepvnim

Genf, 9. Sept. Reichsaußenminister Dr. Curtius hatte heute vor Beginn der öffentlichen Sitzung des Rates eine Be­sprechung mit dem französischen Außen­minister Briand. In der Besprechung dürfte insbesondere die Frage des Bahn- s chu tz es im Saar gebiet, die auf der Tagesordnung der heutigen Ratssitzung steht, erörtert worden sein.

In der Aussprache im Völkerbunds­rat über die Frage des Bahnschutzes im Saargebiet schilderte der italienische Außen­minister Er an di in seinem Bericht die Geschichte des sog. Bahnschutzes in allen Einzelheiten bis in die jüngsten Tage.

Briand erklärte, er sei der Meinung, daß der Rat noch nicht in der Lage sei, be­reits heute abschließend zu der Frage Stel­lung zu nehmen und schlage deshalb die Ein­setzung eines Ausschusses vor, der dem Rate einen Vorschlag unterbreiten soll.

Der Curtius beionte, für das Wei­lerbestehen des Bahnschutzes im Saargebiet fei kein Grund mehr vorhanden.

Rach den Bestimmungen des Versailler Ver­trages habe die Regierungstommiffion des Saargebietes für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch Gendarmerie zu sorgen. Der Bahnschutz sei seinerzeit ausschließlich zur Sicherung der rückwärtigen Verbindungen der Besatzungs­armee gebildet worden. Es sei jetzt Sache des Völkerbundsrates, die restlose Zu­rückziehung des Bahnschutzes im Saar­gebiet zu beschließen.

Der vorgeschlagenen Einsetzung eines Ausschusses (!) wolle er zustimmen;

er gebe allerdings der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß das vorgeschlagene Verfahren nicht zu einer Verschleppung der Angelegenheit führen und daß schon in einer der nächsten Ratssitzungen die endgültige Ent­scheidung über die Zurückziehung des Bahn­schutzes erfolgen werde.

Auch Briand betonte in einer kurzen Er­widerung, daß die Angelegenheit be­schleunigt behandelt werden solle. Er gebe zu, daß durch die Räumung des Rhein­landes auch für den Bahnschutz ein neues Faktum geschaffen worden sei. Dieser Tat­sache sei durch die Verminderung der Bahn­schutzkräfte vom 31. August Rechnung ge­tragen worden.

Der Bahnschutz habe aber auch noch die Aufgabe, für die Sicherheit des Eisen­bahnverkehrs zu sorgen.

Er erklärte nachdrücklich, daß Frankreich kein Interesse habe, unter irgend einem Vorwand noch Soldaten im Saargebiet zu behalten.

.Dr. Curtius stellte nochmals fest, daß die von Briand vorgetragene Auffassung über den Charakter des Bahnschutzes mit der An­sicht der deutschen Regierung nicht über­ein stimme. Im Anschluß daran wurde der Antrag Grandi angenommen, die Frage auf eine der nächsten Sitzungen des Rates während der jetzigen Völkerbunds­tagung zu vertagen.

Nie Atzung »es Bölkekbunösrales

Genf, 9. Sept. In der heutigen Sitzung des Völkerbundsrates erstattete Briand über die Arbeiten der internationalen Kom­mission für geistige Zusammenarbeit ' einen Bericht, worin die Schaffung eines viermal jährlich tagenden Erkutivkomitees dieser Kommission beantragt wurde, dem u. a. der Generaldirektor der preußischen Staatsbibliothek Krü ß angehören soll.

Die im Sommer d. 3s. vom Dolkstag und Senat Danzig beschlossene Verfas­sungsänderung, über die Henderson be­richtete, wurde vom Rat genehmigt, ferner der gleichfalls von Henderson erstattete Be­richt über das Gutachten des Haager inter­nationalen Gerichtshofes betr. den Beitritt Danzigs zur internalionalen Arbeitsorgani­sation. Sodann beschloß der Rat, der Völler- bundsversammlung

die Schaffung eines internationalen Flüchtlingsamtes

vorzuschlagen, das die bisher von Nansen als Oberkommissar des Völkerbundes für die Flüchtlingsfürsorge geleistete humanitäre Ar­beit fortsetzen soll.

Die Petition des Deutschen DollsbMdes wegen Nichterneuerung der Dienstverträge von 32 Aerzten durch die Leitung der polni­schen Knappschaftskasse in Tarnowitz wurde für erledigt erllärt, weil die p o l n i s ch e R e- gierung das Gutachten des Vorsitzenden der Gemischten Kommission für Oberschlesien angenommen hat.

Reichsaußenminister Dr. Curtius be­merkte hierzu, daß trotzdem zu berücksichtigen sei, daß das Schicksal der betroffenen Aerzte bis zur praktischen Durchführung des Gut­achtens ungewiß bleibe, und sprach die Hoffnung aus, daß diese Durchführung nicht lange auf sich warten lasse. Der polnische Außenminister Z a I e s k i sagte zu, daß die polnische Regierung alles in ihrem Bereich Liegende zur Durchführung des Gutachtens tun werde, daß sie aber nur beschränkte Ein- wirkungsmöglichkeitm habe. Auch die Be­schwerde des Deutschen Volksbundes wegen Verweigerung der Erlaubnis der Prozeß­führung für den Minderheitsangehörigen Rechtskonsulenten Otto Ochmann vom Kreis­gericht in Lublinitz wurde für erledigt erklärt, nachdem diese Erlaubnis nunmehr erteilt wor­den ist. Eine weitere Beschwerde wegen

Nichtzulassung von 60 Kindern, die seinerzeit auf Grund der Maurerschen Prüfungen in die polnischen Schulen umge­schult worden waren, wurde der Ratstagung der zweiten Septemberhälfte über­wiesen, da dem Berichterstatter , die Unter­lagen zur Vorbereitung einer Entschließung zu spät zugegangen waren.

Abgesehen von dieser Frage wurde in allen Fragen eine Erfüllung der deutschen Forderungen erreicht.

SogeWeoti

Es handelt sich eigentlich um eine Daga- teile. Um die ganzen 250 Mann, die Frankreich und Belgien heute noch im Saargebiet als Schutzwache der Eisenbahnen unter Gewehr halten. Was im Ernstfälle die 250 Wächter des Frie- dens ausrichten könnten, ist uns unersicht­lich. Die sind eben da, well durch ihre An­wesenheit dokumentiert wird, daß das Saargebiet, wenn auch unter der Spitz- marke des Völkerbundes, unter belgisch- französischer Kontrolle steht. Eine Prestige- säche also, die allerdings auf Kosten Deutschlands geht. Es ist zu begrüßen, daß Reichsaußenminister Dr. Curtius in Genf mit betonter Energie darauf bestand, daß diese Angelegenheit möglichst rasch und entsprechend den Gesetzen des gesunden Menschenverstandes gelöst 'wird. Was die Lösung anbetriffst, so ist sie eigentlich schon vorhanden. Frankreich hat noch zur Zeit der Besetzung des Rheinlandes wiederholl aus berufenem Munde erllären lassen, daß der Dahnschutz nur zur Siche­rung der Verbindungswege zwischen De­satzungsheer und Heimalland notwendig wäre. Das war immerhin ein Standpunll, der vom militärpolitischen Gesichtspunll Frankreichs aus gesehen begründet ist, der aber sofort seinen letzten Hall verlieren muß, wenn diese Begründung sachlich fort­gefallen ist. Die Rheinlandbesatzung wurde liquidiert, die ftanzösischen Truppen sind wohlbehalten durch das Saargebiet in ihre stanzösischen Garnisonen zurückgekehrt. Welche Aufgaben soll der Dahnschutz also noch erfüllen? Briand hat in Gens sehr vorsichtig erllärt, daß der Bahnschutz seine Existenzberechtigung größtenteils, aber nicht gänzlich verloren habe. Warum nicht gänz­lich? Briand sagt, weil Frankreich dafür Sorge tragen müsse, dah der Eisenbahn­verkehr im Saargebiet unter allen Um­ständen austecht erhalten werden könnte. Die Betonung dieser wenig faßbaren Aeu- ßerung llegt auf dem Begriffunter allen Umständen". Was dentt sich Herr Briand hierbei? And was können wir uns unter diesem rätselhaften Begriff denken? Viel­leicht wird in der vorgesehenen Aussprache zwischen den beiden Außenministern die franMische These etwas kräftiger beleuch­tet, was unter Amständen eine Leine Aeberraschung in die an und für sich höchst geruhsame Atmosphäre Genfs bringen

Dekannllich spielte bei der Aufstellung des Finanzprogramms der Reichsregierung die Frage der Sanierung der Reichs­an st alt für Arbeitslosenversichemng die größte Rolle. Reichsfinanzminister Diet­rich hat bei der Begründung feines Fi- nanzprogramms und auch später zu wie­derholten Malen erllärt, daß der Reichs­etat niemals in Ordnung gebracht werden könnte, wenn er stets durch seine Bindung an die Arbeitslosenversicherung mit dem Risiko von steigenden Zuschüssen an die Reichsanstalt rechnen müsse. Am diese Be­lastung zu entfernen, soll ja nach dem Refvrmprogramm der Deichsregierung die Zuschuhverpflichtung des Reiches bei spä­teren Etatsaufstellungen endgültig festge­legt werden. Mit der Loslösung des Reichsetats von dem Risiko der Arbeits­losenversicherung ist dieser selbst aber noch nicht geholfen. Bekanntlich befindet sich zur Zell die Arbeitslosenversichemng in einer üblen Lage. Es dürfte feststehen, daß auch dann, wenn die Erwerbslosenzahl nicht mehr steigt, die Mittel für die Arbeits­losenversichemng Anfang des kommenden Jahres ziemlich erschöpft sein werden. Da kaum anzunehmen ist, daß sich durch eine innere Reform der Arbeitslosenversicherung größere Erspamisse bewerkstelligen lassen werden, so trägt man sich, wie uns ver­sichert wird, in den in Frage kommenden behördlichen Stellen mit dem Gedanken, gewisse Steuereinnahmen, die allerdings auf Grund eines Ermächtigungsgesetzes verordnet werden müßten, der Reichs- anstall für Arbeitslosenversichemng abzu-,