Sette 6
vveryesfksqe Serntwg, Marburg «. 5. Donnerstag. den 24. INN 1930
Nr. 171
MMaft und Sandel
23.7. 22,7.
23.7. 22.7.
Weitere Kursmeldungen:
27
79'1, 91
101*1, 99
102*|, 98*J,
230 73'1,
358 189 202*1, 151'1. 188-/, 140
Berliner Börsen-Knrszettel
der „Oberhessischen Zeitung".
50*J, 63*), 81’|,
192*/, 128 129 250 136
94*f, 93'1, 94
142'1, 303°,, 162
176 123’J, 114
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7*1, 59’|, 100
97 100*|, 98*J, 101*1, 101’1, 99
102*1, 98*1,
82 96'/.
235 76
356 200*1, 208*|, 154 193’J. 140*1, 110*1, 53’1, 66*1, 81*1,
187*/, 127
127*J, 244‘J, 135*1, 94 95’/, 88*|, 140*1. 199 156*|, 173*,, 121
HO’1, 78
102
88 95'1, 59’|, 7’1,
75
100 97*L 100*|, 98*J,
Ver.8tablw.
Rk>. Stablw. Rh. Braunk. Ilse Bergb.
Dtsch. Erdöl Kaliw. Salz. Kali. Aschrs. Kaliw. West. J.G.Farb.J. Dtsch. Linol. Eold-u.Silb. Metallges. Rütgersw.
Buderus Phil. Holzm.
7e1n Deutsche Re/chsanleihe von 29 6’1, .. 2”
6 % Preußen-Anleibe von 28 Deutsche Abl.-Anl. m. Ausl.-R. Deutsche Abl.-Anl. oh. Ausl.-R. Dtsch. Kom.Sam. Abl.I m.A.-R.
8’/, Kass. Landeskr.-Eoldvsbr. R.10 8*/e berat Eoldschuldverschr. R. 3
8 % Nass. Landesbk. Eoldvfbr. R. 11 8°/«dergl. Eold-Komm.-Obl. R. 8 8 »Jo FR. Syp.-Bk. Eold-Pfbr. R. 13 8 «1. FR. Pfandbr. Gold-Pfbr. E. 15
8 -/, deryl. Eoldschuldverschr. Em. 16
8 °/0 Meming. Hyp.-B. Eoldpfbr. E. 22 8’i.dergl Gold-Kom.-Obl. Em. 21
DarmItBnt Dtsch.B. u.D. Dresdn.Bnk. Reichsbank Commerzbt 7’/^).R.V.A. Hamb. A. P. Nord. Lloyd Allg.EI.-Ees. Siem. & H. Schuckert El. Bergm. El.
Gelsenk. Bb. Harv.Bergb. Phönix Bgb.
Berliner Börsenbericht vom 23. Juli.
Rach dem etwas freundlicheren Verkehr der Gestrigen Frankfurter Abendbörse und des eutigen Vormittaasverkebrs, die jetzt auf Deckungsneigung und den festeren Verlauf der N. P. Börse, an der besonders auch deutsche Staatspapiere auffallender Nachfrage begegneten, zurückzuführen war, machte sich zu Beginn des offiziellen Verkehrs wieder eine stärkere Unsicherheit bemerkbar. An verschiedenen Märkten kam Ware heraus, so dah die Anfangskurse uneinheitlich lagen. Die Unficherheitsfakioren, die wir bereits mehrfach erwähnten, bleiben naturgemäß vorläufig bestehen und scheinen die Kundschaft zu veranlassen, immer noch — besonders vor dem Ultimo — sechs-Mille-weise Pofitionslösungen vorzunehmen. Hinzu kam der plötzliche Tod des bekannten und beliebten Berliner Bankiers und stellvertretenden Vorsitzenden des Berliner Börsenvorstandes, Moritz Lichtenhain, mit dem einer der eifrigsten Förderer der Vörsen- reformbestrebungen dahingegangen ist. Auch die Ausführungen in der gestrigen E. D. der Gelsenkirchener Bergwerks-A.-E. ließen weitere Entlastungen befürchten, da trotz eines starken Förderrückganges die Haldenbestände weiter zugenommen haben. Im Verlaufe traten bei minimalen Umsätzen zunächst verschiedentlich kleine Besserungen ein, dann aber kam es zu einem neuen scharfen Rückgang, um bis zu 3 Prozent. Am Geldmarkt nannte man Tagesgeld mit 254—4%, ganz vereinzelt auch darunter, die übrigen Satze blieben unverändert.
Berliner Deoisenbericht vom 23. Juli.
Helfingfors 10,52%—10,54%, Wien 59,11 bis 59,23, Prag 12,404—12,424, Budapest 73,335 bis 73,475, Sofia 3,033—3,039, Holland 168,29 bis 168,63, Oslo 112,04—112,26, Kopenhagen 112,09—112,31, Stockholm 112,46—112,68, Lon-
HeffenRaffau unt Nachbargebiete
Tragischer Todesfall.
Kassel, 22. Juli. Heute nachmittag gegen 14.30 Uhr stieß ein Pferdefuhrwerk beim Einbiegen in den Hauptweg der Schrebergartenvereinigung an der Schwcmenwiese mit dem linken Hinterrad des Wagens gegen eine dort aufgestellte Fahnenstange. Die Stange fiel nach vorn um und die Kugel, die oben an der Fahnenstange befestigt war, traf den neben den Pferden einhergehenden Gespannführer auf den Kopf und durchschlug die Schädeldecke, sodaß der Fahrbursche wenige Minuten später eine Leiche war.
Auf der Probefahrt i« bett Tob.
Eschwege. 22. Juli. Der 27 Jahre alte Sohn eines Zigarrenfabrikanten aus Effelder unternahm auf der Straße nach Struth eine Probefahrt mit seinem neuen Motorrad. Er verlor die Gewalt über die Maschine und fuhr gegen einen Kilometerstein. Durch den schweren Sturz trug er einen doppelten Schädelbruch davon, der alsbald seinen Tod herbeiführte.
Billiges Fleisch.
Wetzlar, 23. Juli. Wie schon gemeldet, hat der Kampf um das neue Schlachthaus in Wetzlar zu einem heftigen Konflikt zwischen Stadtverwaltung und Metzger-Innung geführt. Um die hohen Abgaben zu umgehen, beziehen die Metzger Fleisch und Wurstwaren von auswärts. Die Innung weift auf die Unmöglichkeit der Schlachthausgebühren hin, die im Interesse des kostspieligen Schlachthausbaues die Existenz der Metzgerschaft bedrohten. Das vom Frankfurter Fleischmarkt bezogene Fleisch verkaufen die Wetzlarer Metzger um 20 Pfennig das Pfund billiger als das Fleisch von in Wetzlar geschlachteten Tieren.
600 Jahre Darmstadt.
Festsitzung im Rathaus itt Darmstadt.
Darmstadt, 23. Juli. Die Stadt Darmstadt steht heute im Fahnenschmuck. Eilt es doch, das 600jährige Stadtjubi- läum zu feiern, allerdings in dem durch die heutigen schwierigen Zeitläufe bedingten ernsten Rahmen. Deshalb hat auch die Stadtverwaltung von allen grö
ßeren Festlichkeiten abgesehen. Am heutigen Vormittag wurde das von der hessischen Spielgemeinschaft gestiftete Denkmal für den Dialektdichter Ernst Elias Nieber- gall auf der „Insel" in der Altstadt enthüllt und von Oberbürgermeister in Anwesenheit des gesamten Stadtrates in die Obhut der Stadt übernommen. Um 12 Uhr fand in dem einfach mit Blumen und Grün dekorierten Saal des Rathauses die Festsitzung des Stadtrates statt, zu der auch zahlreiche Ehrengäste erschienen waren.
Wieder regerer Lahnschiffahrtsverkehr.
Bad Ems, 22. Juli. Die Lahnschifffahrt, die im Monat Mai infolge Auftragsmangels fast ganz eingestellt worden war, sowett das Frachtgeschäft in Betracht kommt, hat sich im Juni wieder in erfreulichem Maße belebt. Die Flotte der Motorlastschiffe wurde sogar um zwei weitere Frachtschiffe vermehrt. Insgesamt wurden im Juni 4196 Tonnen Güter zu Tal und 947 Tonnen zu Berg befördert. Der Personenverkehr war ebenfalls recht umfangreich. Es wurden 354 Motorbootfahrten gezählt und 2135 Sportboote, von denen der größte Teil auf die DKV.-Wan- derfahrt entfällt.
Das Ende der französischen Rheinflottille.
Koblenz, 23. Juli. Samstag vormittag kamen hintereinander, im Anhang von jroet französischen Schraubenschleppern die beiden früheren französischen Kanonenboote, die s. Z. durch die Beschlagnahme einiger Köln-Düsseldorfer Dampfer geschaffen wurden, hier vorbei. Bereits vor Jahresfrist wurde der frühere „Gutenberg", nachher in Rheinstein umgetauft, wieder zurückgegeben, während die beiden andern Dampfer bis vor kurzem noch als französische „Kriegsschiffe", mit Geschützen armiert, auf dem Rhein fuhren. Nachdem nunmehr noch die dritte Zone geräumt wurde hatten die hochgebauten Dampfer kaum noch einen Zweck. So kam denn am Samstag der Rest der französischen „Rheinflotte" talwärts hier vorbei. Zuerst kam die „Loreley", die sonst unter dem Namen „Hoche" fuhr, gleich darauf folgte der „Parsival", den die Franzosen in „Marceau" getauft hatten. Die französischen Namen waren aber schon verschwunden. Mit Oelfarbe waren als Notbehelf die einstigen deutschen Namen wieder aufgemalt worden.
don 20,353—20,393, Buenos Aires 1,518 bis 1,522, New York 4,181%—4,189%, Belgien 58,46%—58,58%, Italien 21,91—21,95, Paris 16,45%—16,49%, Schweiz 81,31—81,53, Spanien 47,74—47,84, Danzig 81,37—81,53, Japan 2,066—2,070, Rio de Janeiro 0,455—0,457.
Warenmärkte
Berliner Getreidemarkt vom 23. Juli.
Weizen 289—286,50, Roggen 162—173, Gerste 174—193, Hafer 174-182, Mais 188, Äteizen- mehl 32—39,75, Roggenmehl 23—25,90, Weizenkleie 10,25—10,75.
Im handelsrechtlichen Lieferungsgeschäft ergaben sich trotz weiterer Interventionen Preisabschläge um 4,50—6,50 M. Weizen lag in den späteren Sichten gleichfalls bis 2,50 M schwächer, Juliweizen verlor infolge der eminenten großen Andienungen und angesichts des verstärken Angebots von Neuweizen zur sofortigen Lieferung 5 M. Weizen- und Roggenmehle werden nur für den laufenden Bedarf umgesetzt, die Gebote lauten niedriger.
ärankfurter Getteidemarkt vom 23. Juli.
teigen 305, Roggen 185, Hafer 185, Weizenmehl 43,50—44,50, Roggenmehl 27—28, Weizenkleie 8,50—8,75, Roggenkleie 8,75.
Pramienmarkt ttt Kirchhain.
Am 5. August findet der erste Prämien- martt der Stadt Kirchhain statt. Insgesamt kommen 241 Tiere zum Markt. Angemeldet sind 49 Kaltblutpferde und 18 Warmblutpferde. Das Fleckvieh wird mit 89 Tieren vertreten sein, an Rotvieh find 64 Tiere gemeldet. Mit dem Prämien- rnartt ist zugleich ein Fohlenmarkt verbunden, der von jedem Fohlenbesitzerohne vorherige Anmeldung beschickt werden kann. Der Fohlenmarkt wird bereits um 7 Uhr vor der Festhalle abgehalten. Der Besuch der beiden Veranstaltungen wird jedermann sehr empfohlen.
---*--—
3)05 FrMurter Mis-MMauun
Freitag, den 25. Juli.
6.00: Morgengymnastik. — Anschließend: Zeitangabe und Wettermeldungen. — 7.30: Konzert des Kurorchesters Bad Soden i. T. — 12.00: Zeitangabe, Wirtschaftsmeldungen und Nachrichtendienst. — 12.15: Wetterbericht. — 12.20: Schallplattenkonzert. — 12.55: Nauener Zeitzeichen. — 13.00: Schalli- plattenkonzert. — 15.55: Gießener Wetterbericht. — 16.00: Konzert des Musikkorps der Freiwilligen Sanitätskolonne Augsburg. — 18.05: Bücherstunde. — 18.35: Schutzimpfungen", Vortrag. — 19.00: Zettangabe, Wettervoraussage und Wittschaftsmeldungen. — 19.05: „Das Rätsel in alten Zetten", Vortrag. — 19.30: Kleine Stücke für Soko- Violoncello. — 20.00: Vorlesung von Ra» bindranath Tagore. — 20.45: Hörerwünsche. — 22.00: Jdlef Koppen liest aus seinem Buch „Heeresbericht". — 22.30: Nachrichtendienst, Spottbericht und Wettermeldung. — — 22.50: „Giganten der Landstraße" aus dem Roman von Andre Reuze. — 23.10: Unterhaltungskonzert.
Geschäftliche Mitteilung.
Wichtig für das Einkochen.
Besorge nur soviel Früchte, wie an einem Tag eingekocht werden können. Nimm lieber ein Pfund weniger, aber verwende nur beste Sorten, die nicht überreif sind. Gläser, Flaschen und Töpfe sind tadellos sauber zu halten, am besten spült man sie vor dem Gebrauch nochmals in heißem JMJ-Wasser, das gleichzeitig desinfizierend wirkt.
— scfumea Jßuub, , am Sonntag.!
Allwöchentlich eine Haarwäsche mit Schwarzkopf- Schaumpon erhält IhrHaar gesund, macht es reizvoll, seidenweich und duftig.
Schwarzkopf Sdiaumpon
(Päckchen 20 Pfg„ „Extra* mit Haarglanz 30 PfgJ
Nachdruck verboten.
Lie Wildkatze"
Roman von Panhuys.
(Copyright 1930 by Verlag Alfred Becht- hold in Braunschweig).
23. Fortsetzung.
Isabel unterbrach sie: „Jetzt verstehe ich, du meinst, in das Gattenhäuschen gibt es Phantasmas. O, das ist 'errlich! Ich 'abe noch nie eine Phantasma gesehen, aber ich 'abe immer gewünscht, eine zu sehen." Sie schüttette sich in komischem Entsetzen. „Ich möchte eine sehen mit Augen von Feuer, und ihre Knochen müssen klappern, und sie muß 'etilen ganz- chüßlich."
Helene Kornelius lachte. Nein, für so ein Gespenst konnte sie sich nun eigentlich nicht besonders begeistern.
„Auf dem Rotbuchhof soll sich etwas ganz anderes zeigen, aber davon erzähle ich dir gelegenüich. Jetzt will ich gleich an Herrn von Brandt schreiben." —--
Lothar von Brandt empfing den Brief, als er sich eben an seinen einsamen Mittagstisch gesetzt hatte, und er vergaß das Essen darüber von der Zukunftsmöglichkeit, die sich ganz plötzlich für ihn zeigte.
Wenn - Isabel Herberts Vater nach Deutschland übersiedelle und den Rotbuchhof ankaufte, bann kam ja das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte, in seine Nähe, und er wollte schon dafür sorgen, daß man gute Nachbarschaft hiell.
Er ließ anspannen. Gleich auf der Stelle wollte er Erkundigungen nach dem Preis des Rotbuchhvfes einziehen.
Er fuhr das Wägelchen selbst und pfiff laut und grell in die schöne Vorfrühlingsnatur hinein:
„Mädel, ruckruckruck
An meine grüne Sette.
Ich bin dir gar zu gut. Ich mag di leide!"
Er pfiff und dachte: „Herrgott, müßte
das schön werden, wenn Isabel Herbert auf dem Rotbuchhof wohnen würde!"
Zwei Tage danach hielt Helene Kornelius schon die Antwott in Händen. Außer dem Preis für den Rotbuchhof, der Wittlich ein annehmbarer war, stand in dem “Brief, wie sehr sich der Herr vom Klosterhof über die mögliche Nachbarschaft freuen würde, und daß man den Rotbuchhof jederzeit gern besichttgen könne. Lothar von Brandt steifte sein Auto zur Verfügung, das zu dem Zweck der Besichtigung die Frau Geheimrätin jederzeit von der Statton holen würde, die gleich weit vom Klosterhof wie vom Rotbuchhof entfernt sei.
Es war ein ungemein liebenswürdiger Brief.
Helene Kornelius gefiel das Schreiben sehr. Sie las es Isabel vor und fand, dah man eigentlich das Gut, das früher ihrer Familie gehött hatte, erst einmal besuchen sollte. Vielleicht sah dott alles gar nicht mehr so aus, wie sie es in der Erinnerung hatte.
Isabel war derselben Meinung.
Lothar von Brandt hatte sie grüßen lassen. Sie freute sich darauf, ihn wieder- zusehen.
Es gab ja nun keine Peinlichkeit mehr zwischen ihnen, seit sie sich die Zwillings- schwester Alice zugelegt hatte.
Helene Kornelius schrieb abermals an Herrn von Brand, und es kam sofort erneut Antwort.
♦
Eines Morgens standen bann die beiden Damen etwas früher auf, sie wollten den Rotbuchhof besichtigen.
Isabel hatte ihr neues, sandfarbenes Frühjahrskostüm angezogen, obwohl es bie Tante für viel zu vornehm für die Eisenbahnfahtt erklärt.
Gegen zehn Ahr stiegen sie auf der kleinen rheinischen Haltestelle aus, und dott erwartete sie auch schon Lothar von Brandt mit dem Auto.
„Ein ungemein netter Mensch!" stellte die Geheimrätin abermals fest, und be-
mettte nicht, wie dieser ungemein nette Mensch Isabel mit einem so bewundernden Blick begrüßte, daß sie daran sofort hätte erfennen müssen, was die Glocke geschlagen hatte.
Es war eine sehr schöne Fahrt in dem bequemen, geräumigen Auto.
Isabel atmete tief bie würzige Lust ein, die von jener lauen Wärme durchsetzt war, die dem Frühling einen so berauschenden Zauber verleiht.
Das erste, noch zaghafte, zarte Grün gab Baum und Strauch den keuschen Schmelz der Reinheit, und die fernen Berge drängten sich zusammen wie Schutz- ntauem, um den wundersamen Frieden der blühenden Landschaft zu hüten.
Man unterhielt sich über den Rotbuchhof. Die Geheimrätin war in einer Erregung wie ein Kind, dem man versprochen hatte, einen Lieblingswunsch zu erfüllen.
Das Lächeln verlor sich nicht von ihrem Gesicht.
Lothar von Brandt dachte, daß es doch Wittlich kaum glaublich sei. daß diese Frau, die sich so sehr freute, das Gut wiederzusehen, wo sie einmal daheim gewesen war, deren Wesen überhaupt einen burchausherzlichen Zug aufwies, so grausam gegen eine Anverwandte zu sein vermochte — wie gegen Isabels Zwillingsschwester Alice.
Isabel sprach wenig. Ihr erging es seltsam. Sie ftihlte heute vielleicht zum ersten Male, fett sie in Deutschland war, bewußt, daß auch in ihren Abern bas Blut der Menschen dieses Landes floß.
Sie sagte aus tiefer Versunkenheit heraus: „Ich verstehe nicht, baß mein Vater ’at gehabt kein 'eimweh, ich glaube, wenn ich wär ’ier geboren, ich Ware nicht so lange geblieben in einem anderen Land."
Ihre Tante sah sie erstaunt an. Meldete sich plötzlich in Isabel das Zugehörig- keitsgesühl für Deutschland so statt, daß sie so dachte? Konnte das so plötzlich über einen Menschen kommen?
Sie nickte ihr zu.
„Auch dein Vater wird ja jetzt von seinem Heimweh zuttickgesühtt werden! — Dir aber muß ich ein Lob erteilen, dein Deutsch hat sich in letzter Zeit sehr gebef« sett. Wenn es dir noch gelingt, bas H am Anfang eines Wortes auszusprechen, ist's beinahe vollkommen zu nennen.
Lothar von Brandt sagte listig: „Wollen wir ein bißchen üben, gnädiges Fräulein?"
Isabel nickte ernsthaft.
Ja, sehr gern, err von Brandt!"
Er lächelte. „Ich 'eiße nicht 'err von Brandt, sondern ich heiße Herr von Brandt. Also, sprechen Sie mir einmal ganz brav nach: Herr!"
Ihre Augen sahen ihn groß an: „Cherr!"
Jetzt lachten alle drei, die Schultern des Chauffeurs zuckten, man merkte, er hatte zugehört und lachte auch.
„Herr! H — h — h — h — Herr!" machte Lothar von Brandt vor.
„H — h — h — Cherr!" kam es aus Isabels Munde.
„Rur nicht gleich den Mut verlieren, gnädiges Fräulein. Also nochmal: Herr!"
Isabel mühte sich vergebens.
„So gelingt es vorbei!" stellte Lothar von Brandt fest. „Sie quälen sich zu sehr mit der Kehle ab. Ganz oben tm Halse sitzt das H." Er sprach mehrmals hintereinander „H", und plötzlich sägte sie klar und rein: „Herr!"
„Fein! Großartig!" lobte er, und Helene Kornelius sagte vergnügt: „Sie haben entschieden große Begabung zum Sprachlehrer, Herr von Brandt, denn ich habe es schon auf alle erdenkliche Art versucht, Isabel dazu zu bringen, den Buchstaben H richtig auszusprechen."
Isabel lachte: „Ich 'eiße nicht 'err von Brandt, sondern ich heiße Herr don Brandt."
Wie drollig sie ihn nachahmte.
Lothar war dabei zumute, als ftteichette ihn die kleine Mädchenhand.
Lorrs etzung folgt.