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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
DerNeWtag MW!
M Antrag »er ö.Pd. auf Aufhebung ter Rolverortnung mH 236 gegen 221 Stimmen nnstnemmen
Der Reichstag tritt heute bereits um 10 Uhr zusammen. Als erster Punkt stehen die Absttmmungen auf der Tagesordnung. Rach den Vereinbarungen wird zunächst Lber das Mißtrauensvotum gegen die Regierung und dann erst über den Anfhebungsantrag abgestimmt werden. Trotzdem ein Teil der deutschnationalen Abgeordneten gewillt ist, für die Regierung einzutreten, und obwohl möglicherweise einige Sozialdemokraten bei der Abstimmung fehlen werden, gilt es allgemein schon jetzt als sicher, daß die Regierung bei dem Mißtrauensan- trag in der Minderheit bleiben wird. Es ist zu erwarten, daß nach der Annahme des Mißtrauensvotums die Regierung sofort vom Reichspräsidenten erneut mit der Führung der Geschäfte betraut und die Auflösung des Reichstages ausgesprochen wird. Die Regierung ist jedenfalls hierzu fest entschlossen und hat die Unterschrift des Reichspräsidenten für. die Auflösung des Reichstages bereits erhalten.
Falls wider Erwarten das Mißtrauensvotum gegen die Regierung abgelehnt werden sollte, wird sofort über den Aufhebungsantrag abgestimmt werden, da die Regierung in diesem Falle die Abstimmung Lber das Mißtrauensvotum mehr als Probe ansehen will. Die Beratungen des Reichstages würden in diesem Falle fortgesetzt werden, um noch die letzte« Gesetze (Polenantrag, Osthilfeabkommen usw.) unter Dach und Fach zu bringe«. Der Reichstag würde dann ord- nungsgemäß am morgigen Sonnabend in die Ferien gehen.
Die Fraktionssitzung der Deutschnaüo- nalen Volkspartei
war erst nach Mitternacht beendet. Es stellte sich heraus, daß die Mehrheit der Fraktion für den sozialdemokratischen Aufhebungsantrag stimmen will. In parlamentarischen Kreisen wird davon gesprochen, daß' eine Gruppe von 20 bis 25 Abgeordneten, darunter Graf Westarp, gegen die Aufhe- bungsanträge stimmen wird. Die vier württembergischen Abgeordneten, die bereits für die Regierung gestimmt haben, sollen aus der Partei ausgeschlossen werden.
Die Aussprache Zwischen Reichskanzler Dr. Brüning und den Vertretern der Deutschnationalen ist als ergebnislos zu betrachten. Die Forderungen, die von Hugenberg und Oberfohren vorgetragen wurden, beziehen sich zum Teil auf Preußen. Brüning hat jegliche Beeinflussung der preußischen Zentrumsfraktion abgelehnt.
Um 9 Uhr tritt im Reichstag die deutschnationale Fraktion zusammen, em ihre endgültige Stellungnahme zum Mitztrauensantrag gegen die Regierung Brüning festzulegea.
Wie wir um 10 Uhr vormittags hören, hat der Abgeordnete R i ch t h o f e n seinen Austritt aus der Deutschnationalen Fraktion und Partei erklärt. Auch eine Reihe weiterer Abgeordneter haben diese Absicht, doch wollen sie sich erst mit ihren Landesverbänden in Verbindung setzen.. Es ist jetzt sicher, daß mindestens 21
deutsch nationale Abgeordnete gegen den Aufhebungsantrag ftimmen werden. Diese Gruppe um W e st a r p hat auch äußerlich bereits die Trennung von der Fraktion vollzogen und wird im Reichstag eine besondere Erklärung abgeben.
Um 10 Uhr begann
die Reichstagssitzuug.
Das Haus ist voll besetzt: die Tribünen sind überfüllt. Als erster Punkt stehen auf der Tagesordnung die Anträge der Sozialdemokraten und Kommunisten auf Aufhebung der Notverordnung zur Deckung des Reichsdefizits.
Abg. Landsberg (Soz.) begründet den sozialdemokratischen Antrag und sucht nachzuweisen, daß Artikel 48 niemals an-
Berlin, 17. Juli. Die Deutschnationale Pressestelle teilt mit:
In Verfolg der deutschnationalen Anfrage, ob der Reichskanzler zu sofortigen Verhandlungen über die politische Gesamtlage bereit wäre, sand in den Nachmittagsstunden eine längere Aussprache zwischen Dr. Hugenberg und Dr. Oberfohren einerseits und Reichskanzler Dr. Brüning und dem von ihm hinzugezogenen Rsichsfinanzmini- fter Dietrich andererseits statt. Von den deutschnationalen Führern wurden die Verhandlungen auf folgender Grundlage und mit folgenden Zielen geführt:
Das Abgleiten Deutschlands in neue schwere Zuckungen kann nur durch Stärkung des rechten Flügels und durch eine '— zwar auf der ganzen Linie arbeitnehmerfreundliche — aber klar antimarxi- sittcke deutsche Freiheits- und Friedens- volitik vermieden werden, die Kultur, Wirtschaft und Finanzen rettet. Zur Erreichung dieses sachlichen Zieles müßte außer einer Umbildung des Reichskabinetts im Sinne der Bildung einer wirklichen Rechtsregierung die Gewähr für eine entsprechende Parteigruppe r u n g und Umgestaltung der Regierung in Preußen gegeben werden.
Zuhören aufgefordert. Daraufhin nimmt Dr. Scholz seinen Platz wieder ein.
Abg. Landsberg betont am Schluß seiner Ausführungen, der jetzt von Brüning geschaffene Präzedenzfall könne die ver- bängnisvollsten Folgen für die Auslegung des Artikels 48 haben. Die Reichsregierung habe die Reichsverfassung mit ihren Verordnungen verletzt und 'damit das Mißtrauen des Reichstages verdient.
Reichskanzler Dr. Wirth
nimmt darauf das Wort und wird von den Kommunisten mit den Rufen empfangen: „Wo steht der Feind? — Der Feind steht rechts!" — Der Minister erklärt er fühle mit dem Abg. Landsberg die Schwere dieser Stunde. Alle Republikaner und ganz besonders die Sozialdemokraten müssen sich aber fragen, ob sie nicht selbst die Schuld daran tragen, wenn dieser Weg beschritten werden müßte.
gewandt werden könne, wie er jetzt durch das Kabinett Brüning angewandt wurde. Artikel 48 dürfte nur angewandt werden, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit wieder herzustellen. Das Kabinett Brüning habe ihn aber benutzt, um auf Wunsch der Volkspartei die Bürger - steuer, und unter Mithilfe der Demokraten eine Getränke st euer einzufuhren. Die Situation werde dadurch beleuchtet, daß eine Regierungspartei, die Wirtschaftspartei, heute die Aufhebung der Verordnung Lber die Getränkesteuer beantragt habe.
Während dieser Rede ist de'r Parteiführer der Volkspartei, Dr. Scholz, an den Reichskanzler Dr. Brüning herangetreten, um mit ihm zu sprechen. Bon den Sozialdemokraten wird dagegen protestiert und der Reichskanzler durch Zurufen zum
Um eine ruhige Verhandlung über die sich hieraus ergebenden Fragen zu ermöglichen, würde die Teutschnationale Volkspartei bereit sein, gemeinsam mit den Regierungsparteien zu beantragen und zu beschließen, daß die Verhandlung und Abstimmung über den Antrag auf Aufhebung der erlassenen Verordnungen auf einen der letzten Septembertage vertagt wird.
Nach einer Aussprache Über diese Anregungen wurde vereinbart, daß der Reichskanzler Mitteilung über seine endgültige Stellungnahme machen würde. Diese Mitteilung erfolgte durch den Staatssekretär der Reichskanzlei in dem Sinne, daß eine Vertagung der B e- schlußfassung über den sozialdemokratischen Antrag nicht möglich erscheine, daß vielmehr die Auffassung dahin gehe, daß eine sofortige Entscheidung zweckmäßig sei. Demgemäß wurde unmittelbar darauf unter Zustimmung der Regierungsparteien der sozialdemokratische Antrag auf Aushebung der Notverordnungen als erster Punkt auf die Tagesordnung der morgigen Reichstagssitzung gesetzt.
Der von der nationalen Opposition gemachte Versuch, die Grundlage für eine Zusammenarbeit zu finden, hat sich damit erledigt.
Wir stehen vor einer Krise des Pariame ntarismus (Unruhelinks, Abg. Wels (Soz.) ruft denrn Redner zu: „Sie verwechfelen immer sich selbst mit dem Parlamentarismus!") Es hat sich doch gezeigt, daß in diesem Reichstag eine Mehrheitsbildung unmöglich ist. (Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten und Rufe: „Brüning will sie ja nicht!").
Ich übernehme die volle Verantwortung für die letzten Maßnahmen der Regierung.
Wer den Artikel 48 anwendet, muß sich in seinem Gewissen prüfen, ob eine Notwendigkeit vorliege. Ich behaupte, daß sie vorliegt und nehme sie auf mein Gewissen. (Beifall im Zentrum, Unruhe links).
(Sortierung siehe £«;te 2.1
Die Beringungen der DenWnMsnalen
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Eine heilsame Wirkung könnte die Lektüre bestimmter ausländischer, Deutschland nicht wohl gesinnter Zeitungen in diesen Sagen auf die Träger des politischen Lebens im Deutschen Reiche ausüben. Das Bild, das beispielsweise polnische Zeitungen von dem Deutschland dieser Tage zeichnen, entspttcht ungefähr den Borstellungen, die man sich von der Geschichte des polnischen Staates in der Zett seines schlimmsten Niederganges macht: finanzielle Mißwirtschaft, Korruption, Parteienhader, Aufspaltung in Dutzende von Interessengruppen, Derzerrung des Gedankens der Vollsvettretung bis zur Groteske, das sind die Sperrzeilen und Aeberschrif- ten polnischer Zeitungen, das ist, wenn auch in sachlicherer Form, der Inhall zahlloser Zeitungsaufsätze auch in Ländern, die Deutschland nicht von vornherein so hoffnungslos feindselig gegenüberstehen wie Polen. Besonders fällt es im Auslande auf, daß die Deutschen anscheinend nicht mehr dazu imstande sind, sich über innere Gegensätze hinweg zu Gedenkstunden gemeinsamen Erlebens eines allen Deutschen gemeinsamen Schicksales zusammenzufinden. Mit der gemeinsamen Fahne ist anscheinend dieses Gemeinempfinden geschwunden, denn das Symbol, das die Einheit der Nation verkörpern soll, ist zum Gegenstand eines fast hofffnungslosen Streites geworden und daher nach außen hm als solches einfach nicht mehr vorhanden. Der Abzug der Besatzungsarmee aus dem Rheinlande war Ursache zu erbittertem inneren Zwist, der sogar zu einer öffentlichen Auseinandersetzung der höchsten Repräsentanten des deutschen Volkes und des preußischen Staates gesühtt hat, weil es ohne diese Auseinandersetzung anscheinend nicht möglich war, die Anlässe des Gegensatzes zu beseitigen. Die Zerstörung des deutschen Ansehens in der Welt durch die erbarmungswürdige innerpolitische Zerrissenheit und Zerklüftung sollte von den.Kreisen und Schichten, die es angeht, nicht so leicht genommen werden. Diese Achtung vor Att und Leistung des deutschen Volkes ist einer der wenigen Deutschland noch verbliebenen Aktivposten.
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Nachdem der Reichsrat gegen das Amnestiegesetz in seiner vorliegenden Form Einspruch erhoben hatte, war man in politischen Kreisen von vornherein der Auffassung, dah es zumindest sehr schwer fallen würde, eine nochmalige Mehrheit im Reichstag für die Vorlage zu finden, nachdem bekanntlich bei der vorigen Schlußabstimmung die Ansichten im Reichstag sehr auseinandergingen. Die Ereignisse haben diese Ansicht bestätigt. Die Vorlage ist jetzt, allerdings in der gleichen Form, als Initiativantrag wieder eingebracht worden, und man bemüht sich, sie beschleunigt zu verabschieden. Angesichts der Tatsache, daß das Parlament am Sonnabend seine Sommerferien Beginnen will, ist aber nicht mehr damit zu rechnen, daß das Begnadigungswerk noch in Kraft treten kann, bevor die Rheinlandfeiern ihr Ende erreichen. Es ist also nicht mehr möglich, diese Liguidatton der Vergangen- hett in Zusammenhang mit den Festlichkeiten in den ehemals besetzten Gebieten in die Wege zu leiten. Dem Vernehmen nach soll allerdings in verschiedenen Kreisen die Auffassung bestehen, daß die Reichsregierung von sich aus in der Lage sei, doch noch eine Möglichkeit zu schaffen, welche die Amnestie zur Tat werden läßt. Näheres hierüber ist jedoch nicht zu erfahren. Sie Situation wird auch dadurch schwierig, daß nach den geltenden Ver- fassungsbestimmungen nach der nochmaligen Lesung des Gesetzes der Reichsrat wiederum mit der Vorlage besaßt wird.. Wie wir erfahren, ist die preußische Regierung nicht gesonnen, ihren Standpunkt, den sie im Reichsrat vettreten hat, aufzugeben. Das endgültige Schicksal der Amnestie