Sonnabend,
den 12. Zll-i 1930
«Öte I-brrhefstsch« Zeittmg" «- scheint sechsmal wöchentlich. Be- zugSpeeiS monatlich 2.20 GM.ans- schNeßl. Znstellnngsgebübr, durch die Post 2v45 GM. Für etwa durch StreS, Maschinendefekt oder elementar« Ereignisse ausfallende «Summern wird kein Ersatz gewistet. Verlag Dr. §. Htheroth. Druck der Unib.-Buchdruckerei Ach. Ang. Koch, Markt 21/23 Fernst, reiher: Nr. 54. «. Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. — Sprechzeit der. Redaktion von 10—11 und
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die
Ein sozialdemokratischr Antrag, den Zu-, schlag zur Einkommen st euer von 5 auf 10 Proz. zu erhöhen, wurde gegen die Stimmen der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten bei Stim
mengleichheit abgelehnt.
Angenommen wurde ein deutsch- Nationaler Antrag, wonach die Be- meffungsgrundlage für den Steuerabschnitt zwar die 1929 endgültig veranlagte Einkommensteuer sein soll, aber die bis 1- Juli 1930 fortgefallenen Sonderzu- Wäge und Besatzungszulagen bei der Eteuerberechnung abgezogen werden Muffen.
Stark umstritten war die Frage, ob der Zuschlag zur Einkommensteuer für die Einkommen von mehr als 8000 Mark auch dann voll erhoben werde» solle, nachdem von demselben Zensi- teu bereits die Neichshilfe entrichtet worden ist.
Die Abgg. v. Lindeiner-Wildau Nristl.-nationale Arbeitsgemeinschaft) u. « ch m i d t-Stettin (Dntl.) wollten durch besondere Anträge vermeiden, daß die- Migen Personen, die gleichzeitig die ^ichshilfe und den Einkommensteuerzu- schlag zu bezahlen haben, von einem Teil ihres Einkommens dadurch eine dop-
Im Steuerausschuß des Reichstages wurde gestern bei der Fortsetzung der Beratung des Reichshilfegesetzes eine sehr wesentliche Aenderung beschlossen, die
das in der Moldenhauerschen Vorlage enthaltene Notopfer der Angestellten mit höhern Gehältern wieder hergestellt.
Mit den Stimmen der SoziaIdemost r a t e n, der K o m m u n i st e n, der Bayrischen Volkspartei, der Wirtschaftspartei und des Zentrumsabgeordneten Dr. Föhr wurde ein Antrag der Bayerischen Volkspartei und der Wirtschaftspartei angenommen, wonach zur Reichshilfe auch herangezogen werden
„soustige Personen, denen Einnahmen im Siune des Paragraphen 36 Absatz t des Einkommensteuergesetzes zufließen. mit diesen Einnahmen, wenn sie den Betrag von 8400 NM. jährlich übersteigen, und wenn es sich nicht um Personen handelt, die für den Fall der Arbeitslosigkeit pflichtversichert sind.«
Mit der gleichen Mehrheit wurde ein Antrag der Wirtschaftspartei und der Bayerischen Volkspartei angenommen, der in die Reichshilfe einbezieht Tantiemen „ber Mitglieder des Aufsichtsrats (Derwaltungsrats) von Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaften auf Aktien, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Genossenschaften und von sonstigen Kapitalgesellschaften und Personenvereinigun- gen des privaten und des öffentlichen Rechts, bei denen der Beitragspflichtige nicht als Unternehmer (Mitunternehmer) anzufehen ist".
Ein Antrag Coloffer (Wirtschafts- Partei), auch die Gewerkschaftssekretäre und Syndici der Arbeitgeberorganisationen unter die Reichshilfe fallen zu lassen, wurde gegen die Stimmen der Wirtschastspartei abgelehnt.
Die Abstimmung über einen Antrag Steinkopf (Soz.), der von der Reichshilfe nur diejenigen Behördenangestellten erfassen lassen will, deren Stellung ebenso gesichert ist, wie die der Beamten, ist vorläufig zurückgestellt worden.
p e l t e Steuer zahlen. Die Anträge besagten, daß entweder die gezahlte Reichshilfe auf den zu zahlenden Einkommen- steuerzufchlag angerechnet werden müsse, oder daß diejenigen Personen, die bereits durch die Reichshilfe in Anspruch genommen sind, nicht mehr mit dem Einkommensteuerzuschlag belastet werden dürfen.
Die Regierung wies an Hand verschiedener Beispiele nach, daß derartige Manipulationen der Errechnung von Steuern, besonders in den sog. Grenzfällen zu außerordentlichen Schwierigkeiten und damit zu einer großen Belastung des Steuerpersonals führen würden.
Die Antragsteller zogen deshalb zunächst ihre Anträge zurück, betonten aber, daß sie die Idee hierzu aufrecht erhalten und ihre Anträge so formulieren werden, daß eine leichtere Ausführung möglich ist.
Der Vorsitzende stellte fest, daß bei der großen Schwierigkeit der Materie eine zweite Lesung im Ausschuß notwendig sein wird.
Weiterberatung am Sonnabend.
Zu dem Beschluß im Steuerausschuß des Reichstages über die Einbeziehung der Privatange st eilten in die Reichshilfe erfahren wir.
Das SöuglinMttben in Lübeck
EmWomlle MAllungen des SnwiuchunMUSichuW
Berlin, 11. Juli. Der parlamentarische Untersuchungsausschuß, den die Lübecker Bürgerschaft zur Aufklärung des Säuglingssterbens eingesetzt hatte, hat seine Untersuchungen abgeschlossen und ihre Ergebniffe in einem längeren Bericht zusammengefaßt. Es handelt sich dabei wie der „Abend" meldet, um mehrere sensationelle Feststellungen.
Der Bericht des Ausschuffes kritisiert zunächst die Tatsache, daß man die Calmette- Impfungen trotz der Warnung des Reichsgesundheitsamtes in Lübeck einführte, wovon dem Reichsgesundheitsamt nicht einmal Mitteilung gemacht wurde. Medizinalrat A l t st ä d t hat, so heißt es dann weiter, bei dem einführenden Vortrag vor seiner Behörde von dieser Warnung des Reichsgesundheitsamtes überhaupt nichts erwähnt. Bei der Durchführung des Verfahrens beschränkte man sich denn auf eine intensive Propaganda und setzte für jedes geimpfte Kind eine Reichsmark aus.
Das Unheil selbst war in seiner Größe nur möglich infolge Fehlens jeder ärztlichen Kontrolle über die Wirkung der Fütterung.
lleber die Behandlung der Vazillenkul- turen stellte der Ausschuß fest, daß die Angaben des Professors Deyke nicht stimmten, daß vielmehr die Kulturen auf festen und auf flüssigen Nährböden gezogen wurden und daß diese Kulturen teilweise in demselben Brutschrank aufbewahrt wurden, wie die giftigen Menschentuberkelkulturen. Dem Vertreter des Reichsgesundheitsamtes waren über diesen Punkt von Profesior Deyke dieselben falschen Angaben gemacht worden wie dem Ausschuß. Der Ausschuß kommt zu dem Resultat daß bei diesem Durcheinander verschiedener Kulturen die verhängnisvolle Verwechselung passiert sein muß, und erklärt sich auf diese Weise den tragischen Verlauf der Lübecker Calmette- Behandlung.
Aufgrund weiterer Feststellungen kommt der Ausschuß zu der Schlußfolgerung, daß bei genügender Wachsamkeit aller Instanzen die verhängnisvolle Wirkung mindestens drei Wochen früher festzustellen war, und daß zahlreiche Kinder der tödlichen Schädigung entgangen wären.
Am 26. April 1930 wurde Fütterungstuberkulose als Todesursache eines Kindes — es war der dritte Todesfall — als Folge der Calmettefütterung eindeuttg festgestellt.
Deyke ließ daraufhin de« Impfstoff wegschütten. Es ist jedoch festgestellt, daß von früher ausgegebenem Impfstoff auch nach dem 26. April gefüttert wurde, und zwar nicht nnr in der Stadt, sondern auch im Krankenhaus selbst.
Professor Deyke benachrichtete Obermedizinalrat Altstädt und teilte ihm mit, daß er angeordnet habe, die Calmette-Impfung in aller Stille durch ein anderes harmloses Verfahren zu ersetzen. Weder Eltern, noch Hebammen, noch Aerzte wurde von dieser Maßnahme verständigt. Es wurden noch insgesamt 27 Kinder nach der Feststellung der Tödlichkeit des Mittels geimpft. In der ganzen Zeit vom 26. April bis zum 14. Mai wurde nichts unternommen, um die Zahl der Erkrankungen festzustellen, und nichts, um den erkrankten Kindern die fast durchweg unter falscher Diagnose behandelt wurden, zu helfen.
Dem Ausschuß scheint das Verhalten der verantwortlichen Aerzte nach der Festellung er ersten Todesfälle weitaus am verhängnisvollsten. Heber die Gründe, weshalb Prof. Klotz seinem Vorgesetzten, Prof. Deyke, über den verhängnisvollen Lauf der Angelegenheit keinerlei Mitteilung machte, konnte der Ausschuß keine objektiven Feststellungen treffen.
daß wahrscheinlich schon bei der zweiten Lesung im Ausschuß dieser Beschluß wieder umgestoßen werden dürfte.
Sollte dies jedoch nicht gelingen, so ist bestimmt damit zu rechnen, daß das P I e-- num den Beschluß mißbilligen wird. Auch die Reichsregierung wird sich für Aufrechterhaltung ihrer Vorlage einfetzen, die die Privaiangestellten von der Reichshilfe ausschließt.
Berlin, 11. Juli. Die demokratische Reichstagsfraktion hat im Reichstag einen Initiativgefetzentwurf eingebracht, wonach die Gemeinden verpflichtet find, vor
der Erhöhung anderer Steuern eine Steuer auf den örtlichen Ausschank von Getränken mit Ausnahme von Milch zu erheben. Ferner wird die demokratische Fraktion bei den weiteren Beratungen über die Deckungsvorlagen dafür eintreten, daß die Reichshilfe ausgebaut wird in ein Notopfer aller Leistungsfähigen. Das gleiche, zeitlich begrenzte Notopfer der Beamten soll auch von allen übrigen Einkommen über 8400 erhoben werden. Der besondere Einkommensteuer- zuschlag würde unter diesen Umständen fortfallen. Auf diese Weise kann die Reichshilfe vielleicht von 2,5 auf 2 Proz. gelenkt werden.
SnscSiüitgd
Reichskanzler Brüning empfing, einer Meldung des „B. S.“ zufolge, gestern nachmittag die Führer der Sozialdemokra- ten, den früheren Reichskanzler Hermann Müller und den Abgeordneten Dr. Breitscheid. Er berichtete ihnen über die Emwicklung der Dinge beim Deckungs- Programm. Später empfing der Reichs- kanzler den volkspatteilichen Abgeordneten Dr. Hoff. Es handelte sich hierbei vor allem um die taktische Frage, auf welchem Wege die sogenannten Ergänzungsanträge der Parteien zum Finanzprogramm (Kvpf- steuer usw.) am zweckmäßigsten einzu- bringen wären, ob noch im Steuerausschuh oder erst im Plenum. Wie das Blatt weiter wissen will, beabsichttgt der Preu-! ßische Finanzminister Dr. Höpker - Aschoff im Steuerausschuß des Reichstages die Kopfsteuer persönlich zu bem kämpfen.
Die Parteien haben bekanntlich zu Sen Deckungsvorlagen der Regierung eine Reihe von Abänderungsvorschlägen vorgebracht, die durch ihre Mel- seittgkett nicht geeignet sind, die an sich schon sehr schwierige parlamentarische Lage zu verbessern. Die Wünsche der einzelnen Patteien sind sehr vielseittg und gehen in ihren Grundtendenzen zum Teil auseinander, was ihre Behandlung sehr erschwert. Seitens der Demokratischen Partei wird festgestellt, daß man geneigt ist, das Gesamtprvgramm anzunehmen, hier aber bestehen Bedenken gegen die Kopfsteuer. Die Abwandlungspläne der Demokraten gehen dahin, diese Steuer zu einer Bürgerabgabe verbunden mit einer Schankverzehrsteuer für die Großstädte zu machen. Wenn dieser Antrag im Parlament keine Annahme findet, so wollen die Demokraten gegen die Kopffteuer stimmen, gleichzeittg aber für die Abänderung des § 163 des Arbeitslosenversicherungsgesetzes. Da aber die Kopfsteuer dann der Ablehnung verfiele, würden sich wieder für die Deutsche Bolkspartei Schwierigkeiten ergeben. Bezüglich der Stellungnahme dieser Partei verlautet, daß sie unter gewissen Boraussetzungen bereit sein soll, für den demokratischen Antrag einzutreten. Im großen und ganzen berfennt man in politischen Kreisen nicht die Schwierigkeiten, die augenblicklich bestehen, glaubt aber doch, sie überwinden zu können.
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Ein Gesunder kann sich schlecht in den Seelenzustand eines Kranken hineinversetzen. Ein wieder ruhig und gesund gewordenes Bolk vermag kaum noch die Taten zu beurteilen und zu werten, die im Fieberzustand des Gesamtvolles geschehen find. And wer möchte bezweifeln, daß sich das deutsche Boll in den Jahren zwischen 1918 und 1924 in einem Zustand innerer Revolutionierung und geistiger Erschütterung befunden hat? Es war daher ein erfreuliches Bild, ausnahmsweise einmal im Reichstag sämtliche Patteien bis auf die Sozialdemokraten geschlossen für die Amnestie eintreten zu sehen. Mit einer überwältigenden Zweidrittelmehrheit wurde der Am- neftieantrag der Regierung Brüning angenommen. der nichts weiter bezweckte, als den innerdeutschen Tätern von gesetzwidrigen politischen Handlungen die gleiche Freiheit zu geben, wie es durch das ^ein- land-Abkommen mit den separatistischen Berrätern geschah. Wenn Demokraten und Rattonalsozialisten. Kommunisten und Deutschnattonale ihre Bedenken zurückstellen und in einer Sache einig gehen, sollte auch die Preußenregierung ihre Einwände fallen lassen und endlich den großen Schlußstrich unter eine Zeit ziehen, Sie nun einmal vorüber ist und die zu verstehen uns heute schwer fällt. Der Reichstag wird sich in den nächsten Tagen nochmals mit der Amnestievorlage und dem Reichsratseinspruch beschäftigen. Die Entscheidung liegt nun bei den Kommunisten, die jedoch selbst ein Interesse an der Amnestie