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Zeitung

MarkUMr

Llmdeszritms

Anzeiger für (das frühere kurhesfifche) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekannlmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

Furchtbare Grubenkatastrophe

Bisher 81 Tote geborgenWeitere 70 Bergleute sind eingeschlossen und gelten als verloren

Die Rettungsarbeiten sind eingestellt worden

SonmrStm, toi 10. Mi 1930

Rr.m 65.3nf)te. MMbwg ll-LllSN

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Auf dem Kurt-Schacht der Wenzeslaus- grube in Hausdorf im Neuroder Revier erfolgte gestern mittag in der zweiten und dritten Sohle ein starker Kohlen» säurenansbruch. In den Setroffe- nen Teilen der Grube befanden sich zwei Steigerabteilungen, von denen die eine aus 108 Leuten und die andere aus 83 Mann bestand. Den fieberhaften Rettungsarbeiten der Bergungsmann- schaften der umliegende« Gruben und der Hauptrettungsstelle Waldenburg gelang es bis 21.15 Uhr. 67 Tote zu bergen. Weitere 48 Personen, darunter der größte Teil mit Vergiftungserscheinungen, wur­de« in das Waldenburger Lazarett sin- geliefert. Man hofft, die meisten der noch eingeschlossenen Bergleute, deren Schicksal allerdings noch völlig ungewiß ist, zu ret­ten.

Die Rettungsarbeiten

Die Rettungsarbeiten auf dem Kurt- Schacht der Wenzeslausgrube bei Neu­rods find in vollem Gange. Indessen hat man um y2l Uhr morgens noch keme wei­teren Nachrichten über das Schicksal der noch in den Schächten befindlichen 75 Bergleute. Die Rettungsarbeiten gestal­ten sich überaus schwierig, da die Kohlensäure das Vordringen den Ret­tungsmannschaften stark behindert. Nach einer Mitteilung der Direktion der Grube sind die Rettungskolonnen bisher noch nicht zu der Stelle gelangt, wo der Gas­ausbruch vermutlich stattgefunden hat. Ueber die Aussicht, die Eingeschlossenen noch lebend anzutreffen, äußert sich die Direktion in der Mitteilung sehr pessi­mistisch.

Leber

die Ursache der Katastrophe wird bekannt, daß der Ausbruch der Koh­lensäure vermutlich durch einen Spreng- fchutz ausgelöst worden ist, der ein Gas­netz öffnete. Die Gase verbreiteten sich mit ungeheurer Geschwindigkeit im ganzen Revier. Die vor Ort arbeitenden Berg­leute stürzten sofort besinnungslos zusam­men, nur einige von den Schleppern, die weiter entfernt von der Unfallstelle ar­beiteten, konnten sich retten und die Be­legschaft der Nachbarreviere alarmieren. Sofort wurden die Wettertüren zu dem Unglücksrevier abgedichtet, aber auch in dem Nachbarrevieren erlitten eine ganze Anzahl von Leuten Gasvergiftungen.

Zu der Katastrophe auf dem Kurt- Schacht in Hausdorf wird uns von einem Vertreter des Oberbergamtes u. a. mitge­teilt: Das Neuroder Revier ist durch Kohlensäureausbrüche besonders ge­fährdet. Die von der Bergbehörde da­gegen getroffenen Maßnahmen haben sich m vielen Fällen bewährt. Der gestrige Ausbruch im Kurt-Schacht war aber von einem Ausmaß, wie er bisher in euro­päischen Revieren überhaupt noch nicht beobachtet wurde. Der Säureausbruch erschwert leider auch die Bergungsarbei­ten, weil die Rettungsmannschaften selbst außerordentlich gefährdet werden.

Ueber 70 Tote geborgen

ft. Ne rode, 10. Zli. 5.30 Uhr früh. Im Laufe der Nacht konnten noch einige weitere Leichen geborgen werden, sodaß sich die Zahl der bisher geborgenen To­ten auf 70 beläuft.

Ungefähr 80 Personen find noch ein- geschlofien und es besteht keine Aus­sicht. sie noch lebend zn bergen.

Die Entgasung ist zur Zeit noch nicht be­endet, sodaß auch die Ursache der Kata- strovhe noch nicht feftgestellt werden kann.

Ueber die Vergwerkskatastrophe erfah­ren wir von zuständiger Seite folgende Einzelheiten: Der Kohlensäureausbruch auf der Kurt-Schacht-Anlage der Wenzes-

Das Waldenburger Bergbaugebiet ist wieder einmal von einer furchtbaren Bergwerkskatastrophe heimgesucht worden. Wieder einmal hat ein großer Teil von Vergwerksarbeitern das Leben eingebüßt. Wiederum trauern viele um ihren Er­nährer, den Vater, den Sohn.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von dem schrecklichen Ereignis durch die Stadt. Vor den Toren der Grube sammelten sich Hunderte von Menschen, Angehörige, Neu­gierige die von dem Ausmaß des furcht­baren Unglücks nicht die geringste Ahnung hatten. Erst nach und nach sik- kerte durch, was geschehen war, daß 191 Arbeiter, von dem Element überrascht, seit Stunden von der Außenwelt abge­schnitten sind. Furchtbare Szenen spielen sich ab. Mütter schreien nach ihren Söhnen, Frauen nach ihren Man­nern und Kinder nach ihren Vätern. Ein furchtbares Bild, das kaum zu schildern ist Von Minute zu Minute steigert sich die Erregung, doch weiß noch niemand genau, was geschehen ist, Schließlich er­scheinen Rettungsmannschaften mit Trag­bahren Von weitem sieht, man sie, ohne zu wissen, ob ihr Rettungswerk lebende oder tote Menschen zu Tage gefördert hat. Weiter vergehen Minten der Ungewrg-

, 81 Tote geborgen

ff. Neurode, 10. Juli. Im Laufe des Vormittags sind weitere Tote gebor­gen worden, sodaß

die Zahl der geborgenen Toten bis jetzt 81 beträgt.

Gegen Morgen wurde mit dem Ret­tungswerk wieder begonnen. Zwei Ret­tungstrupps gingen ans Werk und versuch­ten in zwei Gruppen von Mölke aus vor­wärts zu stoßen; aber vorläufig ist man nicht weiter gekommen, im Ge­genteil, die Gase haben sich weiter ver­breitet.

Noch lange nicht ist der Fuß der Strebs, also der Eingang des Un­glücksstollens, von den Rettungsmann­schaften erreicht.

Man rechnet jetzt damit, daß nicht vor Nachmittag oder Abend die Bergung der Eingeschlossenen gelingen wird.

laus-Erube in Hausdorf bei Neurode er­eignete sich gestern Nachmittag 16.05 llhr während der Arbeit und zwar rn der 17. Steigerabteilung. Betroffen sind zwei Steigerabteilungen, die 17. und 18. Abteilung mit zusammen 200 Mann. Von ihnen sind

aller Wahrscheinlichkeit nach 145 der Katastrophe zum Opfer gefallen.

Lebend geborgen sind 56 Mann. Die ge­samte 17. Steigerabteilung von 83 Mann ist voraussichtlich ums Leben gekommen. Die Rettungarbeiten mußten einige Zeit unterbrochen werden, weil erst die Entga­sung der Abteilung vorgenommen werden mußte. Die Rettungsarbeiten werden aber noch heute früh fortgesetzt werden.

heit Wiederum kommen Rettungsmann­schaften. Bald erfährt man, daß Wieder­belebungsversuche im Gange sind. Zu Tage geförderte Menschen geben kein, Le­benszeichen mehr von sich. Sie sind tot. Die Ungewißheit wird zur Gewiß­heit daß viele ihr Leben haben lassen müssen. Immer wieder erscheinen Ret­tungsmannschaften mit ihren Tragbahren. Von Stunde zu Stunde wird die Zahl der Toten größer, und größer wird Kummer und Gram vor den Toren der Grube. Erst waren es 10 Tote, dann 18, eine halbe Stunde später bereits 30. Je weiter die Rettungsarbeiten fortschreiten, desto größer wird die Zahl der Todesopfer. Abends gegen 9 Uhr sind es bereits 50 Tote. Rettungsmannschaften kommen und gehen. Sie kommen und bringen Tote. So steigert sich die Zahl von 55 auf 60, von 60 auf 80. Vor den Toren herrscht ein herzzerreißendes Bild. Frauen und Kinder fallen in Ohnmacht, oder ver­fallen in Schreikrämpfe und geben ihrem Schmerz durch laute Rufe Ausdruck.

Abends 10.15 Uhr sind 67 Tote gebor­gen. Viele Tote müßen aber noch unter der Erde liegen. Vor den Toren vergrö­ßert sich die Menschenmafle, die immer noch Hoffnung hat, daß einige Menschen lebend geborgen werden.

Sich selbst geopfert

Ueber die Ursache des Unglücks weiß man auch jetzt nur, daß es sich um einen Kohlensäureausbruch von ungeheurem Ausmaß handelt. Weithin vernehmbar war der dumpfe Knall, sodaß die an Koh­lensäureausbrüche gewöhnte Bevölkerung jähes Entsetzen überfiel. Die Bergleute, die nach getaner Arbeit im Kreise ihrer Familien oder Kameraden weilten, stürz­ten eilig nach der Grube. Der Alarmruf ertönte. Der Steiger Schwerdtner von der 17. Abteilung fuhr seiner Abtei­lung sofort nach, um noch zu retten, was zu retten war, aber er konnte nicht hel­fen. Als erstes Todesopfer wurde er selb ft geborgen. Der Steiger Hoffmann geriet bei dem Rettungsversuch in eine Starkstromleitung und fand gleichfalls den Tod.

Die Bevölkerung ist verzweifelt.

i Fest an keinem Haus ist der Todes- I engcl vorübrrgsgangen.

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Ein Bild des Grauens

Tote, nur Tote werden geborgen

Hier beklagt man zwei, dort drei Tote, da sind es sogar 8. Die Wöchnerin, die entbindet, ruft nach ihrem Mann, der den Tot fand. Viele hat das Leid stark, ge­macht. Sie schließen sich in ihre Hauser ein; andere gehen mit tranenbefeuchtetem Gesicht durch die nächtlich Men Straßen von Hausdorf. Es ist ein Bild des Elends und Jammers, das die an sich schon an Not und Elend gewohnte Bevölkerung be­troffen hat. Vor dem Kriege betrug die Belegschaft des Kurt-Schachtes, des Un­glücks chachts, 1400 Mann. Nach dem Kriege setzten die Entlastungen ein, setzte die Not ein.

Noch vor kurzem find 400 Bergarbei­ter entlasten worden.

Einige der Vernglückten standen vor der Entlastung. Sie wußten davon und nun hat sie doch das Bergmannslos ereilt.

Niemand war auf das Unglück vorbe­reitet Da immer mit der Gefahr der Kohlensäureausbrüche gerechnet wurde, hatte man sich auf sie eingestellt und sie allmählich reguliert. Man sorgte durch das maschinelle Schrämverfahren, em Entlüftungsverfayren, für das Abziehen der Gase, oder man brachte durch Erschüt- terungsschüste mittels elektrischer Fern­zündung die Gase rechtzeitig zum Ent­weichen.

Noch am Sonntag Hat man die Grube durch das Erfchütterungsfchietzen ge­

reinigt.

sodaß niemand an die Möglichkeit eines Kohlensäureausbruches dachte, und nun haben sich die Naturgewalten als stärker erwiesen. Fest steht, daß der Kohlen- säureausbruch auf dem Kutt-Schacht m Hausdorf, einem Nebenschacht, auf dem zur Zeit nur Deputatkohle gefördert wird, erfolgte, daß er aber dann mit un­geheuerer Schnelligkeit nach Mölke, dem Hauptschacht, zueilte.

Die Rettungsarbeiten eingestellt

ft. Neurode, 9.Juli, 9Ahr vormit­tags. Erst heute ist es möglich, einen kla­ren Aeberblick über die (Situation auf dem von dem Kohlensäureausbruch betroffenen Schacht der Wenzeslausgrube in Haus- dorf zu gewinnen. Von der 192 Mann starken Belegschaft der Abteilungen 17 und 18 konnten bisher, wie bereits gemeldet, nur 49 gerettet werden, die im Neu- rvder KnappsckastSlazarett Aufnahme fan­den und für die nach ärztlicher Ansicht keinerlei Lebensgefahr besteht. An To­ten sind 81 geborgen. Die bisher noch nicht über Tag befördert werden konnten, befinden sich in der Abteilung 18, die vollkommen unter Kohlen­säuregas liegt, weshalb die Ret­tungsarbeiten nachtsuml2Uhr abgebrochen wurden, da ein wetteres Vordringen der Rettungsmannschaften mit Lebensgefahr verbunden war.. Die Leitung der Rettungsaktion ist der Ansicht, daß

sämtliche noch unter der Erde befind­lichen Bergleute als tot zu betrachten seien. Es ist demnach anzunehmen, daß die Zahl der Todesopfer 150 be­tragen wird. Im Laufe des Vormittags sind aus Berlin Vertreter des Ministeri­ums in Hausdorf angekommen, um die Untersuchung zu leiten. Wann es mög­lich sein wird, die Rettungsarbeiten fort- zusetzen, steht zur Zeit noch nicht fest, da erst der Versuch unternommen wer«n