Montag, ten 7.8U1I1930
Di« ^»«hessisch« Zrttlmg" et- sch«int sechs««! wöchentlich. De- zug«P«ri^ monatlich 2220 GSLa««. schließl. ZikstrlliMK«g«bühr, durch M« Post 2^5 GM. Für etwa durch Streik, Waschinendef«kt oder «k* metttai« Ereignisse auffallende Nummern wird kein Ersatz ge*« leistet. Verlag Dr. §. Httzeroth.^ Druck der lluid.-Buchdruckerek Iah. Aug. Koch, Markt 21/23^ Fernsprecher: Rr. 54. tu Nr. 55> Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. W. Rr. 5015. — Sprechzeit btt Redaktion von 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere kurhesfische) Oberhesse«
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Erklärungen Müller Sr. fiocnteß - Sns SnlmeNe MiNel mMunlchäblich - Scrunttinigungcn in Lübeck?
Berlin, 5. Juli. Direktor Professor Dr. Haendel vom Reichsgesundheitsamt, der sich gemeinsam mit Professor Dr. Lange vom Robert-Koch-Institut im Auftrage der Lübecker Behörden län- K Zeit in Lübeck aufgehalten hat, um ittlungen über das Lübecker Säuglingssterben anZustellen, erklärte vor Vertretern der Presse etwa folgendes:
Es lägen noch keine abschließenden Ergebnisse über den Grund des Säuglingssterbens vor. In Lübeck seien weder von den in Frage kommenden Aerzten noch von den sonstigen Stellen Vertuschungsversuche gemacht worden. Richtig sei, daß Professor Deycke sogenannte Auf- chwemmungen (gebrauchsfertige Jmpf- toffe) vernichtet habe, Kulturen seien je- >och von ihm nicht beiseite geschafft warfen. Alles sonstige Material, das die »eiben Berliner Herren für die Unter- uchung notwendig gehabt hätten, sei hnen bereitwilligst zur Verfügung ge- tellt worden, sogar noch Reste von Impf- toffen. Am 26. April sei in Lübeck der erste Säugling gestorben, bei dem Prof. Deycke Verdacht gehabt habe, daß der Tod im Zusammenhang mit der Gal« mette-Fütterung stehen könnte. Er habe aber angenommen, daß es sich um einen einzelnen Unglücksfall handele und daß eine Bedrohung sämtlicher mit dem Cal- mette-Präparat gefütterten Säuglinge nicht in Frage komme. Damit weiter kein Schaden entstehe, habe er die bereits im Laboratorium fertig gemachten Impsstoffmengen vernichten lassen,
habe aber vergeffen, die in Privathand (Privatärzte und Hebammen) befindlichen Jmpsmengen einzuziehen.
Es habe sich dabei um etwa 10—12 Portionen gehandelt, die schon mit Galmette gefütterte Kinder erhalten hätten. Im übrigen habe Profeffor Deycke sofort an
Lübecker Gesundheitsamt von dem Todesfall und feinem Verdacht M el- dun g g e m a ch t. Er habe weiter sogenannte Scheinfütterungen mit absolut unschädlichen Präparaten vornehmen lassen, um die Eltern der behandelten Säuglinge nicht zu beunruhigen.
Die Untersuchung der beiden Berliner Herren sei nach drei Richtungen hin gegangen:
t. ob die Galmettekulturen, die in Lübeck schon seit einem Dreiviertelsahr weitergezüchtet worden seien, eine Steigerung der Virulenz erfahren hätten. Die Gefundheitsbehörde halte eine solche Steigerung immer noch für möglich. Die Untersuchung darüber sei aber noch nicht abgeschloffen. Bei zweijährigen Versuchen im Reichsgesundheitsamt sein keine Steigerung der Virulenz des Galmette- Präparates festgestellt worden. Voraussichtlich würden die weiteren Untersuchmrgen ergeben, daß auch bei den Lübecker Präparaten keine Steigerung vor- hege;
2. ob Verwechselungen der Kultur e n vorgekommen seien. Auch diese Untersuchungen seien noch nicht abge- ichloffen. Es werde ungefähr noch vier Wochen dauern, bis ein endgültiges Ergebnis vorliege. Es fei zu hoffen, daI »res dann auch die Aufklärung über dre dedauersichen Todesfälle ergeben werde;
3. ob eine eventuelle Verunreinigung der Galmette-Kultur bezw. eine Permengung der Ealmette-Kultur mit virulenten Tuberkel- oder anderen Kul- mren vorgekommen fei. Auch dies ^rde noch weiter nachgeprüft werden.
Die Untersuchungen ständen jetzt auf einer kritischen Höhe und es sei anzu- lehinen, daß
innerhalb von vier Wochen sämtliche Punkte geklart
worden seien. Wie den Berliner Herren in Lübeck erzählt worden sei, hätten zwischen Prof. Klotz, dem Direktor der Kinderklinik und Profeffor Deycke persönliche Spannungen bestanden. Er, Professor Haendel, glaube jedoch nicht, daß diese Zwisttgkeiten Einfluß auf die bedauernswerten Vorgänge gehabt hätten.
Der Reichsgesundheitsrat sowie das Reichsgesundheitsamt hätten im Jahre 1927 zu der Ealmette-Fütterung eine warnende Stellung eingenommen. weil zu befürchten gewesen sei, daß die Kulturen wieder virulent werden könnten.
Die Warnung habe verhüten sollen, daß eine Fütterung mit Ealmette-
Präparaten im großen vorgenommen werde.
Sie habe aber nicht verhindern wollen, daß einzelne Aerzte das Galmette-Prä- parat anwendeten. In Deutschland sei, außer in Lübeck, in Berlin, Breslau, in der Eifel und in Ostpreußen Galmette- Präparat ohne schädigende Wirkung verfüttert worden, aber nur bei ausgesuchtem Kinder material. Das Reichsgesundheitsamt stehe über die Lübecker Vorgänge mit Profeffor Galmette in Paris ständig in freundschaftlichem Briefwechsel. Infolge des zweisprachigen Briefwechsels sei es jedoch vorgekommen, daß Professor Galmette Verschiedenes anders aufgefaßt habe als es von deutscher Seite gemeint worden sei. ’cg seien daher von feiten Professor Gal« mettes unrichtige Meldungen in die Presse gegeben worden. Das Reichsge-
Briand
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Paris, 5. Juli. Dir Agentur Havas teilt mit, Außenminister Vriand habe gestern mit dem deutschen Botschafter von Soesch über die von der Presse berichteten Zwischenfälle «nd Störungen der Ordnung gesprochen, die nach dem Abzug der Be- fatzungstruppen in gewissen Städten des Rheinlandes vorgekommen feien. Sie stünden im Gegensatz zu den Bereinbarungen, die die alliietten «nd deutschen Behörden getroffen hätten, um allen Repressalien gegen die Personen vorzubeugen, die zum Besatzungskorps m Beziehungen gestanden hätten. Vriand habe andererseits die Konsular- behörden angewiesen, ihn sehr genau über die von der deutschen «nd französischen Presse gemeldeten Tatsachen zu unterrichten.
Wie der Pariser Berichterstatter des WTB. zierzu erfährt, ist in der Tat im Laufe der gestrigen Unterredung zwischen dem deutschen Botschafter und Außenminister Briand auch über die Uebergrfffe im geräumten Gebiet gesprochen worden, und zwar in der Weise, daß Außenminister Briand sein Bedauern darüber zum Ausdruck brachte, daß
nach der reibungslosen und korrekten Abwicklung der Räumung nunmehr unliebsame Zwischenfälle stattgefunden hätten, die geeignet seien, die öffentliche Meinung zu erregen.
Schüsse bei einer Separatistenverfolgung.
Wiesbaden, 6. Juli. In dem Vorort Kl Oppenheim kam es am Sonnabend früh, wie erst jetzt bekannt wird, bei einer Demonstration gegen einen früheren Separatisten zu einer Schießerei. Zahlreiche Personen zogen vor das Haus des Landwirts Kunz, der während des passiven Widerstandes in engen Beziehungen zu den Franzosen gestanden haben soll, und bewarfen es mit Steinen. Kunz und seine Söhne er« widerten das Steinbombardement mit scharfen Schüssen. Auch die Feuerwehr und die Schutzpolizei wurde mit Feuer empfangen. Als diese ebenfalls schossen, ergab sich Kunz. Durch die Schüsse wurden sechs Personen verletzt. Nur mit Mühe gelang es, Kunz und seine Söhne vor der Lynchjusttt zu schützen. Bei der Durchsuchung des Hauses wurden eine größere Anzahl von Schußwaffen sowie Munition gefunden.
sundheitsantt habe Galmette aufgefordert, zur Untersuchung der Lübecker Vorgänge feldst nach Deutschland zu kommen oder einen geeigneten Vertreter zu entsenden. Dies sei von dem französischen Arzt jedoch abgelehnt worden, weil er selbst krank sei und im übrigen das volle Vertrauen zu den deutschen maßgebenden Stellen habe, daß die Sache so gut wie nur irgend möglich geklärt werde. Auch jetzt, so fügte Profeffor Haendel hinzu, nehme das Reichsgefundheitsamt noch einen vorsichtigen Standpunkt bezüglich des Galmette-Präparats ein, bis es sich über das Ergebnis der Lübecker Untersuchung klar sei.
Was das Präparat des Berliner Arztes Prof. Genter, „Antiphttsin", anbetreffe, fo fei es vor einigen Jahren im Reichsgefundheitsamt auf Antrag Genters untersucht worden. Genter habe sich jedoch verpflichten müssen, keine Reklame damit zu machen; diese Verpflichtung sei nicht eingehalten worden. Die Untersuchung habe ergeben, daß es sich bei dem „Antiphttsin" um kein wirksames Mittel gegen die Tuberkulose handele. Es sei allerdings völlig unschädlich und bewirke
eine gewisse Lebensverlängerung. Nunmehr sei Professor Genter plötzlich, ohne gerufen zu sein, in Lübeck aufgetaucht und habe einige Kinder mit seinem Präparat behandelt. Bei einzelnen von ihm behandelten Kindern sei eine Besserung ttstzustellen gewesen; dies sei aber auch bei solchen erkrankten Säuglingen zu beobachten, die nicht mit (Benters Präparat behandelt worden sei.
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Sie mw Milche Regierung
5 elf ngfors, 5. Juli. Das Regierungsprogramm des neuen Kabinetts Svinhufvud enthält folgende zwei Hauptpunkte: Landessicherheit und Unterdrückung des Kommunismus in gesetzlichen Formen.
Die bürgerliche Morgenpresse gibt ihrer Befriedigung über die schnelle Bildung einer starken bürgerlichen Koalitionsregierung Ausdruck, die das Vertrauen "ber Mehrheit des Reichstags besitze. Die Lappobewegung sei zu loyaler Unterstützung der Regierung bereit.
TngeWegei
Zu der Beschwerde Driands wegen den Separatistenverfolgungen nehmen eine Reihe Berliner Blätter aus- führlich Stellung. Die „® ermania“ sagt, es wäre im Interesse der mit der Rheinlandräumung stimmungsmäßig verbesserten deutsch-französischen Beziehung nur zu Bebauern, wenn sich die französische Regierung ernstlich mit der Absicht trage, eine offizielle Demarche zu unternehmen. Der Sache selbst würde die Einmischung Frankreichs sicher mehr schaden als nützen. Die „®. QL 3.“ weist darauf hin, daß die französische Regierung selbstverständlich nach der Qtrt der getroffenen Abmachungen keinerlei Recht habe, wegen der Mißhand- hung der Separattsten Beschwerde zu führen. Die Regierung habe alles getan, um derartige Hebelgriffe der empörten Bevölkerung zu verhindern. Herrn Briand scheine nicht recht zum Bewußtsein gekommen zu fein, daß er den Separattsten einen Bärendienst erwiesen habe: er habe sie durch seinen diplomattschen Schritt noch einmal offiziell und amtlich vor dem deutschen Volk als Französlinge gebrandmartt. Die „DeutfcheTageszeitung"weist ebenfalls darauf hin, daß jede Rechtsgrundlage für den Schritt Frankreichs fehle. Die deutschen Lokalbehörden am Rhein hätten pflichtgemäß alles getan, um die Separattsten zu schützen. Frankreich solle sich lieber der Zett erinnern, als es im Dollbesitz der militärischen Gewalt nicht nur nichts tat, um das wehrlose Rheinvolk gegen die Schandtaten der Abtrünnigen zu schützen, sondern darüber hinaus mit dem Gesindel einen Patt schloß und seine angeblich politischen, aber nach Räuber- und Mvrdbubenatt ausgeführten Aktionen unterstützte. Die „Kreuzzeitung" stellt fest, daß die Haltung Briands dem Geist der Versöhnung schroff widerspreche, und daß die deutsch-französischen Beziehungen von Paris aus erneut einer schweren Belastung ausgesetzt worden seien. Die „Börsenzeitung" betont, es müsse von deutscher Seite sehr energisch fest- gestellt werden, daß die Ausschreitungen gegen die Separattsten eine spontane Aeußerung eines sehr berechtigten Volks- unwillens gewesen seien, und daß es sich um Gefühlsregungen handle, die weder durch Paragraphen noch durch Proteste eingedöünmt werden könnten.
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Zu den Saarverhandlung en berichtet der „Matin": Man hat uns in Patts (offenbar an zuständiger Stelle) erklärt. Äe Saarverhandlungen schleppen sich dahin, aber von einem Abbruch ist nicht die Rede. Von Zett zu Zeit zu tagen, wenn auch ohne bemerkenswertes Ergebnis, die Anterkvmmissionen. Man darf nicht vergessen, daß die Deutschen in dieser Angelegenheit der fordernde Teil sind. Daher eitoartet man von Berlin Vorschläge, die es verdienen, in Erwägung gezogen und geprüft zu werden. Denn der Vorschlag, der uns unterbreitet ist, bedeutet nicht einmal den Eintritt in die Matette. — Aehnlich äußern sich die meisten anderen Blätter.
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Rumänien kann nach vielen Reuig- ketten mit der Sensation dienen, daß es in diesem Lande jetzt auf einmal zwei Majestäten gibt, ganz abgesehen davon, daß die Königinmutter Mana auch die Rechte einer Majestät geltend macht. König Carol war zuerst, als er noch Zägeroberst war, mit Zizi Lambttnv verheiratet. Diese Ehe, der auch ein Kind entsprossen ist, wurde vor der Verheiratung Carols mit der griechischen Prinzessin Helene, aus welcher der jetzt abgesetzte Knabenkönig Mihai stammt, für ungültig erklärt. Eine dem Pttnzen Sttrbeh verabfolgte Ohrfeige, als dieser eines Morgens zu ungewöhnlicher Zeit aus den Gemächern der Königinmutter herauskam, hatte für Carol peinliche politische Folgen. Er wurde auf Drängen der Brattanu-„LiberaIen"