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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Behm Aussichten für Brüning
Die Seuliche SoifWti zur Btrilönbigung bereit — Mie Sanb für Mt SeübslagefratHon
Im großen Festsaal des Preußischen Landtages trat gestern vormittag der Zentralvorstand der Deutschen Volkspartei zusammen, um die gegenwärtige politische Lage zu beraten. Die Sitzung war aus allen Teilen des Reiches stark besucht. Sie wurde durch ein großes
Referat des Parteiführers Scholz eingeleitet. Nachdem er in beredten Worten des befreiten Rheinlandes gedacht und auf den überragenden Anteil hingewie- fen hatte, der dem verewigten Reichsaußenminister Dr. S t r e s e ma n n an der vorzeitigen Räumung des Rheinlandes zukommt, ging er zunächst auf das Ergebnis der Sachsenwahlen ein, um damit seine Ausführungen über die politische Lage einzuleiten. Die Landtagswahlen in Sachsen hätten, so bekannte Dr. Scholz freimütig, der Deutschen Bolkspartei erhebliche Verluste gebracht, die durch vermehrte Arbeit der Partei wieder wettgemacht werden müßten. Dr. Scholz ging dann auf die
Stellung der Deutschen Bolkspartei gegenüber dem Reichskabinett
ein und formulierte diese u. a. folgendermaßen: Es ist oft in diesen Tagen gesagt worden, daß die Haltung der Deutschen Volkspartei gegenüber der jetzigen Regierung nicht im Geiste S t r e s e - manns liege. Nichts ist falscher. Stresemann war es, der auf der letzten von ihm geleiteten Zentralvorstandssit- zung entschieden betont hat, daß es aus den Gebieten der Finanz- u. Wirtschaftspolitik nicht so weitergeyen könne wie bisher. Die Regierung Brüning, die mit unserer lebhaften Zustimmung im Frühjahr ans Ruder kam, schien uns allen der Beginn einer Zeit zu sein, die die bürgerliche Wirtschafts- und Finanzpolitik zum Durchbruch bringen würtze.
Das starke Vertrauen, das wett über die Kreise der Zentrumspartei hinaus in den ganzen bürgerlichen Kreisen der Regierung Brüning entgegengebracht wurde, ist leider durch chre bisherige Tätigkeit nicht in vollem Umfange gerechtfertigt worden.
Das ist letzten Endes die Quelle der Differenzen, in denen wir heute auch mit der Regierung Brüning stehen, auch die Quelle der unerquicklichen Vorgänge, die sich mit dem Rücktritt Moldenhauers verknüpft haben. Auf der Deutschen Volkspartei lastet heute eine schwere Verantwortung. Auf der einen Seite wird es vom Volke schwer verstanden werden, wenn die Deutsche Volkspartei diese bürgerliche Regierung im schwersten Augenblick im Stiche läßt, auf der anderen Seite steht unser grundsätzliche Auffassung, die im Programm der Regierung keine Erfüllung findet. Eine gewisse Freiheit des Handelns, so schloß Dr. Scholz diesen Teil seiner Ausführungen, müssen Sie in diesem Augenblick der Reichstagssraktton geben.
Der Parteivorsitzenöe begründete dann den Standpunkt der Reichstagsfmktttm zum Deckungsprogramm.
Sebe neue Steuerbewilligung, so führte er dazu aus, sei in diesen schwierigen Zeilen nichts anderes als eine Einnahmevermehrung, womit die große Gefahr verbunden sei, daß sie in ein Fatz ohne Boden geschüttet werde. Auch die Erhöhung der Einkommensteuer
fie abgelehnt werden. Jede neue Steuerbelastung sei ein Fehlschlag, ?^nn sie das Moment der Kapitalflucht vegunsttge und anderersetts die Ansamme
lung von Kapital im Inlande verzögere oder verhindere. In der Frage der
Arbettslosenversicherung
sei es, wie der Redner erklärte, bedauerlich, datz im Sozialpolitischen Ausschutz auch schon wieder, und zwar ausgerechnet von der Zentrumspartei Abstriche an den Reformmaßnahmen erfolgt seien, wodurch von vornherein das Gesamtwerk der Sanierung in seinem Erfolge wesentlich verschlechtert werde. Die Deutsche Volkspartei müffe in erster Linie die Zusicherung erlangen, daß die unbeschränkte Zu schutzpflicht des Reiches beseitigt werde. Solange diese bestehe, sei der Haushalt des
Die Parteiführerbesprechung, die am Freitag abend im Reichstag stattfand, dauerte etwa zwei Stunden. Außer dem Reichskanzler nahmen die meisten Minister an der Besprechung teil. Wie die Telunio« in Ergänzung der amtlichen Mitteilung erfährt, werden die Verhandlungen sehr wahrscheinlich am Montag fortgeführt werden. Naturgemäß traten bei der ersten Besprechung die Gegensätze der Meinungen verhältnismäßig klar zu Tage, jedoch muß festgestellt werden, daß auf allen Seiten, sowohl bei den Regierungsparteien, wie bei der Reichsregierung
durchaus der Wille zur Verständigung
vorhanden ist. Dem Berhandlungsfüh- rer der DVP.. dem Abg. Scholz ist der Weg zur Ausgleichsverhandlung mit dem Kabinett durch die Entschließung des Zenttalvorstandes zur politischen Lage erschlossen worden. Zn politischen Kreisen wird diese Entschlieiung dahin ausgelegt, daß sie nicht nur der Reichstagsfraktion der DVP. freie Hand für künftige politische Entscheidungen beläßt, sondern
direktaufdeaerstenBersuch einer Verständigung mit dem Kabinett über das Deckungsprogramm abge- stellt
steuererhöyung überflüssig zu machen. Die Reichshilse könne durch die Einführung des Kopfbeitrages unter entsprechender Kürzung der Ueberwei- fungen an die Länder und Gemeinden ersetzt werden. Zum Schluß stellte Dr. Scholz fest, daß
die Deutsche Volkspariei durchaus zur Verständigung bereit sei, wenn ihr entsprechend entgegengekommen
werde.
Nach längerer Aussprache zur politischen Lage nahm der Zenttaloorstand der
, D. V^P. folgende
Entschließung
gegen wenige Stimmen an:
„Der Zentralvorstand der Deutschen Volkspartei stimmt den Ausführungen des Parteiführers und Vorsitzenden der Reichstaasfraktion Reichsminister a. D.
Reiches überhaupt nicht in Ordnung zu bringen. Zusammenfassend stellte Dr. Scholz fest, daß es
hauptsächlich gelte, die Reichshilse und die Einkommensteuererhöhung zu bekämpsen. Ms Ersatz schlage die Deutsche Volkspartei eine weitere Ausgabensenkung und die Einführung der Kopfsteuer vor.
Wenn es möglich war, so betonte Dr. Scholz, in einer Frist von wenigen Tagen die Einsparungsmöglichkeit um beinahe 100 Millionen zu erhöhen, so werde es auch möglich sein, noch weitere 50 Millionen zu sparen, um die Einkommen
ist. Man glaubt sich M solcher AusleMng umsomehr berechtigt, als die Entschließung zweifellos unter dem Eindruck der Ausführungen zustaude gekommen ist, mit denen Dr. Curtius die Notwendigkeit des vorliegenden Deckungsprogramms und sofortigen Handelns begründete.
Man kann wohl annehmen, daß in der nächsten Besprechung, die voraussichtlich am Montag oder Dienstag stattfinden wird, die Programmpunkte aussottiett werden, in denen Schwierigkeiten bestehen, sodaß man versuchen kann, Wege zu einer Annäherung und Einigung zu finden. Z« parlamentarischen Kreisen wird die Situation durchaus günstig für die Regierung beurtettt, obgleich der Zentralvorstand der Deutschen Volkspartei bekanntlich das Notopfer und einen Einkommevsteuerzu- schlag in der jetzigen Form abgelehnt hat. Es wird darauf hingewiesen, daß der Zentralvorstand der Fraktion im einzel- I neu aber frei Hand läßt, sodaß dadurch die Möglichkeiten einer Verständigung gegeben find. Auch der Verlauf der Par- teiführerbesprechung wird in unterrichteten Kreisen durchaus optimistisch gewertet. Da die Einzelfragen zum Teil recht kompliziert find, erscheint es aber nötig, daß noch eingehende Besprechungen angefügt werden, die zum mindesten noch die ganze nächste Woche ausfüllen dürften.
Dr. Scholz zur politischen Lage zu. Er dankt der Reichstagsfraktion für die Klarheit und Eindringlichkeit, mit der sie die in der Finanzpolitik einzuschlagenden Wege ausgezeigt hat: Abkehr von einer Politik, die finanzielle Schwierigkeiten vorwiegend durch weitere Erhöhung der Steuerlast besei- tigen will und dadurch die Lage nur noch weiter verschlimmert. Demgegenüber fordert der Zentralvorstand mit der Reichstagssraktton Wirtschaftsbelebung durch Senkung der Produktionskosten, direkte Preissenkung und größtmögliche Ausgabensenkung in allen Etats von Reich, Ländern und Gemeinden. Die neuen Finanzvorlagen der Reichsregierung lassen wohl Ansätze zur Umkehr erkennen, aber zu einer wirklichen Gesundung bedarf es ganzer Arbeit.
Es Md wieder verbandelt
RiatoftM n«6 Ne gnnst temmento Woche hindurch
Die „Mwelefomc Seite"
Während am Rhein Böllerschüsse?'' nriS Glockengeläut die Stunde der endlichen Befreiung von der Rot der Besatzung an» kündigten, weilte der Präsident des Deutschen Reiches fern von dieser Stätte der Freude in einem Land, wo die Glocken schweigen müssen, da wirtschaftliche 'Bei» elendung und eine sinnlose Zerreißung einst blühender zusammenhängender Gebiete wenig Anlaß zu hoffmmgssrvheir Kundgebungen bieten. Vielleicht war die Anwesenheit Hindenburgs in Ostpreußen gerade zur Zeit der Rheinlandräunnmg mehr ein Zufall als eine Absicht. Aber die Tatsache, daß der Sieger von Tannenberg, der Retter Ostpreußens vor der Invasion der russischen Heerscharen, gerade zur Stunde der Rheinlandsbefreiung indem Lande der Hoffnungslosigkeit wellte, birgt doch etwas Symbolisches, ob sie nun' gewollt war oder nicht. Die deutsche Be- völlerung des Ostens, der Grenzmark, des Korridors und Ostpreußens, wird den Sinn des Hrndenburg-Besuches verstanden haben: mag sich auch Deutschland über den endgültigen Abzug der fremden Besatzung aus dem Rheinland aufs herzllchste freuen, es wird über dieser Freude doch nicht die Gebiete vergessen, denen der Versalller Vertrag Schlimmeres und Hoffnungsloseres beschert hat,- als dem Land, dem nach 11 Jahren des Leidens und der Bedrückung die Freiheitsstunde läuten durfte. Wir sind bei Euch! Wir haben Euch nicht vergessen! Wir denken an Eure Rot! And wir wollen zäh und aus ehrlichstem Herzen dafür arbeiten, daß Euch, die Ihr zu uns gehört, auch einstmals Böllerschüsse, Glocken und Fahnen den Augenblick ankündigen werden, wo das von Euch so still getragene Anrecht in Recht verwandelt wird und Eure und Eurer Kinder Zukunft wieder in einem Scheine der Hoffnung und der Zuversicht erglänzen wird! Das alles lag für jeden ettennbar, deutlich und zwingend in der Tatsache, daß Hindenburg in der Stunde des rheinischen Freudenfestes im Osten Deutschlands wellte. Der alte Feldmarschall des Weltkrieges ist kein Freund der Wvtte, er hatte sich versagt, große Reden zu hallen und Verprechungen zu geben, die unnötig sind, weil sie eine einzige Selbstverständlichkeit bedeuten. Er war da, und das war mehr als Wotte.
Mehr auch als eine Geste. Insofern irren sich also die polnischen Blätter, wenn sie ttrit bezeichnender Nervosität von einer „Geste" Hindenburgs sprechen, „die nicht ohne Eindruck in der Welt bleibt und ein verständliches Echo in Polen finden muh". Für Gesten hat Hindenburg in seinem abwechslungsreichen und tatenvollen Leben wenig Verständnis gezeigt. Der kategorische Imperativ seines Handelns und Wollens ward ihm stets diktiert von dem eisernen Pflichtgefühl, das nun einmal der Grundzug seines Lebens ist. So war es nur Pflichtgefühl, innerster Zwang seines Herzens, die ihn am Tage der Rheinlandräumung an die Ecke des Weichselstromes führten, wo sich die Grenzen Denzigs, Polens und Deutschlands berühren. Das Wott, das ein Hindenburg hier hätte sprechen können, ist stumm geblieben. Der alte Feldmarschall hat nur sein Haupt entblößt und einige Minuten in tiefstem Schweigen verharrt. And seltsam: die Gedanken, die er nicht aussprach und die in Wollen nicht über seine Lippen kamen» sie sind jenseits des Weichselsttomes verstanden worden, so genau und unverkennbar verstanden worden, daß sich die gesamte Presse Polens verpflichtet fühlte, gegen den „provokatorischen Schatten des kaiserlichen Marschalls über dem polnischen Weichselsttom" Sturm zu laufen. Sturm gegen einen Schatten! Auch diese Aufregung in Polen hat etwas Symbolisches. Der stille Mann von Tannenberg hat einige Minuten mit eisernem und stillem Gesicht über das Qanb geblickt. Sonst nichts. And nur für die Menschen jenseits des Weichselsttomes erkennbar, wuchs