Str. 152
OverveMche Zettnng, Marburg a. 8* Mittwoch, bett 2. Juli 1930
Sette 3
Gruppe Bosemüller
Der große Roman des deutschen Frontsoldaten, von Werner Veumelburg*)
Draußen auf deni Fort sagt es immerfort rrummmm . . . wummm . . . rrrumm . . .
Nach und nach kommen neue Truppen an, kleine Abteilungen. Ihre Führer melden sich im Bunker des Kommandanten, der sie einteilt. Die meisten müssen mit ihren Leuten über den Südwall zur Südkehle hinüber. Dort erwartet der Kommandant für die Morgenstunden einen Angriff. Für das, was er im Fort selbst plant, braucht er nicht allzuviel Truppen.
„Da wir so gemütlich beieinander sitzen," sagt der Leutnant, könnte femand eine Geschichte erzählen."
„Die Geschichte vom Bosemüller", sagt Schwartzkopf, der sofort dabei ist. Bosemüller protestiert, es sei gar keine Geschichte, alles sei gelogen.
„Das stimmt nicht", sagt Horst, der auch seit Anfang bei der Kompanie ist.
„Nun also," sagt der Leutnant, der seine letzte Sardine verzehrt hat und sich die Finger an der Hose abreibt. „Schwartzkopf soll sie erzählen."
Wammsch steckt eine frische Kerze an. Das Licht flackert im Luftzug. Rrrumm . . . bummm . . . rrrummm . . .
„In der Gegend von Chalons," sagt Schwartzkopf.
„Es ist nicht wahr," unterbricht Bosemüller, „es war in der Lausechampagne."
„3n der Lausechampagne . . ." sagt Schwartzkopf.
Ein aufgeregter Offizier kommt durch den Gang und fragt nach dem Kommandanten. Er schwitzt vor Erregung.
„Ich habe meine Minenwerfer hier," schreit her, „ich muh doch wenigstens wissen, wo ich sie in Stellung bringen soll. Ich brauche mindestens 10 Mann zum Munitionsschleppen ... ich kann doch nicht aus den Aermellöchern schiehen! Ja, zum Donnerwetter, weih denn niemand... wer sind denn diese Leute hier? Können Sie denn nicht ent wenig beiseiterücken? So stehn Sie doch wenigstens auf, wenn Sie mit mir sprechen . . . sehn Sie denn nicht, dah ich Offizier bin?"
.^Himmelsakra . . sagt der Leutnant, dem der Geduldsfaden reiht, „merken Sie denn nicht, dah wir uns gerade eine höchst wichtige Geschichte erzählen?!"
Der aufgeregte Offizier schnappt nach Luft. Der Leutnant läht ihn zum Kommandanten führen.
„3n der Lausechampagne. . wiederholt Schwartzkopf.
Schwartzkopf ist ein ausgezeichneter Erzähler. Er hat die Lacher schnell auf seiner Seite. Ihr Gelächter dröhnt durch das Gewölbe. Infanteristen sammeln sich um sie und lauschen. Bosemüller sitzt im Schatten und schweigt.
Dies aber ist die Geschichte. Bosemüller, der Träumer, hat eine geheime Leidenschaft, das ist das Orgelspiel. Kommen sie eines eines Tages, im September Vierzehn, beim Vormarsch, durch ein Dorf, entdeckt Bosemüller die Kirche, geht hinein, sieht die Orgel und klettert hinauf. Nimmt sich einen Kameraden mit zum Bälgetreten. Und dann gehfts los. „Harre meine Seele, harre des Herrn..."
Zuerst piano, dann forte, dann fortissimo, dann maestoso.
Drauhen sammelt sich inzwischen die Kompanie vor der Kirche. Am Ortsausgang hat sich ein Gefecht entwickelt. Die Kompanie ist in Alarmbereitschaft. Niemand weih, wer der Organist ist. Bosemüller hat gegen alle unliebsamen Störer denSchlüssel des Portals von innen herumgedreht.
Bosemüller ist weit fort vom Krieg und von der Lausechampagne, Bosemüller ist in unmittelbarer Nachbarschaft der himmlischen Engel. Er phantasierten et variiert sein Thema, er jongliert mit den Registern, er formt ein Intermezzo und gerät über geradezu Bachsche Fugen wieder zum Thema zurück. „In allen Stürmen, in aller Not. .
Bosemüllers Inbrunst wird schlecht belohnt. Der Herrgott war damals nicht in der Lausechampagne. Bosemüller hat die weitere Entwicklung des Krieges ein wenig aus den Augen verloren. Kurzum, die Franzosen haben inzwischen das Dorf wiedergewonnen und sammeln sich auf dem Platz vor der Kirche. Zuerst vernehmen sie den Orgelchoral mit Andacht, sie denken nicht anders, denn daß er ihnen selbst zur Ehre ertönt. Dann werden sie neugierig. Als sie die Türe verschlossen finden, wandelt sich ihre Neugier m Aufdringlichkeit. Sie beginnen, mit Gewehrkolben anzuklopfen.
Bofemüller, ib-et mitten in seinem Post- ludmm ist, nimmt sich Zeit. Ungeduldiger wird schon sein Kamerad, der Bosemüllers Orgelleidenschast ungern mit zwei Stunden Strafererzieren bezahlen möchte. Er fühlt sich veranlaßt, zum Fenster hinauszusehen. Vor «guter Staunen vergißt er das Bälgetreten. ihe Orgel gibt einen schmerzlichen Laut von sich und verstummt. Nun hött auch Bose- muUer das unsanfte Klopfen an der Kftchen- ture. Er geht zu seinem Kameraden ans »erster. Dann reibt er sich die Augen. Aber es «Ist alles nichts. Es sind keine Engel aus dem Himmel. die auf ben Platz vor der
) Werner Veumelburg ist der erfolgreiche Verfasser zahlreicher Kriegsschriften, insbe- Wdere von „Sperrfeuer um Deutschland" (^rlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O>J, das m knapp 9 Monaten eine Auflage °o» 100 000 Exemplaren erreicht hat.
Kirche herabgestiegen sind, nicht einmal Preußen — es sind regelrechte Franzmänner in roten Hosen und weiten blauen Röcken . . .
Soweit ist Schwartzkopf in seiner Erzählung gekommen. Da gibt es von oben herab einen schweren dumpfen Schlag, der alle Kerzen verlöschen läßt. Auf einmal ist Dunkelheit. Wenige Sekunden später läuft ein.Zittern durch das ganze Fott, das von unten zu kommen scheint. Alle schweigen einen Augenblick.
Dann steckt Fröse eine neue Kerze an.
„Nun", sagt Schwartzkopf, „hier ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Was jetzt "noch
kommt, hätte jedem anderen auch ow'eren können. Bosemüller und sein Kollege h <ten sich vier Tage lang in der Kirche vcr. nn. Sie krochen ganz oben in den Turm und hockten sch auf die Balken, an denen die Glocken hingen."
„Und wenn die Glocken geläutet wurden?" fragt Fröse.
„Dämlicher Hambörger," sagt Schwartzkopf, „frag doch Bosemüller selbst, da sitzt er ja. Und dann wurde das Dorf wieder von den Deutschen gestürmt."
Ein stinkender Schwefelgeruch zieht durch den Gang. Es scheint doch etwas passiert
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Enkbolnng der Trikolore vom Schloß in Mainz.
Im Kreis: General Euillaumat und Oberkommiffar Tirard beim Abschied auf dem Mainzer Hauvtbabnhof
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Einzug der Schupo in Mainz.
zu sein. Manche drehen sich um, ob nichts zu sehen ist.
Rrrummm . . . wummm . . . wumm . .. kommt es von oben.
„Horst . . sagt der Leutnant, „was ist mit Ihnen. . ."
Horst kauert im Trichter und starrt vor sich hin.
„Er kriegt keine Luft, Herr Leutnant," sagt BosemLIler, „schon seit der Bruleschlacht kriegt er keine Lust. . ."
Der Leutnant kriecht zu Horst in den Trichter. Da kippt Horst vornüber und fällt hin.
„Rock aufmachen!" schreit der Leutnant.
Aber Wammsch ist schon dabei. Wammsch hantiert mit einer unglaublichen Fixigkeit. Dieser Mensch wird immer stumm, wenn seine Energie am allergespanntesten ist. Das geht alles nach innen bei ihm.
„Hat niemand eine Taschenlampe?" sagt Schwartzkopf.
Sttacke hat eine.
„3ns Gesicht leuchten . . ." schreit der Leutnant. Stracke knipst die Birne an. Da hocken sie, eine Handvoll Gespenster. . . aus welchem Jahrhundert sind sie eigentlich? Da hocken sie, grell beleuchtet von derVorderseite. Da hocken sie. . . und da vom Brüllt der Berg.
„Um Gottes Willen . . ." sagt Schwartzkopf.
„Auf die Brust leuchten . . ." sagt Wammsch. Er zieht das Hemd beiseite. Eine
aufgerissene blutige Fläche kommt zum Vorschein.
„Horst . . ." schrett der Leutnant und nimmt den Kopf des Zusammengesunkenen zwischen seine Hände. Er ist von Anfang an mit Horst zusammen im Feld. Die Augen sind halb geschlossen, die Augäpfel nach oben gedreht. Die Nasenflügel sind straff gespannt. Der Mund steht offen. Die Lippen sind verzerrt und legen die Zähne bloß. Es ist eine teuflische Grimasse. Die Verachtung der ganzen Welt liegt darin.
„Horst . . . lieber, guter Horst. . ."
Noch einmal zieht Horst die Augenlider hoch und sieht den Leutnant mit einem erstaunten Blick an.
„Aus . . ." fiüstert er dann.
Es ist schon vorbei. Wammsch hat die Verbandpäckchen in der Hand und hanttett mechanisch weiter. Dann hött er auf. Sie schweigen. Stracke macht das Licht aus. Man sieht nichts mehr von ihnen. Das Ganze hat fünf Minuten gedauert.
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Ser mstSlele Maibaum
Die Schüler der Volksschule von Ungarisch- Lapusul unternahmen einen Ausflug. Ein zehnjähriger kleiner Knirps namens Georg Santha kam auf die verhängnisvolle Idee, einen — wenn auch reichlich verspäteten — Maibaum aufzustellen. Die Sungeits waren sogleich Feuer und Flamme. Leider standen ihnen nur rote Bänder zur Verfügung. Und leider wählten sie einen „unpassenden" Baum. Denn als ganz zufällig einige Polizisten vor-
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Hermann-Marlene Dietrich:
„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Steuern eingestellt."
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beikamen und die roten Bänder zusammen mit der weißen Rinde und mit dem grünen Laub des Maibäumchens erblickten, gerieten die Hüter der öffentlichen Ordnung in hellste Aufregung. War dies nicht die krasseste ungarische Propaganda, Jrredenttsmus in höchstem Grade? Rot - weiß - grün: die magyarischen Nationalfarben! Das konnte doch kein reiner Zufall fein! Der geistige Vater der reoolutionären Idee, der zehnjährige Georg Santha, mußte exemplarisch bestraft werden. Die menschenfreundlichen Beamten befahlen dem unschuldigen Kerlchen, die roten Bänder an Ott und Stelle jn — verzehren. Anschließend die weiße Rinde des staatsfeindlichen Baumes. Als Nachfisch mußte Georg das grüne Laub aufessen. Dann verabreichte man ihm eine so ausgiebige Tracht Prügel, daß er ohnmächfig zusammenbrach. Ins Krankenhaus befördert, hütete der arme Junge neun Tage das Bett. Das hedauernswette Kerlchen wird sich nun wohl die Bedeutung der rot-weiß-grünen Farben schatt eingeprägt haben. Und dies lag kaum in der Absicht der menschenfreundlichen Beamten von Ungarisch-Lapusul.
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Sanft und Mstnschnft
= Uraufführung in Düsseldorf. Die Städtischen Theater Düssekdott haben die Oper „Die Soldaten" von Manfred Eurlitt zur alleinigen Uraufführung angenommen. Das Stück wird Anfang der kommenden Spielzeft aus der Taufe gehoben. Der Oper liegt das Drama von Reinhold Lenz zu Grunde.
- - „Der Mann mit dem Klepper". Aus Berlin wird uns geschrieben: „Der Mann mft dem Klepper" von dem Rumänen Ci- prian soll ein Volksstück sein. So steht jedenfalls int Programm zu lesen. Rein, Volkskunst ist ausgestorben fit diesen Tagen. Nicht, weil es kein DM mehr gibt, sondern nur noch Klassen (wie politisch eingestellte Ktttiker behaupten), sondern der Fehler ist wohl mehr zu suchen fit der zweften Silbe des Wortes. Wie dem aber auch fei: es wurde ein Erfolg! Weil! es eine nicht unbedingt zu verwettende Mischung Bietet: Coutth-Mahler plus Raimund plus Sampel. Das Publikum durfte lachen, durste etwas — nicht allzuviel — Nachdenken und sah Schauspieler, die zu sehen lohnt. — Der „Mann" des Stückes kaust einen „Klepper", irgend einen alten Gaul, den kein Mensch mehr haben will, wird veralbett bis dotthin- aus mit seinem „Pharao V.", der in allen Rennen sechshundert Meter hinter dem Felde herschleicht — und schließlich doch siegt. — Warum „Pharao V." siegt, unter welchen Umständen? Das wird nicht gesagt! Es ist halt ein Märchen! „Pharao V." siegt — und mit ihm siegt auch der Mann, der alles bekommt, wonach er sich sehnte: Ehrungen, Geld, Freunde und schließlich auch die Frau, die anfangs nichts wissen wollte von ihm.
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MMmlnatbttt&ten
X Wie wir hören, ist fir der naturwissen- schastlichen Fakultät der Universttät Halle der Privatdozent für angewandte Zoologie und Beutteilungslehre Dr. Walter Spotte! zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor ernannt worden.
X Am 25. Juni verschied fir Bad Wil- dungen der ord. Honorarprofessor für Bürgerliches Recht und Handelsrecht, Bank- und Börsenrecht, für das kaufmännische und Hcm- delslehrerstudium an der Universität Köln, Rechtsanwalt am Oberland esgettcht, Justizrat Dr. jur. h. c. Eduard G ammers- bach, fin Alter von 72 Jahren.
x Wie wir erfahren, hat Profeflor Dr. Günther Muller m Freiburg(Schwetz) den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der neueren deutschen Sprache und Siteratur an der Universität Münster als Nachfolger von Prof. I. Schwettng angenommen.
X Der a. o. Professor Dr. Hans Theo Schreus an der Düsseldorfer Medizinischen Akademie hat den Ruf auf das Ordinariat der Haut- und Geschlechtskrankheiten an dieser Akademie als Nachfolger von Prof. K. Stern angenommen.