Rcnsiag, den 1. M1930
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Ziel 5 Lage.
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Anzeiger für (bas frühere kurheffifche) Oberheffe«
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Mahnworte zum Befreiungstage
„Wir freuen uns der Räumung und einen uns mit unseren rheinischen Volksgenossen in dem Gefühl innerer Entlastung. Aber wir wissen, daß, auch rheinlandspolitisch gesehen, schwarze Wolken am Himmel stehen und daß auch dieser Akt unserer Geschichte weder zu Festen noch Illusionen, sondern nur zu neuer Erfassung der uns gestellten ungeheuren Aufgabe Anlaß gibt." - Dr. von Dryander
Reichspräsident und Reichsregierung
An das deutsche Volk!
Berlin, 1. Juli. Anläßlich der Befreiung der Rheinlande erlassen Reichspräsident, Reichskanzler und die gesamte Reichs- regierung folgenden Aufruf:
Nach langen Jahren der Drangsal und des Harrens ist heute die Forderung aller Deutschen erfüllt: Die fremden Besatzungstruppen haben das Land am Rhein verlassen. Treue Vaterlandsliebe, geduldige Ausdauer und gemeinsame Opfer haben dem seit dem unglücklichen Ausgang des großen Krieges von fremden Truppen besetzten Gebiet das höchste Gut eines jeden Volkes, die Freiheit wiedergewonnen. Ter Leidensweg, den die rheinische Bevölkerung aufrechten Hauptes um Deutschlands willen gegangen ist, ist zu Ende. •
Der Tag der Befreiung soll ein Tag der Dankbarkeit sein. Unser erstes Gedenken gebührt heute denen, die im Kampf für die Freiheit Deutschlands geblieben sind, die ihr Leben gaben für das Vaterland. Zu ihnen gehören auch alle, die wahrend der harten Jahre der Besetzung ein Opfer ihrer Vaterlandsliebe wurden. Unvergessen sollen die Leiden der Männer und Frauen bleiben, die in der schweren Prüfungszeit seelisch und körperlich für Deutschland geduldet haben, und stets werden wir der vielen Tausende gedenken, die wegen ihrer Treue zu Vaterland und beschworener Pflicht durch fremde Machtwillkür von Haus und Hof vertrieben wurden. Ihnen allen schulden wir unauslöschlichen Dank! Wir wollen ihn abstatten durch das' Versprechen, uns aller gebrachten Opfer durch Dienst an Volk und Vaterland würdig zu erweisen.
Noch harren unsere Brüder im Saarge- biet der Rückkehr zum Mutterland. Wir grüben heute deutsches Land und deutsches Volk an der Saar aus tiefstem Herzen und und mit dem Gelöbnis, alles daran zu setzen, dah auch ihre Wiedervereinigung mit uns bald Wirklichkeit wird. Auch ihnen gebührt heute Deutschlands Dank. Wir wissen, daß sie stolz ihr Deutschtum bewahrt haben, und dab sie ihre Rückkehr zum Mutterlande nicht mit Bindungen erkauft wissen wollen, die den deutschen Gesamtinteressen widersprächen.
Heber dem politischen und wirtschaftlichen Leben unseres Volkes hängen immer noch schwere Wolken. Aber dennoch ist uns der heutige Tag Anlab freudiger Zuversicht. Ein Volt, das, ganz auf sich allein gestellt, trotz härtester Bedrängnis sich selbst behauptet hat, ein Land, das auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Technik auch in bitterer Notzett Leistungen vollbracht hat, die in der ganzen Welt anerkannt und bewundert werden, hat ein Recht darauf, mtt Selbstvertrauen und mit Zuversicht seiner Zukunft entgegenzugehen. Durch Jahre schwerer Leiden, durch Uebernahme drückender Lasten haben wtt dem Land am Rhein die Freihett wiedergewonnen: für unseres Vaterlandes Glück und Zukunft wollen wir sie in treuem Zusammenstehen erhalten.
Das Gelöbnis in dieser feierlichen Stunde sei Einigkeit! Einig wollen wtt sein in dem Stteben, unser geliebtes Vaterland auf friedlichem Wege nach Jahren der Not einem besseren und helleren Tag entgegenzuführen. Einig wollen wir sein in dem Schwur:
Deutschland, Deutschland über alles!
Nie wieder solche Opfer!
Deutschland fordert endlich einen gerechten Frieden
Am 1. Juli 1930 wurde die Räumung der dritten Zone beendet. Damit wird nach lli/^jähriger Besetzung das deutsche Rheinland und seine Bevölkerung Deutschland. und damit geordneten Verhältnissen zurückgegeben. Angesichts der Last, die die Besatzung für die Bevölkerung der besetzten Gebiete bedeutete, erscheint es nur zu verständlich, datz die Befreiung vom fremden Zoch ohne Unterschied der Partei von allen Deutschen auf das Freudigste begrübt wird. Und doch geziemt es sich in dieser Stunde, sich der Opfer zu erinnern. die Deutschland bringen mutzte, um die Befreiung der Rheinlande zu erreichen. Hatte der Versailler Vertrag eine Besetzung der Nheinlande auf die Dauer von 15 Zahre« vorgesehen, um die Erfüllung der Tributlasten durch Deutschland sicherzustellen, so war das geschehen, weil in Versailles niemand von den Siegermächten zu übersehen vermochte, welche Summen Deutschland zu zahlen in der Lage sein würde und welchen Ausgang die Entwaffnungsaktion gegen Deutschland haben würde. Deshalb hatte die Besetzung der Rheinlande nach der Annahme des Dawesplans und der Durchführung der Entwaffnung, wie auch insbesondere nach Annahme des Locarno-Vertrages ihren Sinn verloren. Es war somit ein moralischer Mitzbrauch der Besetzung, wenn die Alliierte« auch noch hiernach Verschlechterungen des Friedens-
Die Preußische Staatsregierung
Berlin, 1. Juli. Der Amtliche Preußi- fche Pressedienst meldet: Aus Anlab der Rheinlandräumung hat die preuhische Staatsregierung an die Bevölkerung der befretten rheinischen Gebiete folgenden Aufruf erlassen:
An das befreite preußische Gebiet!
Die preubische Staatsregierung grüßt in der Stunde der Räumung die befreiten Brüder am Rhein. Wenn die vorzeitige Räumung erreicht worden ist, so ist das in erster Linie ein Erfolg der treuen Vaterlandsliebe, des unerschütterlichen Glaubens an die deutsche Zukunft und des zähen Abwehrwillens der Bevölkerung. Diese Vaterlandsliebe hat Männer und Frauen aller Schichten und Berufe, aller politischen und weltanschaulichen Gruppen des bisher besetzten Gebietes zu unerhörten Opfern an Leben, Freihett, Gesundheit und Vermögen befähigt. Das ganze deutsche Volk und mit ihm die preußische Staatsregierung dankt dem Rheinlande für diese Treue zu Reich und Preußen und wird sie nicht vergessen.
Vertrages erzwange« u«d schliehlich sogar im Haag eine Verschlechterung des Pariser Sachverständigenplanes, des sogenannten Poungplanes, durchsetzte«, der eine endgültige Regelung der Tributfrage bedeuten sollte, aber so nur erneut Deutsch- laud ««erfüllbare finanzielle Bestimmungen anferlegt hat. Denn vornehmlich, um die Rheinlands zu befreie«, hat Deutschland im Locarno-Vertrag sich seiner Handlungsfreiheit im Westen begeben und den doungplan endgültig angenommen. Wenn am 1. Juli die Stunde der Befreiung der besetzten Gebiete schlägt, so wird man diese schweren Opfer in ganz Deutschland trotz aller Freude über die Befreiung der deutschen Brüder im Rheinland vom fremden Zoch nicht vergessen dürfen und dabei gleichzeitig geloben, datz die Rückgliederung der Saar nicht wieder solche Opfer ko st en darf.
Deutschland, das in dieser Stunde stärker denn je den ungeheuren Druck der Tributlasten verspürt, legt vor der Welt das Versprechen ab. datz es nicht ruhen und nicht rasten wird, bis der Versailler Vertrag mit de« entwürdigenden Bestimmungen der Entmilitarisierung der Rheinlande, der Beschränkung der deutschen Entwaffnung, der Kriegsschuldlüge und der hierauf beruhenden unerträglichen Tributlast getilgt und an die Stelle der unerträglichen Eewaltrege- tung ein gerechter Friede getreten ist.
Unser Dank gilt auch den erfolgreichen Staatsmännern, die, fest gestützt auf die Standhaftigkeit und die unbeirrbare Treue der Bevölkerung, sich für die Befreiung des Rheinlandes mit ihrer ganzen Kraft eingesetzt haben und durch ihre Polttik den Weg in die . Freiheit schon jetzt bahnen konnten.
An diesem Freudentage fehlen in unseren Reihen die Volksgenossen an der Saar. Wtt finden uns mit ihnen in wechselseitiger Treue und in dem festen Vertrauen, daß die Kräfte, die dem Rheinlande die Freihett wiedergegeben haben, auch sie in naher Zukunft wieder mtt ihrem Vaterlande vereinigen werden. Der Erfolg des Ringens der letzten 12 Jahre, die Rettung des deutschen Rheins und unseres größten nationalen Gutes der Einheit des Reiches, berechtigt uns zu dem zuversichtlichen Glauben an eine bessere Zukunft des deutschen Volkes und der deutschen Republik.
Berlin, den 30. 6. 1930.
Namens der preußischen Staatsregierung.
Dr. h. c. Braun, Ministerpräsident.
Treue um Treue!
„atun lasset die Glocke« von Darm zu Turm durchs Land frohlocken im Jubel- sturm": Frei ist der Rhein! Die sichtbaren Fesseln einer mehr als elfjährigen fremden Zwangs- und Willkürherrschaft im Rheinland sind endlich, endlich gesprengt. Ein freudiges Aufatmen geht durch alle deutschen Länder., Noch lastet auf des Reiches Schultern die ungeheuerlichste Tributpflicht, die je einem Kulturvolle, das mit reinen Händen in einen ihm aufgezwungenen Kampfs um seine Selbsterhaltung gezogen, ausgebürdei wurde, noch sind wir durch unseligen Parteihader zersplittertem Deutschen als Nation weit entfernt von jener echten Volkse gemeinschaft, zu deren Bildung der Reichspräsident immer wieder in seinen Kundgebungen uns alle aufgefordert hat, und dennoch feiern wir? Wir feiern den Abzug des letzten französischen Soldaten aus dem Gebiet des deutschesten aller Ströme und damit die Erfüllung des ttefsten Sehnens des deutschen Volles am Rhein: seine Freiheit. And aus dieser Freiheit Hauch, der unsere kampfheihen Stirnen wie die linden Stifte eines jungem Frühlingsmorgens kühlt und,erfrischt, spüren wir bereits die Kunde eines künftigen deutschen Morgenrots. Vor uns liegt die erste Achtung auf dem bisher so dunklen, von schier undurchdringlichem Gestrüpp überwachsenen Pfade, der unser Voll zur Freiheit führt, und sie erhellt die ganze Natton, deren Leidensstationen kein Ende zu nehmen schienen, mit neuem Glauben und Selbstvertrauen.
An das bedeutungsvolle Wort eines unserer Staatslenker, der nicht mehr unter uns wellt und dem es in zäher Beharrlichkeit trotz größter Widerstände endlich doch gelang, im Haag und in Genf den Vertretern der sogenannten „Siegermächte" die endgültige Zusage der Freiheit des Rheinlandes abzuttngen, sei hier erinnert: „Lassen Sie uns sagen: Wohlan! Wenn wir Nutznießer waren einer großen Vergangenheit, so können wir jetzt Samenspender sein einer neuen Zukunft. Möge es einst von uns heißen: als es schlimm um uns stand, als wir den Krieg verloren hatten, da haben wir den Grund gelegt für eine neue deutsche Zukunft."
Sämann sein und zugleich die Grundlagen einer neuen und — wie wir zuversichtlich hoffen — besseren, glücklicheren Zukunft unseres Volles schaffen! Nur darauf kommt es an, und in diesem Sinne sollten sich alle Deutschen über jegliches Partei- und Tagesgezänk hinweg einmütig die Bruderhand reichen, um gerade am Tage der endgültigen Rheinlandräumung dem Gefühl einer schicksalsmäßigen Zusammengehörigkeit aller deutschen Stämme, einer auf Gedeih und Verderb zufammengeschweißten Volksgemeinschaft ebenso erhebenden wie überzeugenden Ausdruck zu verleihen. Nur Einigkeit und die Erkenntnis, dah wir — um mit Bismarck zu reden — den Teufel aus der Hölle schlagen, wenn wir zusammenhallen, verbürgen die unerläßliche Mitarbeit aller deutschen Dolkstelle am Wiederaufftteg unseres Vaterlandes. Das sollte uns allen