Freitag, »en N. Sunt 1930
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Anzeiger für (das frühere knrhessische) Oberhessen
Nr. us 65.3ntee, Marbmg aßnin
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
ReichsfmmyMimstor Dietrich
KsaMrelär SttaMtebotg serlöuiig Leiter des WrtjKMmmUtermms — Mit oder »Km Mrd
Reichskanzler Dr. Brüning hat sich gestern früh zum Reichspräsidenten nach Gut Neudeck begeben, um den Reichspräsidenten über die vom Kabinett befchlosse- nen finanzpolitischen Mahnahmen zu unterrichten. Am späten Nachmittag wurde folgende amtliche Mitteilung ausgegeben:
Der Reichspräsident hat nach dem heutigen Vortrag des Reichskanzlers in Neudeck de» Reichsminister Dietrich unter Entbindung vom Amte des Reichswirt- schaftsmiaisters zum Reichsminister der Finanzen ernannt und den Staatssekretär im Reichswirtfchastsmini- sterium Dr. Trendelenburg bis auf weiteres mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichswirtschaftsministers beauftragt.
Wie wir erfahren, kehrt Reichskanzler Brüning im Laufe des heutigen Vormittags aus Neudeck zurück. Die Gesetzentwürfe werden dann voraussichtlich im Laufe des späten Nachmittags veröffentlicht werden. Im Laufe des Nachmittags wird auch die Kabinettssitzung stattfinden, in der der Reichskanzler über den Verlauf seines Besuches beim Reichspräsidenten berichten wird .
Verständigung mit den Parteien?
Obwohl das Deckungsprogramm der Reichsregierung wie es Reichskanzler Dr. Brüning dem Reichspräsidenten in Neudeck vorgetragen hat, weiterhin geheimgeblieben ist, glauben doch mehrere Blätter der Hoffnung Ausdruck geben zu können, dah die Möglichkeit einer Verständigung mit den in der Regierung vertretenen Parteien besteht. So erklärt dsa Berliner Tageblatt: Im Reichstag verstärkt sich der Eindruck, dah die Bemühungen fortgesetzt werden, um eine Mitwirkung auch des mehr oder weniger unzufriedenen Teils der Regierungsparteien — also in erster Linie der Deutschen Volkspartei — doch noch durch Entgegenkommen in Einzelheiten der Finanzgesetzgebung zu ermöglichen. Das bedingt noch weitere Verhandlungen. — Aehnlich äußert sich die Börsenzei- t u n g, die im Anschluß an die Wiedergabe der gestrigen Aeußerung der Germania, die Regierung solle zunächst alle parlamentarischen Mittel zur Verabschiedung der notwendigen finanziellen Maßnahmen erschöpfen, sagt: In Reichstagskreisen glaubte man aus dieser Andeutung den Schluß ziehen zu können, daß auch das am Mittwoch beschlossene neue Deckungsprogramm nicht unabänderlich sei, sondern nur die Grundlage für weitere parlamentarische Kompromißverhandlungen darstelle. Auch der demokratische Zeitungsdienst tritt für eine tragbare Erledigung auf parlamentarischem Wege ein. Die V o s s i s ch e Zeitung berichtet: Am Donnerstag herrschte der Eindruck vor, daß die Regierung auf eine normale parlamentarische Durchbringung der neuen Deckungsvorlagen rechnet und auch rechnen darf. Die Besorgnis, daß im Reichsrat und im Reichstag eine Mehrheit für die Deckungsvorlagen nicht aufzubringen sei, habe man im Augenblick nicht mehr, wenigstens nicht innerhalb der Regierung. Die „DAZ." schreibt: Die vorläufige Nichternennung eines neuen Reichswirt- schaftsminifters hat, wie man hört, den Zweck, dieses Ressort einstweilen der Deutschen Volkspartei offen zu halten, die seit dem Abgang Dr. Moldenhauers nur noch mit einem Minister im Kabinett vertreten ist. Nur um der Chronistenpflicht zu genügen, sei erwähnt, daß im Gegensatz zu diesen optimistischen Stimmen der Vor
wärts mit einem Bruch zwischen der Deutschen Volkspartei und der Reichsregierung rechnet.
Demokratische Ungebundenheit.
Die demokratische Reichstagsfraktion hielt gestern vormittag eine mehrstündige Sitzung ab. Die Fraktion bleibt dabei, so berichtet das Berliner Tageblatt, daß sie sich durch die Ernennung des -Ministers Dietrich zum Reichsfinanzminister nicht gebunden fühlt. Sie werde die Vorlage im einzelnen prüfen und ins
besondere der Sonderbelastung einzelner Schichten nicht zustimmen. Sie halte ferner an der Notwendigkeit einer großen Finanzreform mit gleichzeitiger Ausga- bensenkung unk Lastenverminderung fest. Gestern mittag fand dem gleichen Blatt zufolge im Reichstag eine längere Besprechung zwischen dem Reichsaußenminister Dr. Curtius und dem Abgeordneten Scholz statt, die den Zweck gehabt haben dürfte, die Möglichkeiten einer Verständigung mit der Deutschen Volkspartei zu erörtern.
Ale Forderungen des Landvolks NW StrmrrrKWng, iontern Ausgabenienkung
Die Reichstagsabgeordneten der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei teilen mit: Die Reichstagsabgeordneten der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei befaßten sich am Donnerstag mit den bisher in der Presie bekannt-gewordenen Finanz- und Steuervorschlägen der Reichsregierung. Sie sind der Auffasiung, daß die augenblickliche schwierige Lage der Reichsfinanzen überwiegend
durch Senkung der Ausgabenseite, nicht aber, wie die Reichsregierung beabsichtigt, durch Steuererhöhungen
zu beheben ist. Der von der jetzigen Reichsregierung eingeschlagene Weg unterscheidet sich in nichts von den von der Partei stets bekämpften Maßnahmen früherer Negierungen. Sie sind auch der Auffassung, daß die Wirtschaft nicht wiederum mit unsicheren Versprechungen für die Zukunft vertröstet werden darf. Sie vermissen in dem Regierungsprogramm den ernsten Willen zur Senkung der öffentlichen Ausgaben. So ist nicht einmal an die zur Erziehung zu höchster Sparsamkeit unbedingt notwendige Heranziehung aller Eemeindeangehörigen zu den Kommunallasten gedacht. Wird eine solche Maßnahme nicht schon jetzt gesetzlich verankert, fo wird sie höchstwahrscheinlich auch im Jahre 1931 noch nicht in Kraft treten. Die Christlich-nationalen Bauern sind ferner seit jeher der Ansicht daß die Kosten des Beamtenappara
tes von der Wirtschaft nicht mehr länger getragen werden können. Eine Besteuerung der Bezüge der Beamten zugunsten der Fortführung der bisherigen untragbaren öffentlichen Ausgabenpolitik halten wir für abwegig. Sie fordern vielmehr
eine Anpassung aller von öffentlicher und privater Unternehmerseite gegebenen Gehälter und Löhne an die verminderte Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.
Qiel muß sein: die Senkung des allgemeinen Preisniveaus in Deutschland und hierdruch die Sanierung der privaten und öffentlichen Finanzwirtschaft. Dieses Ziel wird durch die ständig sinkenden Rohstoffpreise wesentlich erleichtert und muß nunmehr durch die geforderten umfassenden, d h. auf Gehälter und Löhne ausgedehnten Maßnahmen beschleunigt in Angriff genommen werden, notfalls unter Zuhilfenahme des Artikels 48 der Reichsverfassung, der nur auf notwendige, große Maßnahmen angewandt werden sollte. Den Artikel 48 für unorganische, einseitige Steuererhöhungen, ohne wirtschaftliches Ziel wie sie lediglich einer augenblicklichen Verlegenheit entspringen und höchstwahrscheinlich den Finanzapparat werter belasten und vergrößern, anzuwenden, halten die Christlich-nationalen Bauern für einen bedenklichen Mißbrauch der Autorität des Reichspräsidenten und der geringen zur Verfügung stehenden äußersten Notmaßnahmen der Reichsverfassung.
StouHIM Lmdtag
Berlin, 26. Juni. Im preußischen Landtag ist das große Aufräumen vor den Sommerferien im Gange. Am Donnerstag stand schon falt alles auf der Tagesordnung, was noch erledigt werden soll. Am wichtigsten waren darunter die Gesetzesvorlagen über neue Subventionen für die Schichauwerke in Elbing und für die Niederschlesische Berg- bau-Ä.-G. Außerdem lag ein gemeinsamer Antrag fast aller Parteien vor, der die
wettere Subventionierung des Sieger- länder Erzbergbaues
ermöglichen will. Diese drei Vorlagen begegneten dem heftigsten Widerstand der Kom- nrunisten. Schließlich wurde die anderweitige Verteilung der Subventionen für das Siegerland genehmigt, die beiden anderen Vorlagen wurden in den Hauptausschuß geschickt.
Lange Kommunistenreden gab es ferner noch zu den Anträgen des Eeschäftsordnungs- ausfchusses, die Immunität von sechs kommuni stischen Abgeordneten aufzuheben. Der Beschluß des Landtages, die Strafverfolgung dieser Abgeordneten zu genehmigen, wurde von den Kommunisten mtt stürmischen Pfuirufen quittiert.
Auf Grund einer vorangegangenen Verständigung im Aeltestenrat fand ohne Aussprache em Zentrumsantrag Annahme, der
das Staatsmmisterium ersucht, dem Landtag spätestens im Herbst Vorschläge für eme durchgreifende Senkung aller Haushaltsaus- qaben vorzulegen.
Die drttte Lesung des Finanzausgleichs und der
Schulgelderhöhung wird am Frettag in Angriff genommen werden. Der Wunsch des Aeltestenrates, daß der Landtag am Freitag schon in die Ferien gehen sollte, läßt sich jedoch nicht erfüllen, da der zweiten und dritten Lesung des Staatsvertrages mit Bremen die Kommunisten widersprachen. Dadurch wird noch eine Sitzung am Dienstag nächster Woche erforderlich.
Revolution in Bolivien
Sturz der bolivianischen Regierung.
fk. Paris, 27. Zuni. Wie Havas aus Buenos Aires berichtet, hat die Armee, einer Meldung aus La Paz zufolge, die Regierung gestürzt. Präsident Siles habe das Land verlassen. Nach einer anderen Meldung soll dem Sturz der bolivianischen Regierung durch das Heer ein erbitterter Kampf vorausge- gange« sein.
TaseSiviMl
Die Reife des Reichskanzlers Dr. Brüning zum Reichspräsidenten nach Neudeck hat die politische Situation in das Entscheidungsstadium gebracht, denn nach der Rückkehr Dr. Brünings werden die endgültigen Beschlüsse Des Kabinetts veröfffentlicht. Eine große Rolle bei der Unterredung zwischen dem Kanzler und dem Reichspräsidenten wird die Frage des Artikels 48 spielen. Das Kabinett steht auf dem Standpunkt, daß infolge der Dringlichkeit des Finanz- Programms und hinsichtlich der schweren Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit ein Notstand gegeben sei, der zur Anwendung dieses Artikels berechtigt. Die Entscheidung liegt also jetzt bei Hindenburg. Nach der Rückkehr des Reichskanzlers werden auch die einzelnen Parteien zu der Lage Stellung nehmen müssen. In politischen Kreisen gibt man zwar die Möglichkeit der Erteilung weitgehender Vollmachten an den Kanzler zu, glaubt aber, daß mit absoluter Gewißheit eine solche Entscheidung des Reichspräsidenten nicht gegeben ist. Die Deutsche Volkspartei will eine weitere Fraktionssitzung erst nach der beendigten Reise Dr. Brünings anberaumen. Nach unseren Informationen dürfte die Partei allerdings ihre Beschlüsse in keiner Weise ändern. Durch die Haltung der Deutschen Vvlkspartet hak sich die innerpolitische Krise naturgemäß verschärft, umso mehr als verlautet, dah Reichswirtfchaftsminister Dr. Dietrich bei der gestrigen Kabinettssitzung mit seinem Deckungsplan nicht die volle Zustimmung des Außenministers Dr. Curtius gefunden hat. Anter diesen Umständen besteht nach wie vor die Gefahr, daß der jetzige Reichsaußenminister, aus der Regierung ausscheidet. Neben diesen Schwierigkeiten für das Kabinett Brüning ist jetzt auch die Möglichkeit eines Mißtrauensvotums gegen das Gesamt- kabinett im Reichstag gegeben.
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Mit dem Beginn der Saarverhand- lungen zwischen Deutschland und Frankreich haben gewisse französische Kreise einen Feldzug zur Annexion des Saargebietes unternommen, der mittlerweile Formen angenommen hat, die schlechthin unerträglich sind. Die Börsenzeitung beschäftigt sich mtt dieser Frage und zitiert Die Actton Francaise, in der Charles Maurras außerordentlich bissige Worte gegen den „klassischen Verräter Briand" und den „schönen Prahlhans Tardieu" an der Spitze der „bochefreundlichen Regierungsbands" findet und die französische Regierung des heimlichen Hochverrats an den französischen Saarinteressen anklagt. Im „Journal d'Alsace et de Lorraine" stößt Dr. Robert Herly in das gleiche Horn. Er sagt u. a., das Deutsche Reich stehe vor der unangenehmen Situation, entweder Frankreich Konzessionen. zu machen, damit das Saargebiet leben könne, auch auf die Gefahr hin, den französischen Einfluß hier einwurzeln zu sehen. Oder aber könne das Reich die Dechandlungen abbrechen, um die Zahl der Arbeitslosen, die es bereits ernähren muh, noch um einige Hunderttausende zu vermehren. Die Komödie habe lange genug gedauett; deshalb solle Frankreich den Dingen ihren Lauf lassen. Die Saarbevölkerung selbst solle im Jahre 1935 zwischen der Prosperität oder dem Ruin wählen, dafür könne Frankreich aber noch über vier Jahre sämtliche Vorteile des Friedens- vettrags genießen.
Diese vom Haß dittierten Aeuherungen sind bezeichnend für die Hoffnungen, die man in den chauvinistischen Kreisen Frankreichs immer noch bezüglich des Saargebiets nährt. Cs ist doppelt bedauerlich, daß solche Auslassungen in einer Zett veröffentlicht werden, in der die letzte Zone des besetzten Gebietes geräumt wird, und damit die Grundlage für ein besseres deutsch-französisches Verhältnis gegeben sein könnte.