Dienstag, dea 17. Ami 1930
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Das Rotopfrr ist gefasten
Die Seulicke Nolksvarlel unt 8fe SemoktsMe Wtf lehnen das Relovser als Eendermaßnahm ab
Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei faßte am Montag abend nach mehrstündiger eingehender Aussprache eine Entschließung, in der es u. a. heißt:
„Die soziale und wirtschaftliche Rot des deutschen Volkes zwingt zu entscheidenden Entschlüssen. Sie kann durch neue steuerliche Belastungen nicht behoben werden.
Das Problem der deutschen Wirtschaft und der Finanzen des Reiches kann nicht von der Steuerseite, sondern nur von der Seite der Belebung der Wirtschaft and der rücksichtslosen Senkung der Ausgaben angesaht werden.
Auch muß die Senkung der Produktionskosten durch Herabsetzung der Personalausgaben in der Privatwirtschaft von oben bis unten durch gleichzeitige Herabsetzung der Preise und durch eine starke Minderung der Ausgaben der öffentlichen Verwaltung im Reich gemeinsam durchgeführt werden. Solange die, Voraussetzungen für eine solche gemeinschaftliche Krastanstrengung des ganzen Volkes, fei es durch freie Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern and Arbeitnehmern, sei es im Wege bet- Gesetzgebung, nicht gegeben sind, bleibt eine
einseitige Sonderbelastung wie „Rot- oxfer- oder „Reichshilfe der Festbe- foldeten" ungerecht und wirkungslos und muß daher von der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei a b gelehnt werden. Wir find überzeugt, daß bei Sicherstellung der genannten Voraussetzungen auch die deutsche Beamtenschaft nach den Erklärungen ihrer Spitzenorganisationen bereit ist, sich einer solchen gemeinschaftlichen Kraftanstren- gung zur Rettung von Staat und Volk durch entsprechende Herabsetzung der Personalausgaben in der gesamten öffentlichen Verwaltung nicht zu verwahren. Die gegenwärtige Gestaltung der Arbeitslosenversicherung untergräbt nicht nur die Finanzen des Reiches, sondern auch die Arbeitsmoral des deutschen Volkes und begünstigt die Landflucht, indem sie der Landwirtschaft notwendige Arbeitskräfte entzieht und sie in Städten anhäuft, wo kein Bedarf für sie ist. Hier kann nur eine grundsätzliche Umgestaltung helfen., Ohne Verzug sind zunächst die Vorschläge des Vorstandes der Reichsanstalt zu verwirklichen. Zur gleichen Zeit ist die Reform der Krankenversicherung durch- wführen. Die Ueberweisungen des Reiches an die Länder und Gemeinden sind alsbald wirksam h'er- obzusetzen. Als Ersatz dafür und zur Steigerung der Verantwortung der Länder und Gemeinden für ihre Ausgaben ist
eine Bürgerabgabe für jeden wahlbe
rechtigten Gemeindebürger
reichsgesetzlich durchzufüyren. Die Haushaltspläne von 1930 in Reich, Ländern und Gemeinden find einer nochmaligen verschärften.Nachprüfung mit dem Ziele einer erheblichen weiteren Herabminderung der öffentlichen Aus- oaben zu unterziehen-. Die deutsche Wirtschaft im weitesten Sinne, die in sich scharf rationalisiert hat, und der deutsche Steuerzahler haben das Recht zu verlangen, daß die Verwaltung so rationell und sparsam wie irgend möglich geführt wird. Es ist die Zeit gekommen, in der Frage der Reichsreform von Erwägungen und Verhandlungen zur Tat zu schreiten."
Die Entschliehung der Demokraten
Berlin, 16. Juni. Die deutsche demokratische Reichstagssraktion hat in ihrer heutigen Fraktionssitzung die Erhebung von Sonderlasten von einzelnen Schichten des Volkes, die sogenannte ..Reichshilfe der Festbesoldeten" abge- lehnt. «
Unter den zahlreichen politischen Kundgebungen des Sonntags zu dem Sanie
rungsprogramm der Regierung sind die der Deutschen Volkspartei in den Wahlkreisen Koblenz-Trier und Düsseldorf-Ost hervorzuheben. Beide Wahlkreise, von denen der erstere der Moldenhauers ist, wenden sich in einstimmig angenommenen Entschließungen gegen die Deckungsvorschläge des Ministers. Das Notopfer insbesondere wird als einseitig, ungerecht und ungeeignet abgelehnt.
Dem Reichsrat bereiSs zugeleitet Wer soll zum Rolovlec btrawoocn werben?
Berlin. 16. Ium. Reichsfinanzminister Dr. M o l d e n h a u e r hat dem Reichsrat nunmehr seine Steuergefetze zu- gelcitet mit der Bitte, sie bereits in der Sitzung vom 18. Juni zu behandeln, da die Gesetzentwürfe unter allen Umstande« vor der Sommerpause des Reichstages verabschiedet werden müßten.
Die Steuerpflichtigen
Wie der „Demokratische Zeitungsdienst" berichtet, heißt es in dem dem Reichsrat zugeleiteten Gesetzentwurf über eine „Reichshilfe der Fe st besoldeten" u. a.:
„Zum Ausgleich der Aufwendungen im ordentlichen Reichshaushalt wird von den Einnahmen der im Gesetzentwurf bezeichneten Personen vom 1. Juli 1930 ab bis auf Weiteres ein Beitrag erhoben. Die Reichshilfe fließt ausschließlich dem Reiche zu. Beitragspflichtig find
die Beamten und Angestellten
des Reiches, der Länder, der Gemeinden und Gemeindeverbänden, der Reichsbank der sonstigen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, der Deutschen Reichsbahngesellschaft und die Soldaten der Wehrmacht, ferner die Beamten und Angestellten bei Unternehmungen oder Einrichtungen mit überwiegender Kapitalbeteiligung aller öffentlich-rechtlichen Körperschaften: weiterhin
di« Empfänger von Warlegeld, Ruhe- gri; Witwen- und Waisengeld
und anderen Bezügen oder Geldwertvorteilen für frühere Dienstleistungen, die von Reich, von den Ländern und den übrigen öffentlich-rechtlichen Körperschaften gewährt werden."
Der Kreis der Privatangestellten.
die für die Reichshilfe in Frage kommen, ist wie folgt umschrieben: „Sonstige Personen mit einer Einnahme, wenn sie den Betrag von 8400 M jährlich übersteigt und wenn es sich nicht um Personen handelt, die für den Fall der Arbeitslosigkeit pflichtversichert sind. Der Beitrag beträgt 4 v. H. der Einnahme. Bei den Behördenangestellten, die der Arbeitslosenversicherung unterliegen, beträgt der Beitrag 2v.H. der Einnahmen. Der Beitrag wird von den Gesamteinnahmen durch Einbehaltung eines Lohnteiles, von den Tantieme-Einnahmen im Wege der Veranlagung erhoben. Der Arbeitgeber hat den Beitrag von den Gehalts- einnahmen bei jeder Lohnzahlung einzubehalten und die eingehaltenen Beiträge an das Finanzamt abzuführen. Die Reichsregierung ist ermächtigt, das Gesetz mit nom 1. April 1931
ab zu mildern oder außer Kraft zu setzen.
Ueber den Entwurf eines Gesetzes über ein
Ledigen-Notopfer
heißt es: „Zum Ausgleich der Aufwendungen des ordentlichen Reichshaushaltes, die sich infolge der schlechten Wirtschaftslage ergeben, wird von den ledigen, unbeschrankt emkommensteuerpflichtigen Personen für die Zeit vom 1. Juli 1930 bis 31. März 1931 ein Notopfer inHöhe von 10 v. H. der Einkommensteuer erhoben. Das Notopfer fließt ausschließlich dem Reiche zu. Zu diesem Zwecke erhalten die Länder von dem Aufkommen an Einkommensteuer im Rechnungsjahr 1930 statt 75 v. H. 74 v. H.
Srnres SWtaftr von Mag»?
London, 16. Juni. Daily Herald veröffentlicht eine drahtlose telephonische Unterredung mit Vern gegenwärtig in Newyork befindlichen amerikanischen Botschafter in London General Dawes, der, wie das Blatt behauptet, vielleicht feinen augenblicklichen Posten aufgeben werde, um die gefährliche und schwierige Aufgabe der Säuberung Chicagos von Verbrecherelementen zu übernehmen. Dem Blatt zufolge soll General Dawes ersucht werden, der Diktator Chicagos zu werden. Der Botschafter erklärte, er sei bereit, eine solche Aufforderung zu erwägen. Der Herausgeber der Chicago Tribüne erklärte zu dieser Meldung, Dawes sei der rechte Mann für die Säuberung Chicagos, das über 10 000 Verbrecher beherberge.
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Berlin, 16. Juni. Die Fraktion der Wirtschaftspartei hat im Preußischen Landtag beantragt, gegen den Ministerpräsidenten Brann wegen seiner kürzlich am Staatsgerichtshof geübten Kritik die Ministeranklage zu erheben. In der Begründung wird ausgeführt. daß die von der höchsten preußischen Regierungsstelle geübte Kritik an dem Urteil des Staatsgerichtshofes den deutlichen Willen zeige, sich dem Spruch in der Berwaltungspraris nicht zv fügen und geeignet sei, das Vertrauen in die Rechtspflege und damit die Staatsautorität zu gefährden.
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Von den Erörterungen, die gestern un Reichstag über die Deckungspläne des Reichsfinanzministers ge- pflogen wurden, kommt zweifellos der Abendsitzui^ der Fraktion der Deutschen Volkspartei die größte Bedeutung zu. Die Fraktion hatte bereits nachmittags zu den Problemen Stellung genommen und war zu einer einmütigen Ablehnung namentlich des Notopfers gelangt. Die Entschliehung wurde abends in einer zweiten Sitzung festgelegt, an der auch Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer tellnahm. ES ist anzunehmen, daß er seiner Fraktion noch einmal ein Bild der finanziellen Lage des Reiches entwickelt und ihr einen Aeberblick über seine Absichten und Ziele Ä hat. Me Sitzung endete dann r Abendstunde mit einer Entschlie» huiig in der Form, wie sie jetzt vorliegt. Man darf gewiß vermuten, daß unter dem Einfluß des Reichsfinanzministers einige Aenderungen an ihrer ursprünglichen Ge» statt vorgenommen wurden. Wichtig ist besonders, daß der Reichsfinanzminister der Entschliehung nicht widersprochen hat. Wie im Reichstag verlautet, wird er im Einvernehmen mit dem Reichskanzler in den nächsten Tagen Verhandlungen mit den Parteiführern aufnehmen, um ein Kompromiß in der Deckungsfrage zu finden. Jedenfalls sieht man in parlamentarischen Kreisen damit das Notopfer in seiner bisherig en Form als erledigt an.
Die Entschließung der Deutschen Volks» pattei geht von der Erwägung aus, daß die bisherige Aebersicht über das Defizit nicht ausreicht, um den Grund für so einschneidende Steuermaßnahmen zu liefern. Außerdem spielt in den Erörterungen das Scheitern der bishettgen Verhandlungen zwischen den Arbettgebern und den Gewerkschaften um die Preis» und Lohnsenkung eine erhebliche Rolle. Darauf geht auch der Passus in der Entschliehung zurück, der ein eventuelles Eingreifen des Reiches in diese Bewegung behandelt. Die Vorschläge der Entschließung beziehen sich weiter auf die Reichsreform. In den Kreisen der Deutschen VvlkSpattei chält man den psychologischen Moment für die Reform als außerordentlich günftig. Nachdem die Wirtschaft alles getan hat, um sich zu rationalisieren, kann man nun vom Reich ein Gleiches verlangen, ehe den deutschen Steuerzahlern weitere Lasten zugemutet werden. GS ist anzunehmen, daß die Verhandlungen, die in den nächsten Tagen zwischen Regierung und Patteiführern stattfinden werden, sich auch auf dieses Thema erstrecken werden.
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Herr Parker Gilbert, der Deutschland vor einiger Zett nicht zum Leidwesen des deutschen Volles verlieh, hat jetzt seinen S chlußbericht, gleichsam als letzte Hinterlassenschaft, herausgegeben. Während der Tättgkett Gilberts in Deutschland hat man viel gegen die etwas schulmeisterliche Dialekttk und das Grundsätzliche seiner Kathederpredigten einzuwenden gehabt. In seinem Schlußbericht steht aber doch manches, was nicht so ganz aus der Luft gegriffen erscheint. Wie fast alle vorhergehenden Berichte Patter Gilberts unterstreicht auch die letzte Deickschnft das Bedenkliche der deutschen Haushaltsführung. Was sagt Patter Gilbett? Der deutsche Haushalt sei als Ganzes noch immer in ein großes Dunkel gehüllt, das Neben- und Durcheinander von ordentlichem und außerordentlichem Haushalt, die völlige Herausnahme der meisten . Ueberweisungen an Länder und Gemeinden, die unordentliche Mechode des Vor- ttages von Einnahme- und Ausgabenposten aus früheren Jahren verwirre das Bild ungemein. Ost erhalte das Parlament erst, wenn die Ausgaben bereits gemacht seien und das Defizit vochanden wäre, em'deulliches Bild von der , Lage. Das sind recht bittere Worte, die wir chier