Montag,
ton 16.3uni 1930
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SberlMsche Zeitung
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
schraube bezeichnete der Redner geradezu als ein Verbrechen. Rach wenigen Monaten müsse man schon feststellen, daß das Kabinett Brüning, das sich mit so hochtönenden Worten eingeführt habe, ein völliges Fiasko erlitten habe. Dieser Mißerfolg sei vorherzusehen gewesen, weil das Kabinett Brüning nichts andres getan habe als die Politik des Systems Breit- scheid-Stresemann-Hilferding fortzusehen. Jedes Regiment werde in Deutschland scheitern, die gleichzeitig den französischen Militarismus und im Innern den Marxismus finanzieren wolle.
Osthilfegesetz im Reichsrat einstimmig angenommen.
Berlin. 14. Juni. Zm Reichsrat wurde am Sonnabend das Osthilfe- gesetz einstimmig, das Gesetz über die Ablösungsbauk bei Stimmenthaltung Bayerns angenommen. Angenommen wurde auch die Ausschutzentschlietzung über Eijenbahnbauten.
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Wetze In Berbercilung — MieWimtsebimg »er..Bela" gegen Rolovier un» AtzallSabbau
Die vom Reichskabinett vorbereiteten Gesetze über die Einschränkung der Verwaltungsausgaben sehen, wie die „Voss. Zeitung" erfährt, folgende Maßnahmen vor:
Lebte fünfjährige Sperre für die Ein- stellng neuer Beamte«:
2. vollkommene Beseitigung der jetzt bestehenden örtlichen Sonderzuschläge;
3. Verkürzung des Urlaubs;
4. Entlassung weiblicher Beamter im Falle der Eheschließung;
5. Nichtanrechnung der im Wartestand verbrachten Dienstzeit auf die Gewährung de« Ruhegehalts;
6. Heraufsetzung der Altersgrenze von 65 auf 68 Jahre, wobei es der obersten Behörde allerdings überlassen bleibt, in Einzelfällen Beamte auch schon im 65. Lebensjahr in den Ruhestand zu versetzen;
7. eine allgemeine Pensionskürzung. wobei zum Teil der Witwengcldanspruch stark beschränkt, zum Teil völlig beseitigt werden soll für den Fall eigenen Diensteinkommens oder Ruhegehalts;
8. eine allgemeine Besoldungssperre für Reichs-, Länder- und Eemeindebe- amte. und das Recht des Reichsfinanzministers, die Besoldungsverhältnisse der Gemeindebeamtea nachzuprüfen.
Reichsarbeitsminister Stegerwald zum Notopfer.
Reichsarbeitsminister Stegerwald setzt sich in der „Germania" mit der Kritik an dem Notopfer der Festbesoldeten, das das Kabinett am Freitag endgültig beschlosien hat,auseinander. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß mit dem angeblich allein seliqmachenden Vorschlag des allgemeinen Zuschlages zur Einkommensteuer an die Dinge bestimmt nicht heranzukommen sei. Diejenigen Arbeitnehmer, die künftig erhöhte Beiträge zur Arbeitslosenversicherung aufbringen sollten, könne man daneben nicht noch zu einer erhöhten Einkommensteuer heranziehen. Bleibe aber die erhöhte Einkommensteuer auf den Rest der Steuerzahler beschränkt, dann müßten diese mit 15 bis 20 v. H. Zuschlag zur Einkommensteuer belastet werden, womit unabwendbar eine verstärkte Kapitalflucht und eine Erschwerung der Produktion sowie des beabsichtigten Preisabbaues verbunden sein würde. Bei der Eesamtlage Deutschlands gebe es keinen wesentlich anderen Weg, als, den, den die Reichsregierung vorschlage.
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Die Vereinigung der leitenden Angestellten („Vela") veranstaltete am Freitag eine stark besuchte Protestkundgebung gegen „Notopfer und Eehaltsabbau". Der Hauptgeschäftsführer der Vela, Dr Mässe l m a n n, wies u. a. darauf hin, dag es falsch sei, bei den leitenden Angestellten von Festbesoldeten zu sprechen, weil sie genau wie alle anderen Arbeitnehmer der Gefahr eines plötzlichen Abbaues ausgesetzt seien. Der Vorsitzende des Schutzkartells deutscher Geistesarbeiter, , Dr. Everling, erklärte, daß auch die in Schutzkartellen zusammengeschlosfene Schicht des geistig arbeitenden Mittelstandes die „Strassteuer für die Intelligenz" ablehne. Der Vorsitzende der Vereinigung von Oberbeamten im Bankgewerbe, Dr.
Opitz, verwies auf die außerordentlich schwierige Lage der Bankoberbeamten.
Die Versammlung erhob in einer Entschließung schärfsten Einspruch gegen das Notopfer der Festbesoldeten, „weil es einen indirekten Gehaltsabbau für die leitenden Angestellten bedeute und sie gleichzeitig dem direkten Eehaltsabbau, der für die gesamte Arbeitnehmerschaft in die Wege geleitet wird, ausgesetzt sind". Die leitenden Angestellten seien bereit, an einer Sanierung' der Reichsfinanzen mitzuwirken, müßten aber verlangen, daß man die Lasten nicht auf sie allein abwälze.
Berlin, 14. Juni. Der Hansabund für Gewerbe, Handel und Industrie hat an den Reichskanzler Dr. Brüning heute einen Brief gerichtet, in dem zur lieber« Windung der die Existenz von Staat und Wirtschaft gefährdenden übergroßen Arbeitslosigkeit eine Initiative der Reichsregierung gesordert wird, um eine einheitliche Prei sa b baubeweg u n g, gestützt und unterbaut durch eine sich der Konjunktur anpassende Senkung der Löhne und Gehälter, herbeizuführen. Dabei wird betont, daß das Ziel der Preissenkung nur erreicht werden kann, wenn die gegenwärtig überhohen öffentlichen Belastungen ebenfalls gesenkt werden. Der Brief des Hansabun- des fährt fort:
Wir erklären es für unrichtig, daß der wesentliche Teil der Anforderungen des Reichsnettohaushaltes zwangsbedingt ist. Das gilt vor allem für die persönlichen Ausgaben mit ihrer Gesomtforderung von 997.5 Millionen Reichsmark, ebenso wie für die sogenannten sächlichen Verwaltungsausgaben. Die insgesamt, 3 138,5 Millionen Reichsmark umfassenden Anforderungen der sogenannten „Allgemeinen Haushaltsangaben" enthalten nach unserer Ueberzeugung große und entscheidende Einsparungsmöglichkeiten. Gerade eine weitsichtigere Sozialpolitik verlangt eine grundsätzliche Neuordnung zwischen Reichshaushalt und Sozialversicherung.
Der Hansabund weist darauf hin: a) daß die einmaligen zusätzlichen Ausgaben, die durch unabweisliche öffent-
Eeheimrat Quaatz über die politische Lage.
Detmold, 14. Juni. Der deutsch- nationale Reichstagsabgeordnete Geheimrat Dr. Quaatz sprach hier am Sonnabend über das Thema „Der Zusammenbruch der Reichsfinanzen und die Lage des Kabinetts Brüning". Er erklärte, der Finanzminister halte es noch immer nicht für angezeigt, der Oeffentlichkeit klaren Wein über die katastrophale Lage des Reiches einzuschenken. Man scheue nicht vor direkten Entstellungen zurück.. So habe der Finanzminister am 30. Mai den
b) daß innerhalb des Reichsyaushaltes von 1930 Einsparungen von 12—15 % der Gesamtanforderungen des Reichs- nettohaushaltes, d. h. also von 700 bis 800 Millionen Mark, möglich sind;
c) daß anstelle der beabsichtigten Steuererhöhungen in Kombination mit einer zwangsläufigen Entlastung des Reichshaushaltes von 1931 schon jetzt mit Wirkung vom 1. Oktober 1930 ab Steuersenkungen im Ausmaß einer Iahreswirkung von mehr als, einer Milliarde Reichsmark möglich sind.
Daneben erscheint es uns zur Vermeidung einer Steigerung der Gesamtlast aus Sozialbeiträgen erforderlich, die zu '-Ueßende neue Steigerung der Beibeschließende neue Steigerung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung unmittelbar mit der Verabschiedung der an« gekündigten Novelle zur Krankenversicherung zu verknüpfen, so rote roir dies wohl den Beschlüssen der Reichsregierung bereits entnehmen dürfen.
Die Durchführung eines solchen Programms ist die historische Aufgabe, die im gegenwärtigen Augenblick nach unserer Ueberzeugung der Reichsregierung gestellt ist.
Fehlbetrag auf 465 Millionen angegeben. Diese Ziffer sei völlig irreführend. Kurze Zeit vorher habe eine amtliche Aufstellung einen Fehlbetrag des Reichshaushalts von 1654,3 Millionen Mark eingehend nachgewiesen. In Wirklichkeit reiche auch diese Zahl nicht hin weil man die dauernde Arbeitslosigkeit nicht genügend berücksichtigt habe. Nach den Berechnungen des Redners wird sich Ende des Jahres insgesamt ein Fehlbetrag von etwa 3040 Millionen Mark ergeben. Hiervon sei der Ertrag der neuen Steuern abzuwarten, der aus 700 bis 800 Millionen Mark geschätzt werden könne.
Als Endergebnis bleibe also trotz der ungeheuren Steuererhöhungen ein voraussichtlicher Fehlbetrag allein beim Reiche von etwa 2^ Milliarden Mark.
Es fei also keine llebertreibung, wenn man das Reich als bankerott bezeichne. Ein weiteres Andrehen der Steuer-
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Ein Srtef »es SMHmtri an »in Reichskanzler
liche Fürsorgepflichten gegenüber solchen Mitbürgern bedingt sind, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind, ausgeglichen werden müssen durch die Heranziehung der in den vergangenen Jahren gewonnenen Reserven Vorzugsaktien der Reichsbahn, im Tilgungsfonds der Altanleihe ange= sammelte Mittel usw.);
SaotMtOtl
Ausgerechnet in diesem Augenblick, Wohl um die gespannte Lage der Reichsregierung noch etwas krisenhafter zu machen: ein neuerFlaggenkrieg! Man hat (das wird zugegeben) noch in der Zeit Severings als Reichsinnenminister an einem Gesetzentwurf herumgebastelt, der die Flaggenfrage auf den privaten Seehachten behördlich regeln wollte. Bis jetzt find nur die Schiffe zum Führen der offiziellen deutschen Handelsflagge verpflichtet, die im Register eingetragen find, das find also Schiffe, denen man nicht den Charakter einer Seehacht zubilligen kann. Den Pri- vathachten und allen kleineren Fahrzeugen war es freigestellt, welche Flaggen sie hissen wollten. Der Gesetzentwurf beabsichtigte, alle auf See gehende Pachten von über 20 Tonnen Umfang registrierpflichtig zu machen. Sie wären durch die Ber- fassung dann gezwungen worden, die Handelsflagge zu führen. Der Gesetzentwurf ging aber noch weiter, er legte fest, daß alle anderen kleineren Fahrzeuge zum Hissen der schwarz-rot-goldenen Flagge verpflichtet seien. Der Gesetzentwurf ist allerdings in den Referentenbesprechungen steckengeblieben, aber in gewissen Kreisen scheint man jetzt zu befürchten, daß Reichsinnenminister Dr. Wirth beabsichtige, nunmehr die ganze Sache wieder aufzurollen. Man kann dem Dementi des Reichsinnenministeriums umso mehr Glauben schenken, als es wohl kaum im Interesse der Reichsregierung läge, die schwerwiegenden Auseinandersetzungen über die Gestaltung der neuen Finanzgesetze noch mit einer zweiten kritischen Angelegenheit zu belasten. Ein solcher Vorstoß des Reichsinnenministeriums wäre auch ohne die augenblickliche parlamentarische Krise eine Aktion, die recht viel böses Blut machen könnte. Wenn man bedenkt, daß nach Inkrafttreten einer solchen gesetzlichen Vorschrift alle größeren Motorhacht- und Segelverbände gezwungen wären, an Stelle ihrer alten Klub- und Verbandsfahnen die offiziellen Reichsfahnen zu hissen, so wird man es durchaus begreiflich finden, wenn sich auch diejenigen Mitglieder der Verbände gegen eine solche Wiederholung ihrer alten Der- bandssahnen wehren werden, die politisch durchaus den Sinn der Verordnung bejahen. Im übrigen sei erwähnt, daß zum Beispiel die Flagge des Deutschen Seglerverbandes im amtlichen Flaggenbuch aufgezeichnet ist, was mindestens nachweisen dürfte, daß diese Flagge nicht regierungsfeindlich anzusprechen ist. Die ganze Angelegenheit ist, wie man sieht, außerordentlich undurchsichtig, sie stützt sich weiterhin auf derartig schwache Rechtsstandpunkte, daß es kaum glaublich erscheint, was viele befürchten: das erneute Hervorzerren eines Streites, der doch kein befriedigendes Ende bringen kann und nur die innerpolitischen Leidenschaften ohne jede tiefere Ursache emporwirbelt.
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Unter den Reformvorschlägen, die das Reichskabinett am Freitag verabschiedet hat, befindet sich auch ein Gesetzentwurf über die Krankenversicherung. Der Finanzminister hält diesen für nötig, um der Wirtschaft und den Versicherten einen Ausgleich zu schaffen für die höhere Belastung, die sie bei der Arbeitslosenversicherung auf sich nehmen müssen. ES ist der Grundgedanke habet maßgebend, daß bei der Krankenversicherung eine Summe von 200 bis 250 Millionen Mark eingespart wird, was einer etwa zehnprozentigen Verminderung des Gesamthaushaltes der Krankenversicherung gleichkommen würde. Die einzelnen gesetzgeberischen Maßnahmen sollen sich zunächst auf. eine Reform des kassenärzllichen Dienstes erstrecken. Es soll schärfer vorgegangen werden gegen solche Aerzte, die etwa Versicherte behandeln, die nicht krank sind. In diesen Fällen soll eine Schadenersatzpflicht der Aerzte eintreten. In ärzt-