Nr. 135
CterttfHTSt Mardnro e S Toimerstsn. bot 12. Jmn 1930
Bekleidung oder Abhärtung?
Von Dr. Werner Ruhe mann. Sportarzt u. Facharzt für innere Krankheiten, 1. Vorsitzender des Berliner Sport-Clubs. Kaum taucht eine neue oder eine neuent- fachte alte Idee in den Köpfen des Menschen auf, io wird die Lebensauschauung von Grund aus umgekrempelt und mit Zähigkeit bis in das Extrem hinein ins tägliche Leben übersetzt. Ganz besonders gilt das von den Ideen, die Beziehungen zu ber Gesundheit des einzelnen haben. Da nun jeder das Bestreben hat möglichst sein Leden in Gesundheit zu vollbringen, so können die Menschen sich nicht genug darin tun, neue „Eesundheitslehren" auf das strikteste — zu übertreiben. So ist es in erster Linie mit der Ernährung gegangen. Zuerst bietz der Kampfruf „nur Fleisch", dann „nur Gemüse", dann „nur Rohkost". Und jede dieser drei Ernährungen bis ins Extrem durch- gefübrt, birgt eine Reihe von Gefahren und Schädigungen für den menschlichen Organismus.
Die Idee des Sports, dir in unbeschreiblichem Siegeszuge sich über die ganze Welt verbreitet hat getragen von der unbestreitbaren Logik seiner Gedankengänae, ist heute so in den Vordergrund des Interesses der breiten Masse gerückt, baß Sport einen breiten Raum im öffentlichen Leben einnimmt. Alles, was mit Leibesübungen und Sport, mit Ertüchtigung und Eesundhaltung des Körpers zusammenhängt, wird mit einem Fanatismus durchgeführt, der an den Beginn einer neuen Religion erinnert. Unter der Devise „Abhärtung" versucht man, den griechischen Vorbildern nachzueifern und in einem ganz anderen, rauhen Klima und unter anderen Lebensbedingungen dem Körper die schützende Bedeckung zu entziehen.
Schutz ist sicherer als Abhärtung. Merkwürdigerweise wurde diese Erkenntnis zuerst von den prominenten Sportsleuten gefunden. Stand zunächst in der Sportbewegung tatsächlich das griechische Nacktideal im Vordergrund, so fanden die Sportsleute, die ihre Leistungen kontrollierten, bald heraus, daß die abgekühlte Muskulatur viel weniger leistungsfähig war als die gut durchwärmte. Wenn man also Rekordleistungen vollbringen wollte, so war man gezwungen die Muskulatur bis kurz vor Beginn des Startes warmzuhalten. Der Trainingsanzug aus Flanell, der zu diesem Zweck geschaffen wurde, ist heute allgemein bei allen Sportsleuten der Welt eingeführt. Erwähnenswert ist ferner der Umstand, baß die Sportsleute, die ja gerade ihren Körper auf Abhärtung eingestellt haben, am meisten unter rheumatischen Beschwerden zu leiden haben. Der Hexenschuß ist eine ebenso gefürchtete wie verbreitete Krankheit des Sportsmannes.
Die Mode, die wenigstens, in der „weiblichen Abteilung" oft Gegner der Hygiene ist, zeigt bei ihrem ständigen Wchsel mitunter eine Erkenntnis, die sich zuerst als erstaunlich, dann aber als durchaus logisch erweist. Ischias — oder wenigstens die Krankheiten, die man unter diesem Worte allgemein versteht, also lücht nur die Entzündung der nervus ischiaticus — war früher hauptsächlich eine Krankheit des Mannes; die Frau, geschützt durch zahlreiche llnterröcke und den langen Rock, litt selten unter dieser Krankheit. Heute bei kurzen Röcken und geringer Unterkleidung ist auch die Frau mehr als früher dieser Erkrankung ausgesetzt.
Grippe, Tuberkulose, gefährliche Mandelentzündungen befallen ebenso die Naturapostel wie die normal bekleideten Menschen; sicher aber ist, daß derjenige, der sich durch vernünftige BeUeidung und richtigen Kleidungswechsel vor Erkältungen schützt, leichter den Infektionen entgeht, als jentanb, der ungeschützt, wenn auch abgehärtet, eine Schädigung seines Organismus — man möchte beinahe sagen — rovoziert. Die zwangsläufige
Forderung, jederzeit zeitgemäße Unterkleidung zu tragen, bedeutet also kein „Verzärteln, wndern selbstverständlichen Gesundheitsschutz!
Die Richtlinien für eine hygienisch einwandfreie Bekleidung find gegeben v deutschen Textilindustrie in vielfachen Abwandlungen ihrer Fabrikate angewendet worden. Es muß nur das aufhören was sich bei sonst ganz vernünftigen Menschen fast zum „Unfug" entwickelt — die sinnlose, von keiner Sachkenntnis getrübte Abhärtungsspielerei, die genau das Gegenteil dessen erreicht, was man von ihr erhofft — Anfälligkeit statt Widerstandserhöhung — Krankheitsverschleppung statt eiserner Gesundheit!
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ScrmiW »om Sagt
Die Versteigerung der Figdor-Sammlung.
Wien, 11. Juni. Die Versteigerung des ersten Teils der Kunstsammlung Fig- dor hat heute unter überaus großer Beteiligung von Interessenten, besonders von Galeriedireßtoren und Kunsthändlern aus dem Auslande, im Militär- Kasino am Schwarzenberg-Platz begonnen. Bisher hat der B t l d - T e p p i ch aus Tournai „Die große Gerichtsszene" (zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts) den höchsten Preis mit 700 000 Schilling (etwa 420 000 Mark) erreicht. Er ist von dem Kopenhagener Museum erworben worden. Das Gesamtergebnis der heutigen Vormittagsauktion betrug 2545 000 Schilling plus 20 Proz. Kaufgeld. Das sind rund 3 Millionen Schilling.
Ein Sägewerk abgebrannt.
Friedland, 11. Juni. Heute abend brach in dem Sägewerk der Siemens-Bau- union, Berlin, im Walde bei Wittenborn ein Feuer aus, das einen ungeheuren Umfang annahm und in der kurzen Zeitdauer von drei Stunden das gesamte Sägewerk mit großen Holzvorräten in Asche legte. Die ungünstige Windrichtung trieb das Feuer nach bem Walde hin, doch gelang es, ein Ueber- greifen zu verhindern. Dem Brande fielen 50 Schuppen mit Holzvorräten, einige Wohnbaracken, das Büro der Verwaltung, ein Schuppen und 8 Eisenbahnwagen zum Opfer. Als Brandursache wird fahrlässige Brandstiftung vermutet. Der Schaden, der auf etwa 300 000 Mark angegeben wird, ist durch Versicherung gedeckt .
Gistmordversach an der Ehefrau.
Wiesbaden, 11. Juni. Der Kaufmann Rohr verübte heute nachmittag an seiner Ehefrau einen Giftmordoersuch, der aber mißlang, da die Frau aus der Wohnung zu Bekannten eilen konnte, die für ihre. Ueberführung ins Krankenhaus sorgten, wo die Lebensgefahr beseitigt wurde.
Die Polizei, die Rohr festnehmen wollte, fand die Wohnung verschlossen. Da er Waffen besaß und schon seit langer Zeit auch der Behörde als exaltierter Mensch bekannt war, ließen die Beamten durch einen Schlosser die Wohnung aufbrechen. Unter Anwendung der in diesem Falle gebotenen Vorsicht drang man bann in die Wohnung ein. In einem Zimmer lag Rohr am Boden. Er hatte bis zum Eintreffen der Polizei seinem Leben durch Erschießen ein Ende gemacht.
Berchtesgaden gegen die ReNameschllder.
Die Stadt Berchtesgaden geht mit aller Strenge gegen die Verschandelung des Straßen- und Landschaftsbildes vor. Alle von der zuständigen Behörde beanstandeten Reklameschilder müssen entfernt werden. Das Anbringen neuer Reklameschilder hängt von der Genehmigung der Behörde ab. Man
will durch diese Maßnahmen erreichen, daß die Eigenheiten eines Straßen- oder Land- schaffsbiides durch marktschreierische Plakate oder dergleichen nicht zunichte gemacht werden. Das Zeitimgswesen m ber Tschechoslowakei.
— 250 deutsche Zeitungen.
Das staatliche Statistische Amt in der Tschechoslowakei veröffentlicht eine Statistik, die auch genaue Ausschlüsse über das Zei- tungs- und Zeitschriftenwesen der tschechischen Republik gibt. Im Jahre 1928 gab es in der Tschechoslowakei 914 politische Zeitungen. Am stärksten, mit 580 Blättern, war natürlich die Tschechoslowakei vertreten; die deutschen Minderheiten folgten mit 250 Blättern an zweiter Stelle. Daß in der Tschechoslowakei dem Zeitungswesen kein so starkes Allgemeininterefse entgegengebracht wird als in anderen Ländern, geht aus der Erscheinungsweise der Blätter hervor. Nur 144 von den 914 Zeitungen erscheinen täglich, 85 erscheinen zwei- bis viermal wöchentlich, 449 einmal wöchentlich und 266 in anderen Zett- intervallen. Es spricht für den Geltungs- Willen der deutschen Minderheit, daß gerade sie über eine verhältnismäßig starke Presse verfügt.
Devische Missionare auf Neuguinea.
In der lutherischen Mission von Neuguinea finden wir ein Zusammenwirken von Reichsdeutschen (70 Männer und Frauen) .Deutschamerikaner (20 Personen) und Deutschaustraliern (20 Personen) — ein interessantes Beispiel für die Weltverbreitung des Deutschtums. Die Reichsdeutschen sind von Neuendettelsau gesandt, die Deutschamerikaner gehören der lutherischen Jowasynode an, die demnächst in der American Lutheran Ehurch aufgehen wird, die Deutschaustralier zur Pelka, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche. Man zählt im Missionsgebiet (Finschhafen und Madang) 25 254 Getaufte. Charakteristisch ist, daß die Missionsarbeit dieser drei deutschen Gruppen sich auf ehemaligem reichsdeutschen Kolonialboden in englischer Sprache vollzieht.
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Die Paddler-Pfingstfahrt auf bot Lahn.
Man schreibt uns: 3m Laufs des Dienstags voriger Woche versammelten sich, wie schon kurz gemeldet, die Paddler in Marburg. Der Verkehrsoerein stellte freundlicherweise einen Führer zur Verfügung, so daß alle Teilnehmer das großartig gelegene Marburg genau besichtigen konnten. Bei herrlichem Wetter fuhren am Mittwoch 35 Boote von Marburg ab, erreichten abends die Ruine Badenburg, wo die Zelte aufgeschlagen wurden- Bei Einbruch ber Dunkelheit flammte die Ruine in bengalischer Beleuchtung auf. * Am Donnerstag ging es über Gießen, das unter Führung durch den Verkehrsverein besichtigt wurde, nach Wetzlar, wo die Boote von einem Vierer des Rudervereins eingeholt wurden und der Verkehrsverein einen herrlichen (Empfang bereitete. Nach einer Besichtigung der Hochinteressantenten Leitz- Werke und einer vergnügten Omnibusfahrt nach Schloß Braunfels, ging die Fahri am Freitagmittag weiter. Die inzwischen auf 50 Boote und Paddler aus allen Teilen Deutschlands angewachsene Flotte, von Booten des Weilburger Rudervereins gekettet, gelangte abends zu dem festlich geschmückten Zeltplatz in Weilburg auf dem idealen Gelände des Strandbades. 3m Nu entstand die Zeltstadt. Geschäftige Hände kochten das Abendessen und nach einer Führung durch Weilburg versammelte sich alles in der „Traube", wobei bet unbeschränkter Polizei
stunde der bisherige glänzende Verlauf bet Fahri gefeiert wurde. Am Samstag ging die Fahri nach Runkel wetter, wo der Tag mtt einer imposanten Burgbeleuchtung seinen Abschluß fand. Am Sonntag ging die Fahri über Limburg nach Diez.
Tagesanzeiger.
Donnerstag, den 12. Juni.
Vergnügnngsanzeiger.
Marburger Festspiele: 17 Uhr vor der ev.- luth. Kirche: „Jedermann".
Cafe Markees, Reitgasse: Ab 20 älht: Konzert.
Cafe Detter, Reitgasse: 20 Ahr: Konzert.
Stadtkeller: 20 Ahr: Künstlerkonzert.
Schühenhof, Wehrdaer Weg 2: Ab 20 Ahr: Künstler- und Sttmmungskonzert.
Capitol, Diegenstraße: Ab 20.15 Ahr: „Schwarzwaldkinder".
Kamera, Kasernenstraße: Ab 20.15 Ahr: Schlachtschiff „Constitution".
Rest. Granderath, Wettergasse: Ab 3 Ahr Ahr nachts Aeberttagung Boxkampf Schmeling-Sharkeh.
Phhma, Hindenburgstt. 16: 3—4 Ahr nachts Aeberiragung Boxkampf Schmeling- Sharkeh. !
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Versammlungen. Vorträge usw.
Liedertafel: 20.30 Ahr: Aebungsstunde.
Marineverein: 20.30 Ahr im Vereinsheim Dorstandssitzung.
«eschästNche RvteNm»
24% Steigung mit serienmäßiger BMW-Limoufine.
Herr Dipl.-Ingenieur Kollmann, München, schreibt uns in einem begeisterten Bericht über seine diesjährige Osterfahrt mit dem BMW.- Wagen u. a.:
„Da mir München so stütz als möglich erreichen mußten wählten wir von Innsbruck die kürzeste Strecke über den Zitier Berg, der frei« lich mit seinen 24% Steigung eine letzte ungewöhnliche Belastungsprobe für den Wagen bedeutete; wie der BMW. sie bestand hat ntcht nur mich, sondern auch entgegenkommende fremde Wagen erstaunt; ein großer Mercedes hielt fassungslos und sah uns lange nach, wie munter wir die enormen Steigungen nahmen.
Etwas oon der Hygiene!
Unbedingt notwendig ist es, auch für die Raumbeheizung wie siir gewerbliche Zwecke den richtigen Brennstoff zu wählen. Das rheinische Braunkohlenbrikett „Union" ist als ber Brennstoff anzusprechen, der allen hygienischen Ansprüchen genügt. Ganz abgesehen von der billigen Anschaffung und der größten Sparsamkeit im Gebrauch liegen die besonderen Vorzüge des rheinischen Braunkohlenbriketts „Union" darin, daß sie rauch-, ruß- und geruchlos verbrennen. ,,Union-Briketts" dienen somit der Gesundheit.
Verlag von Dr.S.Hitzervth. Derantwvrilich für die Schristkettung unb den politischen Lest: Dr.ErnstScheller; für Kommunalpolitik und Feuilleton: Loth. Schneider; für den lokalen und provinziellen Teil: Wilhelm Wihner; sämtlich in Warburg.
Sater im» Sohn
Eine Skizze aus dem mexikanischen Bürgerkriege.
Von Walter Oertel.
Mit einer ärgerlichen Bewegung warf der Haziendero Alonzo de las Casus einen Brief auf den Tisch, den er soeben erhalten hatte. Dann schob er die große Hornbrille aus der 6tirn und dachte nach.
Er hatte nur ungern seine. Einwilligung dazu gegeben, daß sein zweiter Sohn Ramon in die mexikanische Armee eintrat. Aber damals war auch noch sein ältester Sohn Felipe am Leben gewesen, der einst die große Estancia und die ausgedehnten Ländereien übernehmen sollte. Dann aber verunglückte Felipe tödlich auf der Jagd, und der Alte schrieb daher Ramon, der den Rang eines Capitanos bei der Reiterei bekleidete, er möge seinen Abschied nehmen und sich in die Leitung der Güter einarbeiten, die einst sein Erbe sein sollten.
Die Antwort lag vor ihm. Sie lautete ab« mjlägig, wenigstens vorläufig. Das Schlimmste aber war, daß er sich den Gründen, die sein Cohn für diese Ablehnung anfützrte, selbst nicht verschließen konnte.
„Gewiß, Vater, ich bin sehr gern bereit, Deinen Wunsch zu erfüllen und meine militärische Laufbahn aujzugeben, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich es nicht. Du weißt, wie die Regierung von allen Seiten mit Aufstand bedroht ist, wie der Präsident jedes einzelnen iuoerläffigen Offiziers bedarf. Soll ich ihn ba verlassen? Soll man von uns sagen, ein Mitglied der Familie las Easas ist zu seinem Vater nach Hause gelaufen, um sich der Gefahr des Krieges zu entziehen? Denke einmal selbst darüber nach, Vater, wie Du in diesem SaÜe handeln würdest. Sobald ber Bürgerkrieg beenbet ist, komme ich sofort, aber erst diuß der ausgefochten werden."
Don Alonzo seufzte schwer. Recht hatte der Junge, unb doch ... Der Alte stand auf und Lmg mit auf dem Rücken verschränkten Armen
im Zimmer auf und ab. Er war ein großer, hagerer Mann, mit scharfgeschnittenem, von Wind und Sonne lederfarben gebranntem Gesicht, dessen dunkle Tönung eigenartig gegen bas fast weiße Haupthaar und den langen weißen Schnurrbart abstach. Unter den buschigen, weißen Augenbrauen funkelten zwei dunkle Augen. Ihr Ausdruck sowie die straffe Haltung des Mannes verrieten, daß die Jahre dem Haziendero noch nichts von seiner körperlichen und geistigen Frische geraubt hatten.
Don Alonzo, der sich mit Stolz einen Abkommen der ersten spanischen Einwanderer nannte, stand in diesem Bürgerkriege, mit Leib und Seele auf Seiten ber Aufrührer, eine Auffassung, in ber er burch seinen Haus- geistlichen Padre Eugenio noch bestärkt wurde. Um so unangenehmer war daher für ihn der Gedanke, daß fein Sohn auf der Seite der Regierung focht.
Während er noch so auf unb ab wanderte, ohne mit sich ins Reine zu kommen, betrat ein Peon bas Zimmer unb melbete, daß Pedro, der Sohn eines benachbarten Haziendero, der sich besonders aktiv in ber aufftänbischen Bewegung betätigte, soeben eingetroffen sei unb bringenb um Gehör bitte.
Wenige Augenblicke später betrat Pedro de Gonzales, ein hübscher junger Mann oon etwa zwanzig Jahren, bas Zimmer. „Vater ist von den Regierungstruopen verhaftet worben", sagte er, inbem er sich bas vom scharfen Ritt gerötete Gesicht ttocknete.
Don Alonzo zog bie Brauen zusammen. „Pabre Eugenio soll sofort kommen", befahl er kurz bem Peon, ber an der Tür stehen geblieben war.
Dann setzte sich Don Alonzo in einen breiten Armsessel unb lub auch ben jungen Gonzales mit einer Hanbbewegung ein, sich zu setzen.
Sobalb Pabre Eugenio eingetreten war, berichtete Pebro folgenbes: „Ich war am Morgen ausgeritten, um nach ben Herben zu sehen. Bei meiner Rückkehr kam mit ein Peon mit ber Mitteilung entgegen gesprengt, mein Vater sei verhaftet worben. Die Solbatcn, die unter Führung eines Offiziers stauben, wären
soeben damit beschäftigt, den Schreibtisch unb bie Papiere bes Verhafteten zu burchsuchen. Ich habe bann sofort Kehrt gemacht unb bin Set gejagt, um Sie, Don Alonzo, von bem
ill zu öerjtänbigen.“
„Wie stark ist bie Abteilung?" fragte der Alte.
„Ein Offizier und zehn Reiter", erwiderte Pedro.
„Wollen die Reiter längere Zeit in Estancia bleiben?"
„Nein", erwiderte Pedro, „soviel ich von dem Peon erfuhr, sollen der Gefangene und bie »oigefunbenen Papiere sofort nach Gua- ranja in bas Läget bes Generals Utbalejo gebracht werben."
Don Alonzo versank einige Augenblicke in Schweigen. Dann war sein Entschluß gefaßt. „Wit müssen Gonzales unbebingt befreien", sagte er. „Wenn bie Reiter es so eilig haben, bann werben sie einen Nachtmatsch machen. Sie müßen bann in ber Dunkelheit bie Bar- ranca be los Tobos passieren, bie so eng ist, baß sie einzeln hinter einanber reiten müssen. Wir legen uns bort hinter den zahlreichen umher liegenden Felsbrocken, die den Eingang der Schlucht bedecken, auf die Lauer. Eine andere Abteilung sperrt den Ausgang, damit sie nicht nach vorn durchbrechen können."
Eine Viertelstunde später ritt eine Neiter- schat von dreißig wohlbewaffneten Männern von der Estancia ab. Padre Eugenio hatte ihr noch vor dem Ausbruch seinen Segen gegeben. Kurz vor ber Dunkelheit kamen sie an ber Varranca be los Todos an. Don Alonzo ließ absitzen unb schickte seine Leute an bie ihnen zugewicsenen Plätze.
„Schwatze Tücher vor, bas Gesicht, bamit uns feiner erkennt!" befahl bet Estancieto. Unb bas sage ich euch, Leute, keinen Schuß! Vergeßt nicht, baß wir uns babutch eine Patrouille ber Regierungstruppen auf ben Hals ziehen können. Sobald Sennor Gonzales befreit ist, bann fort auf bie Pferde und hinaus in die Steppe. Jede Minute ist kostbar."
Es wat finstere Nacht geworden. Wolkenfetzen jagten am Monde vorbei, der oon Zeit
zu Zeit die wilde Felsenszenerie beleuchtete. Nach einer Stunde Wartens hörte man Pferbegetrappel. Eine Anzahl Reiter näherte sich der Schlucht und brach in die Kolonne zu Einem ab, um die Barranca zu durchreiten. Als der letzte Reifet in die Schlucht eingeritten wat, gellte ein schrillet Pfiff durch die Nacht. Im Nu wuchsen neben den Soldaten dunkle Gestalten aus bet Erbe. Die Hebet« raschten wurden vom Pferde gerissen und entwaffnet, bevor sie an Widerstand denken konnten. Nur der Führet batte die Pistole schußfertig zur Hand. Getroffen sank der erste ber Angreifer hintenüber. Jetzt richtete ber Offizier bie Pistole auf den zweiten, bet seinem Pferb in bie Zügel gefallen war. Doch bieder war schneller. Et unterlief ben Reiter. Eine schmale, scharfe Dolchklinge funkelte int blassen Mondlicht. Tödlich getroffen sank der Offizier auf ben Sattelknopf seines Pferdes,
Inzwischen befreite Don Alonzo mit scharfen Schnitten seinen Freund Gonzales von seinen Banden.
Doch kaum hatte sich dieser von seiner Ueberraschung erholt, so packte er mit eisernem Griff den Arm Don Alonzos. „Was ist mtt dem Offizier geschehen?"
„Er ist tot", erwiderte Alonzo erstaunt, „er wat bet Einzige, bet Wiberstand zu leisten versuchte. Er erschoß Jose, würbe aber von Paolo, auf ben er bann anschlug, durch einen Stich mit dem Dolchmesser getötet."
Gonzales war kreidebleich geworden. „Jesus Maria!" murmelte et mit zuckenden Lippen.
Bei diesem Anblick schoß Don Alonzo ein Gedanke durch ben Kopf. Mit einem Ruck machte er sich von Gonzales los unb eilte auf bie Stelle zu, wo bie Leiche bes Offiziers lag.
Der Mond wat jetzt klar zwischen den Wolken hervorgetreten unb beleuchtete mit seinen kalten, weißen Strahlen ben leblosen Körper bes Capitano Ramon be las Easas, bes letzten Sprossen jener alten, von ben spanischen Gin« manberern abstammenden Familie.