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Montag, »en 2. Zimt 1930

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Anzeiger für (bas frnhere kurhessifche) Oberhessen

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Attentat auf den Marseiller D-Zug

Der Schnellzug Paris-Marseilles ist gestern nacht kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Montereau an der Seine südöstlich von Paris, entgleist. Bisher wurden 7 Tote geborgen. Ungefähr 30 Personen wurden verletzt. Das Echo de Paris erinnert daran, daß Ministerpräsident Tardieu die gleiche Strecke benutzte, um nach Dijon zu reisen, sodatz es sich aller Voraussetzung nach um ein Attentat handelt.

Lardieus Mgmmnmde

Paris, 1. Juni. Ministerpräsident Tardieu hat heute in Dijon die po­litische Programmrede gehalten, die den Auftakt zum Wiederbeginn der Parlamentsarbeiten bildet. Er ging zunächst auf die Innenpolitik ein und erörterte ausführlich das Zustande­kommen seines Kabinetts. Die entschlossene Politik der Regierung, fuhr Tardieu fort, hatte die Zersetzung der kommu­nistischen Partei bewirkt, die nicht mehr, wie noch vor drei Jahren, imstande ist, den Frieden und die Freiheit der Straße zu beeinträchtigen. Die Tätigkeit der Kommunisten scheint sich jetzt auf die Kolonien zu erstrecken, wo die Regie­rung ihnen den gleichen, entschlossenen Widerstand entgegensetzt:

Außenpolitisch führte Tardieu aus, die Grundsätze der französischen Außenpolitik lägen fest. Zwischen Frankreich und Deutschland sei noch über wichtige Ab­kommen zu verhandeln gewesen. Hinsicht­lich der Mobilisierung der Forderungen sei noch nichts erreicht gewesen, und doch sei die Mobilisierung das einzige Mittel, um an die Stelle der militärischen Garantien eine finanzielle Garantie zu setzen, durch die der Kredit Deutschlands mit der Er­füllung seiner Reparationsverpflichtungen verbunden werde. Die französischen Schuldenabkommen seien vom französischen Parlament im Juli vorigen Jahres ratifiziert worden, die darin ent­haltenen Lasten also endgültig geworden. Aber Frankreich habe nicht seine Gewähr für den Gewinn der Reparations-Opera­tion, d. h. für den Eingang der Einahmen und für das Vorhandensein der Garantien besessen. Um sich diese Einnahmen und diese Garantie zu verschaffen, habe die Re­gierung die Haager Abkommen vor­bereitet, darüber verhandelt, sie abge- schlossen, sie ratifizieren lasten und in Kraft gesetzt. Vor Ablauf von zwei Wochen werde die Mobilisierung der ersten Tranche durchgeführt sein.

Mehr als 100 Millionen Dollar wür­de« in die französischen Staatskasten fließen «nd auf dem Weltmarkt werde die erste Pounganleihe den Kredit Deutschlands mit der Liquidierung der

Kriegslasten solidarisch verbinden.

Wenn am 30. Juni mit der geziemenden Würde, ohne Eile, aber auch ohne Ver­zögerung entsprechend dem vor zwei Mo­naten von den französischen Militärbehör­den aufgestellte Programm, die dritte Rheinlandzone geräumt sein werde, werde der Poungplan nicht nur rechtlich, sondern auch tatsächlich in Kraft sein und die finanziellen Garantien, die Frankreich fehlten, als das Kabinett Tardieu die Regierung übernahm, wür­den Geltung haben. Das sei ein finan­zielles und ein polittsches Ergebnis.

Auf die allgemeine Friedens­politik übergehend, erklärte Tardieu, feine Regierung habe das Friedenswerk, das Briand in sechs verschiedenen Ka­binetten verfolgt habe weiter bettieben. Diese Politik ist vom französischen Parla­ment von einer Mehrheit ratifiziert wor­den, die die stärkste ist, die seit Kriegsende jemals bei der Ratifizierung irgend eines internationalen Abkommens sich zusam­mengefunden hat. Die Gegner der Re­gierung spotten und sprechen von einer zu großen Mehrheit. Das ist aber eigent­lich eine Anerkennung. Es ist günstig, daß

die Polittk der Organisierung Europas von Männern ratifiziert worden ist, die früher zögerten, diese Politik zu billigen. Wer hat Dr. S t r e s e m a n n einen Vor­wurf daraus gemacht, daß er von seither, zur Versöhnungspolitik gelangt ist? Das Recht, das man dem deutschen Staatsmann nicht abgestritten hat, muß man in glei­cher Weise auch allen französischen Abge­ordneten lasten.

Auf die Sozialpolitik übergehend, erklärte Tardieu, Frankreich sei von der schlimmsten Geisel der Nachkriegszeit, näm­lich der Arbeitlosigkeit, verschont geblieben. Deshalb müste es dem Arbeiter die Garan­tien geben, auf die er ein Anrecht habe.

Das fei durch das Sozialverficherungsgetztz geschahen.

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Die Pariser Blätter zur Rede Tardieus.

Paris, 2. Juni. Die Rede Tardieus wird von der Pariser Rechtspreste allge­mein anerkennend besprochen. Auch die Oppositionsblätter haben an den Aus­führungen des Ministerpräsidenten nichts auszufetzen, soweit sie sich nicht auf die Konzentration beziehen. DieEre Rou- velle", das Blatt Herriots, hebt hervor, daß diese Frage in der von Tardieu ge­wünschten Form nicht lösbar sei. Auch die Republic", das Organ der radikal­sozialistischen Partei, wendet sich gegen die

Sie SM von Montereau

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fk. Paris, 2. Juni. Wie derM a - tin berichtet, soll die bisherige Unter­suchung über die Ursache der Zugent­gleisung von Montereau bereits ohne Zweifel erwiesen habe, daß es sich um ein Attentat handelt. Die Ermittlung ergab, daß nicht nur an den Geleisen eine Vorrichtung angebracht worden war, um den Zug zur Entgleisung zu bringen sondern daß auch ein schwer beladener Seinekahn losgemacht wor­den war, der von der Strömung an den Brückenpfeiler getrieben werden sollte, um diesen zu rammen und die Brücke da­durch einstürzen zu lasten.

Die Aufräumungsarbeiten bei Mon­tereau sind so weit fortgeschritten, daß man einen sicheren Ueberblick über die Verluste hat. Danach find 7 Tote festge­stellt worden, von denen einer noch nicht identifiziert ist. Unter den Toten befin­det sich eine ganze Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Söhnen. Acht Personen wurden verletzt.

Ministerpräsident Tardieu, der am Sonntag abend wieder in Paris einge­troffen ist, hatte den Rückweg aus Dijon dazu benutzt, an der Unglücksstelle vor Montereau halt zu machen und diese zu besichtigen. Bei seiner Ankunft in Paris hatte er eins Besprechung mit dem Justiz­minister und dem Minister für öffentliche Arbeit Fernot über die bereits eingeleitete gerichtliche Untersuchung. Minister Per­not lehnte es ab, den ihn befragenden Journalisten das Ergebnis seiner Fest­stellungen mitzuteilen, insbesondere ob es sich um einen Sabotageakt handele.

Die Fliegertruppe von Main; nach Tours verlegt.

fk. Paris, 2. Juni. 10 Offiziere, 40 Unteroffiziere, 180 Mann mit 18 Flug­zeugen, die bisher den Besahungsttuppen in Mainz zugeteilt waren, sind, wie das Echo de Varis" aus Tours berichtet, nun­mehr auf dem dortigen Flugplatz, der ihre neue Garnison darstellt, angekonnnen und dem 31. Fliegerregiment zugeteilt worden.

Konzenttation und betont, es werde wohl kaum ein Radikal-Sozialist geben, der die­sen Gedanken der Zusammenarbeit mit der Rechte annehmen werde. Die Rechts­presse zollt den Ausführungen natürlich uneingeschränktes Lob. Besonders das Echo de Paris" zeigt sich sehr befriedigt über die klaren und unzweideutigen Worte Tardieus.

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RMM EpMptvMMMN

lieber das zur Beratung stehende Spar­programm der Regiernng weiß ein Ber­liner Montagblatt folgendes zu berichten: Der Inhalt des Programms ist größten­teils verfastungsändernd. Schon aus die­sem Grunde wirkt das Gesetzeswerk, das noch vor den Sommerserien vorgelegt wer­den soll, aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Periode politischer Hochspannung. Im Hintergrund steht der Diktatur­paragraph, auf den Dr. Moldenhauer am vorigen Sonntag deutlich hingewiesen hat. Das Programm Dr. Moldenhauers sieht zunächst die Abschaffung mehrerer Aemter vor, ll. a. sollen aufhören zu be­

stehen: das Amt des Reichskuustwarts, die Reichszentrale für Heimatdienst und eine Reihe von Finanzämtern. Es soll ferner ein zehnprozentiger Beamten­abba» erfolgen. Außerdem soll das Pensionsgesetz, das die Höchstgrenze für Beamtenprnsionen auf 12 000 M jähr­lich feststeht, wieder eingebracht werden. Schließlich will man die Alters­grenze für Beamte von 65 auf 68 Jahre heraufsetzen. Dann ist ein Gesetz ge­plant, das die Länder zwingt, die A b g e - ordnetenzahl der Länderparlamente auf dieselbe Weise zu verringern, wie das für den deutschen Reichstag vorgesehen ist. Im ganzen handelt es sich um sechs ein­zelne Gesetzentwürfe, von denen jeder in der bisherigen Fastung mindestens eine verfassungsändernde Bestimmung enthält. Das ganze Gesetzeswerk soll dem Reichstag im Lause der nächsten 14 Tage zugehen.

Der Bischof von Augsburg gestorben.

Augsburg, 1. 2uni. Der Bischof von Augsburg, Dr. Maximilian von Sjtngg, tft gestern abend in Faulenbach bei Fügen tm 59. Lebensjahr gestorben.

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ReichsarbeitsministerDr. Stegerwalv hat großzügige Maßnahmen angekündigt, durch die eine Senkung der Arbeitslosen» ziffer um mindestens 30 Prozent erreicht werden soll. Wie wir hören, besteht be­reits ein fest umrissenes Programm, wenn auch noch nicht alle Schwierigkeiten ausge­räumt sind, und die Einzelheiten iwch festgesetzt werden müssen. Bereits Sonn­abend berichteten wir darüber, daß vor allen Dingen einer der notleidendsten Mättte .nämlich der Baumarkt, eine Belebung erfahren muß, wenn man der katastrophalen Arbeitslosigkeit überhaupt beikommen will. Diese Maßnahmen allein werden aber noch nicht zu dem beabsichtig­ten Erfolge führen, so daß weitere- Pläne ihrer Verwirklichung zugefühtt werden sol­len, die auf eine weitgehende Förderung der Aufttagsetteilung ber 'der deutschen Reichspost und der deutschen -Reichsbahn­gesellschaft hinzielen. Man ist gegen» wärtig bestrebt, schon jetzt die Auf­tragserteilung für das ganze lausende Etatsjahr herbeizuführen, um dadurch der Wirtschaft einen ein­maligen starken Auftrieb geben zu können, der auch für die schwierigste Jahreszeit, den Winter, in seiner Aus­wirkung ausreichen müßte. So begrüßens­wett diese Pläne an sich sind, so stößt ihre prakttsche Durchführung doch infolge der großen Kosten auf "Hindernisse, deren Be- seingung augenblicklich schwebende Ver­handlungen gelten. Das Reich selbst ist bei 'der ungünstigen Kassenlage nicht in der Lage, Mittel bereitzustellen und hat selbst augenblicklich keine Anleihemöglich­keiten. Rach unseren Informattonen be­steht daher die Absicht, die Groß­banken und vielleicht auch die In­dustrie zu einer Kreditterung der Auf­träge an die Reichspvst und an die deutsche Reichsbahngestellschaft zu bewegen. Das Reich seinerseits würde selbstverständlich ür die tteditterten Summen eine Bürg- ch a f t übernehmen, die schon darin liegt, )ah ja im Etat für diese Zwecke beson­dere Positionen eingesetzt sind. Man glaubt in unterttchteten Kreisen, daß die augenblicklichen Verhandlungen über die Einzelheiten der Pläne bereits bis zum Dienstag soweit zum Abschluß gebracht werden können, daß das Reichskabinett in die Lage versetzt wird, zu dem Gesamt­programm Stellung zu nehmen. Die Reichsregierung beabsichtigt, bet'Dorliegen posittver Ergebnisse das Hilfsprogramm für den Arbeitsmartt unverzüglich in An­griff zu nehmen.

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Der polnischen Spionagedienst, der ganz nach französischem Muster aufgezogen ist, ist augenblicklich durch den Grenzzwischen­fall in den Mittelpunkt des Interesses der deutschen Oeffentlichkeit gerückt wor­den. Bekanntlich hat sich herausgestellt, daß der verhaftete Pole der Ches der polnischen Spionagezentrale ist D i r s ch a u i st. Unter diesen Umständen ist ein kurzer Aeberblick über die Organi- satton dieser polnischen Einrichtung von allgemeinem Interesse. Der Schwerpunkt des Spionagedienstes und damit auch die Zentrale liegt in Danzig. Die Leitung der großzügigen Organisation hat Kapitän Czycbon, der über außerordentlich große private Geldmittel verfiigt und diese teilweise der Organisation zur Verfügung stellt. Don der Zentrale aus laufen die Fäden nach den einzelnen Anterabtei-