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Wag, den M. Mai 1930

®fe ^Oberhrssischr Zeitung- « <$dnt sechsmal wöchentlich. Be­zugspreis monatlich 2.20 GM.auS- schlteßl. ZuslellungSgebühr, durch die Post 2.45 SM. Für etwa durch Streik, Maschinen defekt oder ele­mentare Ereignisse ausfallende Rummern wird kein Ersad ge» etslet. Verlag Dr. §. Hidervth. Druck der Unib.-Buchdruckerei Ach. Sieg. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. n. Sir. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. Sprechzeit der Redaktion von 1011 und

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

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Anzeiger her amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Das Kanaltunnel-Projekt gescheitert

Bei der gestrigen Sitzung des britischen Reichsverteidigungsamtes, an der Macdonald, Baldwin und Lloyd George teilnahmen, wurde der Plan eines Kanaltunnels aus Gründen der Landesverteidigung abgelehnt

Die Strntfmiung des Massen­mörders

Rach Mitteilung der Kriminalpolizei hat Kürten gelegentlich der Befichttgung der Orte der von ihm begangenen Ge­walttaten gestanden, daß er bereits

ein weiteres Verbrechen geplant und vorbereitet hatte.

Zu diesem Zweck hatte Krüten in der Nacht zum 22. Mai zwei Hämmer, in Zeitungspapier verpackt, in der Gegend uiedergelegt, in der er sein Opfer zu suchen beabsichtigte. Beim Eintreffen der Kom­mission mit Kürten an dem angeblichen Bersteckplatz nahe dem Bahndamm an der Holzeinfriedung eines Sportplatzeswaren die Hämmer verschwunden. Die Kriminal­polizei hält die Angaben des Kürten, datz er die nach seinen Angaben schon zu au- deren Morden benutzten Werkzeuge a« dem genannten Ort versteckt habe, für glaubwürdig. Die Suche nach den Häm­mern. die vielleicht von spielenden Kin­dern fortgetragen worden sind, ist im Gange.

Die Meldungen, dah der unter dem Ver­dacht der Täterschaft an den Düsseldorfer Morden festgenommene Kürten völlig zu­sammengebrochen sei, entspricht, dem Polizeibericht zufolge, nicht den Tat­sachen. Kürten ist bei den Vernehmungen lebendig sowie geistig außerordentlich rege und hat seine Aussagen ohne Anzeichen von Ermüdung gemacht. Auf alle Fragen gibt er bereitwillig erschöpfende Auskunft und hält auch nicht mit Angaben zurück, die ihn auher- ordentlich schwer belasten.

Eine innere Bewegung hat er bisher bei keiner Tatschilderung gezeigt.

Er betont immer wieder, welch auherordent- liche Befriedigung er dadurch gefunden habe, dah die durch einzelne Presseorgane gegebene Aufsehen erregende Darstellung seiner Taten die öffentliche Meinung im hohen Mähe auf­gepeitscht habe.

Bei den weiteren Vernehmungen schildert Kürten den Kindermord in Flehe fLenzen-Hamacher), die Fälle 2da Reuter, Elisabeth Dörrier und Frau Heinrich Wanders in der gleichen eingehenden Weise wie in den früheren Fällen. Der da­mals in Flehe gesicherte Fuhabdruck konnte als zu einem Paar Schuhe des Kürten ge­hörig identifiziert werden. 3m Falle Ida Reuter erscheint Kürten dadurch überführt, dah er Zustand und Lage seines Opfers beim Verlassen des Tatortes in einer Weise schil­derte, die dem objektiven Tatbestand ent­spricht. Weiter hat Kürten angegeben, das Sportköfferchen" der Reuter nach der Tat über eine Mauer in einen Hausgarten ge­worfen zu haben. Dieses Köfferchen ist be­reits vor längerer Zeit in dem Garten ge­funden und als Eigentum der Reuter er­kannt worden. Auch im Falle Dörrier ist die Beweisführung völlig unabhängig von dem Geständnis Kürtens gelungen, da ein Stück Pelzbesatz mit Stoff des Mantels der Dörrier gefunden worden ist. Kürten hatte mehrere Stellen bezeichnet, wo er selbst Kleidungsstücke der Dörrier verborgen hatte. Weiter war seinerzeit im Falle Dörrier, ebenso wie im Fteher Kindermord, ein ein­zelner Fuhabdruck am Tatort gesichert, der jetzt auch als von Kürten Herrührend iden­tifiziert werden konnte.

Im Falle der Ehefrau Wanders zeig­ten sich gewisse Widersprüche. Die Richtigkeit der Angaben des Kürten ergab sich aber ohne weiteres daraus, dah Kürten den Tat­ort bis ins einzelne schildern konnte, und dah ihm der Hammerstiel etwas unter dem eiser­nen Hammerkops abgebrochen und dah das abgebrochene Stück im Bogen in das Gebüsch

in den Hofgarten geflogen sei. Sofortige Nachforschungen führten zur Auffindung die­ses Hammerstücks. Eine von Kürten ge­machte Zeichnung dieses Stückes stimmte mit dem aufgefundenen Hammerstück überein. Kürten erklärte, dah das gefundene Stück zu dem von ihm nicht nur im Falle Wanders, sondern auch in den Fällen Reuter, Dörrier und Meurer benutzten Hammer gehöre.

Die weitere Vernehmung Kürtens.

Wie über die Untersuchung gegen Kürten bekannt wird, liegt das Gutachten des Schrift­sachverständigen Dr. S ch e i ck e r t nunmehr abgeschlossen vor. Es bestätigt uneingeschränkt die Identität der vom Täter geschriebenen wenigen Briefe mit den von Kürten jetzt an- E' iiaten Schriftproben und Skizzen. Kürten

i seine Schrift verstellt. Er hat dazu die qua-Druckschrist gewählt, ohne dah er sie

jemals beruflich angewendet oder sie geübt hätte. Rach seiner eigenen Angabe schrieb Kürten diese Briefe nur zu dem Zweck, eine Veröffentlichung derselben zu erreichen, um dadurch die Bevölkerung Düsseldorfs in Er­regung zu versetzen, aber nicht etwa zu dem Zweck der Aufklärung seiner Verbrechen, ob­wohl sie dazu beigetragen haben. Die Ver­handlungen und Ermittlungen brachten u. a. eine Feststellung des Tatbestandes zu den be­reits bekannten Ueberfällen vom 20. August 1929, deren erstes Opfer ein Fräulein Eold- hausen war. Kürten, der sie im Dunkeln verfolgt hatte,

versetzte ihr im Vorbeigehen einen Stich, in der von ihm zugestandeneil Absicht, das

Herz zu treffen.

Sie brach zusammen, und er ging seines Weges weiter, in der Ueberzeugung, tödlich

letzungen erlegen, ringt mit dem Tode.

Nach bisher unbestätigten Meldungen sind Rach und Kunarski ihren V e r - Grünsfeld

PolnlM Banditen in der Mark

RrgrlreAes Mergestchl - 3 Mionen getötet

Berlin, 30. Mai. Zn den mär­kischen Wäldern, in der Gegend von Groh-Kreuz auf der Strecke Ber­lin-Brandenburg spielte sich am Himmelfahrtstag in den Mittagsstunden bis Mitternacht

ein Feuergefecht zwischen polni­schen Verbrechern und den lleberfallkommandos von Branden­burg und Potsdam ab. dem nach den vorliegenden Meldungen drei Men­

schenleben zum Opfer fielen:

der Oberlandjäger von Schmergow bei Groh-Kreuz, Rach, der Hofbesitzer Eoertz und ein Verbrecher, der einen polnischen Pah auf den Namen Ku­ll arski bei sich führte. Ein Polizeiauf­gebot von 50 Mann hat die Stelle, an der der zweite Verbrecher vermutet wird, um­zingelt.

Ueber den Kampf mit den Verbrechern erfahren wir folgende Einzelheiten: Zn der Nacht zum Donnerstag war bei einem Obstzüchter ein Einbruch verübt worden, bei dem die Täter ein Fahrrad des Unter­mieters Otto Grünsfeld, ferner Lebens­mittel und Kleidung erbeuteten. Der Ein­bruch, der um 4 Uhr morgens entdeckt worden war, wurde sofort dem zustän­digen Oberlandjäger Rach gemeldet, der sich mit Goertz und Grünsfeld gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machte. Nach neunstündiger Suche fanden die drei

am Königspfuhl, unweit der Landstraße Beeskow-Grotzkreuz, zwei Männer im Grase liegen. Neben ihnen lagen ein Fahrrad, Kleidungsstücke und Lebensmit­tel. Erünefeld erkannte in dem Fahrrad sofort sein eigenes. Als die Männer die drei auf sich zukommen sahen, ergriffen sie die Flucht. Eine wilde Jagd setzte ein. Zwischen Dietz und Groh-Kreuz erreichten die Verfolger die Diebe. Einer von ihnen schoh und verletzte zunächst Rach durch Schulter- und Bauchschuß schwer, der an­dere stützte sich auf Goertz, kam mit ihm ins Handgemenge und gab schließlich einen Schuß auf ihn ab, durch den Eoertz so­fort getötet wurde. Nachdem zwei der Verfolger sich in ihrem Blute wälzten, versuchte Erünefeld einen der Täter zu packen, wurde aber durch einen Bauchschuß gleichfalls zur Strecke gebracht. Die Kunde von der Schießerei verbreitete sich bald in der ganzen Umgebung. Sämtliche Feuerwehren wurden alarmiert, ebenso die lleberfallkommandos der beiden nächstlie­genden Städte Brandenburg und Pots­dam. Der Feuerwehr von Phöben bei Werder glückte es, die Verbrecher unweit der Bahnwärterbude 54 zwischen Werder und Eroß-Kreuz ausfindig zu machen. Der Führer der Feuerwehr Phöbens rief das lleberfallkomando herbei. Beim Kugel­wechsel sank einer der Verbrecher von 6 Schüßen getroffen zu Boden, während der andere entfloh.

getroffen zu haben. Auf der Erkrather Straße traf er dann Frau Mantel. Er versuchte ihr seine Begleitung aufzudrängen. Frau Mantel ging wortlos an ihm vorbei zur an­deren Straßenseite. Kürten machte kehrt, folgte ihr und

versetzte ihr einen Stich in den Rücken.

Er gibt an, noch ein zweites Mal gestochen zu haben, weiß aber nicht zu sagen, ob er die Frau Mantel ein zweites Mal getroffen hat. Kürten folgte dem Eaterweg in die Wilhelm- Heinrich-Straße, wo er den Zeugen Korn- bl nm traf und diesem ebenfalls einen Stich in den Rücken versetzte.

Weiter wurden die Fälle Kühn, O b l i - g e r und Scheer behandelt. Kürten gibt auch diese Fälle zu und schilderte sie mit ge­nauesten Einzelheiten. Da in diesen Fällen noch ganz eingehende Ermittlungen über die Richtigkeit der Angaben Kürtens erforderlich sind, kann zunächst Näheres noch nicht bekannt-

gegeb-n werden. Schließlich gab Kürten eine Darft-llung des lleberfalls auf Karoline H e r st r a f f aus Neuß, die er gewürgt und in die Dügel geworfen hat. Seine Angaben stimmten mit den Angaben seines Opfers vollkommen überein und sind so beweis­kräftig, daß

Karten auch in diesem Falle als Täter einwandfrei überführt

ist. Ein weiterer, erst von Kürten erwähnter und bisher unbekannter Fall hat sich im März dieses Jahres abgespielt. Kürten sprach aus dem Vahnhofsplatz ein Mädchen an, besten Namen er nicht kannte. (Das Mädchen ist inzwischen ermittelt worden.) Er besuchte zu­nächst mit ihr ein Bierlokal und lockte sie dann in den Wald. Hier fiel er über das Mädchen her und suchte cs zu erwürgen. Die energische Gegenwehr der UeberfaUehen ver-

lFortsetzung siehe Seite 23

Die Denkschrift des Rechnungshofes des deutschen Reiches zum Etat des Jahres 1927 ist jetzt durch einen Nachtrag ergänzt worden, der sich größtenteils mit dem Etat des Auswärtigen Amtes beschäftigt. Diese Denkschrift bekräftigt die wiederholt aufgestellte Behauptung, daß im Auswärtigen Amt von Sparsamkeit keine Rede ist. Cs wird jeden Steuer­zahler interessieren, dah z.. B. für die Beförderung der deutschen Abordnung nach

ragessptegel

Wenn das Reichskabinett Schkvie- rigkesten hatte, seine Deckungsvor- schlüge gegenüber dem neu entstandenen Defizit vor dem Ferrenbeginn des Reichs-, tags fertigzustellen, so ist das. daraus M- rückzuführen, daß die Pläne des Herrn Moldenhauer bei einzelnen Regierungs- >arieten auf die lebhaftesten Bedenken ge­tosten find. Der Deutschen Bollspartei ällt es außerordentlich schwer, sich mit >er starken Beitragserhöhung für die Ar­beitslosenversicherung abzufinden, und sie kann sich auch ebenso wenig wie andere Regierungsparteien mit dem Gedanken des Rotvpfers befreunden. Zu begrüsten ist es auf jeden Fall, daß Herr Moldenhauer mit aller Entschiedenheit den Gedanken ab­gelehnt hat, der in parlamentarischen Krei­sen auch erwogen wurde, die Deckangs- mahnahmen zu verschieben, in der Hoff­nung, daß eine gebesserte Wirtschaftslage im Herbst sie vielleicht überflüssig machen könnte. Die Regierung hofft, daß die Widerstände bei "den Parteiführern leichter 'zu überwinden sind, wenn man ihnen gleichzeitig mit den Deckungsvorlagen das Ausgabensenkungsgesetz präsentierk. Mft diesem Ausgabensenkungsgesetz will die Regierung aber ebenso verfahren, wie es der Absicht einiger Parteien in der Deckungsfrage entsprach. Sie toill zwar das Ausgabensenkungsgesetz gleichzeitig mit den Deckungsvvrlagen in der Kabinetts­sitzung am nächsten Montag verabschieden, zunächst aber nur eine Entscheidung des Reichstages über die neuen Steuern her­beiführen und die parlamentarische Be­schlußfassung über die Ausgabensenkung bis nach den großen Sommerferien vertagen. Der Grundgedanke des Ausgabengesetzes ist der, dah das Reich durch eine Senkung der Gehälter und durch Arlaubskürzungen beispielgebend für eine allgemeine Senkung der Lohnhöhe vorangehen soll. Darüber ist sich natürlich die Regierung auch nicht im Unflaren, daß die Durchfüh­rung dieses Planes auf den stärksten Widerstand der Beamtenschaft, der sich natürlich auch parlamentarisch auswirken dürfte, stoßen wird. Voraussetzung für die parlamentarische Durchbllngung dieses Ausgabensenkungsgesetzes wird eine vor­herige Anpassung der Detailpreise an die Senkung der Rohstoffpreise auf dem Well­markt sein. Damit verträgt sich allerdings wieder nicht die Verteuerung der Lebens- hallung durch neue 'Zollmaßnahmen. Den Hilfsmaßnahmen für die Landwirtschaft ist die 'Begründung mitgegeben worden, dah mit der Hebung der landwirtschaft­lichen Kaufkraft der innere Martt ge- ftärft werden soll. Die Senkung des Lohnniveaus wird natürlich die gegenteilige Wirkung haben, wenn nicht eine Preis­senkung im gleichen, besser in größerem Ausmaß, ihr parallel läuft. Hier fehlt es noch an jeder Andeutung, dah die Regierung dem Deckungsprogramm und der Ausgabensenkung nach dieser entschei­denden Richtung hin die notwendige Ab­rundung geben ©iH.