Sicr.slag, den 27. Mat 1930
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Anzeiger für (das frühere knrheffifche) Oberheffe«
Nr. m 05. Sahr« Marburg a.LM
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Kein neuer Reed in DüMori
eine Falsch
— ExverimrnSe mit dem Mörder Beter Kurten
Düsseldorf. 26. Mai. Die Polizei erhielt heute nachmittag die Mitteilung, daß in der Hildener Strafte ein Kind ermordet worden sei. Nach den erste« Feststellungen der Mordkommission gelangte man aber zu der Ueberzeugun«, daft nicht Mord, sondern höchstwahrscheinlich ein tragischer Unfall vorliegt. Ein Ivjähriges Mädchen hatte sich aus bisher unbekannten Gründen ein Handtuch derart fest um den Hals gezogen, daft es erstickte, ohne daft jemand hätte Hilfe bringen können, da es allein in der Wohnung war. Die Wiederbelebungsversuche blieben leider ohne Erfolg. *
Düsseldorf, 26. Mai. Das Polizeipräsidium teilt mit: „Das Ergebnis der umfangreichen Arbeiten, die die Schriftvergleichung der Mörderbriefe erforderte, kann noch nicht als abgeschlossen bezeichnet werden. Es ist bekannt, daß Peter Kürten eine Anzahl Briefe geschrieben hat, in denen er auf seine Tätigkeit aufmerksam machte. Er selbst hat angegeben, daft er diese Briefe geschrieben hat in der Erwartung, dadurch grofte Beunruhigung in das Düsseldorfer Publikum hineinzutragen. Es ist bemerkenswert, daft Kürten seinen ersten Brief angeblich Ende September 1929 an den „Düsseldorfer Stadtanzeiger" geschrieben und selbst in den Hausbriefkasten der Redaktion geworfen hat. Es handelt sich hier um einen Brief, den er in dem nächsten, an die Polizeiverwaltung adressierten Brief erwähnte. Jener erstgenannte, an den Stadtanzeiger gerichtete Brief ist niemals zur Kenntnis der Polizei gekommen.
Ehe in die eigentliche Schriftvergleichung eingetreten wrude, legte heute der Schriftsachverständige Dr. Schneickert auf Grund seines genauen Studiums der Briefe dem Peter Kürten ganz bestimmte Fragen vor über besondere Merkmale dieser Briefe, die nur dem Schreiber dieser Briefe bekannt sein konnten. Diese Fragen hat Kürtner in einer Weise beantwortet, die
seine Urheberschaft an den Briesen zweifelsfrei erscheinen läftt
Kürten wurde dann durch den Sachverständigen veranlaßt, den Text seiner Briefe unter gleichen Bedingungen, d. h. auf ähnlichem Einwickelpapier mit Blaustift niederzuschreiben. Die dann vorgenommene Vergleichung der Originalbriefe mit den von Kürten neu hergestellten Briefproben ergab völlige Uebereinstimmung und
bestätigt in jeder Hinsicht den vorerwähnten objektiven Befund.
Da der Schreiber der bekannten Mörder- briefe nach dem Inhalt der Briefe nur der wirkliche Mörder im Falle der Maria Hahn und der Gertrud Albermann sein kann, so erscheint er auch durch das Ergebnis der Arbeiten des Schriftsachverständigen Dr. Schneickert, neben den sonstigen durch die Vernehmung geführten Beweise als Täter in diesen beiden Fällen einwandfrei überführt.
Im Verlauf der Vernehmungen des Arbeiters Peter Kürten fand eine Gegenüberstellung Kürtens mit der Frau Meurer statt,' die von ihm niedergestochen und schwer verwundet wurde. Die Gegenüberstellung gestaltete sich äußerst dramatisch. Es waren in einem Dienstzimmer des Polizeipräsidiums etwa zwölf Kriminalbeamte versammelt, unter denen sich Kürten befand. Frau Meurer, die infolge der Dunkelheit nur eine oberflächliche Personenbeschreibung des Täters
geben konnte, sich aber deutlich der Stimme erinnerte, mutzte an alle im Zimmer Anwesenden belanglose Fragen richten, auf die geantwortet wurde. Nachdem sie mit einigen Beamten gesprochen hatte, kam Kürten an die Reihe. Nachdem dieser nur einige Worte gesprochen hatte, rief Frau Meurer aus: „Dieser Mann ist der Täter. Sein Tonfall in der Stimme und seine Gestalt sind die gleichen, wie die des Mannes, der mich verfolgte und niederstach". Auf die Frage der Frau Meurer: „Weshalb haben Sie mich eigentlich verfolgt?" erklärte Kürten ohne Zögern: „Ich habe Sie verfolgt, um Sie zu ermorden".
Es wird weiter bekannt, daß bei der Durchsuchung des Mansardenzimmers des Kürten am Sonnabend unter anderem eine Aktentasche mit 2 langen Scheren, sowie ein Damenspie
gel gefunden wurden. Don größter Bedeutung ist aber
die Auffindung einer großen Schaufel, die Kürten, wie er bei seiner Vernehmung eingestanden haben soll, bei der Eingrabung der Maria Hahn in Papendelle ödnutzt hat. Ferner soll bei der Haussuchung ein Sparkasienbuch über 5060 Mark zutage gefördert sein.
Wie weiter verlautet,
hatte Kürten seiner Frau bereits am Donerstag gestanden, daft er der Düsseldorfer Mörder sei.
Die Frau wurde in der Nacht an ihrer Arbeitsstätte, der Küche des Cafäs, von einem Krimnalbeamten mit der Frage überrumpelt wo sich ihr Mann, der Düsseldorfer Mörder, aufhalte. Dies erschütterte sie so sehr, daß sie sofort zugab, ihr
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Marienwerder, 26. Mai. Der Regierungspräsident teilt mit: Am 24. Mai, 21 Uhr, erfolgte «ine Grenzverletzung durch polnische Beamte bei Neuhöfen. Zwei polnische Grenzwachtmeister sind festgenommen. Bei dem von ihnen geleisteten Widerstand und einem Befreiungsversuch seitens anderer polnischer Beamter wurde ein deutscher und rin polnischer Beamter durch Pistolenschüsse verwundet.
Die „Weichselzeitung" erhält von der deutschen Grenzwache folgende Darstellung der Ereignisse: Zwei polnische P o l i z e, b e - amte haben am Sonnabendabend unbefugterweise die Grenze am Grenzgebäude in Neuhöfen überschritten. Bei der Festnahme haben die Polen von der Waffe Gebrauch gemacht, wobei ein deutscher Beamter und ein polnischer Beamter verwundet wurden. Unmittelbar darauf unternahmen andere polnische Beamte unter Ueber- schreitung der Grenze einen Befreiungsversuch, indem sie eine große Zahl von Schüssen aufl das Grenzgebäude und die deutschen Beamten abgaben. Die Verletzungen der deutschen Beamten sind leichter Natur. Die weiteren Ermittelungen über den Vorfall sind im Gange.
Einem heute vormittag in Berlin eingegangenen amtlichen Bericht zufolge hat die bisherige Untersuchung des Erenzzwischenfal- les in Neuhöfen einwandfrei ergeben, daß das Verschulden gänzlich auf polnischer Seite liegt. Was die Polen zur Grenzverletzung bezw. zum unbefugten Eindringen in das deutsche Polizeigebäude
veranlaßt hat, ist noch Gegenstand der Untersuchung.
Ein Toter.
Der verletzte polnische Unteroffizier ist inzwischen gestorben. Es ist ausdrücklich festzustellen, daß keiner der deutschen Beamten die deutsch-polnische Grenze überschritten hat: im Gegenteil ist keiner von ihnen näher als 25 Meter an die Grenze herangekommen.
Amtliche Schritte.
Berlin, 26. Mai. Der Reichsminister des Auswärtigen ließ sich heute mittag nach Abschluß der Beratungen des Haushaltsausschusses über den Etat des Auswärtigen Amtes über den deutsch-polnischen Erenzzwischen- fall' Bericht erstatten. Das Auswärtige Amt, das in dauernder Verbindung mit der preußischen Negierung steht, wird zusammen mit ihr alles veranlassen, um den Fall nach seiner tatsächlichen und völkerrechtlichen Bedeutung klarzustellen und weiter zu behandeln.
Polnische Patronenhülsen auf deutschem Boden.
Zu dem Zwischenfall wird weiter gemeldet, daß auf deutschem Boden polnische Patronenhülsen gefunden worden sind.
Eine polnische Protestnote?
Wie die Warschauer Blätter melden, soll die polnische Regierung beabsichtigen, an die Reichsregierung eine Note zu richten, in der die Freilassung der Festgenommenen, Bestrafung der Schuldigen und Genugtuung (!) gefordert werden soll. Polnischerseits sei man, wie die Blätter weiter melden, einverstanden, daß durch die gemischte deutsch-polnische Kommission an Ort und Stelle der Verlauf der Ereignisse festgestellt werde.
Mann habe ihr ein volles Geständnis abgelegt.
Weitere Eeständnisie des Düsieldorfer Masienmörders.
Düsseldorf, 26. Mai. Obwohl die Kriminalpolizei sich am Sonntag abend in ihrem offiziellen Bericht außerordentlicher Vorsicht und sogar einer gewissen Skepsis befleißigte, so gewinnen doch die Eeständ- niffe Kürtens hinsichtlich der Ermordung der O h l i g e r und des Scheer immer mehr an Glaubwürdigkeit. Allerdings waren Selbftbezichtigungen im letzten Jahre in Düsieldorf an der Tagesordnung, und vielleicht ist auch aus diesem Grunde die Vorsicht der offiziellen Verlautbarung der Polizei zu verstehen.
Kürten hat gestanden, daß er sein erstes Opfer, die neunjährige Rosa Ohliger, von der Straße in seine Wohnung gelockt hat. Dort hat er sie vergewaltigt und erstochen.
Da seine Frau bis spät in die Nacht als Spül- und Aufwartefrau tätig war, konnte er sein Vorhaben ungehindert ausführen. Er nahm dann später die Leiche und trug sie zu der Fundstelle. Nach seinem Geständnis beabsichtigte er, sie mit Petroleum zu übergießen und anzuzünden.
Aach die Ermordung des Scheer stand nach dem Geständnis in ursächlichem Zusammenhang mit der Rosa Ohliger. Scheer hat Kürten bei der Tat beobachtet.
Aus Furcht, Scheer könnte ihn anzeigen, stach ihn schließlich Kürten fünf Tage später nieder.
Im Augenblick noch umstritten ist die große Frage: Wenn Kürten regelmäßig versucht hat, seine Opfer zu beseitigen, warum hat er jenes Mädchen, das er zu- (Sortierung sieh« Seite 2»)
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Das Reichskabinett wird heute über die Deckung des neuentstandenen Fehlbetrags im Haushaltsplan beraten. Zu decken ist, wie gemeldet, nach den Berechnungen des Finanzministeriums ins» gesamt ein Betrag von 737 Millionen. Im Vordergrund stehen folgende Deckungs-- Vorschläge: 210 Millionen als Dreiviertel» jahresertrag aus einer einprozentigen Bei» tragserhöhung in der Arbeitslvsenversiche-- rung: 90 Millionen aus den in der Ar» beitslosenversicherung geplanten Erspar» nissen im Laufe von dreiviertel Jahr, 90 Millionen durch die Verlängerung des Kontingents bei der Zigarettensteuer auf fünf Jahre, etwa 100 Mill, durch die Er» Höhung der Amsatzsteuer um V« Prozent, etwa 100 Millionen durch ein Notopfer der Festbesoldeten. Durch diese Vorschläge würde ein Betrag von etwa 590 Mill, aufgebracht werden können. Da man die Aufbringung des Restbetrages kaum durch eine weitere Belastung der Wirtschaft ver» suchen kann, soll eventuell ein Verkauf von Vorzugsaktien der Reichsbahngesellschaft im Betrage von etwa 150 Millionen statt» finden. — Das Notvpfer der Fest» besoldeten ist geplant in Form eines zehnprozentigen Zuschlages zur Lohnsteuer unter Freilassung aller Lohnsteuer» pflichtigen, die der Arbeitslosenversiche» rung unterliegen. Die Erhebung würde gleichzeitig mit dem Abzug der Lohn» steuer erfolgen. Bei den Steuerpflich» tigen, die ein kombiniertes Einkommen aus Lohn und anderen Arbeitseinkommen ha» ben, würde nur der lohnsteuerpflichtige Teil des Einkommens dem Notopfer unter» liegen. Ein Teil der Deckungsvorlagen soll die Form des Ermächtigungsgesetzes erhalten, das der Regierung die Vollmacht gibt, Steuererhöhungen in dem ihr zweck» mäßig erscheinenden Zeitpunkt vorzu» nehmen. Sobald die Vorschläge des Reichsfinanzministers vom Kabinett ge» nehmigt sind, wird eine Fühlungnahme mit den Regierungsparteien stattfinden. Im Kabinett sollen die zur Deckung des Defizits erforderlichen Gesetzentwürfe noch vor Pfingsten verabschiedet werden. Im Reichstag werden sie nach der Pfingstpause zur Beratung kommen.
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Wie der Demokratische Zeitungsdienst erfährt, ist im Reichsfinanzministerium ein vorläufiger Referentenentwurs für das Ausgabensenkungsgesetz fertigge- stellt. Der Entwurf wird in der nächsten Zeit vom Kabinett beraten werden. Er sieht sehr einschneidende Mahnahmeno im Hinblick auf den Behördenabbau und auf beamtenrechtlichem Gebiet vor. Weiter wird in dem Gesetz auch der Vorschlag ge» macht, die Zahl der Reichstagsabgeordneten zu vermindern, und zwar soll das geschehen durch eine Aenderung des Wahlgesetzes. Das bisherige Wahlgesetz bestimmt, dah auf 60 000 Stimmen ein Abgeordneter entfällt. Nach dem Vorschläge des Reichsfinanzministeriums soll erst auf 80000 Stimmen ein Abgeordneter entfallen. Das würde bedeuten, dah nach den Ziffern der Reichstagswahl vorn 20. Mai 1928 der Reichstag nicht 490, sondern, wenn die zersplitterten Parteien mit» gerechnet werden, nur 384 Abgeordnete zählen würde. Es würde also eine Ersparnis von mehr als 100 Abgeordneten bringen.
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Nun hat man viele Monate lang vernommen, daß die Polizei aller europäischen Staaten etwa 80 000 Spuren verfolge, die möglicherweise zur Auffindung des Düsseldorfer Mörders führen könnten. In Düsseldorf und in allen deutschen Großstädten ist angeblich jeder vorbestrafte Sittlichkeitsverbrecher auf seinen Lebenswandel in den letzten 12 Monaten untersucht worden. And nun, als man durch den Zufall eines in falsche Hand geratenen Privatbriefes des Mörders habhaft geworden ist, stellt man auf einmal fest, daß