Sonnabend, den ri. Rat MO
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Sbechessische
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Marburg a.Labn
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Anzeiger Mr (das frühere kurhessischej Oberhefsen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Das neue Defizit
Sohr ernste tehWung ter Finanzlage »es Reiches
Laut „Dörsen - Courier" sind die zuständigen Resiorts der Reichsregierung entschloeffn, die von der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung vorgeschlagene Beitragserhöhung um y2% auf 4yz% durchzusetzen. Das Reichsfinanzministerium will aber die hierdurch entstehende Neubelastung der Wirtschaft nach Möglichkeit durch eine parallel gehende Reform der Krankenversicherung paralysieren. Es hofft, in der Krankenversicherung eine Ersparnis zu erzielen, die die Beitragserhöhung in der Arbeitslosenversicherung voll ausgleicht, fodatz effenktiv keine neue Belastung der Wirtschaft entsteht. Ferner will das Reichsfinanzministerium sich den Hauptbeschluß der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung zu eigen machen.
in de« drei ersten Lohnklasien eine Senkung der Leistungen an diejenigen Arbeitnehmer herbeizuführen, die weniger als ein Jahr arbeitslos sind.
Arbeitgeber, Kommunen und die christlichen Gewerkschaften haben diesem Vorschläge, dessen Durchführung vor allem die Saisonarbeiter treffen würde, zugestimmt. Ein Kabinettsbeschluß ist hierüber noch nicht gefaßt: jedoch glaubt das Blatt zu wissen, daß nicht nur der Reichsfinanzminister, sondern auch der Reichsarbeitsminister mit gewissen Abwandlungen dieses Projekt zum Gesetz erheben wollen.
Im einzelnen errechnet man aus der Beitragserhöhung für die Arbeitslojen- versicherung eine Mehreinnahme von 290 Millionen 9UL pro Zahr, d. h. 220 Millionen 3UI für 34 Jahre, und aus der Senkung der Leistungen an die Saisonarbeiter eine Ersparnis von 120 Millionen R^l pro Jahr oder 80 Millionen R-K für Dreiviertel Jahre. Mithin gelangte man zu Eesamtmehreinnahmen aus diesen beiden Quellen von 300 Millionen R-/K.
Insgesamt hat das Defizit einen Umfang von 737 Millionen 9U(. das durch den über Erwarten ungünstigen Konjunkturverlauf hervorgerufeu worden ist.
Das „Berliner Tageblatt" berichtet, daß Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer diese Höhe des Etatsdefizits mitgeteilt habe. Die Deckung des 737 Millionen Mark-Defizits denkt sich der Reichsfinanzminister mit 300 Millionen R-K aus der erwähnten Beitragserhöhung und gleichzeitigen Leistungssenkung, während
für die verbleibenden 437 Millionen 9U( die Deckungsfrage noch völlig offen ist.
Soweit der „Börsen-Courier" aber unterrichtet ist, ist der Reichsfinanzminifter entschlossen, den Reichstag nicht in die Sommerferien gehen zu lasten, ohne den Etat tn Ausgleich zu bringen. Welche Wege hierfür eingeschlagen werden, damit habe sich das Kabinett noch nicht befaßt. Jedenfalls habe das Reichsfinanzministerium in diesem Zusammenhangs die Auflegung neuer Steuern im Auge.
Wie das „Berliner Tageblatt" meldet, soll ein Teil des Ausgabe- senkungsproaramms bereits vor den großen Ferien durchgesetzt werden. Dazu gehöre insbesondere die Beseitigung örtlicher Zuschläge für gemeindliche Beamte und die Kürzung der Urlaube besonders in den reichseigenen Betrieben, wo während der Urlaubszeit Neueinstellungen vorgenommen werden müßten. Der Reichsfinanzminifter kündigte, wie das Blatt weiter'
berichtet, ferner an, daß nach der zweiten Lesung des Haushalts noch eine energische Flurbereinigung des Etats erfolgen solle. Es könnten erhebliche Abstriche gemacht werden. Das Gleichgewicht der öffentlichen Haushalte in Deutschland muß, so faßt das Blatt das Finanzprogramm Dr. Moldenhauers zusammen, unter allen Umständen und mit allen Mitteln erhalten werden, schon weil von diesem Gleichgewicht die Billigkeit der von der deutschen Privatwirtschaft aufzunehmenden Ausländsanleihen abhängt.
Der preußische Landtag nahm am Freitag die dritte Beratung des gemeinsamen Antrages der NcgierungsMrteien auf Verdoppelung der staatlichen Grnndver- mögenssteuer vor. Bei der entscheidenden Abstimmung über den 8 1 wurden nur 181 Karten abgegeben, sodaß das Haus beschlußunfähig war. Die Oppositionsparteien hatten sich sämtlich an der Ab-, stimmung nicht beteiligt. Das Haus war infolqedrste« nicht beschlußfähig.
Bei der dann folgenden Abstimmung über den Haushaltsplan für 1930 machten die Oppositionsparteien auch die Verabschiedung des Etats durch ihr obstruktio- nelles Fernbleiben von der Schlußabstimmung unmöglich. Obwohl einige Mitglieder der Splitterparteien Reinkarten abgaben, reichte die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen von 222 nicht aus, um das Haus beschlußfähig zu machen. Hierfür sind vielmehr 226 Stimmen notwendig.
Der Landtag wurde darauf vom Vizepräsidenten Banmhoff bis zum 16. Juni vertagt. Heute tritt der Ständige Ausschuß zusammen, um wenigstens die Erhebung der erhöhten Grundsteuer vom 1. Juni an durch Notverordnung zu ermögliche».
Die Folge».
Da die Erhöhung der Erundvermögens- steuer nach dem Ergebnis der Abstimmung
Dulsberg für stärkere politische Aktivität der Wirtschaftssührer.
V e r l i n, 23. Mai. In der heutigen Sitzung des Hauptausschusses des Reichsveroandes der Deutschen Industrie erklärte der Vorsitzende, Geheimrat Dr. D u i s b e r g. daß die Industrie sich an einem Punkte der innerpolitischen Entwicklung befinde, wo die zunehmende Mutlosigkeit und Verorostenheit dazu zwinge, neue Wege einzuschlagen. Die Verhältniye zwängen dazu, daß die Vertreter der Wirtschaft aus ihrer bisherigen Zurückhaltung.herausträten und mit allen ihnen zu Eebotesttehenden Mitteln aktiv handelnd an der Politik sich beteiligen. Es sei nicht daran gedacht, daß der Reichsverband oder eine andere Spitzenorgani- sation der Wirtschaft sich nunmehr politisieren solle. Es sei aber zu verlangen, daß die notwendige Verstärkung der politischen Aktivität Aufgabe und Pflicht der einzelnen Persönlichkeit innerhalb der Wirtschaft wird. In Hebet« einstimmung mit dem Präsidium richtete Geheimrat Drnsbera den ausdrücklichen Appell an alle verantwortlichen Leiter wirtschaftlicher Unternehmungen, sich nach Maßgabe ihrer Zeit und Kraft in den Volksvertrerungen von Reich, Ländern und Gemeinden politisch zu betätigen.
Wieder «em Steuern
Die steigende Erwerbslosenzahl.
Berlin, 23. Mai. In den Berliner Zeitungen wird heute die Ziffer der Arbeitslosen mit insgesamt 1,8 Millionen veranschlagt. Von unterrichteter Stelle hören wir hierzu, daß die Schätzung nicht offiziell ist. Die Zahl der Arbeitslosen wird in Amtsstellen mit 1,5 Millionen geschätzt. Ob die amtlich angenommene Zahl von 1,5 Millionen für die Zukunft aufrecht erhalten werden kann, muß allerdings fraglich sein. Wie sich aus diesen Zahlen ergibt, werden für diese Zwecke erheblich höhere Beträge erforderlich als in den Haushaltsplan 1930 eingesetzt worden sind.
hn Landtag durch ordentliches Gesetz nicht möglich gewesen ist, wird, wie bereits in Aussicht gestellt war, nunmehr von der preußischen Regierung
eine Notverordnung
erlasten werden, die sich inhaltlich mit der Gesetzesvorlage decken wird. Am Freitag nachmittag fand eine kurze Kabinettssitzung statt, die den Erlaß einer Notverordnung beschloß. Der ständige Ausschuß des preußischen Landtags wird bereits am Sonnabend 1 Uhr zusammentreten, um sich mit der Notverordnung zu befassen.
Was die Frage der Verabschiedung des Etats angeht, so ist zunächst zu sagen, daß in Preußen der Erlaß eines Notgesetzes nicht notwendig ist. Nach den Bestimmungen des Artikels 64 der Verfassung ist das Staatsministerium ermächtigt, notwendige Ausgaben weiter zu leisten, wenn der Haushaltsplan noch nicht festgestellt ist. Die Ausgaben dürfen jedoch die Sätze des Etats des Vorjahres nicht überschreiten.
Die Abstimung zum Haushalt wird, wie VDZ. hört, nach Wiederzusammentritt des Plenums erneut auf die Tagesordnung gesetzt werden. Man nimmt an, daß die Regierungsparteien bei wioderholter Abstimmung so zahlreich vertreten sein werden, daß eine Beschlußunfähigkeit des Hasses nicht wieder eintreten wird.
Zur Abstimmung über die Grundsteuer ist noch zu bemerken, daß die christlich- nationalen Bauern sich an der Obstruktion nicht beteiligten, sondern Ablehnungskarten abgegeben haben.
Re antwort 9t. Wirths
Berlin, 23. Mai. In dem Schreiben des Reichsinnenministers Dr. Wirth an den Vorsitzenden des thüringischen Staatsministeriums in der Frage der thüringischen Schulgebete heißt es u. a., er, Wirth, messe der Angelegenheit eine große und vordringliche Bedeutung bei. Die Vertreter sämtlicher Parteien hätten, sich seiner Meinung angeschlossen und betont, daß über den Sinn und die offensichtliche verfassungsverletzende Tendenz der Gebete nach der eindeutigen Auslegung durch Minister Frick nicht der mindeste Zweifel bestehen könne. An das thüringische Staats-. Ministerium werde die dringende Bitte gerichtet, zu veranlassen, daß die Empfehlung der Gebete, von denen die Nummer 2, 3 und 4 beanstandet seien, unverzüglich rückgängig gemacht werde. Sollte das nicht geschehen, müsse mit der Anrufung des Staatsgerichtshoses gerechnet werden.
Der Landtag bMlußutMlg
«eine EnMümng über die Stnndvermögensftemt - 9er Etat nicht ecroWctet
TastWesei
Das Programm für die Befreiung 6- feiern im Rheinland sieht bei der Hauptfeier in Mainz neben dem jetzigen Reichskanzler Dr. Brüning den früheren Reichskanzler Hermann M ü l l e r als Redner vor. Laut „Bossischer Zeitung" hat Dr. Brüning schon vor mehreren Wochen seinen Amtsvorgänger eingeladen, in Mainz zu sprechen. Dr. Brüning begründete die Einladung damit, daß dem früheren Kanzler, unter dessen Regime der Reue Plan angenommen und die Räumung der dritten Zone gesichert wurde, bei der Defreiungsfeier ein Platz in der vordersten Reihe gebühre. Reichskanzler Brüning wollte, so bemerkt das genannte Blatt, mit dieser Geste nicht nur die persönliche Wertschätzung für den früheren Reichskanzler zum Ausdruck bringen, sondern auch für die künftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsparteien und Opposition eine leichtere Atmosphäre schaffen. .
Die Dinge, die sich am Freitag im Preußischen Landtag abgespielt haben, bevor sich der Landtag auf den 16. Juni vertagte, können in ihrer Auswirkung über die schwarz-weißen Grenzpfähle hinaus auf die Reichspolitik Bedeutung gewinnen. Die Vorgänge rühren an das Problem, das seit dem Mick» tritt der Regierung Müller wieder in dem Dualismus zweier koalitionsmähig durchaus verschieden verankerten und in ihrer politischen Zielrichtung auseinanderstrebenden Regierungen in der gleichen Hauptstadt gegeben ist. Schon die Tatsache, daß ber'der Absllmmung über die Grundvermögenssteuer, deren Verdoppelung nach der Regierungsvorlage das Defizit des Etats beseitigen sollte, die Richtbeteili- gung der Oppositionsparteien zur Be- schlußunfähigkeit des Landtages führte, mußte auch im Regr'erungslager zu lebhaften Bedenken und Besorgnissen über die innere Kraft und den Willen zum Zusammenhalt der Koalition führen. 'Die Aervosität erfuhr eine letzte Steigerung, als sich in einer sofort anberaumten zweiten Sitzung auf Grund der Enthaltungstaktik der Opposition wiederum die Beschlußunfähigkeit des Hauses und die Anmöglichkeit zur Verabschiedung des Etats durch das Landtagsplenum herausstellte. Die schmale parlamentarische Grundlage der preußischen Regierung setzt eine stramme Disziplin und eine dauernde Einsachbereitschaft bei den Parteien voraus, von denen sie getragen ist, und es ist verständlich, wenn die Opposition in Preußen in dem Erfolg ihres taktischen Schachzuges gleichzeitig ein Zeichen für den beginnenden Verfall der preußischen Koalition erblickt. Die preußische Regierung mühte diesmal besonderen Wert darauf legen, das Grundvermögenssteuerge- setz, das sie von der Verpflichtung zu größeren Sparmaßnahmen entbinden sollte, auf parlamentarischem Wege durchzubringen. statt es auf dem Wege der 2lot- verordnung, wie schon des öfteren in den letzten Jahren, zu verfügen. Denn diesmal ist die Frage kttttsch, ob die Verfügung durch Rotverordnung zulässig er» scheint. Die Oppositionsparteien stehen auf dem Standpuntt, daß sie jetzt darum nicht statthaft sei, weil es sich nicht um die Verlängerung eines alten Gesetzes, sondern im Hinblick auf die Verdoppelung der Grundvermögenssteuer um ein neues Gesetz handele. Die Beschlußfähigkeit des Landtages zur Verabschiedung des Etats konnte dann auch dadurch nicht her- beigefühtt werden, daß die deutsche Frak» tton sich zur Abgabe von Karten entschloß und die Stimmzettelzahl damit auf 222 gegen 180 bei der Absllmmung über die Grundvermögenssteuer erhöhte. Die' preußische Regierung wird zwar nun den Versuch machen, durch eine Notverordnung unter Billigung des Sonderausschusses des Landtags Grundvermögenssteuer und Etat zu verkünden. Aber der ständige