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Sonnabend, den 17. Mat 1930

Die -Sberhesflsch« Zeitung" et- cheint sechsmal v-chentlich. Be- zOgvpret* monatlich 2.20 ® 9R.au*> schließl. Znstellrmgsgebühr, durch die Post 2.45 GM. Für etwa durch Streik, ÄRaschinendefekt oder ele­mentare Ereignisse ausfallende Nummern wird kein Ersatz ge­leistet. Verlag Dr. §. Hitzeroth. Druck der Univ.-Duchdruckerei Ach. Ang. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Rr. 54. n. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. Sprechzeit der Redaktion pon 1011 und

1 Uhr.

Äberheffische

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

St. 115 65.3afirg. Marburg a. Sahn

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Ancrwartctt Schwierigkeiten bei ber B.S.8.

Nie Amerikamt fordern den Sotrnng der Mluagen für die rüüfläudigen BefatznngdkoM

Wie der Pariser Vertreter derTimes" erfährt, besteht die Möglichkeit, daß sich die fite den heutigen Sonnabend vorgesehene Eröffnungssitzung der $33. und damit die Inkraftsetzung des Poung- plan« verzögert. Die Verzögerung werde mit dem Zustand des bisher nicht überwundenen deutschen Vorbehalts in Verbindung gebracht, hänge aber in erster Linie mit einem unerwarteten amerikanischen Schritt zusammen. De, Reparationsagent Parker Eilbert habe am Freitag mitgeteilt, daß Amerika auf seiuem Recht des Vorrangs der Reparations­zahlungen nach dem Abkommen vom 14. Januar 1925 bestehe, soweit diese Zahlungen für die rückständigen amerika­nischen Besatzungskosten Verwendung fin­den könnten. Der Generalagent habe be­tont, dah er sich auher Stande sehe, der B.I.Z. die in seinem Besitz befindlichen Bonds aus- znhändigen, solange die amerikani­schen Forderungen nicht geregelt seien. Die Reparationskommisfion hat deshalb für den heutigen Sonnabend vormittag eine Sitzung unter Hinzuziehung des amerika­nischen Botschafters einberufen. Der deutsche Vorbehalt hängt mit der Frage zusammen, ob die letzte« 22 Jahres- zahlungen nnter dem Poungplan ge­schützt oder ungeschützt sind.

Die Reparationsanleihe.

Die Frage der Schaffung nationaler S ch u l d t i t e l der Reparqtionsanleihe ist bejahend entschieden w orden. Aller­dings sind noch gewisie rechtliche Fragen zu klären. Die amerikanischen Finanz­kreise halten nach wie vor an einer mög­lichst hohen Netto-Rendite von etwa 6% bis 6y2 vom Hundert fest. Die Frage der Sondergarantie der Reichsbahn für 100 Millionen Mk. soll in der Weise gelöst werden, dah die Reichsbahn in gleicher Weise wie das Reich für die Titel haftet. Die deutschen Schuldzertifikate werden überreicht, sobald am Sonnabend die Re­parationskommisfion und die Kriegslasten- komisfion die im Youngplan vorgesehenen Erklärungen abgegeben haben.

SrianhO .Hamvtopa"

Der Fragebogen Briands, der heute Vormittag in den europäischen Haupt­städten überreicht und am Abend veröf- fentticht werden wird, führt demJour­nal" zufolge den genaue« Titel

^Memorandum über die Organisatio» eines Regimes der europäischen föde­rativen Union."

Dieses Memorandum umfaßt nicht weni­ger als 16 Seiten und rund 600 Zeile«. Si«e dreiseitige Einführung erinnert daran, unter welchen Bedingungen Briand seine Gedanken in Senf vorgetragen hat, und wie er beauftragt wurde, einen Ent­wurf, der als Diskussionsgrundlage dienen fihtne, auszuarbeiten. Der zweite Teil bildet deu eigentlichen Fragebogen in Form von Kapitalüberschriften, zu denen di« Mächte sich ändern sollen. Im drit­ten Teil, der Konklusion, wird um die Unterstützung der 26 europäischen, dem Böllerbund angehörende« Nationen zur

Durchführung dieses Planes gebeten. Die Mächte werden, demPetit P a - risien" zufolge, ersucht, ihre Ant­worten noch vor dem 15. Juli zu erteilen.

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Man kann sich ausmalen, wie die Ge­schichte jetzt laufen wird. Zunächst brau­chen die Regierungen zwei oder drei Jahre, um die Fragen zu beantworten. Dazu werden besondere Kommissionen eingesetzt werden und diese Kommissionen werden erst wieder Unter-Fragebogen auf­stellen müfien, die wahrscheinlich an alle möglichen Behörden, Handelskammern, Landwirtschaftskammern usw. gehen, und ein buntscheckiges Eemengsel von Antwor­ten erhalten werden. Das gesammelte Material wird so riesig sein, dah es kaum

einer Regierung gelingen wird, die Fra­gen irgendwie glatt zu beantworten. Aber selbst, wenn das Examen einiger- mähen gut verlaufen sollte, werden die Antworten so verschieden ausfallen, dah Herr Briand mit gutem Rechte verzwei­felt die Arme erheben wird und aus­rufen wird:Ja, wie kann man bei sol­cher Verschiedenheit der Ansichten denn an ein Pan-Europa denken!" '

Bei der ganzen Prozedur fällt einem unwillkürlich die Lafontainesche Fabel ein von dem Manne, der sich erboten hat, am königlichen Hofe einem Esel das Lesen beizubringen. Als ihn jemand fragt, ob er oenn nicht Furcht vor der Ungnade des Königs habe erwiderte der Schlauberger: Ach, das ist eine lange Geschichte. Ich denke, einer von uns stirbt. Ich, der Kö­nig oder der Esel."

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Wenn der Röumungstermin. < h» MtidW, 1# SouManö dafür orrnnhoortlüh

st. Paris, 17. Mai. Ministerpräsi­dent T a r d i e u. der bereits am Freitag vormittag mit Kriegsminister M a g i - not, de« Generälen W e y g a n d und Guillaumat, sowie dem Generalsekre­tär im Auhenministerium Berthelot, eine Aussprache über die Rheinlandräu­mung hatte, empfing in den Abendstun­den des Freitags erneut den Botschafter v. H o e s ch und behandelte mit ihm die­selbe Frage. Wie verkantet, wird der französische Ministerpräsident am Sonn­abend Vormittag seine Aussprache über die Räumuugsangelegenheiten fortsetzen.

lleber die technische Durchführung der Rheinlandräumung schreibt dasJour­nal des Debats", die vorbereitenden Pläne zur Zurückziehung der französischen Truppen sähen einen Zeitraum von 5 0 Tagen vor. Um diese Frist inne zu halten, hätte der Röumungsbefehl minde­stens am 11. Mai gegeben werden müfien. Aus wohlbekannten Gründen sei das nicht geschehen, der Plan könne also nicht normal abgewickelt werden. Jeder Tag, der vergehe, erhöhe die Schwierig­keiten. Die Eisenbahnwagen zum Ab­transport mühten von der Reichsbahn ge­stellt werden, die auch das Abläufen der Züge zu regeln hätte. Diese Züge mühten in den normalen Eisenbahnverkehr einge­fügt werden. Die Deutschen seien von dem ausgearbeiteten Programm in Kennt­nis gesetzt worden. Eine etwaige Be­schleunigung hänge von ihnen ab. Im ganzen genommen, könne man wohl an­nehmen, dah sie alles tun würden, um den möglichst raschen Abtransport zu er­leichtern.

Das Blatt kann, seiner Tendenz ent­sprechend, es nicht unterlassen, in diesem Zusammenhang eine Verdächtigung aus­zusprechen, um für den Fall einer Ver­zögerung nicht die französischen Be­satzungsbehörden, sondern von vornherein die deutschen Eisenbahnbeamten verant­wortlich zu machen. Cs ist keineswegs gesagt, so erklärt das Blatt nämlich, dah es nicht da und dort Eisenbahnbeamte geben wird, die Zwischenfälle Hervorrufen würden da­durch, dah sie die Ankunft der Eisenbahn­wagen verzögern oder sich der Abferti­gung zahlreicher Züge widersetzen. Wenn die Räumung am 30. Juni nicht beendet sein sollte, so würde die Schuld dafür auf

die Männer fallen, die die Durchführung der vor dem Räumungsbefehl ausgearbei­teten Bestimmungen verzögert hätten. Das feien also nicht die französischen Offiziere. Viele von diesen bezweifelten sehr stark den politischen Wert der Räumung, alle nähmen sie jedoch hin und wollten weiter nichts, als damit zum Abschluß kommen, aber unter der Bedingung, dah die Ab­reise nicht eine Flucht sei, sondern in Ord­nung und Würde vonstatten gehe.

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Bombeimtteittat bei Kalkutta

ff. London, 17. Mai. Am heutigen Vor­mittag wurde in die Wohnung eines Offiziers der Polizeistation von Howrah in der Röhe von Kalkutta eine Bombe geworfen, durch die erheblicher Sachschaden angerichtet wurde. Der Offizier und seine Familie wurden jedoch nicht verletzt.

Zwischen den britischen Militärbehörden an der Nordwestgrenze und den aufständischen Stämmen ist es nach einer Reuter-Meldung aus Peschawar zu einer Vereinbarung gekom­men, wonach sich der Stammesführer Turanzai zum Rückzug verpflichtet hat. Als Ergebnis der britischen Luftdemonstration hatten sich 20 Stammeshäuptlinge als Sicherheit für den friedlichen Rückzug von Turanzai angeboten. Die Lage in Peschawar ist wieder fast normal.

Zusammenstoß zwischen Polizei und An­hängern Gandhis.

Maimansing (Bengalen), 16 Mai. Bei einem Zusammenstoh zwischen Polizei und An­hängern Gandhis, die die Lieferung alkoho­lischer Getränke an Schankwirte durch Regie- rungsbeamte verhindern wollten, wurden un­gefähr 90 Personen verwundet.

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Wieder ein Seger gelgnthf

fk. Sherman (Texas), 17. Mai. In dem 80 Kilometer von Sherman, dem Schauplatz der kürzlich gemeldeten Lynchung eines Ne­gers, entfernten Honey Rove hat der Mob wiederum die Lynchjustiz ausgeübt. (Ein Ne­ger hatte am Nachmittag einen weihen Far­mer erjchofien und verbarrikadierte sich nach der Tat in einer Holzhiitte. Er wurde regel­recht belagert und beschoßen. Als er zu feuern aushörte, stürzte eine Menge von einigen Hun­dert Menschen in die Hütte, bemächtigte sich der Leiche des inzwischen seinen Verletzungen erlegenen Negers, band sie an ein Automobil und schleifte sie nach dem Negerviertel, wo die Menge die Leiche verbrannte.

SogtWegel

Das Reichskabinett wird voraussichtlich im Laufe des Sonnabends, nach einem Besuch des Reichskanzlers Dr. Brüning beim Reichspräsidenten, die politischen Fragen für die Durchführung der Osthilfe regeln. Es handelt sich insbe- sondere darum, die gemeinsame Arbeit mtt Preußen zu sichern. Zu diesem Zwecke ist, wie dieDAZ." wissen will, folgende Konstruktion vorgesehen: Die Leitung der ganzen Osthilfeaktion will Reichskanzler Dr. Brüning persönlich in der Hand behalt ten. Beide Regierungen, sowohl die preu­ßische wie das Reichskabinett, sollen aus ihrem Kreise je einen Kommissar ernennen, dem die besondere Verbindung und Beob­achtung obliegt. Für das Reichskabinett wird Minister Treviranus, für das preu­ßische Kabinett Wohlfahrtsminister Hirt- siefer diese Funktion übernehmen. An den Aufbau einer besonderen Behörde zur Durchführung des Ostprogramms wird offenbar nicht gedacht. Vielmehr soll die Exekutive bei'den beteiligten Ressorts, also in erster Linie bei dem Reichsernährungs- ministerium verbleiben.

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Zu den Pariser Meldungen, daß der Räumungsbefehl an die Rheinland­armee bereits ergangen sei, besagen pri­vate Rachrichten aus dem besetzten Gebiet, dah die französischen Besatzungsbehörden einen solchen Befehl bis zur Stunde noch nicht erhalten hätten. Immerhin erklärt die Pariser Morgenpresse, daß der fran­zösische Ministerpräsident Tardieu dem deutschen Botschafter von Hoesch bei sei­nem Besuch am Donnerstag die pünkt­liche Durchführung der Räumung bis zum 30. Juni zugesagt habe. Inzwischen ist eine Verordnung ergangen, durch die die französischen Polizeibeamten im besetzten Gebiet, die während der Desatzungszeit zur Verfügung der Truppenbehörden nach dem Rheinland abkommandiert waren, alsbald nach Frankreich zurückkehren sollen, wo sie wieder dem Innenministerium unterstellt werden. Die Versteigerung der beiden Luftschiffhallen in Trier durch die fran­zösische Besatzungsbehörde hat in der Be­völkerung lebhaften Anwillen erregt, da man der Auffassung ist, daß diese ur­sprünglich militärischen Anlagen ent­sprechend den Bestimmungen des Ver­sailler Vertrages für privatwirtschaftliche Zwecke sehr wohl hätten verwendet wer­den können.

Die Dresdner Ausstellung zeigt sehr eindringlich, daß die wissenschaftliche Hygiene heute nicht nur allein die Hygiene des Körpers umfaßt. In 18 wissenschaft­lichen Gruppen, die von ersten Fachleuten bearbettet wurden, wird sehr genau er­örtert, wie der Mensch heute nicht nur kör­perliche, sondern auch seelische, nicht nur physische, sondern auch psychische, mora­lische und geistige Hygiene pflegen muh. Das Hhgieneproblem ist dank dem Fort­schreiten der Wissenschaft in alle Lebens- gebiete eingedrungen, das Vermächtnis des genialen Lmgners, der die erste Dresdner Hygienenusstellung schuf, hat sich in frucht­barster Weise fortentwickelt. Richt nur die Wissenschaft als solche, sondern auch der Staat bettachtet es als eine seiner wert­vollsten Aufgaben, das hygienische Ver- antwortungsgefühl bei jedem einzelnen zu wecken und zu stärken.

Es ist deshalb sehr begrüßenswert, daß das Gebiet der Sozialhygiene in dieser Ausstellung einen breiten Raum einnimmt. Sie ist eines der Probleme, von dessen Lö­sung die Volksgesundheit in Zukunft in stärkstem Maße abhängig sein wird. Denn je schwieriger die Lebensbedingungen wer­den, je mehr die Städte anwachsen, je intensiver die menschlichen Arbeitskräfte ausgenutzt werden, um so stärker bedür­fen die Menschen auch der Hygiene auf körperlichem wie auf geistigem Gebiet. Es ist sehr zu hoffen, daß die Eröffnung der Dresdner Ausstellung zusammen mtt der