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MMWVW, ten u. Mai 1930

Dt^ »Oberhrssische Zeitung" er­scheint sechsmal wöchentlich. Be­zugspreis monatlich 2.20 GÄLans- schließ!. Zustellungsgebühr, durch bte Post 2.45 SM. Für etwa durch Streik, Maschinen defekt oder de- Mtat Ereignisse ausfallende Skmmoern wird kein Ersah ge­leistet. Verlag Dr. §. Hiheroth» Druck der llnib.-Buchdruckerei 9* Aug. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 58. Postscheckkonto: Amt Frankfurt «. M. Nr. 5015. Sprechzeit der. Nedaktion von 1011 und kl1 Uhr.

ÄberlMsche ä 3eftuno

Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«

St. 112 fij.Mtfl. Marburg a. Lahn

Der Anzeigenpreis betragt, den 11 gespalt. Zeilenmillirnetrr 0.08 SM., sog. kleine Anzeigen nnd Familienanzeigen bei Barzahlung 0.07 SM., amtliche und aus­wärtig« Anzeigen 0.10 SM. Bet schwierigem Sah sowie bei Plah- borschrist 50% Aufschlag. Eammelanzeigen 100 *k Auf­schlag. ReNanr-Millim. 0,40 SM. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt.

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

AusnahmcMM in GermrMlm

Srefeftottfon ter «WM« Naurrn - Sie «Mn die Stadl nM verlaßen

Berlin, M. Mai. Etwa 45000 Amerikaner-Rebenpflanzer versammelten sich heute mittag in Germersheim, um gegen die Strafbefehle, die das Amtsge- ncht Germersheim dieser Tage gegen 400 Amerikaner-Rebenpflanzer der Südpfalz wegen verbotswidrigen Anbaus von Hy- driden-Reben erlassen hatte, zu protestie­ren. Mit Sonderzügen, Autos, Fuhrwer­ken kamen die Bauernmassen und zogen vor das Bezirksamt, das bereits von einem großen Eendarmerieaufgebot bewacht war. Das Bezirksamt ließ, als der Zustrom immer größer wurde, mittels Lastautos etwa

150 Gendarmen ans Baden und der

Pfalz nach Germersheim bringen.

Diese besetzten, mit Karabinern bewaffnet, die Ortseingänge sowie das Bezirksamt. Gegen zwölf Uhr ließ das Bezirksamt große Plakate anschlagen, in denen auf­grund des Artikels 123 der Reichsver- foffung sämtliche Zusammenrottungen und Umzüge verboten wurden. Gleichzeitig wurde

der Aasnahmezustand über Germers­heim verhängt,

um den sich die Bauernmassen jedoch nicht kümmerten. Erst nachdem die Bauern vor dem Bezirksamt einige Stunden lang pro­testiert hatten, wurde im Bezirksamt eine Abordnung empfangen. Als die Unter­redung keine positiven Ergebnisie zeitigte, durchbrachen die Bauern die Sperrketten der Gendarmerie und wollten das Bezirks­amt stürmen. Rur durch das besonnene Eintreten der Führer konnte Blutver­gießen verhindert werden.

Reichstagsabg. Z u l i e r (Christlich-na­tionale Bauernpartei) bat die Kreisregie­rung in Speyer dringend, die Gendarme­rie von der Straße zurückzuziehen. Als das nicht geschah, wurde an den Land­wirtschaftsminister Dr. Fehr ein Tele­gramm über die Lage gesandt:Vier- bis fünftausend Hybridenbauern stehen den mit Karabinern bewaffneten Gendarmen in den Straßen gegenüber. Die Führer Ginnen eine Verantwortung nicht mehr übernehmen. Die Bauern sind nicht ge­willt, eher abzuziehen, bis eine Antwort von München da ist."

In später Abendstunde traf die Nach­richt ein, daß sich die Behörden aufgrund der Verhandlungen bereiterklärt hätten,

die Forderungen der Hybrideubauer« der Staatsregieruug nach München zur weiteren Behandlung zuzuleiten «nd die gesetzlichen Bestimmungen de« Forderungen der Hybridenbauern an­zugleichen.

Als dieser Bescheid den vor dem Bezirks­amtsgebäude wartenden Bauern mitge­teilt wurde, steigerte sich die Er­regung von neuem. Die Bauern wollen Germersheim nicht verlasien und warten in den Lokalen der Stadt auf die Antwort des bayerischen Landwirtschastsmini fterss.

Mumntntimft Surlius-Briand

Genf, 13. Mai. Die angekündigte Zu- fammenkunft zwischen Dr. C u r t i u s und B r i a n d begann um 5 Uhr und war um 6.15 Uhr zu Ende. Die Unterhaltung der beiden Staatsmänner vollzog sich in sehr fteundschaftlichem Geiste und erstreckte sich auf alle die Interessen beider Länder be­rührenden Fragen. Dr. Curtius erklärte sich von seinem Besuch befriedigt. In der Saarfrage ergab sich Ueberernstim- muna dahin, die Verhandlungen vorder nächsten Völkerbundsversamm- luxg im September abzuschlie- 6en. Briand unterrichtete den deutschen

Außenminister auch über seine Absicht hin­sichtlich des Fragebogens über eine euro­päische Wirtschaftsföderation, den er in der nächsten Zeit den Regierungen offiziell zur Kenntnis bringen will. Briand wird den Besuch morgen erwidern.

Der Völkerbundsrat ist heute vormittag um 11.30 Uhr zu seiner zweiten öffent­lichen Sitzung zusammengetreten, deren Tagesordnung rein geschäftsmäßigen Cha­rakter hat. Vor der Sitzung hatten Bri­

and, Grand-i und Henderson eine mehr als einstündige Unterredung. Auf Befragen erklärte Briand Presievertretern, die von der Londoner Konferenz offen ge­lassenen Fragen der Flottenabrüstung seien erörtert worden. Die Vereinigung dieser Fragen sei jedoch eine Aufgabe für län­gere Sicht. Ihre Lösung soll auf allen zur Verfügung stehenden Wegen, auch den der diplomatischen Verhandlungen versucht werden.

Frltjol Wen t

Rsrwlsrns teterritnter M Ar und Politiker

Oslo, 13. Mai. Der bekannte Nord- polforschcr Dr. Fritsof Nansen ist heute hier im Alter von 69 Jahren gestorben.

Das Ableben Fritjof Nansens ist ganz unerwartet erfolgt. Der Forscher starb an einer Herzlähmung. Er war eine Zeit­lang ernstlich krank gewesen, hatte sich aber bereits wieder recht erholt und konnte gestern das Bett verlassen. Heute früh hatte er noch eine Besprechung mit seinem Bruder, dem in- desseir nichts besonderes auffiel.

Alle Zeitungen erscheinen mit Trauerrand. In den Nachrufen wird der bedeutenden Leistungen Nansens als Wissenschaftler und Polarforscher, sowie seiner leb­haften Anteilnahme an internationalen Ange­legenheiten, besonders am Völkerbunde gedacht.

Der Storting wird morgen zu einer außer­ordentlichen Sitzung zusammentreten, in der der Präsident eine Trauerrede auf Nansen halten wird, lieber die Beisetzung ist noch kein Beschluß gefaßt worden.

Nansens Heimgang hat allenthalben im Lande tiefste Teilnahme ausgelost. In Oslo wurden die Flaggen auf Halbmast geletzt. Nansens alter Mitarbeiter, der bekannte Po­larforscher Otto Sverdrup, tagte,_ es sei ihm unmöglich, sich zu dein Verlust zu äußern, er könne nur sagen, der Verlust sei unersetz­lich für jedermann. Erstmimster M o - wrnckel hat das Wort gesprochen:Nor­wegen hat seinen besten Sohn, die Welt einen guten Bürger verloren.

KrWrrA flter SWapr«

Bombay, 14. Mai. Wie aus Scho- lapur gemeldet wird, ist dort im Zu­sammenhang mit der Proklamation des Kriegsrechts ein allgemeines Berkehrs- v erbot für die Zeit von 7 Uhr abends bis 6 Uhr früh erlassen worden. Niemand darf Waffen, darunter auch keine Gummi­knüppel, tragen. Ansamlmungen von mehr als vier Personen sind untersagt. Die Polizei durchsuchte die Büros des Verban­des der Eandhifreiwilligen und beschlag­nahmte alle Schriftstücke.

Der geplante Handstreich auf das Salzdepot Dharasana.

I a l a p u r, 13. Mai. Gandhis Sohn Manila! Gandhi trifft ausgedehnte Vor­bereitungen für. die auf Donnerstag ange­setzte friedliche Eroberung des Salzdepots in Dharasana, die sein Vater und 'Abbas Tyabji, der Nachfolger seines Vaters, durchzuführen verhindert wurden. Die Qveration-'dasis ist das Lager bei Untadi, unweit Dharasana, wo 160 Freiwillige versammelt sind. Weitere werden erwar­tet. Ein Anhänger Gandhis traf gestern aus Surat an der Spitze von 25 Freiwil­ligen ein. Die Freiwilligen waren mit den notwendigen Werkzeugen für das Zer­schneiden des Drahtzauns ausgerüstet, der das Gebiet des Depots von Dharasana um­gibt.

Als« teK RtdAnhantel

Berlin, 14. Mai. Wie erinnerlich, hatte vor etwa acht Wochen die Abreise einer Tanzgruppe nach Südamerika unter Leitung einer Frau Schmeling ganz Ber­lin in Aufruhr gebracht, weil Frau Schme­ling unter dem dringenden Verdacht des Mädchenhandels stand. Die dent- schen Behörden besaßen jedoch keinerlei Handhabe, die Ausreise zu verhinderu. Heute veröffentlicht nun die Morgenpost das Schreiben eines Mädchen aus dem .Mallett Schmeling" an ihren Vater, das über das weitere Schicksal der Truppe Auskunft gibt. Man erfährt die über­raschende Tatsache, daß dieLeiterin" der Truppe, Frau Schmeling, von der Polizei in Montvideo, der Hauptstadt Uruguays, wegen Mädchenhandels ver­haftet word-n ist und nach Buenos Aires (Argentinien) Lbergeführt worden sei. Die deutschen Auslandsvertreter und die südamerikanischen Behörden haben sich der verladenen Berlinerinnen angenom­men. Sie treten in einem rich­tigen Theater auf und nicht in Lo­kalen, für die sie von Fra« Schmeling aus­ersehen waren.

TaMpiWl

Dr. Fritjof Nansen, der gestern in Oslo gestorben ist, hat sich schon in ver­hältnismäßig jungen Jahren einen Namen als Polarforscher erworben. Am 10. Oft. 1861 wurde er als naturwissenschaftlicher Konservator im Museum in Bergen tätig. Im März 1882 unternahm der 21jährige Zoologe mit einem Nobbenfänger seine erste Fahrt in die Gegend des Polareises. 1888 durchquerte er, begleitet von Kapi­tän Swerdrup, das im Innern unerforschte Grönland, eine der schwierigsten For­schungsreisen, die je ausgeführt wurden. Im Juni 1893 trat Nansen dann die Aus­reise mit derFram" zu seiner weltberühm­ten Nordpolfahrt an. Sein Plan war, fein Schiff einfrieren und mit der Eisdrift über den Nordpol treiben zu lassen. Im März 1895 verließ Nansen das Schiff, um in "Be­gleitung des Leutnants Johannsen auf einer Landexpedition den Nordpol zu er­forschen. Anter ungeheuren Strapazen er­reichten die beiden Forscher Franz-Ioseph- Land und trafen im Juli 1896 wieder in Norwegen ein. Das Ergebnis dieser und der vorhergehenden Polarreisen hat Nan­sen in einer Reihe großer Werke nieder­gelegt. Seit 1897 war Nansen dann Pro­fessor an der Aniversität Oslo, im Jahre 1900 leitete er eine norwegische Düdsee- forschungsexpedition und wurde 1901 Lei­ter eines internationalen Laboratoriums für Heeresforschung. Angeachtet seiner re­gen wissenschaftlichen Betätigung, die ihn noch auf zahlreiche Forschungsreisen führte, beschäftigte sich Nansen auch politisch. Während der Trennungsbestrebungen Nor­wegens von Schweden, trat er 1905 zum ersten Male hervor. Bon 1906 bis 08 war er Gesandter Norwegens in London. Wäh­rend des Krieges und in den Jahren nach dem Kriege bemühte sich der große Polar-., forscher vielfach in 'Hilfswerken für die lei­dende Menschheit. 1921 wurde ihm für seine Verdienste auf diesem Gebiet der Nobel-Friedenspreis zuerkannt. Nansen ist auch einer der eifrigsten Verfechter des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund gewesen.

Mit einer an Naivität grenzenden Offen­heit hat sich der HaushaltsauSschuß des Reichstags am Dienstag dazu bekannt, daß in dem parlamentarischen Be­trieb, wie er in Deutschland gehandhabt wird, der Fraktionismus in entscheidender Weise mehr gilt als persönliche politische Fähigkeiten. Seit langem war der frühere Deutschnationale Professor Hoetzsch Be­richterstatter des Ausschusses über den Etat des Auswärtigen Amts. And der Ausschuß ist mit dieser Persönlichkeit, die ein außergewöhnliches Maß von histori­schen und außenpolitischen Kenntnissen mit dem Willen und Vermögen zu strenger Sachlichkeit verbindet, nicht schlecht ge­fahren. Obgleich die Christlich-nationale Arbeitsgemeinschaft, zu deren Fraktion jetzt Hoetzsch gehört, darum sachlich allen Grund hatte, auf die Wiederernennung zu drängen, wurde ihr dieser Wunsch versagt, und anstelle des Herrn Professor Hoetzsch wurde der deutschnationale Abgeordnete von Frehtagh-Loringhoven zum Berichterstatter ernannt. Warum? Der Ausschußvorsitzende hat es ganz offen ausgesprochen und ist sich offenbar der Peinlichkeit sSiner Morte selbst nicht be­wußt geworden, als er sagte, daß diese Dinge nicht nach der Person, sondern nur nach den Fraktionen geregelt würden. Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Im französischen Parlament wäre es nicht vorstellbar, daß man gegenüber einem verdienten Sachkenner nur deshalb, weil er einer zahlenmäßig schwachen Parlaments­gruppe angehört, so schematisch verfahren würde. Es ist dem Deutschen Reichstag Vorbehalten, den Formalismus in der Aus­legung des parlamentarischen Regimes so auf die Spitze zu treiben.

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Bekanntlich besteht im Saargebiet ein sogenannterBahnschud". Er um*