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den 12. Mai 1930
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scheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2.20 GM.aus- schließl. Zustellungsgebühr, durch Ne Post 2.45 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendefekt oder de- mentest Ereignisse ausfallende pkmmnern wird kein Ersatz geleistet. Verlag Dr. §. Hitzrroth. Drnck der Unib.-Bnchdrmkerei Joh. Ang. Koch, Markt 21/23 Kernsprecher: Rr. 54. tu Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt <u M. Rr. 5016. — Sprechzeit der. Redaktion von 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
W.MK.SM» Marburg n. Labn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Gandhis Nachfolger verhaftet
Deutscher Erfolg bei den Wahlen zum Ostoberschlesischen Sejm
300 MuMm vrrblmm Abdas rmbji
fk. Bombay, 12. Mai. (Reuter.) Gandhis Nachfolger, der 80jährige Abbas Tyabji und feine 59 Freiwilligen wurden heute früh in Navfari verhaftet, als sie ihren Marsch nach Dharfara angetreten hatten.
Der Marsch nahm bei dem Dorf K a r a d i feinen Anfang, wo die Freiwilligen Gelagert hatten, nachdem zuvor die üblichen Gebete verrichtet worden waren. Mele Einwohner der umliegenden Dörfer hatten sich ebenfalls bei Karadi gelagert und wahrend der Nacht Wache gehalten in der Erwartung, daß Polizei kommen werde. Während der Nacht geschah dies nicht, aber heute früh erschienen 300 bewaffnete Polizisten unter Führung des Porstelfers der Bezirkspolizei mit ungefähr 7 Autobuffen und bezogen eine Stellung unweit Karadis.
Der Austiruch der 60 Freiwilligen zu ihrem kurzen Marsch gestaltete sich folgendermahen: Abbas Tyabji und die Freiwilligen sangen Gandhis Lieblingshymne „Ein Jünger des Gottes Vischnu ist, wer die Leiden anderer kennt" und Frau Gandhi und andere bemalten die Stirn Tyabjis und seine Freiwilligen mif Saffranzeichen. Frau Gandhi segnete sie mit den Worten: „Mag Gott Euch Kraft geben, um die Regierung zu bekämpfen." Dann setzte sich Abbas Tyabji, begleitet von Frau Gandhi, um 6.15 Uhr in Bewegung, gefolgt von den Freiwilligen. Die Dorfbewohner schlossen sich an. Kurz darauf erfolgte die Verhaftung
Gandhis Nachfolger, Abbas Tyabji, hat füt den Fäll seiner Verhaftung Sarojini Naidu, eine Frau, mit der Führung der Gandhi-Freiwilligen beauftragt. Abbas Tyabji plante bekanntlich einen „friedlichen Handstreich" auf das Salzdepot von DHarasana, der auf Donnerstag festgesetzt fft. Ungefähr 300 Freiwillige aus dem Surat-Bezirk sind zur Teilnahme aufgefordert worden, Aufgabe der Freiwilligen wird es u. a. sein, die von den Behörden errichteten Drahtsperren zu durchschneiden. In Erwartung dieses Angriffes sind heute abend der Oberste Verwaltungsbeamte des Dfftrikw und der Dezirkspolizeidirektor mit 50 bewaffneten Polizisten in Dharasana angekommen. Außerdem stehen 100 Beamte der Salzsteuerverwaltung zur Verfügung. Für Transportmittel hat die Polizei gesorgt, indem sie mehrere Autvbuffe requirierte.
Dur politische Phantasten konnten glauben, daß die Gandhibewegung durch einen bewaffneten Aufstand die englische Herrschaft in Indien Hinwegfegen würde. Auch Indien hat gelernt. Es weih genau, daß gegen die bewaffnete Macht der Bombengeschwader und Tanks kein Kraut gewachsen fft. Aber nicht umsonst hat der englische Boykott gegen alle deutschen Waren unmittelbar nach dem Kriege Indien aufmerken lassen und auf ein Mittel hingewiesen, das in der Gandhischen „Rvi violent"-Bewegung von Anfang an als wirffamste Waffe enthalten war: den Warenbohkott. Die englische Oeffentlichkeit ist den indischen Ereignissen gegenüber von einer merkwürdigen Ansicherheft. Es scheint fo, als sei man selbst erstaunt darüber, daß nach Gandhis Dechaftung der Aufstand nickst allenthalben ausgebrvchen sei. Efft langsam und allmählich erkennt man, daß der Warenbohkott nicht nur den englischen Handel. in Ostindien bedroht, sondern auch unmittelbare Auswirkungen aus die engstsche Industrie ausübt. Denn kaum hat nun der Boykott in voller Schärfe eingesetzt, so mußten in Lancashire
zahlreiche Spinnereien und Webereien den Betrieb einstellen. Diele Tausende von Arbeitern wurden auf die Sttaße gesetzt und vermehren das Arbeitslosenelend. Da eher eine Zunahme als eine Abnahme des Boykotts zu erwatten ist, so dürfte in absehbarer Zeit die Ausfuhr englischer Textilwaren nach Indien überhaupt unmöglich gemacht sein. Wie sehr die Führer der indischen Aattonalisten von ihren Lehrmeistern, den Engländern, gelernt haben und sie nun auf eine prachtvolle Weise mit ihren eigenen Waffen treffen, beweist ein Aufruf des Aattonalistenkongresses von Bombeh. In außerordentlich geschickter Kopie der Lord Aottcliffschen Prvpa- gandamethoden wird der englische Dize-
könig als der weltfremde „gute fromme alte Irvin" geschildett, der von Simla aus die Lage mit „salbungsvoller Gleichgültigkeit in aller chrisüicher Liebe und mit einem Lächeln erhebendster Zufriedenheit darüber betrachtet, daß die Autorität der Gesetze aufrecht erhalten wird". Die Truppen und die Polizei aber müssen folgendes hören: „Ihr Dienst kommt dem Dienst für den Satan gleich, wenn sie einer Regierung dienen, die sich für eine derattig disziplinierte Barbarei hergibt". Die „Times" bemerken hierzu, daß solche Aeuherungen doch wohl ein Zeichen schlechten Geschmackes seien. Run, diesen schlechten Geschmack kennen wir Deutsche vom Kriege her zur Genüge.
Die Wahlen in Ostoberschlesien
Abberufung des jetzigen Woiwoden?
Nach einer Meldung der „Polska Zachodnia" sind im Wahlkreis 1 (Teschen, Bielitz, Pletz und Rybnik) 4 Kandidaten der deutschen Wahlgemeinschaft und ein deutscher Sozialist, im Wahlkreis 2 (Kat- towitz) 5 Kandidaten der deutschen Wahlgemeinschaft und im Wahlkreis 3 (Königs- Hütte) 6 andidaten der deutschen Wahlgemeinschaft als gewählt zu betrachten. Nach dieser Meldung würden 18 deutsche Abgeordnete in den schlesischen Sejm einziehen, in dem bisher 14 deutsche Abgeordnete waren.
Die Wahlen zum schlesischen Sejm.
fk. Kattowitz, 12. Mai. Bei den gestrigen Wahlen zum schlesischen Sejm war die Wahlbeteiligu,ng wesentlich stärker als bei den im Herbst des vorigen Jahres und des Frühjahres dieses Jahres durchgeführten Kommunalwahlen. Sie beträgt fast durchweg 95 Prozent, obwohl kein Wahlzwang für die Sejmwahl bestand.
Trotz Terrors konnte die deutsche Wahlgemeinschaft nicht nur ihre Stimme« behaupten, sondern vielfach sogar steigern.
In Kattowitz waren um 2 Uhr nachts 24 794 deutsche Stimmen gezählt, gegenüber 24 424 im Jahre 1928, obwohl noch fünf Wahlbezirke ausstehen. Die ländlichen Bezirke weisen sogar einen Stimmenzuwachs von 50% auf.
Die polnischen Parteien haben nach bisher vorliegenden Ergebnisien nicht besonders gut abgeschnitten. Die polnische Oppositionsgruppe (Korfanty) konnte im großen und ganzen ihren Stimmenbestand erhalten. Bemerkenswert ist daß die deutschen Sozialisten ebenfalls beträchttichen Stimmenverlust zu verzeichnen haben, die wohl zu einem guten Teil den Kommunisten zugute gekommen sind, die auch in Oberschlesien einen Stimmenzuwachs buchen können. Die Splitterparteien der Haubbesitzer hat kläglich Schiffbruch gelitten und wird wohl keinen Kandidaten durchbekommen, da eine Aufrechnung der Reststimmen über den Wahlkreis hinaus (insgesamt 3) nicht möglich ist.
Der Wahltag ist, abgesehen von einigen Schlägereien ruhig verlaufen. Nach den bisherigen Eingängen der Wahlergebnis- Meldungen ist damit zu rechnen, daß das Wahlergebnis von Kattowitz-Stadt in den
Bormitagsstunden vorliegen wird, wahrend die Eesamtergebniffe der drei Wahlkreise frühestens im Laufe des Nachmittags bezw. des Abends zu erwarten sind, zumal der Wahlkreis 1, der Teschen, Bielitz, Rybnik und Pletz umfaßt, einer autzer- ordentlich großen Gebietsteil darstellt.
Teilergebnis aus Oberschlefie«.
ff. Kattowitz, 12. Mai. Nach den bisher vorliegenden Teilergebnissen aus dem Stadt- und Landkreise Kattowitz, Königshütte und den Ortschaften im Kreise Pletz-Rybnik ist das Wahlergebnis für die deutsche Wahlgemeinschaft recht erfreulich. In den Industriestädten kann fast überall gegenüber den Sejmwahlen von 1928 ein Stimmenzuwachs verzeichent werden. In Kattowitz liegen vorläufig die Ergebnisse aus 37 Bezirken vor. Es fehlen noch die Ergebnisse von fünf großen Wahlbezirken., Ebenso ist ein starker Zuwachs in Myslowitz mit über 1000 Stimmen und in Radzionkau mit ebenfalls 1000 Stimmen zu verzeichnen. Besonders gut scheint der Wahlkreis T a r n o w i tz gewählt zu haben, wo in einzelnen Ortschaften der Stimmenzuwachs gegenüber 1928 100 vom Hundert beträgt.
Nach ben bisher vorliegenden Ergebnissen ist damit zu rechnen, daß die Deutschland im schlesischen Sejm ihre bisherige Mandatszahl von 12 Abgeordneten nicht nur behalten, sondern wahrscheinlich noch vergrötzera werde«. Die Korfanty-Partei hat sich gut behauptet. Dagegen sind die Stimmen der Regierungsparteien in fast allen Bezirken stark zurückgegangen. Wenn auch die bisher vorliegenden Ergebnisse noch kein genaues Bild der künftigen Zusammensetzung des schlesischen Sejm geben, so ist doch sicher, daß die künfttge Sejmmehrheit aus den Deutschen und der Korfanty-Partei bestehen wird. Deshalb dürfte auch, wie die „Polonia" schon heute mit Bestimmtheit behauptet, in allernächster Zeit mit der Abberufung des jetzigen Woiwoden, Graf Eraczynski, zu rechnen sein.
Wild-West in Newyork.
fk. Newyork, 12. Mai. Eine Anzahl Banditen drang in ein Kabarett ein, stellte sich in der Saalmitte auf und begann auf die tanzenden Paare zu schießen. Sie verletzten drei Personen schwer, der Rest konnte sich nur durch die Flucht teilen.
riWsiviMl
Die Morgenzeitung „La Dolvuftiö" hatte gestern vormittag in einem Leitartikel daruf hingewiesen, daß die Räumung des Rheinlandes wegen des verspäteten Inkrafttretens des Doungplanes vielleicht am 30. Juni nicht vollkommen erfolgt sein könnte. Das Blatt sprach die Äung aus, daß die öffentliche Meinung utschland dies begreifen und sich hierüber nicht erregen möge. — Mit imchdrück- licher Schärfe wendet sich das Abendblatt „S oi r" gegen diese Gedankengänge. Es schreibt: Frankreich habe sich feierlich verpflichtet, das Rheinland vor dem 30. Juni zu räumen. Jetzt beginne eine Campagne mit dem Ziel, Frankreich solle seine Beipflichtungen nicht einhalten. Amnögüch könne die Regierung dieses Manöver Herborgerufen haben. Tardieu habe sich gewiß nicht zur These vom Fetzen Papier bekehrt. Die Gründe, die man hier anführe, um diese Räumung als unmöglich zu bezeichnen, beruhten lediglich auf der Phantasie. Der französische Generalstab erkläre sich, so heißt es, autzefftande, die Truppen in weniger als zwei Monaten zu-» rückzunehmen. Der Generalstab sei ein Gegner dieser Friedensmaßnahme und suche nach Beweggründen, um die Besatzungstruppen in Deutschland zu belassen. Die Haltung der Militärs sei gänzlich unzulässig. Die Regierung müsse diese Kriegsanstifter nachdrücklich ihre Autorität fihlen lassen.
Die Beratungen über das Ausgabensenkungsgesetz für 1931 sind mittlerweile soweit fortgeschritten, daß die Fachbesprechungen in der nächsten Woche zu Ende geführt werden können. Das neue Spargesetz befaßt sich auch mit der Frage der sogen. Doppelverdiener. Die PensivnS- einkommen bis zu 6000 M. jährlich werden in keinem Fall gekürzt, darüber hinaus soll ein regelmäßiger Doppelverdienst auf die Pension staffelweise angerechnet werden. Daraus ergibt sich, daß die unteren Gruppen von der Regelung nicht Betroffen werden. Hinsichtlich der ArlaubSfrage werden ebenfalls Bestimmungen allgemeiner Att in dem neuen Gesetz aufgestellt. Es ist noch fraglich, ob sich hierbei wesentliche Ersparnisse machen lassen. ES scheint weiter, daß ein Zusammenhang zwischen der Reichsreform und dem Ausgabengesetz konstruiert werden wird. Man glaubt sogar, daß man gesetzlich den Zwang zu Reformen für das kommende Jahr festlegen wird. Im übrigen befaßt sich das Gesetz noch mit dem Abbau verschiedener Aemter, so mit der Beseitigung der Reichsvermögensverwaltung im besetzten Gebiet, der Auflösung des Rheinlandministeriums, dem Abbau des Reichsausgleichsamtes usw. Die parlamentarische Erledigung des Gesetzentwurfes wird aller Wahrscheinlichkeit nach Abschluß der Haushaltsberatungen im Reichstag erfolgen können. Allerdings ist dies ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt, da das Parlament nach den schwierigen Etatverhandlungen einer solchen kompli- zietten Materie von vornherein unlustig und mit Abneigung gegenübersteht.
Die Gesamtstärke des Heeres beträgt, wie wir von unterrichteter Seite erfahren, gegenüber 797 716 Köpfen im Jahre 1914 gegenwärtig 100 000 Mann. Für die Marine sind die entsprechenden Ziffern 79 000 gegenüber jetzt 14 000. Die Kosten für das Heer betrugen 1914 1327 148 000 Mark, 1930 503 Millionen RRll, für die Marine 1914 454 420000 Mk.