Sonnabend, den 1« Mal MO
Di« «Vbrrhesstsche Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Be- mgsprets monatlich 2.20 SM.a«s- schiießl. ZustellungSgebühr, durch dt« Post 2.45 GM. Für etwa durch Streit, Maschinendefekt oder eie* «entrtse Ereignisse ausfallende Rummern wird kein Ersatz geleistet. Verlag Dr. §. Httzeroth. Druck der Untd.-Buchdruckeret Ioh. Ang. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und
*#4—1 Uhr.
ÄberlMsche
«otaw /IAiTHHA «*** rMimewr 4j|| g7 ■ I MB ||ia tonWKw
Anzeiger für (das frühere knrhessifche) Oberhessen
$t. ros K.zabes. Marburg a. Labn
Der Anzeige »preis betragt flkr den 11 gespatt. Zeilenmillimeter 0.08 GM., sog. kleine An zeigen und Familienanzeigen bei Barzahlung 0.07 ®SK„ amtliche und auswärtige Anzeigen 0.10 GM. Bei schwierigem Sah sowie bet Platz* dorschrtst 50*!, Aufschlag. — Sammelanzeigen 100 's, Aufschlag. Reklam.-Millim. 0,40 GM. Zeder Rabatt gilt als Barrabatt.
Ziel 5 Tage.
Kfferten-Debühr: 25 Pfg. Belege werden berechnet. Erfüllungsort Marburg.
Anzeigen der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
VMM „EmoMcher 6MnM*
Deivreckuag Briaads mil Mhersm - NaAMKo Mage an die „aebrlbaftea"
Weber dir gestrige Unterredung zwischen 8riand und Henderson sagt der Auhen- politiker be«? „9R atin". Briaud habe Henderson den Text seines Fragebogens über die Schaffung eines europäischen Staaten- bundes zur Kenntnis gebracht, den er nach Billigung seines Textes vom Ministerrat den europäischen Mitgliedern des Bölkerbnndes wahrscheinlich in Genf werde überreichen kön- ** neu. Briand und Henderson wären dabei übereingekomcn, daß es setzt angebracht sei, freundschaftliche Verhandlungen mit Italien anz«bahnen, und man hoffe, dah Grandi stch selbst zur Bölkerbundsrats- tagung nach Genf begeben werde, damit dort ei» Meinungsaustausch zwischen ihm und Vri- and, gegebenenfalls unter Hinzutreten Hendersons gepflogen werden könne. Man habe jetzt wegen der Vertagung der Sitzung des vorbereitenden Abrüstungsausschusses, so erklärt der Korrespondent weiter, wieder 6 Monate Zeit, die Abrüftungssrage mit aller Ruhe zu bearbeiten.
*
Der italienische Minister des Auswärtigen Grandi hielt gestern in der Karniner eine längere Rede, in der er sich mit der Haager Konferenz und der Londoncr Konferenz beschäftigte. Er erklärte u. a., was Italien betrifft, so hält
der Neue Pla« nicht nur das Gleichgewicht zwischen den Zahlungen und den Einnahmen aufrecht, die aus dem Krieg entstanden sind, er schafft auch einen Ueberschust zugunsten der italienischen Finanzen. Das Problem der Rbeinlandräumunq ist mit demjenigen der Reparationen unweigerlich verbunden.
In der Frage der Ostreparationen hat Italien nicht gezögert, die spontanen Sympathien zu bestätigen, die es unmittelbar nach dem Kriege den Nationen entqegengebracht hatte, die am meisten unter dem Krieg gelitten hatten. Die italienische Regierung hat ihr finanzielles Jntereffe der Folgerichtigkeit ihrer politischen Handlungsweise und der Aufrechterhaltung ihrer treuen Freundschaften geopfert. Durch die im Rat erfolgte Regelung der Ostreparationen ist Oesterreich von jeder Reparationsverpflichtung befreit und kann so alle seine finanziellen und wirtschaftlichen Mittel für das Werk seines inneren Wiederaufbaues verwenden. Die größten Schwierigkeiten, die dem Sachoerständigenausschutz entgegentraten, bezogen sich auf die ungarischen Reparationen. Ungarn erhält nun seine finanzielle Souveränität vollständig zurück und wird von den Retten und den Verpflichtungen des Vertrages von Trianon befreit, während die Optantenfrage keine Streitfrage mehr ist.
Wen« man will, datz die Verträge so lange wie möglich in Eeltang bleiben, matz man sie allmählich «ad in gerechtem Sinne den neuen Bedürfnissen und der ne«en Wirklichkeit anpassen.
Grandi ging dann auf die
Londoner Konferenz * ein und sagte: Die Abrüstung ist ein Problem, das seit zeher die Völker und die Kanzleien in Atem gehalten hat. Das in Versailles und besonders durch den Artikel 8 der Völkerbundssatzung aufgeworfene Problem ist eine von den Siegerstaaten übernommene Verpflichtung, die auf ihre Verwirklichung noch wartet. Italien ist bereit, die Verpflichtungen, die ihm die Friedensverträge auferlegen, zu erfüllen. _ Italien war bereit, für die Grenze seiner Rüstungen zur See die niedrigste Zahl anzunehmen, wenn keine andere Kontinentalmacht eine größere Zahl verlangte. Es bot Frankreich an, diese Zahl zu bestimmen. Die französische Regierung lehnte ab, auf diesen Grundlagen zu verhandeln. In dem Memorandum vom 18. Februar 1930 legte Italien noch einmal feinen Standpunkt dar und beleuchtete die Wichtigkeit einer allgemeinen Lösung des Abrüstungsproblems.
EMthMoröerungen SrankreW
Der Abschluß des Abkommens zu drei kann, wenn es auch ein wichtiges Ergebnis ist, nicht als eine endgültige Regelung betrachtet werden. Italien ist bereit, die unterbrochenen Besprechungen wieder aufzunehme«, ' damit für Europa eine neue Periode der Wohlfahrt beginnt.
Die Sicherheit, dieser nebelhafte Begriff, den man in Genf allzusehr mißbraucht hat, soll nicht eine neue Mythe zur Rechtfertigung der Rüstungen sein. Wir sollen endlich uns aus den Boden der Wirklichkeit
ff. Bonbon, 10. Mai. In verschiedenen Teisen Indiens werden am heutigen Sonnabend, dem 72. Jahrestag der indischen Unterdrückung, neue Aufstände befürchtet. Der Marsch nach dem Salzgebiet in Dharsan wird am Montag beginnen. Die Anhänger Gandhis werden Mittwoch in DHarasan eintreffen und am nächsten Tage soll der Abmarsch nack dem Salzdepot einsetzen. Der frühere Präsident der gesetzgebenden Versammlung, Patel, kündigte in einer Rede in Surat an, datz er in sämtlichen Bezirken des Eujeratgebiet einen Steuerver- weigeruugsfeldzug und einen Boykott ausländischer Textilwaren einleiten werde.
Van den Unruhen in Sholapur.
Nach den neuesten Mitteilungen begannen die Unruhen in Sholapur durch die Weigerung zweier Spinnereien, den Hartal (Trauertag) zu beachten, der wegen der Verhaftung Gandhis angesetzt war. Eine große Menschenmenge, die aus anderen Spinnereien zusammenströmte, forderte die Einstellung der Arbeit. Auf die Weigerung hin kam es zu Gewalttätigkeiten. Die Anhänger Gandhis drohten, die beiden Spinnereien in Brand zu stecken und setzten der Polizei Widerstand entgegen. Später kamen Freiwillige aus der indischen Nationalbewegung in die Stadt, um die Palmbäume zu fällen. Nach Ankunft der Distriktbehörde bewarf die überreizte Menschenmenge, die 30 000 Köpfe stark war, die Polizei zwei Stunden lang mit Steinen. Wie rasend,
ergriff die Menge einen eingeborenen Polizisten und verbrannte ihn bei lebendigem Leibe.
Danach wurden zwei andere Polizisten in grausamer Weise getötet. Fünf Polizisten wurden in einen Brunnen geworfen.
Den, letzten Berichten aus Sholapur zufolge ist die Lage befriedigend. Polizei in Lastautomobilen patroulliert durch die Straßen und an strategischen Punkten sind Truppenabteilungen aufgestellt. Der Distriktvorsteher ist der Meinung, daß die Ordnung jetzt endgültig wieder hergestellt ist. Man glaubt, daß es bei den Unruhen mindestens zwanzig Tote und hundert Verletzte gegeben hat.
Der Sonderkorrespondent des „Daily Telegraph in Sholapur gibt eine Beschreibung der militärischen Besetzung der Stadt nach den schweren Ausschreitungen am Dienstag und Mittwoch. Der Einmarsch eines Teiles britischen Regimentes mit
stellen und durch gerechte Abkommen zu gegenseitigen Herabsetzungen der Rüstungen das gegenseitige Vertrauen fassen, das den Völkerfrieden verbürgt.
Wieder Ruhe in Spanien.
ft. Paris, 10. Mai. Na cheiner Havas- Meldung aus Madrid hat der spanische Innenminister Pressevertretern gegenüber erklärt. daß überall im Lande die größte Ruhe herrsche. Die Universität von Sala- manda sei noch immer geschlossen, dagegen habe die Universität von Sevilla ihre Pforten wieder geöffnet.
Lastautos und Tanks wurde von der Bevölkerung kaum beobachtet. Der allergrößte Teil hält sich in den Wohnungen verborgen: sobald ein Truppenlastwagen auf ruchtc^ verschwanden auch die wenigen in den Türeu umherstehenden Inder.
Sholapur habe tatsächlich den Eindruck einer völlig toten Stadt gemacht.
lieber die Vorgänge berichtet der Korrespondent auf Grund von Mitteilungen von Augenzeugen, daß neben den fünf als tot anzusehenden mohammedanischen Polizisten zwei weitere zu Tode gemartert wurden. Die Lage ist dadurch kompliziert, daß heute ein großer mohammedanischer Feiertag ist und die Behörden nicht den Wunsch haben, die aus diesem Anlaß angesetzten Prozessionen zu verbieten, da sich die Mohammedaner während der ganzen Unruhen in einer den britischen Behörden außerordentlich günstigen Weise benommen haben. Zn gleicher Zeit wird aber befürchet, daß die Prozessionen den Anlaß zu neuen ernsten Zusammenstößen zwischen Mohammedanern und Hindus bieten. Im Augenblick ist die Lage ruhig und an allen wichtigen Punkten sind starke militärische Abteilungen stationiert, lleber die Stadt ist das Kriegsrecht verhängt worden.
----*--—
Rationierte Gebrauchsartikel
ff. Rorono, 10. Mai. Der große Mangel an Gebrauchsartikeln des täglichen Lebens, der sich mit jedem Tage mehr bemerkbar macht, hat nach Meldungen aus Moskau das Volkskommissariat dazu veranlaßt, eine neue Rationierung dieser Artikel durchzuführen. Es ist eine neue Verkaufsordnung festgelegt. die am 10. Mai in Rraft tritt. Danach werden alle Waren und Artikel des täglichen Gebrauchs in drei Gruppen eingeteilt. Zur ersten Gruppe gehören Woll-, Baumwoll- und Leinenwaren, Garne, Wirtschaftsseife u. a.; zur zweiten fertige Rleider, Trikotagen, Gummischuhe und anderes und zur dritten alle übrigen Gebrauchsgegenstände.
Das Bezugsrecht auf bie Erzeugnisse bet ersten Gruppe besitzen nur Arbeiter auf Grund ber auch für bie Lebensmittel bestehenden Bezugsfarle.
Die Artikel der zweiten Gruppe werden in „Ladenordnung" verkauft, d. h. sie können, so weit vorhanden, frei erworben werden, woher aber die ausgesprochenen Arbeitervier- kel in den Großstädten bezw. die Arbeiterstädte in erster Linie berücksichtigt werden. Tas sind also die Gebrauchsartikel, nach denen der sowjet-russische Bürger wird „anstehen" müssen. Lediglich die dritte Gruppe Waren (Bas sind also in erster Linie die Luruswaren, die sehr teuer sind und die nur einen geringen Absatz aufroeifeu) ist für den Verkauf vollkommen freisegeben.
tataföum aus Sholapur
Man rechne! beute mit neuen ZuiammenWen
Ae Mnltnamig hi Sens
Wenn man sich die Tagesordnung der diesmaligen Ratstagung in Genf ansieht, so versteht man zunächst nicht, warum sich die Außenminister der Großmächte selbst bemühen. Aber eben die Tatsache, daß am Hufeisentisch in der GlaShalle am Quai Wilson nicht viel Dinge von Belang behandelt werden sollen, weist darauf hin, daß die Außenminister der europäischen Mächte das Bedürfnis empfinden, sich wieder einmal unbelauscht von der Weltöffentlichkeit über die schwebenden europäischen Pläne zu unterhalten. Es ist ja schon von Anbeginn an so gewesen, daß das politische Geschehen, das mit Genf in Zusammenhang gebracht wird, in inet höherem Maße aus dem kleinen Hotel des Bergues, wo Briand residiert und seine intimen politischen Tees arrangiert, und aus den Hotelzimmern der deutschen und englischen Delegation angetrieben wurde als aus den Auseinandersetzungen am Ratstisch und aus den schönen Reden im Reformationssaal. Die Bedeutung der Genfer Veranstaltungen zieht einen unverhältnismäßig großen Anteil aus ihrem Charkter als politischer Weltbörse. Der Mittelpunkt der Unterhaltungen wird diesmal wieder Briands Teestube sein. Rach dem unklaren Ergebnis der Londoner Konferenz, angesichts der Verschärfung des Gegensatzes zwischen Frankreich und Italien und ün Hinblick auf die neuen Strömungen in Mitteleuropa empfindet er natürlich in gesteigertem Maße das Bedürfnis, seine paneuropäischen Pläne vorwätts zu treiben, um bei den befürchteten und möglichen Umgruppierungen in der europäischen Mitte und im Südosten nicht ins Hintettreffen zu geraten. Nachdem die französische Politik sich genötigt sah, die finanzielle Liquidation des Krieges und die Preisgabe der in der Besetzungs- Politik eingeschlossenen Pläne ohne Rücksicht auf die polnischen Wünsche nach einem Ostlocarno dorzunehmen, droht sich das Gewicht des von Frankreich geschaffenen östlichen Trabantensystems auf der Linie von Warschau nach Rom zu verschieben. Von Mussolini muß man sich nach der in London geschaffenen Verschärfung des französisch-italienischen Gegensatzes gewär- ttgen, daß er seine schon seit Jahren eingesetzten Bemühungen auf diesem Boden erst recht steigett. And nun erleben wir das seltsame Schauspiel, das sich bisher allerdings nur erst in schüchternen Redewendungen in der Presse und in diplomatischen Nebensätzen andeutete, vor dem aber sehr bald der Vorhang ganz aufgezogen werden dürste, daß Briand in Wien und Berlin polittsche Bundesgenossenschaft sucht gegen eine von Italien angestrebte mitteleuropäische und osteuropäische Umgruppierung, in der der Einfluß Frankreichs gänzlich ausgeschaltet wäre.
Das praktische paneuropäische Ziel tin Gegensatz zu den Gedankengängen uto- pistischer Schriftsteller ist eine Idee, die der verstorbene deutsche Gegenspieler Briands früher ins Auge gefaßt hatte als der große polittsche Heldenbariton von Genf. In Locarno bereits, und zwar in einem frühen Stadium der Konferenz, als in den heißen Kämpfen der Ausgang noch ganz ungewiß erschien, entwickelle Sttesemann in einem vertrauten Kreise in seinem Arbeitszimmer Richtlinien einer weltpolitischen Zukunft, die erheblich über das hinausgreifen, was Briand später als seine ganz neue Patenttdee der Völkerbundsversammlung vortrug. Er könnte durchaus der Mitwirkung Deutschlands bei seinen Plänen sicher sein, wenn wir nicht aus allzu vielen Dingen den Schluß ziehen müßten, daß es den Franzosen nicht um die Sache geht, daß sie vielmehr unter dem Schlagwort „Paneuropa" einen diplomatischen Schachzug verstecken, an dem wir uns nicht be- telligen können, ohne zu anderen Mächten in Gegensatz zu geraten.
Eine der wesentlichen Voraussetzungen für die wirtschaftlich vereinigten Staaten