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Sonnabend, den 1« Mal MO

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Anzeiger für (das frühere knrhessifche) Oberhessen

$t. ros K.zabes. Marburg a. Labn

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Weber dir gestrige Unterredung zwischen 8riand und Henderson sagt der Auhen- politiker be«?9R atin". Briaud habe Hen­derson den Text seines Fragebogens über die Schaffung eines europäischen Staaten- bundes zur Kenntnis gebracht, den er nach Billigung seines Textes vom Ministerrat den europäischen Mitgliedern des Bölkerbnndes wahrscheinlich in Genf werde überreichen kön- ** neu. Briand und Henderson wären dabei übereingekomcn, daß es setzt angebracht sei, freundschaftliche Verhandlungen mit Italien anz«bahnen, und man hoffe, dah Grandi stch selbst zur Bölkerbundsrats- tagung nach Genf begeben werde, damit dort ei» Meinungsaustausch zwischen ihm und Vri- and, gegebenenfalls unter Hinzutreten Hen­dersons gepflogen werden könne. Man habe jetzt wegen der Vertagung der Sitzung des vor­bereitenden Abrüstungsausschusses, so erklärt der Korrespondent weiter, wieder 6 Monate Zeit, die Abrüftungssrage mit aller Ruhe zu bearbeiten.

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Der italienische Minister des Auswärtigen Grandi hielt gestern in der Karniner eine längere Rede, in der er sich mit der Haager Konferenz und der Londoncr Kon­ferenz beschäftigte. Er erklärte u. a., was Italien betrifft, so hält

der Neue Pla« nicht nur das Gleichgewicht zwischen den Zah­lungen und den Einnahmen aufrecht, die aus dem Krieg entstanden sind, er schafft auch einen Ueberschust zugunsten der italienischen Finan­zen. Das Problem der Rbeinlandräumunq ist mit demjenigen der Reparationen unweiger­lich verbunden.

In der Frage der Ostreparationen hat Italien nicht gezögert, die spontanen Sym­pathien zu bestätigen, die es unmittelbar nach dem Kriege den Nationen entqegengebracht hatte, die am meisten unter dem Krieg gelitten hatten. Die italienische Regierung hat ihr finanzielles Jntereffe der Folgerichtigkeit ihrer politischen Handlungsweise und der Aufrecht­erhaltung ihrer treuen Freundschaften ge­opfert. Durch die im Rat erfolgte Regelung der Ostreparationen ist Oesterreich von jeder Reparationsverpflichtung befreit und kann so alle seine finanziellen und wirtschaft­lichen Mittel für das Werk seines inneren Wiederaufbaues verwenden. Die größten Schwierigkeiten, die dem Sachoerständigenaus­schutz entgegentraten, bezogen sich auf die un­garischen Reparationen. Ungarn er­hält nun seine finanzielle Souveränität voll­ständig zurück und wird von den Retten und den Verpflichtungen des Vertrages von Tria­non befreit, während die Optantenfrage keine Streitfrage mehr ist.

Wen« man will, datz die Verträge so lange wie möglich in Eeltang bleiben, matz man sie allmählich «ad in gerechtem Sinne den neuen Bedürfnissen und der ne«en Wirk­lichkeit anpassen.

Grandi ging dann auf die

Londoner Konferenz * ein und sagte: Die Abrüstung ist ein Problem, das seit zeher die Völker und die Kanzleien in Atem gehalten hat. Das in Versailles und be­sonders durch den Artikel 8 der Völkerbunds­satzung aufgeworfene Problem ist eine von den Siegerstaaten übernommene Verpflich­tung, die auf ihre Verwirklichung noch war­tet. Italien ist bereit, die Verpflichtungen, die ihm die Friedensverträge auferlegen, zu erfüllen. _ Italien war bereit, für die Grenze seiner Rüstungen zur See die niedrigste Zahl anzunehmen, wenn keine andere Kontinental­macht eine größere Zahl verlangte. Es bot Frankreich an, diese Zahl zu bestimmen. Die französische Regierung lehnte ab, auf diesen Grundlagen zu verhandeln. In dem Memo­randum vom 18. Februar 1930 legte Italien noch einmal feinen Standpunkt dar und be­leuchtete die Wichtigkeit einer allgemeinen Lö­sung des Abrüstungsproblems.

EMthMoröerungen SrankreW

Der Abschluß des Abkommens zu drei kann, wenn es auch ein wichtiges Ergeb­nis ist, nicht als eine endgültige Regelung betrachtet werden. Italien ist bereit, die unterbrochenen Bespre­chungen wieder aufzunehme«, ' damit für Europa eine neue Periode der Wohlfahrt beginnt.

Die Sicherheit, dieser nebelhafte Begriff, den man in Genf allzusehr miß­braucht hat, soll nicht eine neue Mythe zur Rechtfertigung der Rüstungen sein. Wir sollen endlich uns aus den Boden der Wirklichkeit

ff. Bonbon, 10. Mai. In verschie­denen Teisen Indiens werden am heutigen Sonnabend, dem 72. Jahrestag der indi­schen Unterdrückung, neue Aufstände be­fürchtet. Der Marsch nach dem Salzgebiet in Dharsan wird am Montag beginnen. Die Anhänger Gandhis werden Mittwoch in DHarasan eintreffen und am nächsten Tage soll der Abmarsch nack dem Salzdepot einsetzen. Der frühere Präsident der gesetzgebenden Versamm­lung, Patel, kündigte in einer Rede in Surat an, datz er in sämtlichen Bezirken des Eujeratgebiet einen Steuerver- weigeruugsfeldzug und einen Boykott ausländischer Textil­waren einleiten werde.

Van den Unruhen in Sholapur.

Nach den neuesten Mitteilungen began­nen die Unruhen in Sholapur durch die Weigerung zweier Spinnereien, den Hartal (Trauertag) zu beachten, der wegen der Verhaftung Gandhis angesetzt war. Eine große Menschenmenge, die aus an­deren Spinnereien zusammenströmte, for­derte die Einstellung der Arbeit. Auf die Weigerung hin kam es zu Gewalttätig­keiten. Die Anhänger Gandhis drohten, die beiden Spinnereien in Brand zu stecken und setzten der Polizei Widerstand ent­gegen. Später kamen Freiwillige aus der indischen Nationalbewegung in die Stadt, um die Palmbäume zu fällen. Nach An­kunft der Distriktbehörde bewarf die über­reizte Menschenmenge, die 30 000 Köpfe stark war, die Polizei zwei Stunden lang mit Steinen. Wie rasend,

ergriff die Menge einen eingeborenen Polizisten und verbrannte ihn bei lebendigem Leibe.

Danach wurden zwei andere Polizisten in grausamer Weise getötet. Fünf Polizisten wurden in einen Brunnen geworfen.

Den, letzten Berichten aus Sholapur zu­folge ist die Lage befriedigend. Polizei in Lastautomobilen patroulliert durch die Straßen und an strategischen Punkten sind Truppenabteilungen aufgestellt. Der Distriktvorsteher ist der Meinung, daß die Ordnung jetzt endgültig wieder hergestellt ist. Man glaubt, daß es bei den Un­ruhen mindestens zwanzig Tote und hundert Verletzte gegeben hat.

Der Sonderkorrespondent desDaily Telegraph in Sholapur gibt eine Beschrei­bung der militärischen Besetzung der Stadt nach den schweren Ausschreitungen am Dienstag und Mittwoch. Der Einmarsch eines Teiles britischen Regimentes mit

stellen und durch gerechte Abkommen zu gegen­seitigen Herabsetzungen der Rüstungen das ge­genseitige Vertrauen fassen, das den Völker­frieden verbürgt.

Wieder Ruhe in Spanien.

ft. Paris, 10. Mai. Na cheiner Havas- Meldung aus Madrid hat der spanische Innenminister Pressevertretern gegenüber er­klärt. daß überall im Lande die größte Ruhe herrsche. Die Universität von Sala- manda sei noch immer geschlossen, dagegen habe die Universität von Sevilla ihre Pfor­ten wieder geöffnet.

Lastautos und Tanks wurde von der Be­völkerung kaum beobachtet. Der aller­größte Teil hält sich in den Wohnungen verborgen: sobald ein Truppenlastwagen auf ruchtc^ verschwanden auch die wenigen in den Türeu umherstehenden Inder.

Sholapur habe tatsächlich den Ein­druck einer völlig toten Stadt gemacht.

lieber die Vorgänge berichtet der Korre­spondent auf Grund von Mitteilungen von Augenzeugen, daß neben den fünf als tot anzusehenden mohammedanischen Poli­zisten zwei weitere zu Tode gemartert wur­den. Die Lage ist dadurch kompliziert, daß heute ein großer mohammeda­nischer Feiertag ist und die Behör­den nicht den Wunsch haben, die aus die­sem Anlaß angesetzten Prozessionen zu ver­bieten, da sich die Mohammedaner wäh­rend der ganzen Unruhen in einer den britischen Behörden außerordentlich gün­stigen Weise benommen haben. Zn gleicher Zeit wird aber befürchet, daß die Pro­zessionen den Anlaß zu neuen ernsten Zu­sammenstößen zwischen Mohammedanern und Hindus bieten. Im Augenblick ist die Lage ruhig und an allen wichtigen Punk­ten sind starke militärische Abteilungen stationiert, lleber die Stadt ist das Kriegsrecht verhängt worden.

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Rationierte Gebrauchsartikel

ff. Rorono, 10. Mai. Der große Man­gel an Gebrauchsartikeln des täglichen Le­bens, der sich mit jedem Tage mehr bemerk­bar macht, hat nach Meldungen aus Moskau das Volkskommissariat dazu veranlaßt, eine neue Rationierung dieser Artikel durchzufüh­ren. Es ist eine neue Verkaufsordnung fest­gelegt. die am 10. Mai in Rraft tritt. Da­nach werden alle Waren und Artikel des täglichen Gebrauchs in drei Gruppen einge­teilt. Zur ersten Gruppe gehören Woll-, Baumwoll- und Leinenwaren, Garne, Wirt­schaftsseife u. a.; zur zweiten fertige Rleider, Trikotagen, Gummischuhe und anderes und zur dritten alle übrigen Gebrauchsgegenstände.

Das Bezugsrecht auf bie Erzeugnisse bet ersten Gruppe besitzen nur Arbeiter auf Grund ber auch für bie Lebensmittel be­stehenden Bezugsfarle.

Die Artikel der zweiten Gruppe werden in Ladenordnung" verkauft, d. h. sie können, so weit vorhanden, frei erworben werden, woher aber die ausgesprochenen Arbeitervier- kel in den Großstädten bezw. die Arbeiter­städte in erster Linie berücksichtigt werden. Tas sind also die Gebrauchsartikel, nach de­nen der sowjet-russische Bürger wirdan­stehen" müssen. Lediglich die dritte Gruppe Waren (Bas sind also in erster Linie die Luruswaren, die sehr teuer sind und die nur einen geringen Absatz aufroeifeu) ist für den Verkauf vollkommen freisegeben.

tataföum aus Sholapur

Man rechne! beute mit neuen ZuiammenWen

Ae Mnltnamig hi Sens

Wenn man sich die Tagesordnung der diesmaligen Ratstagung in Genf ansieht, so versteht man zunächst nicht, warum sich die Außenminister der Großmächte selbst bemühen. Aber eben die Tatsache, daß am Hufeisentisch in der GlaShalle am Quai Wilson nicht viel Dinge von Belang be­handelt werden sollen, weist darauf hin, daß die Außenminister der europäischen Mächte das Bedürfnis empfinden, sich wieder einmal unbelauscht von der Welt­öffentlichkeit über die schwebenden euro­päischen Pläne zu unterhalten. Es ist ja schon von Anbeginn an so gewesen, daß das politische Geschehen, das mit Genf in Zusammenhang gebracht wird, in inet höherem Maße aus dem kleinen Hotel des Bergues, wo Briand residiert und seine intimen politischen Tees arrangiert, und aus den Hotelzimmern der deutschen und englischen Delegation angetrieben wurde als aus den Auseinandersetzungen am Ratstisch und aus den schönen Reden im Reformationssaal. Die Bedeutung der Genfer Veranstaltungen zieht einen unver­hältnismäßig großen Anteil aus ihrem Charkter als politischer Weltbörse. Der Mittelpunkt der Unterhaltungen wird dies­mal wieder Briands Teestube sein. Rach dem unklaren Ergebnis der Londoner Kon­ferenz, angesichts der Verschärfung des Gegensatzes zwischen Frankreich und Ita­lien und ün Hinblick auf die neuen Strö­mungen in Mitteleuropa empfindet er na­türlich in gesteigertem Maße das Bedürf­nis, seine paneuropäischen Pläne vorwätts zu treiben, um bei den befürchteten und möglichen Umgruppierungen in der euro­päischen Mitte und im Südosten nicht ins Hintettreffen zu geraten. Nachdem die französische Politik sich genötigt sah, die finanzielle Liquidation des Krieges und die Preisgabe der in der Besetzungs- Politik eingeschlossenen Pläne ohne Rück­sicht auf die polnischen Wünsche nach einem Ostlocarno dorzunehmen, droht sich das Gewicht des von Frankreich geschaffenen östlichen Trabantensystems auf der Linie von Warschau nach Rom zu verschieben. Von Mussolini muß man sich nach der in London geschaffenen Verschärfung des französisch-italienischen Gegensatzes gewär- ttgen, daß er seine schon seit Jahren ein­gesetzten Bemühungen auf diesem Boden erst recht steigett. And nun erleben wir das seltsame Schauspiel, das sich bisher allerdings nur erst in schüchternen Rede­wendungen in der Presse und in diplo­matischen Nebensätzen andeutete, vor dem aber sehr bald der Vorhang ganz aufge­zogen werden dürste, daß Briand in Wien und Berlin polittsche Bundesgenossenschaft sucht gegen eine von Italien angestrebte mitteleuropäische und osteuropäische Um­gruppierung, in der der Einfluß Frank­reichs gänzlich ausgeschaltet wäre.

Das praktische paneuropäische Ziel tin Gegensatz zu den Gedankengängen uto- pistischer Schriftsteller ist eine Idee, die der verstorbene deutsche Gegenspieler Briands früher ins Auge gefaßt hatte als der große polittsche Heldenbariton von Genf. In Locarno bereits, und zwar in einem frühen Stadium der Konferenz, als in den heißen Kämpfen der Ausgang noch ganz unge­wiß erschien, entwickelle Sttesemann in einem vertrauten Kreise in seinem Arbeits­zimmer Richtlinien einer weltpolitischen Zukunft, die erheblich über das hinausgrei­fen, was Briand später als seine ganz neue Patenttdee der Völkerbundsversammlung vortrug. Er könnte durchaus der Mitwir­kung Deutschlands bei seinen Plänen sicher sein, wenn wir nicht aus allzu vielen Dingen den Schluß ziehen müßten, daß es den Franzosen nicht um die Sache geht, daß sie vielmehr unter dem Schlagwort Paneuropa" einen diplomatischen Schach­zug verstecken, an dem wir uns nicht be- telligen können, ohne zu anderen Mächten in Gegensatz zu geraten.

Eine der wesentlichen Voraussetzungen für die wirtschaftlich vereinigten Staaten