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Mittag, teni.Mai 1930

Di« ^Oberhessssch« Zeitung" er­scheint sechsmal wichentlich. Be­zugspreis monatlich 2.20 DM.anS- schließl. ZusiellungSgebühr, durch Me Post 2.45 GM. Für etwa durch Gtreik, Maschinen defekt »der efe» meutere Ereignisse ausfallende Kummern wird kein Ersatz ge­leistet. Verlag Dr. §. Hitzeroth. Druck der Unib.-Buchdruckrrei Zoh. Äug. Koch, Markt 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. n. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 5015. Sprechzeit »er Redaktion don 1011 und

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

St. 104 r;.Mrg. Marburg a. Labn

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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

Gandhi verhaftet

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ff. Bombay. 5. Mai. (Amtlich.) Gandhi ist aus Anordnung der Regie­rung in Zalalpur verhaftet worden.

Gandhi ist mit dem ihn begleitende« Polizeibeamten Custody Borioli in der Nähe von Bombay eingetroffen, wo er den Zug verlassen mutzte und unter mili- tärischer Begleitung mit unbekannter Bestimmung abtransportiert wurde.

Strahenkämpfe in Peschawar.

Die Telegraphenagentur der Sowjetunion meldet aus Kabul, datz nach dort aus Indien eingelaufenea Berichten indische Aufständische das die Stadt Peschawar beherrschende Fort erobert hätten. Peschawar sei zwar noch in den Händen der englischen Komman­dantur. Zn der Stadt seien jedoch heftige Stratzenkämpfe entbrannt. Die Eingeborenen-Polizei und die S i k h« truppe« weigerte« sich, die Bewe­gung zu unterdrücken und schlosse« sich den Aufständischen an.

Aus London wird weiter gemeldet: Gandhi ist in der Nacht zum Montag in einem kleinen Orte in der Nähe von Su- sal verhaftet worden. Die Verhaftung erfolgte auf Grund einer Verfügung vom Jahre 1927. Nach der Verhaftung wurde Gandhi in einem Postzug nach B o r i v e (etwa 60 Kilometer von Bombay ent­fernt) und von dort im einem geschloffe­nen Auto nach dem Gefängnis in P o o n a (150 Kilometer südöstlich von Bombay) gebracht, wo er zunächst verbleiben wird, wenn nicht der Verhaftun sofort ein Ge­richtsverfahren folgt. In Bombay sind umfangreiche Vorkehrungen zur Verhin­derung von Demonstrationen und Un­ruhen getroffen worden.

Von der brittschen Regierung ist bisher eine amtliche Mitteilung mit näheren Einzelheiten über die Gründe der Verhaftung Gandhis nicht ausge­geben worden. Die aus Indien vorlie­genden Berichte der Morgenblätter geben gleichfalls keine bestimmten Anhalts­punkte dafür, ob und welche ernsten Er- eigniffe Gandhis Verhaftung veranlaßt haben könnten, lleber eine anhaltende ernste Lage wird nur von der Nordwest­grenze berichtet. Die Verhaftung, mit der ein früheres Verbot gegen die Abhaltung aufrührerischer Versammlungen wieder in Kraft gesetzt wurde, ist wohl darauf zurück­zuführen, datz

unter verschiedene« mächtigen Stäm­men an der Nordwestgrenze starke

Unruhe herrscht.

Die soeben erfolgte neue Besetzung des Postens des britischen Gouverneurs an der Nordwestgrenze hängt nicht mit den Un­ruhen oder der kürzlichen Gehorsamsver­weigerung indischer Truppen in Peschawar zusammen, hat aber die Besorgnis in eng­lischen Kreisen verstärkt.

Der Ausschuß der Bombayer europäischen Der-ignigung hat einen Brief an den Gouverneur der Provinz Bombay gerich­tet, in dem verlangt wird, daß die Re­gierung in Zukunft für die Aufrechterhal­tung der Ruhe schärfere Maßnahmen er­greife und alle llebergriffe sofort ahnde, die Demonstrationen verbiete und eine Bewegung gegen Gandhis Feldzug ein­leite.

Eine Spätausgabe derTimes" mel­det aus Bombay über die Verhaftung Gandhis, daß dieser mit dem Zuge nach Borioli. an der BombayBarooalinie,

UN Norden Fndiens

und von dort per Kraftwagen nach Puna gebracht wurde, wo er unter der durch Verordnung 25 vom Jahre 1827 bestan­denen Vollmacht in Haft gehalten wird.

WieDaily Telegraph" feststellt, ist nach wie vor die Lage in Indien ge­eignet, die größte Besorgnis zu er­regen. Das gelte besonders für den Nor­den, wo eine gewisse Unruhe unter den Erenzstämmen festgestellt worden ist. Der Sanderkorrespondent des Blattes meldet aus Bombay: Es bestäftgt sich, daß sich bei den Unruhen in Peschawar

Truppe« eines Regiments von der Menge entwaffnen ließen.

Bei den Verlusten der Eingeborenen wur­den mindestens 20 dadurch verursacht, daß Panzerwagen über die Leute fuhren, die sich auf den Boden geworfen

Bad Eilsen, 4. Mai. Auf der heuti­gen Jahreshauptversammlung des West- fälisch-Lippischen Wirtschaftsbundes sprach im Anschluß an einen Vortrag des Vor­sitzenden des Bundes Müllcr-Oerlings- hausen, überZehn Jahre Kampf für die Heimatwirtschaft"

Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer über das ThemaReichsreform und deutsche Wirtschaft". Der Minister be­schäftigte sich zunächst mit den Ursachen der Arbeitslosigkeit, die das äußere Zei­chen der überaus schwierigen Lage der deutschen Wirtschaft sei. Er wolle nicht verschweigen, daß dem Etat eine große Gefahr von feiten der Arbeitslosigkeit drohe. Nach den letzten Berichten liege die Zahl der Arbeitslosen um 500 000 über der des vergangenen Jahres. Wir werden, so fuhr der Minister fort, in den nächsten Wochen sehr ernste Maßnahmen ergreifen müssen, um diese Gefahr für den Etat, die unter allen Umständen gebannt werden muß, abzuwehren. Ebenso wich­tig ist die Durchführung eines großen Agrarprogramms und eine wirk­liche H i l fe für den Osten. Wir sind uns bewußt, damit auch produkftve Ar­beit zu schaffen und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beizutragen. Dem Reichs­tag ist ein Ermächtigungsgesetz zugegan­gen, das die Möglichkeit gewähren soll, die Kapitalertragssteuer für festverzins­liche Werte aufzuheben.

Die Stevrfenkung soll sich nicht «ur auf die Kapitalertragssteuer beschrän­ke«, es solle« jetzt die Gesetze fti An­griff genommen werden, die im kom­menden Jahre die Steeuersenkung bringen, in erster Linie die Senkung der Realstenerx, der Erundvermögens- «nd Gewerbesteuer.

Auch auf die Frage der Finanzpolitik der Gemeinden muß sich die Finanzreform er­strecken. Wir denken einmal daran, die Kreditgewährung der Gemeinden einheit­lich zu regeln, damit nicht durch das gleich­zeitige ungerechte Angehen des Kapital­marktes von allen Seiten der öffentlichen Hand der Markt wieder verdorben wird. Wir denken an den Zwang der Gemein­den zur Rechnungslegung gegenüber einer von den Gemeinden unabhängigen Stelle und schließlich daran, eine Bürgerab- ^a b e oder einen ähnlichen beweglichen «teuerfaktor einzuführen und diesen in eine Relation zur Gewerbesteuer zu brin-

hatten, in der Hoffnung, sie aufzuhalten. Der Korrespondent weist darauf hin, daß allmählich ein prominenter Führer nach dem anderen verhaftet wird. Hunderte von Blättern haben das Erscheinen einge­stellt und es ist jetzt schwierig, zu finden, was vorgeht.

Daily Mail" beschäftigt sich ein­gehend mit dem Schreiben das der Aus­schuß des europäischen Verbandes von Bombay an den Gouverneur Sir Frede­rick Syke gerichtet hat. Das Schreiben ersucht die Behörden, bei der Aufrechter­haltung von Gesetz und Ordnung sester aufzutreten. Alle Personen von denen das Werk aufgehetzt werde, Die Gesetze zu verletzen, seien zu verhaften. Die augen­blickliche Politik der Regierung könne nur als Schwäche ausgelegt werden.

gen. Aber wir werden hier nur weiter kommen, wenn in den Ländern und Ge­meinden der starke Wille zur Senkung der Ausgaben vorhanden ist.

Em systematisches Spare« setzt gesetz­geberische Eingriffe voraus. Dazu soll ei« Ausgabenseak««gsgesetz ,für das die Vorarbeiten hi meinem Amt abge­schlossen find, die Voraussetzungen liefern.

Ohne harte Eingriffe wird' es vabei nicht abgehen. Ich bin mir bewußt, datz eine volle Auswirkung erst dann eintreten kann, wenn wir das große Problem der Reichsreform ernsthaft anpacken. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, so etwa 'chloß der Minister, dem großen Beispiel unseres hochverehrten Reichspräsidenten von Hindenburg folgen und uns zu ge­meinsamer Arbeit die Hände reichen, dann können und müssen die Schwierigketten überwunden werden. Tann wird Deuffch- land wirklich seinem Ausstieg entgegen­gehen.

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Um die Auftebung tes StaMImMbolß

, 5m Zusammenhang mit der Nachricht über eine Absage der Besprechung des Stahlhelm­verbotes in Rheinland-Westfalen im Reichs­ministerium des Innern wttd von unterrich­teter Seite der Wortlaut des Schreibens d« Reichsinnenministers Di. Wirth vom 1. Mai mitgeteilt: Es lautet: Die auf Frettag, den 9. Mai, vormittags 9.30 Uhr, nach Saal 116 meines Ministeriums anberaumte Be­sprechung über das Stahlhelmverbot in Rheinland-Wesffalen sst abgesagt. Veran­lassung dazu gaben mir die noch näher zu prüfenden Angriffe des zweiten Bundesleüers des Stahlhelms, Oberstleutnant Düsterberg, gegen den Reichsminister Curtius und mich in seiyer Magdeburger Rede vom 27. April, sgez.) Wirth.

Wie wir von unterrichteter Sette erfahren, hat Minister Witth geglaubt, daß, nachdem er gerade in dieser wache die Besprechung einberufen wollte, von leiten des Stahlhelms fetzt nicht in solch aggressiver Weise gegen die Reichsminister vorgegangen werden dürfe. Die Besprechung wttd also vorläufig nicht ohne weiteres stattfinden. Es wird von der weite­ren Entwicklung der Dinge abhängen, ob eine Besprechung doch noch abgehalten werden soll. Die Aeußerung einzelner Blätter, daß die Belprechung nun überhaupt nicht mehr statt­finden werde, ist umichtig.

Reichsreform und -eutfche Wirtschaft

Strtrog tes RMsfimmzmiittfttrs Nr. Rtltenkautk

Sagtefoitgtl

Kurz vor seinem Tode stellte Lenin der Weltreoolution solßendes Ho­roskop:Der Ausgang des Kampses wttd letzten Endes davon besttmmt, daß Ruß­land, Indien und China zusam­men die gigantische Mehrheit der Bevöl­kerung ausmachen." Heute wohnen in diesen Gebieten etwa 800 Millionen Men­schen. Das sind weit mehr als die Hülste der gesamten Erdbevölkerung. Es sst ganz natürlich, daß der Klassenkampfbe­griff der Machthaber in Moskau, der ja nicht mehr die Welt in Nationen und Völ­ker scheidet, sondern in Ausbeuter und Ausgebeutete, die Möglichkeiten einer Fortführung seiner weltrevolutionären Mission durch Einbeziehung der Völker­schaften Innerasiens, Chinas und Indiens erkennt und sie zu verwirklichen versucht. In den Jahren bis 1928 ist bhs vorwie­gend durch eine mit allen Mitteln unter­haltene Propaganda geschehen. Es ge­lang taffächlich, in China und in Indien starke revoluttonäre Kräfte in Bewegung zu setzen, wobei sich jedoch beidesmal in der entscheidenden Stunde das religiöse Moment oder die nationalen Bindungen stärker erwiesen als die rein klassenkämp­ferischen und revolutionären Kräfte. Wie der Panslawismus im alten Zarenreich sein Machtstreben hinter einer religiös- imperialistischen Idee verbarg, auf die schon Dostojewski hinwies, durch Bahn­bauten und Erschließungen des fernen Ostens jedoch auch die wirtschaftstechni­schen Voraussetzungen für ein allrussisches Reich schuf, so ist nun auch die Sowjet­regierung daran gegangen, ohne Verzicht auf die Fortführung der vorwiegend ge­gen England gerichteten Propaganda die Erringung der Vormachtstellung Ruß­lands auf dem asiatischen Kontinent durch ErschUeßung und verkehrstechnischen Aus­bau der Gebiete zwischen Ural, Altaige­birge und Turkestan vorwärtszutreiben. In diesen Tagen ist die 1442 Kilometer lange Turkestano-sibirffche Eisenbahn dem Verkehr übergeben worden. Die Bedeu­tung dieser Bahn hängt aufs engste mit den Plänen des sogennanten Fünf-Iahr- Planes zusammen. Die Bahn, die vom Kaspisee quer durch Turkestan und Si­birien auf das Gebiet der transsibirischen und der mandschurffchen Eisenbahn stößt, ist gewissermaßen als die revoltions- strategffche Aufmarschlinie zum Vorstoß gegen Indien und China gedacht. Hierbei ist die rein militärische Bedeutung die­ser Bahn noch die geringste. Denn die Sowjettegierung weiß, daß das Gelingen des Fünfjahr-Planes China und späterhin auch Indien zwangsläufig in die staats­sozialistische Umgruppierung des fernen und mittleren Ostens einbeziehen müßte.

ie Bahn sst gebaut in der festen Hoff­nung, daß der Fünfjahr-Plan gelingt. Rußlands Weg zur Weltrevolution geht nun erst recht über Asien.

DerVorwärts" erzählt aus der Geschichte der Vorbereitungen für die Osthilfe, daß im Kabinett Müller ge­wisse Kabinettsmitglieder gegen den Wi­derstand Severings von den damals vor­gesehenen 30 Mlllionen 8 Mill. Abstriche gemacht haben, um sie der Weschilfe zu­gute kommen zu lassen. Dieselben Mini­ster arbeiteten in dem jetzigen Kabinett an einer Osthilfe mit, die um das Mehr­fache teurer werde. Man wird abwarten müssen, ob die Minister, die derVor­wärts" im Auge hat, auf diesen boshaft zugespitzten Angriff erwidern werden. In politischen Kreisen wird jedenfalls dar­auf hingewiesen, daß doch die Situation gerade im Hinblick auf die Notwendig­keit, dem Osten unter allen Umständen zu helfen, sich in der letzten Zeit wesentlich geändert hat. Das komme ja auch in der bekannten Kundgebung des Reichspräsi­denten zum Ausdruck, die schließlich die Grundlage für die ganzen Vorbereitun­gen der Osthilse bildet. Rein^sachlich sst