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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberheffen
Rk.M «r.Mrg. Marburg a. 8tim
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
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Reichsfinanzminister Dr. M o Iden- Hauer leitete bei Anwesenheit des Reichskanzlers und der meisten Minister die erste Lesung des neuen Etats im Reichstag mit einer längeren grundsätzlich gehaltenen finanzpolitischen Rede ein. Er schilderte rückblickend auf das Jahr 1929, in wie verhängnisvoller Weise der immer wieder hinausgeschobene Abschluß der Tributverhandlungen nicht nur die Entwicklung der deutschen Wirtschaft, sondern auch die Finanzlage des Reiches beeinträchtigt habe. Den Fehlbetrag des Jahres 1929 gab der Minister auf über 360 Millionen M k. an. Die ursprünglich für einen viel früheren Zeitpunkt in Aussicht genommene Entlastung der Wirtschaft habe infolge- defsen vorläufig noch nicht durchgeführt werden können.
Man habe vielmehr der Sanierung der Reichskaste den Vorrang einräu- men muffen.
Der Minister ging dann näher auf die augenblickliche Wirtschaftslage ein. Er bezeichnete den gegenwärtig bestehenden Kapitalmangel als das Grundübel, an dem die Wirtschaft kranke und aus dem sich in unheilvoller Wechselwirkung hoher Zinssatz, Unmöglichkeit notwendiger Rationalisierung. Schächung des -Inlandsmarktes, Konkurrenzunfähigkeit auf dem Weltmarkt, steigende Abhängigkeit vom Ausland und steigende Arbeitslosigkeit ergeben.
Dieser verhängnisvolle Kreislauf könne nur unterbrochen werden, wenn durch eine wesentliche Entlastung der Wirtschaft die Grundlage für die Bildung neuen Kapitals geschaffen werde. Die Steuersenkung nannte Dr. Moldenhauer das wichtigste Problem unserer künftigen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Keine Regierung werde diese Grundlage — Kapitalneubildung und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Steuersenkung — wieder aufgeben können. Der Minister betonte die Notwendigkeit, das Fundament für die Durchführung dieses Programms in einem ausgeglichenen Etat zu schaffen. Dank der Verabschiedung der Deckungsvorlagen durch den Reichstag sei der Ausgleich des Haushalts in einer Weise gesichert, die das Auftreten eines neuen Fehlbetrages als ausgeschlossen und das Fundament für die Steuersenkung des Jahres 1931 als garantiert erscheinen lasten. Für die Konsolidierung und Abdeckung in den künftigen Jahren seien Verhandlungen schon vorbereitet.
Die Steuersenkung im nächsten Jahr könne in dem angegebenen Mindestmaß von 600 Millionen als gesichert gelten. Dr. Moldenhauer erklärte, daß er den Pessimismus der Kritiker, die diesen Betrag, für weit überschätzt halten, nicht teilen könne. Man werde in erster Linie solche Steuern senken, deren Auswirkungen auf die Produktion sich am schwersten fühlbar machen, nämlich die von den Ländern und Gemeinden erhobenen Real steuern.
Der Finanzminister ging dann zu dem Etat selbst über, den er auf der Einnahmenseite vorsichtig, auf der A u s gab e n s e i te sparsam aufgestellt nannte. Einem durch ungünstige Konjunktur-entstehenden Risiko sei dadurch Rechnung getragen, daß die Cteuerschätzungen mit größter Vorsicht ausgestellt seien. Ein gewisses Risiko liege, abgesehen von der Umsatz st euer in den Zöllen, deren Ertrag in hohem Maße von dem Ausfall der Ernte abhängig sei.
Auf der Ausgabenseite seien von der Konjunkturentwicklung besonders die beiden Posten für die Ä r b e i t s l o s e n - Versicherung und die Krisenfür- sorge bedroht. Welche Maßregeln zur Abwendung dieser Gefahr zu ergreifen seien, könne im einzelnen noch nicht gesagt werden.
Der Befürchtung, daß der Etatausgleich etwa durch
das Ostprogramm
gefährdet werden könne, trat der Minister mit aller Energie entgegen. Als wichtigste und dringendste Maßregel eines Osthilfegesetzes nannte er Umschuldung, Besitzerhaltung. Lastensenkung, Verkehrsförderung, Hebung der Arbeitslage und der Siedlung Für diese im besten Sinne produktiven Aufgaben würden alle verfügbaren Mittel bereitgestellt werden.
Zum Schluß besprach der Minister das große Problem der Ausgaben- fenkung,
das das Reich', die Länder und die Gemeinden in gleichem Maße berühre. Er erwähnte aus der großen Zahl der hier beabsichtigten Maßregeln die Festlegung einer Höchstgrenze, über die hinaus die gesamten Ausgaben nicht steigen dürfen, die Verminderung der Zahl der Reichsbehörden durch allmähliche Auflösung oder Zusammenlegung einzelner Behörden, die Einschränkung des Doppelempfangs von Bezüge bei Gehalts- und Pensionsempfängern, die Angleichung der Besoldung im Reich, in den Ländern und den Gemeinden. Daneben streifte der Minister auch das Problem der großen Reichsreform. Er schloß mit einem Appell an alle Parteien, an der Erledigung des Etats und Kastenwesens mitzuwirken. (Beifall bei der Mehrheit.)
Nach nehmen
der Rede des Reichsfinanzminstters die Redner der Parteien das Wort.
Abg. Vogel (So;.)
(DI. Dpt.)
sich bei dem vor-
Die erste Aussprache
Abrechnung mit ter 6. $.9.
Der Etat balancier« zwar rechmmgs- mätzig, aber es sei sehr zweifelhaft, ob nicht durch ein weiteres Ansch wellen der Arbeitslosigkeit di« geschätzten Ausgaben weit überschritten werden.
Wenn die jetzige Wittichaftsdepression weiter anhält, dann werden vielleicht schon rm Herbst die Ausgaben nicht mehr durch lausende Einnahmen gedeckt sein. Unter diesen Umständen mutz dre Forderung größerer Sparsamkeit an der Spitze aller Finanzpolitik stehen. Unter der Herrschaft des parlamentarischen Systems wird sich diese Sparsamkeit nur durchsetzen lassen, wenn die Möglichkeit beschränkt wird, durch Neubesetzungen die Berechnungen des Haushaltes umzustohen. Dazu wird man die Befugnisse des Staatsministers verstärken müssen, auch der Bürokratie der übrigen Ressorts gegenüber. Bedenklich schien mir die Bemerkung des Ministers über die
geplanten Pensionskürzungen.
Das wäre doch ein Eingriff in verfassungsmäßige Rechte der Beamten, und der finanzielle Ertrag würde auch nur gering sein.
Die jetzige Ueberweifungspolitik führt dazu, daß Länder und Gemeinden sich um das Sparsamkeitsprinzip nicht zu kümmern brauchen, während das Reich am Notwendigsten Mangel leidet. (Sehr richtig!) Neben die Mindestgarantie müßte doch auch eine Höchstgarantie der lleberweifungen treten.
Ob wir die erste Baurate für den Panzerkreuzer B in diesem Jahre in den Etat einstellen, oder erst im Jahre 1931, ist leotglid) eine Frage der finanziellen Leistungs- lahrgkeit. Mit der Bewilligung des Panzerkreuzers selbst waren ja auch die sozialdemokratischen Minister einverstanden. Um der Meinung entgegenzutreten, als verzichte Deutschland auf jede Seegeltung, sind wir für die vom Reichsrat beantragte Einstellung der ersten Baurate in den Etat für 1930.
Gegen 19.30 Uhr wird die Weiterberatung auf Sonnabend 10 Uhr vertagt. Außerdem stehen auf der Taaesordnuna kleinere Vorlagen.
erinnert an die Vorgänge bei der Annahme des Dawesplanes.. Wie dieser, so sei auch der Youngplan nur durch die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen worden. Die Sozialdemokraten seien gewohnt, auch in der Opposition zu allen politischen Fragen rein sachlich Stellung zu nehmen. Die Annahme des Aoungplanes habe die Bahn freigemacht für die Bildung des Bürgerblocks gegen die Sozialdemokratie. Diesmal seien auch die Demokraten dabei, deren Entwicklung sich in durchaus reaktionärer Richtung vollzogen habe. Die Sozialdemokratie werde dieses Kabinett der sozialen Reaktion aufs schäffste bekämpfen.
Abg. Ersing (Ztr.)
widerspricht der Behauptung des Vorredners, daß die Bürgerlichen die Koalition zerschlagen hätten. Tatsächlich habe allein die Sozialdemokratie die Auflösung der Koalition verschuldet. Das Geschrei der sozialdemokratischen Presse über die Erhöhung der indiretten Steuern ist nicht ernst zu nehmen. In den Ländern und Gemeinden mit roter Mehrheit werden die indirekten Steuern viel stärker angewannt. Das Zentrum wird seiner Tradition gemäß immer an der Sozialpolitik festhalten. Die Voraussetzung ist aber eine Sanierung der Finanzen.
439 Millionen sind im neuen Etat für die Erwerbslosenfürsorge ausgeworfen. Dadnrch ist schon der Vorwurf widerlegt, daß die neue Regierung kein Herz für die Erwerbslosen Hütte.
Es ist stark demagogisch, werm Abg. Vogel den Panzerkreuzer mit der Arbeitslosenversicherung in Verbindung bringt.
Wir bedauern den Reichsratsbeschluß, wonach das Ministerium für die besetzten Gebiete,schon am 1. Oktober aufgehoben werden soll. Dieses Ministerium müßte min- destens bis zum Abschluß dieses Etatsjahres bestehen bleiben. Die unangenehmen Kämpfe um den Panzerkreuzer A haben alle Parteien zu dem Wunsch veranlaßt, daß sich derartiges nicht wiederholen möge. Der Reichsratsbeschluß für den Panzerkreuzer B hat uns überrascht. Wir glauben, daß Beschlüsse von so weittragender Bedeutung nur vom Kabinett gefaßt werden sollten.
Wir lehnen den Reichsratsbeschluß ab, weil wir der Meinung sind, daß angesichts der großen Notlage gegenwärtig andere Aufgaben dringlicher sind. Andererseits brauchen wir aber Arbeit für die Werften in Kiel und Wilhelmshaven. Wir ersuchen danim die Regierung um baldige Vorlegung eines allgemeinen Marinebauprogramms. Die Lage der Wittschaft ist ernst; aber wir werden wieder in die Höhe kommen, wenn das Parlament sich seiner Verantwortung bewußt ist.
Abg. Dr. Cremer weist darauf hin, daß es ... _____
liegenden Etat um das Werk des früheren sozialdemokratischen Finanzministers Dr. Sil1» ferding handele. Damit sei schon der Vor- rourf des sozialdemokratischen Debatteredners widerlegt, daß die Finanzpolitik sich gegen die arbeitende Bevölkerung richte. Die Deutsche Volkspartei sei auch nicht zufrieden mit allen Ergänzungen, die das ursprüngliche Finanzprogramm in der letzten Zeit erhallen habe. Die Notwendigkeit, einem solchen Kompromiß zuzustimmen, habe sich aber daraus ergeben, daß die Sozialdemokratie die übrigen Koalllionsparteien verlassen hätten. Jetzt könne es sich nur darum handeln, der späteren organischen Finanzreform den Weg zu bereiten.
Sogtefotegel
Der frühere italienische Finanzminister A. de Stefani stellt im Sortiere della Sera eine Betrachtung über das Re- parationsprobem an und kommt zu dem Schluß, daß es eine endgültige Bezahlungsweise für die Reparationen nur in Waren gäbe. Stefan: spricht davon, daß Deutschland eine Auslandsschuld von 14 Milliarden Mark habe. Ferner müsse es jährlich 2 Milliarden an Reparationen zahlen. Wenn man genauer hinsähe, so erkenne man, daß Deutschland bisher mehr geliehen als gezahlt habe, seine bisherigen Zahlungen bedeuteten also nur eine Verschiebung in den Gläubigern. Wirklich zahlen würde Deutschland bei einer Warenlieferung von jährlich 2 Milliarden Mark Wert an seine Gläubiger ohne Segenbezahlung. Dies würde aber, selbst wenn Deutschland eine solche Sendung vornehmen würde, auf der Gegenseite auf Widersprach stoßen wegen der Konkurrenz für die einheimischen Güter der betreffenden Gläubigerländer. Realpolitisch sei aber nur die Bezahlung in Waren eine Möglichkeit, die Reparationsschuld endgülttg zu tilgen. Da dies aber durch die genannten Schwierigkeiten nicht denkbar erscheine, müsse man sich mehr und mehr fragen, ob die Lösung der Reparationsfrage überhaupt schon gefunden sei. Man habe bei der gefundenen Lösung den Eindruck, sich von großen und schweren Irrtümern umgeben zu sehen. j
Die berühmte Abstimmung im Reichstag über die Agrargsetze, die mit dem Zerfall der Deutschnattonalen Pattei endete, hat auch dem Landbund einiges zu denken gegeben. Es haben nämlich die Abgeordneten Agena, von Goldacker, Stubbendorf und WillikenS. die sämüich dem Landbund angehören, mit Dr. Hugen- berg gegen die Regierung und ihre Agrargesetze gestimmt. Die drei ersteren Abgeordneten gehören der Deutschnationalen Partei an, während WillikenS Nationalsozialist ist. Die vier Herren bekleiden Vorstandspvsten in provinzialen Landbund- vereinigungen und sind in diese Aemter auf besondere Empfehlung des Landbundes gewählt worden. Die Reichslandbundzen- trale in Berlin scheint der Auffassung zu sein, daß es aus Grundsatz unerwünscht ist, wenn Abgeordnete irgendeiner Partei, die int Landbund wichtige Funktionen bekleiden, aus polittschen Gründen entgegen einem Beschluß des Bundesvorstandes im Reichstag absttmmen. In diesem Zusammenhang wurde dieser Tage in parlamentarischen Kreisen behauptet, man beabsichtige von Seiten des Reichslandbundes ein Ausschlußverfahren gegen die vier Abgeordneten einzuleiten. Dies ist aber nicht möglich, da der Reichslandbund nur eine Dachorganisation für die provinzialen Landbundvereine ist, von deren Entschließung es allein abhängt, ob gegen irgend jemand ein Anschlußverfahren eingeleitet werden kann. In den Beteiligten Kreisen scheint man auch an ein solches Ausschluß- verfahren nicht zu denken, sondern überhaupt zunächst einmal die grundsätzliche theoretische Klärung des Kvnflittes zwischen Berufsorganisation und Politik abwarten zu wollen.
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Das harte Urteil des Bromberger Gerichtshofes gegen die deutschen Pfadfinderorganisationen hat in Berlin außerordentliches Aufsehen erregt. In den Kommentaren der Blätter wird von einem polittschen Tendenzurteil gesprochen, dem jede objektive Rechtsgrundlage fehle. In der „Deutschen Tageszeitung" heißt es: Zweck dieser terroristischen Urteile ist es allein, dem Deutschtum in Polen jede, auch die legalste Verbindung mit dem Deutschen Reiche unmöglich zu machen und dabei auch die kulturellen Fäden zwischen dem deutschen Vvllstum diesseits und jenseits der Grenze gewaltsam zu zerschneiden. Damtt lebt sich Polen von neuem über die Min-