Donnerstag, den l.OTai 1930
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Schobers Anleihe- und AnWußpoM
.Ein Bo», aber Mi Stauten* — Schober erhält bas Sroßkreuz der Ehrenlegion
London, 30. April. Dr. Schober tettte dem Pariser Korrespondenten des ReuterbSros mit. alles sei für die Ausschreibung einer österreichischen Anleihe innerhalb der nächsten zwei Monate vorbereitet. Die Ausgabe werde in den Händen der Firma I. P. Morgan L Co. liegen und der Betrag werde 100 Millionen nicht überschreiten. Der Betrag werde ausschließlich für die Erfordernisse der Post und für den Ausbau der Eisenbahn verwandt werden. Schober sagte weiter, das erste, was er in London tun werde, sei, der britischen Regierung für alle Unterstützung, die sie Oesterreich im Haag zuteil werden ließ, erneut seinen Dank auszusprechen. Bezgl. der A n- s ch l u tz f r a g e entwickelte sich folgende Unterhaltung: Frage: Ss wird berichtet, datz Sie die Haltung Oesterreichs gegenüber Deutschland als „eine Nation, zwei Staaten" definiert haben. Stimmt das?" Antwort Schobers: „Ich habe dies stets aufrecht erhalten". — Frage: „Eine politische Union kommt demna-ch nichtinFrage?" Antwort Schobers: „Nein".
Schober Ritter der Ehrenlegion.
Pa r i s, 30. April. (W.T.B.) Der Präsident der Republik empfing heute den österreichischen Bundeskanzler Schober «nd überreichte ihm bei dieser Gelegenheit die Abzeichen des Erohkreuzes der Ehrenlegion.
Im Anschluß hieran gab Schober vor den Vertretern der Presse eine Erklärung ab, in der er nach einem Rückblick auf die wirtschaftliche Entwicklung Oesterreichs in den letzten zehn Jahren seine Dankbarkeit gegenüber der französischen Regierung für ihre Mithilfe am Wiederaufbau des Landes betonte. Das Ideal Oesterreichs sei die möglichst große wirtschaftliche Freizügigkeit. Daher hätten die Anregungen, die Briand im Sinne einer wirtschaftlichen Annäherung in Europa gemacht habe, vielleicht in keinem anderen Lande mehr begeistertere Zustimmung gefunden als gerade in Oesterreich. In keinem Staat sei auch die lleberzeugung von der Notwendigkeit der friedlichen Beseitigung aller Konflikte stärker als in Oesterreich. Sein Besuch in Paris, so schloß Schober, habe ihm große Genugtuung bereitet, umsomehr, als manch hochgestellte französische Persönlichkeit sich wiederholt in einer sein Vaterland ehrenden Weise ausgesprochen habe. Oesterreich werde diese Kundgebungen einer ihm wertvollen Freundschaft nicht vergeßen.
In Beantwortung einer Anfrage über den Anschlußgedanken wiederholte Schober in deutscher Sprache die gestrige Bemerkung an die französische Presse, daß
Deutschland »nd Oesterreich e i n Volk, aber zwei Staaten seien, and der österreichische Gesandte fügte auf französisch hinzu: Volk gleich Raffe gleich Nation. Ebenfalls in Beantwortung einer Anfrage erklärte Schober noch, er werde die Beschwerde wegen der angeblichen Nichtentwaffnung Oesterreichs nachprüfen und nicht nur den gesetzlichen Bestimmungen über dar Waffentragen Achtung verschaffen, sondern auch strengere Bestimmungen über den Waffenbesitz einführen. Schober bemerkte, in Oesterreich sei keine besondere Bürgerkriegsgefahr vorhanden, im Notfall habe die Staatsgewalt stets die Macht in der Hand
1$. Mal 3ngongfetnmg beb neuen Mnes?
Berlin, 1. Mai. Sobald die Bank für internationalen Zahlungsausgleich ihre laufenden Geschäfte in vollem Umfange ausgenommen hat. wird der bisherige Generalagent Parker EUbert seine amtliche Tätigkeit einstellen. Man erwartet noch einen Schlußbericht und den Rechnungsabschluß der Generalagenten, der
dabei seinen Standpunkt zur lleberleiftmg des Dawesplanes in den Neuen Plan dar- lsgen dürfte. Nachdem nunmehr durch die Lösung der lang umstrittenen Ostreparationsfrage die letzten Hinderniffe für die Ingangsetzung des Neue« Planes hinweg- gefalle« sind, erwartet man. dem „B.T." zufolge, daß längstens am 15. Mai die noch ausstehenden reiu formalen Bedingungen für die förmliche Ingangsetzung des neuen Planes geschaffen werden.
Die BesmAung -er FraMonsmehrhett
SaS etntabimgbtoteiben «ms Westarps
Berlin, 1. Mai. Zu der heute abend stattfindenden Sonderversammlung der deutschnationalen Fraktionsmehrheit hat Graf Westarp Einladungen an folgende Abgeordnete ergehen laßen: Bachmann, Bazille. Dingler, Domsch, von Dryander, Fromm, (Berns, Eottheiner. Haag, Hampe, Hartmann, Haslacher, Hemeter, Hergt, Jandrey, Kleiner. Koch. Leopold, von Lettow-Borbeck, Lind, Mentzel, Ohler, Philipp, Preyer, Rademacher, Reichert, Freiherr von Richthofen. Sachs, Schmidt- Stettin, Schroeter-Liegnitz, Schultz-Bromberg, Staffel!, Strathmann, Bogt. Wal- raff.
In dem Brief des Grafen Westarp heißt es, dem „B.T." zufolge: Gegen den in der Anlage beigefügten Beschluß des Parteivorstandes vom 25. ds. Mts. habe ich lebhaften Einspruch erhoben. Mit mir haben 15 Herren dagegen g e - stimmt. Ich habe vor und nach Annahme des Beschlußes folgende Vorbehalte erklärt: Entgegen der Kritik an der Abstimmung der Fraktionsmehrheit vom 12. und 14. d. Mts. muß ich mir Vorbehalten, meinen Standpunkt auch weiterhin in der Öffentlichkeit zu vertreten. Ferner muß ich mir vorbehalten, mich gegebenenfalls der in den beiden letzten Sätzen des gestrigen Parteivorstandsbe- schluffes vorgesehenen Entscheidungen des Herrn Parteivorsitzenden nicht zu fügen. Ich habe außerdem erkennen laßen, daß meiner lleberzeugung nach die
gleichen Vorbehalte auch von omberen Mitgliedern der Fraktion gemacht werden. Dabei habe ich zur Begründung u. a. aus- geführt, daß in den beiden letzten Sätzen des Parteivorstandsbeschlußes ein nach meiner Auffaßung unzulässiger Eingriff in die Abstimmungsfreiheit des einzelnen Abgeordneten liege.
Wie wett die oppositionelle Strömung innerhalb der Demokratischen Partei reicht, rft vorläufig noch nicht klar ersichtlich. Der der Demokratischen Partei nahestehende „Berliner Börsen- Courier" bemerkt, daß bislang nur die unzufriedenen Linkskreise innerhalb der Partei zu Worte gekommen seien. Aber zweifellos werde es bei der Tagung des Parteivorstandes „hart auf hart" gehen, und es fei durchaus „mcht unwahrscheinlich, daß eine Führe r- Krise nicht vermieden roerben könne. Die Krise, die sich jetzt breit mache, sei nicht eine Krise des Kabinetts Brüning, sondern eine Krise der „Flügel- Parteien“ dieser Regierung, der 2)eutfd)nationalen, die offiziell nicht dazu gerechnet werden wollten, und der Demokraten, die offen zugeben, wie unbequem ihnen die Zugehörigkeit zur Regierungskoalition sei.
Vorläufig bemüht man sich jedenfalls in demokratischen Kreisen, die Gegensätze innerhalb der Partei nach außen hin nicht zu deutlich in Erscheinung treten zu lassen.
Ao ÄabtnoftStrite hi Serbien
Die sdeu, 30. April. Der Vorsitzende der demokrattschen Landtagsfraktion, Minister a. D. Dr. Dehne, hat unter dem heutigen Datum ein Schreiben an den Führer der volksparteilichen Fraktion, Oberbürgermister Dr. V l ü h e r, gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß die wochenlangen Verhandlungen die Unmöglichkeit der Bildung einer wie immer gearteten polittschen Koalitionsregierung ergeben hätten. Er habe die feste lleberzeugung, datz auch eine Landtagswahl, die als letzter Ausweg vorgeschlagen werde, die gewünschte Klärung nicht bringen werde, und datz beim Zusammentritt des neuen Landtages dieselben Schwierigkeiten vorliegen würden. Bei dieser Sachlage schlage er vor, die gegenwärtige Krise durch Bildung eines unpolitischen Beamtenkabinetts zu lösen, etwa unter Führung eines der bisherigen Beamtenminister: Dr. Richter oder Dr. Mansfeld. Zum Schluß richtet Dr. Dehne an Oberbürgermeister Dr. Blüher die Bitte, diesen Vorschlag den in Frage kommenden Parteien zu unterbreiten.
Nie ReWiuMM für Lebens- Wtangskosten im Steril 1930
Berlin, 30. April. Die Reichsinderziffer für die Lebenshaltungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung. Bekleidung und sonstiger Bedarf) beläuft sich nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamts für den Durchschnitt des Monats April auf 147,4 im Vormonat. Sie ist somit um 0,9 von 100 zurückgegangen. Dieser Rückgang ist im wesentlichen durch eine weitere Senkung der Ernährungsausgaben bedingt. Daneben haben auch die Preise für Bekleidung ihre rückläufige Bewegung fortgesetzt. Bei der Gruppe Heizung und Beleuchtung haben die Preise für Briketts nachgegeben. Die Ausgaben für die Wohnung sind durch die Erhöhung der Umlagen und dergleichen in mehreren Städten um 0,6 vorn 100 gestiegen.
Die Jnderziffern für die einzelnen Gruppen betragen (1913/14 gleich 100) für Ernährung 142,8, für Wohnung 127,5, für Heizung und Beleuchtung 152,2 für Bekleidung 167,6, für den sonstigen Bedarf einschließlich Verkehr 193,4.
Sagrsieiegel
Wie wir von unterrichteter Sette effaly* ren, wird die deutsche Regierung dem Gesandten in Warschau anweisen, mit allem Rachdruck gegen die verschiedenen Grenz- Verletzungen durch polnische Militärflugzeuge Beschwerde zu führen und darauf hinzuweisen, daß die deutsche Regierung es auf keinen Fall dulden könne, daß eine Wiederholung systematischer Flüge in ostpreuhisches Gebiet durch polnische Militärflugzeuge, etwa wie im Vorjahr auch in diesem Jahre stattfinde. Die polnische Regierung wird gebeten, die Schuldigen zu bestrafen und es sicher zu stellen, daß eine Wiederholung solcher Grenzverletzungen nicht vvrkomme.
Die polnische Regierung hatte im vorigen Jahre erklärt, daß sie eine ernsthafte Erinnerung gegen das Aeberfliegen der deutschen Grenze an ihre Militärflieger richten werde. Seitdem sind die Aeberfliegungen bis zur letzten Zeit unterblieben. In der letzten Woche sind aber wiederholt Aeberfliegungen der deutschen Grenze erfolgt. Es war natürlich äußerst schwierig festzustellen, ob es sich um Aeberfliegungen durch polnische Flugzeuge und zwar Militärflugzeuge gehandelt hat. Die Zeugen- tävernehmungen darüber waren äußerst langwierig.
Von unterrichteter Sette wird darauf hingewiesen, daß bei einer Reihe von Ländern Verordnungen gegen das Aeber- fliegen der Grenzen durch fremde Flugzeuge bestehen. In Deutschland besteht eine Verordnung vom L 1. 1924, deren Inhalt ist, daß die Polizei Luftfahrzeuge, die die Grenze vettetzt haben, zum sofor- tigen Landen durch Signalschüsse mit Rauchentwicklung veranlassen kann. Sie ist Berechtigt, falls ihrer Aufforderung nicht Folge geleistet wird, das Riedergehen solcher Flugzeuge zu erzwingen. Die Schwierigkeit besteht übrigens nicht nur für Deutschland, sondern ganz allgemein. Das Auswärtige Amt hat bei sämtlichen dafür in Betracht kommenden Staaten festftellen lassen, wie sie zu dieser Sache stehen und was ihre Verordnungen besagen. Dabei hat sich herausgestellt, daß überall diese Frage unbestimmt behandelt ist und daß man überall große Vorsicht walten läßt hinsichtlich Hier Bestimmung über das Abschießen.
Was die Flugzeuge rntt Sei Aeberflle- gung bezwecken, ist nicht bekannt. Die polnische Regierung hat Deutschland gegenüber im vorigen Jahr erklärt, daß die Flugzeuge sich nur verirtt hätten. Ob wirllich Auskundschastabsichten Vorlagen, fft nicht so genau zu beurteilen. Natürlich kann es vorkommen, daß sich ein Flugzeug verirrt. Wenn sich aber die Fälle so stark wiederholen wie im Vorjahre, dann scheint die Möglichkeit von Verirrungen nicht gegeben. Die deutsche Regierung nimmt also an, daß andere Gründe für die Grenzverletzungen vorliegen.
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Die Berliner Lokalgrößen, die sich Brüder Sah nennen, pflegen die Oeffentlich- kett in gewissen regelmäßigen Zeitabständen zu interessieren. Sie spielen mit der Polizei ein anregendes Gesellschaftsspiel und alle Welt verfolgt es mit jener Spannung. die einem guten Kriminalroman in Fortsetzungen gebührt.
Die Polizei kennt die Brüder schon lange als „schwere Jungen", sie hat sie hundett- mal im Verdacht gehabt, aber richtig gesessen hat erst einer. Die Oeffentlichkeit lernte sie kennen, als sie den größten Coup ihres Lebens unternommen hatten — den Tresorraub an einer Bankfiliale am Wittenbergplatz, wo sie Millionenwette erbeutet hatten. Es stand damals so gut wie fest, daß sie die Täter waren. Man fand in ihrer Wohnung sogar eine Atrappe, die genau in ein Loch paßte, das sie im Keller des Rachbarhauses gebohrt hatten. Aber die Brüder schwiegen wie das Grab, es gab keine Belastungszeugen, man mutzte sie wohl oder übel freilassen.
Ihr zweiter großer Streich mißlang. Sie wollten von einem Friedhof aus einen